Ilja Ehrenburg: „Die Moral der Geschichte“

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges blieb Ilja Ehrenburg ein gefragter Schriftsteller. Als Beobachter der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse berichtete er weiterhin für verschiedene Zeitungen. Der Artikel „Die Moral der Geschichte“ wurde erstmal im Dezember 1945 in der Zeitung „Is­wes­ti­ja“ veröffentlicht.

Wie be­kannt, ver­sucht einer der „Stars“ des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses, der „Thron­fol­ger“ des Füh­rers, Ru­dolf Heß, sich als un­zu­rech­nungs­fä­hig aus­zu­ge­ben. Dafür hat er sich nicht auf Grö­ßen­wahn ver­legt (zu spät), nicht auf sim­ple Geis­tes­schwä­che (zu pein­lich), son­dern auf Ge­dächt­nis­ver­lust; Amne­sie scheint ihm die Krank­heit der Sai­son zu sein. Als man Heß einen Film zeig­te – eine fa­schis­ti­sche Pa­ra­de in Nürn­berg –, er­kann­te der Stell­ver­tre­ter des Füh­rers sich selbst nicht wie­der. Ex­per­ten haben ihn sorg­fäl­tig un­ter­sucht, und das ist das Er­geb­nis, zu dem die be­deu­tends­ten Psych­ia­ter ge­kom­men sind: „Wir neh­men an, dass das Ver­hal­ten des An­ge­klag­ten von ihm zum ers­ten Mal zum Schutz an­ge­wandt wurde unter den Be­din­gun­gen, in die er in Eng­land ge­riet, die­ses Ver­hal­ten ist jetzt teil­wei­se zur Ge­wohn­heit ge­wor­den und wird so lange an­hal­ten, wie er sich in Ge­fahr be­fin­det, be­straft zu wer­den.“

Die Ex­per­ten wei­sen dar­auf hin, dass Heß zum ers­ten Mal „das Ge­dächt­nis ver­lor“, als er von der Ka­ta­stro­phe der deut­schen Armee bei Sta­lin­grad er­fuhr. So­lan­ge die Deut­schen die Welt er­ober­ten, konn­te sich Heß an seine Titel und auch an seine Ein­künf­te gut er­in­nern. Er er­in­ner­te sich erst dann daran, dass man sich auch an nichts er­in­nern könn­te, als die Fa­schis­ten ihren Meis­ter ge­fun­den hat­ten. Dann wurde es ihm lang­wei­lig, den Kran­ken zu spie­len, und er „wurde wie­der ge­sund“. Er „wurde wie­der krank“, als die Rote Armee in Deutsch­land ein­drang. Nach­dem er von den Kämp­fen in Ost­preu­ßen ge­hört hatte, be­schloss Heß, ein für alle Mal alles zu ver­ges­sen.

Er ist nicht al­lein mit die­sem Wunsch: Von Rib­ben­trop er­klär­te kürz­lich, er habe, da er ein über­aus ner­vö­ses Wesen sei, Brom ein­ge­nom­men und sein Ge­dächt­nis ver­lo­ren. Als Heß Rib­ben­trops Er­klä­rung hörte, konn­te er nicht an sich hal­ten, er lach­te los: Der Pla­gia­tor amü­sier­te ihn.

Ich spre­che dar­über nicht, weil mich die Aus­flüch­te des einen oder an­de­ren Mis­se­tä­ters in­ter­es­sie­ren wür­den. Die Ge­dächt­nis­lo­sig­keit von Heß und die Halb­ge­dächt­nis­lo­sig­keit von Rib­ben­trop stel­len sich mir als zu­tiefst sym­bo­lisch dar: Der zer­schla­ge­ne Fa­schis­mus ver­weist auf Ge­dächt­nis­ver­lust. Wenn Sie einen ganz ge­wöhn­li­chen Mis­se­tä­ter, der Hüt­ten in Bel­o­russ­land ver­brannt und Kin­der ge­tö­tet hat, fra­gen, was er in den Jah­ren des Krie­ges getan hat, wird er be­geis­tert ant­wor­ten: „Ich habe Kar­tof­feln ge­pflanzt“ oder: „Ich habe Gänse ge­züch­tet“. Ein im zer­schla­ge­nen Nürn­berg zu­fäl­lig heil ge­blie­be­ner Rüs­tungs­be­trieb stellt jetzt Sou­ve­nir-​Zi­ga­ret­ten­etuis mit der Auf­schrift „Zur Er­in­ne­rung an den Nürn­ber­ger Pro­zess“ her, und na­tür­lich kann sich der Di­rek­tor nicht daran er­in­nern, dass der Be­trieb noch vor kur­zem Pan­zer pro­du­ziert hat …

