Land und Freiheit – Eine Geschichte aus dem Süden Mexicos

Ein Reisebericht von Jan Grünthal

1. Geschichtliches

Im Süden von Nordamerika liegt Mexico. Um die politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse verstehen zu können, ist es gut einen kleinen Blick in die Geschichte zu werfen. Aus europäischer Sicht erschien Mexico 1517 auf der Weltkarte, damals herrschten die Azteken. Schon 1521 hatte der Spanier Hernan Cortes mit Hilfe von Verbündeten vor Ort, in leidvollen kriegerischen Auseinandersetzungen, die Azteken besiegt und Mexico wurde spanische Kolonie.

1810, also genau vor 200 Jahren wurde Mexico unabhängig. Es begann eine politisch instabile Zeit, neben dem anfänglichen Unabhängigkeitskrieg, gab es viele militärische Interventionen und zu erheblichen Gebietsverlusten. So „verlor“ Mexico Gebiete, die heute die Staaten Guatemala, Nicaragua, Costa Rica und El Salvador bilden und den Norden des Landes (das heutige Californien, New Mexico, Arizona, Nevada und Colorado) im Mexicanisch-Amerikanischen Krieg (1846-48) an die USA.

Das Leben der Bevölkerung war von Armut und Not geprägt. Das Land war an Großgrundbesitzerclans verteilt und die Bauern hatten, oft auch als Leibeigene auf diesen Gütern (Haziendas) zu arbeiten. Die sozialen Spannungen waren enorm und mündeten in der mexikanischen Revolution von 1910, also genau vor 100 Jahren. Der radikale Bauernführer Emiliano Zapata vertrieb mit seiner Armee die Großgrundbesitzer und verteilte das Land an die Bevölkerung, aus dieser Zeit stammt auch der Kampfruf „Tierra y Libertad“ (Land und Freiheit). Der Bürgerkrieg dauerte 10 Jahre und am Ende hatten ca. 1,5 Millionen Menschen (ca. 12 Prozent der Bevölkerung) ihr Leben verloren und die wirtschaftlichen Strukturen waren zerrüttet. Nach Revolution und Bürgerkrieg kontrollierte die PRI (Partei der institutionalisierten Revolution) das Land und der Wiederaufbau begann. Eine revolutionäre Verfassung hatte die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung im Blick, so wurden z.B. ca. 2 Millionen ha Land an die Dörfer als Allgemeinbesitz zurückgegeben.

Zur Zeit des Faschismus in Europa, stand Mexico auf der Seite der Alliierten und im spanischen Bürgerkrieg half Mexico der spanischen Republik mit Waffen und nahm auch fliehende Menschen auf. Die PRI regierte bis in die 1990er Jahre, also über 70 Jahre.

Am 1.1.1994 trat das NAFTA Abkommen in Kraft, das besagt, dass Waren, Geld und Dienstleistungen „frei“ zwischen den USA, Kanada und Mexico gehandelt werden können. Das hieß, dass die hoch entwickelte Industrie Kanadas und der USA mit der nicht so weit entwickelten in Mexico in direkter Konkurrenz trat. Folge war das umweltschädliche und personalintensive Produktion nach Mexico verlagert wurde und viele mexikanische Unternehmen durch US-amerikanische und kanadische Unternehmen aufgekauft wurden. Zugleich begann Mexico staatliche Unternehmen zu privatisieren und änderte die Verfassung so, dass Land was den Dörfern gehört verkauft werden kann, was die Verfassung bis dahin verbot. Am 1.1.1994 begann gegen diese unsoziale Politik der Aufstand der linken EZLN (Zapatistischen Streitkräfte zur nationalen Befreiung) im südlichen Bundesstaat Chiapas. 2000 bewaffnete Indigenas besetzten 5 größere Städte und es kam zu tagelangen Kampfhandlungen mit über hundert Toten. Nach 12 Tagen wurde auf Druck der Zivilgesellschaft (z.B. Massendemos in Mexico-Stadt) ein Waffenstillstand vereinbart und Verhandlungen begannen. Das Abkommen von San Andres (ein kleiner Ort bei San Cristobal, wo die Verhandlungen geführt worden sind) wurde geschlossen, jedoch von der Regierung nicht eingehalten.

