Zwei Fliegen, eine Klappe und ein Hufeisen

Am 3. April beriet der Ortsbeirat des Rostocker Stadtteils Dierkow über einen Antrag zweier Bürgerschaftsfraktionen zur Umbenennung des Neudierkower Wegs in Mehmet-Turgut-Weg. Ende April soll dann der Hauptausschuss der Hansestadt darüber entscheiden. Doch der Plan ist umstritten und bisweilen machen Lokalpolitiker in diesem Kontext vor allem mit haarsträubenden Aussagen von sich reden.

Mehmet Turgut wurde am 25. Februar 2004 in einem Imbiss in Dierkow von den Neonazis des „Nationalsozialistischen Untergrund” ermordet. Die kleine Straße, in der sich der Imbiss befand, ist heute nahezu verwaist, eine Auswirkung des Stadtrückbaus mit welchem Viertel wie Dierkow oder das benachbarte Toitenwinkel konfrontiert sind. Der Neudierkower Weg soll nun in Mehmet-Turgut-Weg umbenannt werden, so forderten es linke Gruppen bereits im Rahmen einer Gedenkkundgebung im Februar. Vermummte und bewaffnete Neonazis, allen voran der NPD-Kader Michael Fischer, hatten versucht die Kundgebung anzugreifen, ergriffen allerdings eiligst die Flucht. LokalpolitikerInnen, deren Teilnahmebereitschaft an der Kundgebung eher zu wünschen übrig ließ, übernahmen schnell die Forderung nach der Umbenennung der Straße, so schlugen am 20. März auch Dr. Sybille Bachmann (Rostocker Bund) und Eva-Maria Kröger (Linke) stellvertretend für ihre jeweiligen Fraktionen den Ortsbeiräten Toitenwinkel und Dierkow Ost/Dierkow West die Umbenennung als einen „Akt dauerhafter Mahnung und Ausdruck der Solidarität mit der Familie Turgut“ vor.

Gedenkpolitische Verwirrungen

Die Ortsbeiratsvorsitzenden der angrenzenden Stadtteile sehen eine Umbenennung kritisch und führen hierfür in der Ostseezeitung zweifelhafte Argumente ins Feld. So lässt sich die Vorsitzende aus Toitenwinkel, Anke Knitter (SPD) mit folgenden Worten zitieren: „Eine Umbenennung der Straße bringt nichts. In zwei Jahren hat man doch vergessen, wer Mehmet Turgut war”. Dass dies nicht geschieht, dafür werden die antifaschistischen und antirassistischen Kreise in Rostock schon sorgen, sollte die Stadt ihrer Verantwortung nicht nachkommen wollen, möchte man meinen. Aber es geht weiter, denn Frau Knitter favorisiert einen Gedenkstein oder eine Tafel, welche die Hintergründe der Mordtat erläutert: „An die Opfer dieser perfiden Morde muss erinnert werden. Eine kleine Unterschrift an einem Straßenschild reicht da nicht aus” . Warum das eine das andere ausschließt, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Zwei Fliegen mit einer Klappe?

Der Ortsbeiratsvorsitzende von Dierkow, Martin Lau (CDU), scheint demgegenüber einen anderen, nicht weniger zweifelhaften gedenkpolitischen Weg beschreiten zu wollen. Er greift hierzu auf einen in Rostock seit langem virulenten Streit um eine ganz andere Straße zurück: die Ilja-Ehrenburg-Straße. Zwar kamen diese Umbenennungswünsche in jüngerer Vergangenheit zumeist noch aus der gleichen Ecke: Zuletzt hatte im Juli 2011 David Petereit, Bürgerschaftsabgeordneter der NPD in Rostock, einen Antrag eingebracht, der die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße in Toitenwinkel forderte. Anfang des Jahres wurde diese Forderung jedoch von der Jungen Union (JU) erhört. Zeitgleich mit einem tendenziösen NDR-Bericht über Ilja Ehrenburg, forderte nun auch die JU (mal wieder) die Umbenennung.

Der Ortsbeiratsvorsitzende Lau (CDU) möchte lieber die Ilja-Ehrenburg-Straße mit einem neuen Namen ausstatten, dem Mehmet Turguts. „Bevor man sich diese Straße [den Neudierkower Weg] vornimmt, sollte zuerst die Ilja-Ehrenburg-Straße umbenannt werden. Ein Tausch gegen den Namen Mehmet Turgut wäre aus historischer Sicht sinnvoll.” Worin diese Sinnhaftigkeit bestehen soll, verrät er freilich nicht. Also „Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen” dachte sich Lau, der erste stellvertretende Kreisvorsitzende der Jungen Union in Rostock, da wohl.

Selbst aus Sicht der JU dürfte es allerdings schwer werden zu begründen, warum es sinnvoll sein soll, eine nach einem von der NS-Propaganda verfolgten Schriftsteller und Journalisten, Kommunisten und Juden benannte Straße, zum Gedenken an einen von Neonazis in jüngster Zeit Ermordeten umzubenennen. So zieht sich Lau auch darauf zurück, Mehmet Turgut lediglich als „Gewaltopfer” zu bezeichnen. Die JU – allen voran Martin Lau – versucht so scheinbar das Gedenken an Mehmet Turgut zu instrumentalisieren, um die ihr unliebsame Ilja-Ehrenburg-Straße loszuwerden. Die Bezeichnung Turguts als „Gewaltopfer” passt dabei hervorragend in ein extremismustheoretisches[3] Denkmuster, als dessen Fans man die Mitglieder der JU wohl mit Fug und Recht bezeichnen darf. Dabei wird jedoch rechte Gewalt verharmlost und in diesem Falle sogar noch der Versuch unternommen sie gegen einen erklärten Nazigegner auszuspielen.

Übernommen von www.kombinat-fortschritt.com nach einer CC Lizenz.


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