Die an­geb­li­chen Kran­ken hof­fen wahr­schein­lich, dass nicht nur die Ver­bre­cher, son­dern auch die Opfer an Ge­dächt­nis­ver­lust er­kran­ken: Viel wür­den Heß und Rib­ben­trop dafür geben, wenn die Völ­ker die schreck­li­chen Jahre ver­gä­ßen. Aber die Völ­ker er­in­nern sich an alles, und Seite für Seite wird in Nürn­berg die Ge­schich­te der Nie­der­tracht, der Grau­sam­keit und der Bos­heit auf­ge­schla­gen.

Worin be­steht die Be­deu­tung des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses? Es gibt Ge­richts­ver­fah­ren, die durch ihre Ver­wor­ren­heit, den Wett­streit der Par­tei­en, die Schwä­che der Be­wei­se oder die Per­sön­lich­keit der An­ge­klag­ten fes­seln. Aber die ganze Mensch­heit hat ihr Ur­teil über den Fa­schis­mus lange vor dem Nürn­ber­ger Pro­zess ge­spro­chen. Und die­ser Pro­zess ist auch nur des­halb mög­lich ge­wor­den, weil die Völ­ker, die über die Un­ta­ten der Fa­schis­ten em­pört sind, ge­schwo­ren haben, das Böse zu ver­nich­ten. Wir hören die Chro­nik des Bösen, die wir aus­wen­dig ken­nen – nicht mit Tinte ist sie ge­schrie­ben, son­dern mit Blut: mit dem Blut un­se­rer Nächs­ten. Wir hören ein Buch, des­sen In­halt uns be­kannt ist.

Was die Per­sön­lich­kei­ten der An­ge­klag­ten be­trifft, was kann man über sie sagen? Wir haben klei­ne Mis­se­tä­ter vor uns, die größ­te Un­ta­ten be­gan­gen haben. Jeder von ihnen ist see­lisch und geis­tig so nichts­wür­dig, dass man sich beim Blick auf die An­ge­klag­ten­bank fragt: Haben wirk­lich diese ge­häs­si­gen und fei­gen Miss­ge­bur­ten Eu­ro­pa in Rui­nen ge­legt, dut­zen­de von Mil­lio­nen Men­schen ins Ver­der­ben ge­stürzt?

Aber wenn für das Schaf­fen Genie nötig ist, für das Zer­stö­ren ist es nicht er­for­der­lich: Pusch­kin töten konn­te auch ein De­ge­ne­rier­ter, Tol­stois Bü­cher ver­bren­nen konn­te auch ein Wil­der. Die Men­schen, über die in Nürn­berg zu Ge­richt ge­ses­sen wird, ragen geis­tig und mo­ra­lisch nicht über die Zehn­tau­sen­de ih­res­glei­chen hin­aus, von den ge­wöhn­li­chen Fa­schis­ten un­ter­schei­den sie sich nur durch ihre noch grö­ße­re Hab­gier, durch noch mehr Grau­sam­keit, durch die Kon­zen­tra­ti­on bösen Wil­lens.

Auf der An­ge­klag­ten­bank sit­zen nicht nur zwei Hand­voll blut­rüns­ti­ger Gangs­ter, auf der An­ge­klag­ten­bank sitzt der Fa­schis­mus, seine wöl­fi­sche Ideo­lo­gie, seine Heim­tü­cke, seine Amo­ra­li­tät, seine Hoch­nä­sig­keit und seine Nichts­wür­dig­keit. Wenn Men­schen aus allen Län­dern der Welt im zer­stör­ten Nürn­berg zu­sam­men­ge­kom­men sind, dann nicht nur, um der ex­em­pla­ri­schen Be­stra­fung von zwan­zig Ver­bre­chern bei­zu­woh­nen, son­dern auch, um, indem sie vor den Völ­kern eine blu­ti­ge Schrift­rol­le aus­brei­ten – die über­zeit­li­che Ge­schich­te einer noch nie da­ge­we­se­nen Untat – , die Kin­der vor der Wie­der­kehr der Pest zu ret­ten. Wir schau­en auf die Rui­nen und träu­men von den Städ­ten der Zu­kunft. Wir sehen die Mas­ken der Kin­der­mör­der und wir den­ken an Wie­gen.