Seit dem Aufstand der Zapatistas bauen die ihre eigenen basisdemokratischen Strukturen auf und zugleich militarisiert der Staat Chiapas, indem überall Militär stationiert wird, wo sich zapatistische Gemeinden befinden.

2. Soziale Bewegungen in Chiapas

Ich bin aus drei Gründen in den Süden Mexico gereist, zum einen wollte ich spanisch lernen, etwas von den Zapatistas und anderen sozialen Bewegungen mitbekommen und reisen. Insgesamt war ich 2009 3 Monate in Mexico. San Christobal ist die Stadt von der man gut in die Gebiete des Zapas kommt. San Christobal liegt in den Bergen und ist über 2000 m hoch. Es kann im Winter empfindlich kalt werden. Über die Wochen lernte ich viele Akteure der Zivilgesellschaft kennen, die an der Seite der Zapas und anderer sozialer Bewegungen für ein besseres Leben der Bevölkerung kämpfen. Die Zapas sind auch direkt in San Cristobal zu finden, ab und zu im Straßenbild mit den bekannten Wollmützen, die nur ein Schlitz für die Augen haben und in Märkten, wo Produkte der Zapas verkauft werden, z.B. Schuhe, Bücher, Filme, Musik, Kleidung. Auch politische Veranstaltungen, Demonstrationen und Protestcamps fanden statt und viele Wände waren mit linken politischen Losungen besprüht. Insgesamt machte die Stadt einen politisierten Eindruck. Ich hatte mit Leuten von Zivilgesellschaftlichen Organisationen Interviews geführt. Dabei unterstützen diese Organisationen die Zapas auf verschiedene Weisen, da gab es zum Beispiel SIPAZ und Frayba, die Menschenrechtsbeobachter_Innen in Gebiete schickten, um Angriffe auf soziale Bewegungen zu verhindern oder öffentlich zu machen, wenn diese geschehen; da gab es die Zapatistische Universität, bei der viele junge Leute ausgebildet wurden und dann gab es Ciepac, die Bildungsmaterialien für Zapas machen.

Zapatistische Gemeinden

Es gibt ca. 40 zapatistische Gemeinden, die jeweils zu einem der 5 Caracoles (Gemeindezentren) gehören. Im Caracol sitzt die „gute Regierung“. So nennt sich die Regierung des zapatistischen Gemeinden. Sie werden regelmässig gewählt und es gibt eine begrenzte Amtsdauer. im Caracol Oventic sind auch Schulen. Eine Primaria und eine Secundaria (bei uns Grundschule und Realschule). Die Schüler_Innen haben dort ihr Internat. Alle belange der zapatistsichen Gemeinden werden dort diskutiert und geklärt. Neben den Zapas gibt es ganz oft auch andere soziale Bewegungen, die auch ganze Gemeinden organisieren, so wie zum Beispiel die Abejas in Acteal oder die Bauernorganisationen des Stromwiderstandes. Einige von denen haben sich dem EZLN übergreifenden Bündnis der „Anderen Kampagne“ angeschlossen. Eine Kampagne, die den Staat ablehnt und demokratische, libertäre Strukturen im Land verbreiten möchte. Ein Prinzip der Zapas ist zum Beispiel keinerlei staatliche Gelder anzunehmen, weder für Ziegel und Dächer, auch nicht für Krankenhäuser und schulen. Wer Geld annimmt ist RAUS. So kann man sich schnell vorstellen wie arme Leute vor der Entscheidung stehen und genau diese Zwänge von den herrschenden geschickt genutzt werden können um Gemeinden zu spalten, was auch täglich geschieht.

Ciepac

Ciepac ist eine Organisation die in Chiapas arbeitet mit den indigenen Gemeinden. Dabei reicht spanisch meist nicht, weil dort vor allem die Maya Sprachen Tsotsil und Tsectal gesprochen werden. Die Organisation macht Filme, Berichte, Aufkleber, Plakate und Infobroschüren zu politischen Themen, die die Indigenas betreffen. Alle zwei Monate treffen sich Mitarbeiter_Innen der Organisation mit Vertreter_Innen der Gemeinden und es wird einen ganzen Tag beraten wie die Lage ist, was aktuell ist und wie sie unterstützt werden können. Für die Organisation arbeiten acht Angestellte und einige Freiwillige, unter anderem auch Anna. Themen sind zum Beispiel die hohen Strompreise, gentechnisch veränderter Mais und Monsanto, der Bau von Schnellstraßen auf Gemeinschaftsland der Indigenas, Aktionen um politische Gefangene oder andere Konflikte.

