„Als Meinungsfreiheit verkauft“ – Nordkonferenz der VVN-BdA

Am Puls der Zeit war die Nord­kon­fe­renz auch am dies­jäh­ri­gen 25./26. Fe­bru­ar. Mit Yves Mül­ler, Ma­thi­as Wör­sching (beide Ver­ein für de­mo­kra­ti­sche Kul­tur in Ber­lin) und Alex­an­der Häus­ler (Ar­beits­stel­le Neo­na­zis­mus FH Düs­sel­dorf) stan­den am Sams­tag drei kennt­nis­rei­che und en­ga­gier­te Re­fe­ren­ten zum Schwer­punkt Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Rechts­po­pu­lis­mus im po­li­ti­schen Raum zur Ver­fü­gung. Deut­lich wurde, dass die NPD und die mit ihr ver­bun­de­nen Ka­me­rad­schaf­ten nicht das Mo­no­pol auf Ver­brei­tung ex­trem Rech­ten Den­kens hal­ten. Mit flä­chen­de­cken­der Ver­brei­tung und ihrer mi­li­tan­ten Vor­ge­hens­wei­se kön­nen sie al­ler­dings der­zeit weit­aus grö­ße­re Er­fol­ge er­zie­len. In Ber­lin konn­ten sie sich in vier Be­zirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen fest­set­zen. Ihnen haf­tet der Ge­ruch an Küm­me­rer­par­tei zu sein, Sor­gen in All­tags­fra­gen auf­zu­grei­fen. Sieht man ge­nau­er hin, so ver­flüch­tigt sich die­ser Ein­druck sehr bald, denn in der täg­li­chen Aus­schuss­ar­beit wird man sie ver­geb­lich su­chen. Be­lieb­te The­men neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Grup­pen sind For­de­run­gen nach Weg­sper­ren von Kin­der­schän­dern, Be­schrän­kung von So­zi­al­leis­tun­gen auf Deutsch­stäm­mi­ge, Sper­rung von Gel­dern für au­to­no­me Ju­gend­pro­jek­te, Ge­den­ken an Kriegs­ver­bre­cher mit sog. Roten Stol­per­stei­nen, Platz­be­nen­nung nach Wal­de­mar Pabst, dem Ver­ant­wort­li­chen für die Morde an Karl Lieb­knecht und Rosa Lu­xem­burg. Da­ge­gen re­agie­ren de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en in der Regel fast aus­schließ­lich mit Än­de­run­gen der Ge­schäfts­ord­nung und for­ma­ler Zu­rück­wei­sung der An­trä­ge.


Bild: Der Saal war – wie die letzten Jahre – gut gefüllt

Das un­be­strit­ten not­wen­di­ge Ver­bot der NPD würde zwei­fel­los die ag­gres­siv de­mo­kra­tie­feind­li­che Ver­brei­tung fa­schis­ti­scher So­zi­al­dem­ago­gie zu­rück­drän­gen. Kul­tur­re­li­gi­ös da­her­kom­men­de glo­ba­li­sie­rungs­feind­li­che Hal­tun­gen aus der Mitte der Ge­sell­schaft be­die­nen sich al­ler­dings auch an­de­rer Va­ri­an­ten au­to­ri­täts­hö­ri­gen Staats­ver­ständ­nis­ses. Be­we­gun­gen wie PRO-​Deutsch­land, Schill-​Par­tei, Bür­ger in WUT, Pro-​DM, auch die REPs kom­men als rechts­kon­ser­va­ti­ve Be­wah­rer daher und be­stär­ken Ängs­te vor einem Ab­stieg des klei­nen Mit­tel­stan­des in einer ver­än­der­ten Welt­si­tua­ti­on. An­ders als gleich­ge­sinn­te Be­we­gun­gen in den eu­ro­päi­schen Nach­bar­län­dern ver­mö­gen sie die hohe Ak­zep­tanz et­li­cher ihrer Ar­gu­men­te nicht in Wäh­ler­stim­men um­set­zen. Das geht ver­mut­lich auf die immer noch recht hohe Ta­buschwel­le zu­rück, als Er­geb­nis der Nie­der­la­ge des Fa­schis­mus und Rechts­kon­ser­va­tis­mus im Zwei­ten Welt­krieg. Grö­ße­re Ost-​West-​Un­ter­schie­de sind nicht zu er­ken­nen, wie Alex­an­der Häuss­ler dar­leg­te. Aus­gren­zung und Ver­nich­tung der jü­di­schen Be­völ­ke­rung 1933/45 füh­ren bis heute zu einer Ab­leh­nung neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Grup­pie­run­gen. Der mo­der­ne Ras­sis­mus führt kul­tur­re­li­giö­se Aus­gren­zungs­grün­de an, ist vor­wie­gend gegen den mus­li­mi­schen Teil der Be­völ­ke­rung ge­rich­tet. Sar­ra­zins The­sen soll­ten zum Damm­bruch wer­den, konn­ten aber nur be­grenzt Wir­kung ent­fal­ten und wur­den durch die Morde in Nor­we­gen und die Auf­de­ckung der sog. Zwi­ckau­er NSU-​Zel­le in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on in den Hin­ter­grund ge­drängt. Die Schwei­zer Kam­pa­gne gegen den Mi­na­rett­bau wurde mehr­fach in ver­schie­de­nen Bun­des­län­dern nach­ge­ahmt, konn­te aber auf­grund ve­he­men­ter Ab­leh­nung brei­ter De­mo­kra­tie­bünd­nis­se keine Er­fol­ge ein­fah­ren.


Bild: Dr. Axel Holz, Vorsitzender der VVN-BdA MV, während der Aussprache

Im An­schluss an eine span­nen­de Dis­kus­si­on um Hand­lungs­kom­pe­tenz in der Ab­wehr ex­trem rech­ter und fa­schis­ti­scher Pro­pa­gan­da und Ak­ti­vi­tä­ten schloss sich ein Vor­trag von Bernd Meim­berg zur Zu­spit­zung der Si­cher­heits­la­ge im Mitt­le­ren Osten an. Hin­ge­wie­sen wurde auf die Pro­pa­gie­rung eines Sze­na­ri­os, wie es schon bei der Bom­bar­die­rung Ju­go­sla­wi­ens und Li­by­ens ab­ge­spielt wurde. Zu Un­recht wurde auch jetzt wie­der die UN-​Char­ta als Be­grün­dung für Kriegs­vor­be­rei­tun­gen gegen die Re­gie­run­gen Sy­ri­ens und Irans be­müht. Der Abend war ge­füllt von Achim Bigus’ Pro­gramm mit Lie­dern aus dem Spa­ni­schen Bür­ger­krieg, das alle in Bann zog und zum Mit­sin­gen ein­lud.

Sonn­tag­vor­mit­tag stand unter dem Vor­zei­chen einer Wür­di­gung der Ar­beit der VVN mit einem Bil­der-​Vor­trag un­se­res Ka­me­ra­den Ul­rich San­der. Eine Öff­nung der Ver­ei­ni­gung ge­gen­über der nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­ti­on er­fuhr die Or­ga­ni­sa­ti­on schon in den 50er Jah­ren mit der Ein­be­zie­hung der Kin­der des Wi­der­stands. Aus­führ­lich wurde die Not­wen­dig­keit der VVN-​Grün­dung März 1947 in Frank­furt/Main be­legt und die jah­re­lan­gen Ver­su­che sie zu ver­bie­ten und füh­ren­de Mit­glie­der durch Be­rufs­ver­bo­te in ihrer Exis­tenz zu be­schnei­den. Ihre an­ti­mi­li­ta­ris­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten be­le­gen, das der Frie­dens­ar­beit durch­gän­gig die­sel­be Be­deu­tung zu­kommt wie der an­ti­fa­schis­ti­schen Ar­beit. Der Kampf um ge­rech­te Ent­schä­di­gung für Haft­schä­den und Zwangs­ar­beit ist ein wei­te­res Feld po­li­ti­scher Tä­tig­keit der VVN.

Zum Ab­schluss der dies­jäh­ri­gen Nord­kon­fe­renz wur­den ei­ni­ge Fest­le­gun­gen für die Ar­beit bis zur nächs­ten Kon­fe­renz ge­trof­fen. Die In­ter­net­sei­te der Neo­fa-​Kom­mis­si­on Küste wurde im ver­gan­ge­nen Jahr rund 11.​000-mal auf­ge­ru­fen. Bei­trä­ge aus Bre­men und Schles­wig-​Hol­stein könn­ten häu­fi­ger ein­ge­stellt wer­den, dort gibt es al­ler­dings an­ders als in Meck­len­burg-​Vor­pom­mern eine re­gel­mä­ßig er­schei­nen­de Mit­glie­der­zei­tung. Ein ech­ter Ge­winn wäre eine Ver­an­ker­ung des an­ti­fa­schis­ti­schen Um­lan­des von Hei­deruh in die Ar­beit der Kom­mis­si­on. Die Nord­kon­fe­renz soll­te ihre Spu­ren auch in den Län­der­sei­ten der AN­TI­FA las­sen. Etwas un­klar blieb, wie­weit die The­men­stel­lung für die Nord­kon­fe­renz schon zwölf Mo­na­te im Vor­aus fest­ge­legt wer­den könn­ten, wich­tig aber um gute Re­fe­ren­ten zu ge­win­nen. Auf dem Wunsch­zet­tel ste­hen glo­ba­ler An­ti­se­mi­tis­mus, Glo­ba­li­sie­rungs­ängs­te/So­zia­le Dem­ago­gie, Zu­kunfts­ent­wurf An­ti­fa­schis­mus.

Rai­mund Gae­be­l­ein


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