Das Beispiel Strom. Einige Gemeinden in Chiapas sind bis heute nicht an das Stromnetz angeschlossen. Die die angeschlossen sind müssen den Strom bezahlen. Viele Familien haben aber kein Geld, weil sie nur das anbauen, was sie verbrauchen, also nichts für den Markt, also kommt kein Geld rein. sie können den Strom nicht bezahlen. Und es gibt kein Licht, kein Kühlschrank und kein TV. Die Leute schließen sich schwarz an das Netz an. Bis die Firmen das wieder entfernen und so geht das hin und her. Die Kritik ist, dass die Indigenen mehr für den Strom bezahlen als die Firmen, denn die bekommen Energie zum Extrapreis.

SIPAZ

Mitglieder der Organisation SIPAZ sind große Friedens- und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt. aus Deutschland ist der Berliner Carea Verein dabei, der auch die Vorbereitungsseminare für die deutschen Menschenrechtsbeobachter_Innen macht. Die Organisation will, das die Konflikte in der Region möglichst ohne Schäden für Menschen ablaufen. SIPAZ trifft sich mit den Leuten aus den Gemeinden in denen es Konflikte gibt und versucht zu helfen. Durch ihre Anwesenheit sind zum teil Vermittlungen möglich. Staat, Polizei, Militär und Paramilitärs reagieren anders, wenn westliche Beobachter_Innen dabei sind. Neben dem Begleiten der Gemeinden, gibt es auch Öffentlichkeitsarbeit. Die Welt wird informiert, wenn hier was geschieht. SIPAZ wurde 1995 gegründet, also ein Jahr nach dem Aufstand der Zapas. In der Zona Norte (Teil von Chiapas) gab es eine paramilitärische Gruppe, die gegen die Teile der Bevölkerung kämpfte, die nicht mit der Regierungspolitik übereinstimmten. Es gab über 100 Verschleppte und Tote und insgesamt 4000 Vertriebene. Genau dort begann SIPAZ zu arbeiten. Eines der Ziele war die Entspannung der Lage in dieser Region. Dieses Ziel wurde auch erreicht. Es gibt keine Ermordeten mehr. Dennoch spricht die Organisation von Krieg mit niederer Intensität. Die Gemeinden in der Zona Norte werden heute noch vier mal im Jahr besucht. Neben der Zona Norte arbeitet SIPAZ auch in Acteal und anderen Konfliktgebieten. Sie betreuen politische Gefangene und suchen politische Lösungen für Konflikte, wenn es auch manchmal nur sehr langsam oder kaum vorwärts geht. Immer wieder gibt es dennoch Erfolge und die Gemeinden wollen mit SIPAZ zusammenarbeiten. Zur zeit gibt es Konflikte wegen des Autobahnbaus. Es wird nämlich ne schön Autobahn gebaut, zwischen San Christobal und Palenque. Natürlich wird die Bevölkerung nicht gefragt und sogar die Pläne für den Bau (also welche strecke) verheimlicht, weil die Regierung Angst vor Protesten hat. Denn indigene Gemeinden wollen meist keine Autobahn, gerade auch weil es eine gewisse Landknappheit gibt.

Man kann viel Lernen in Chiapas, insbesondere, wie man sich organisieren kann, welche Protestformen es gibt, wie wichtig Solidarität ist und in Netzwerken mit vielen Verbündeten zu arbeiten. Gut war zu sehen wie viel Kraft und wie viel Geduld Menschen brauchen um besser Leben zu können. Es bedarf auch eines hohen Maßes an Respekt vor den beteiligten Organisationen und ihren Prinzipien, sie arbeiten zum Teil sehr verschieden und ich denke das diese Vielfältigkeit die Stärke der Bewegung ausmacht.

Tierra y Libertad! – Land und Freiheit!


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