Ich weiß nicht, warum sich die Hit­ler­leu­te sei­ner­zeit Nürn­berg aus­ge­sucht haben: Hier ver­an­stal­te­ten sie ihre Par­tei­ta­ge, hier mar­schier­ten die Ma­schi­nen mit ihren Ma­schi­nen­ge­weh­ren, die dann die Gär­ten Eu­ro­pas zer­tram­pel­ten. Die einen sagen, dass Nürn­berg eine Stadt der Al­ter­tü­mer war, und die Fa­schis­ten woll­ten ihre Taten wenn schon nicht mit der Mal­kunst des Füh­rers, so doch mit der Ge­schich­te ver­gan­ge­ner Er­obe­run­gen ver­bin­den. An­de­re be­haup­ten, dass Nürn­berg ein­fach ein Ei­sen­bahn­kno­ten­punkt mit einer or­dent­li­chen Zahl von Ho­tels war. Ich füge hinzu, dass Nürn­berg vor Zei­ten für seine Hen­ker be­rühmt war. Es gab in die­ser Stadt ein Mu­se­um für mit­tel­al­ter­li­che Fol­te­run­gen. Viel­leicht hat die­ses die Auf­merk­sam­keit der Bar­ba­ren des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts an­ge­zo­gen?

Indem die Ver­ein­ten Na­tio­nen Nürn­berg, ge­nau­er ge­sagt, das, was ein­mal Nürn­berg war, für den In­ter­na­tio­na­len Mi­li­tär­ge­richts­hof aus­wähl­ten, ent­schie­den sie sich, über die Mis­se­tä­ter in der Stadt Ge­richt zu hal­ten, wo ihre Miss­eta­ten vor­be­rei­tet wor­den waren. Gö­ring be­müht sich, sorg­los zu wir­ken, wie je­mand, der nicht ver­steht, warum man ihn be­lei­digt hat. Er hat Re­por­tern er­klärt, dass er „nur den Deut­schen ge­gen­über ver­ant­wort­lich ist“. Nun denn, möge Gö­ring auf die Rui­nen Nürn­bergs schau­en und ver­su­chen, sich zu er­in­nern, ob nicht er es war, der den Deut­schen ver­spro­chen hat, dass auch nicht eine feind­li­che Bombe auf deut­sche Städ­te fal­len würde. Möge er eben­so wie seine Kol­le­gen sich an die Worte des Füh­rers er­in­nern: „Nur der Deut­sche wird künf­tig ein Ge­wehr tra­gen, nicht der Russe, nicht der Pole und nicht der Tsche­che.“ Vor dem Ge­bäu­de des Ge­richts­ho­fes ste­hen mit Ge­weh­ren rus­si­sche Gar­dis­ten. Und was tut das „Her­ren­volk“ in­mit­ten der Rui­nen Nürn­bergs? Es ser­viert Kaf­fee, putzt Stie­fel und weißt die Wände des Ge­richts­ho­fes (das ist leich­ter, als sich selbst vor den Augen der Welt weiß­zu­wa­schen).

Ich würde nicht sagen, dass die An­ge­klag­ten über­mä­ßig nie­der­ge­schla­gen sind. Die At­mo­sphä­re im Ge­richt be­ru­higt sie: Sie sind ja ihre „Ge­rich­te“ ge­wohnt, wo nicht Ju­ris­ten, son­dern Fol­ter­knech­te mit den Ver­damm­ten ge­re­det haben.

Mor­gens vor Be­ginn der Ver­hand­lung un­ter­hal­ten sich die An­ge­klag­ten leb­haft mit­ein­an­der, Gö­ring be­müht sich, Dö­nitz zu er­hei­tern, Ro­sen­berg berät sich mit Frank, Papen be­lehrt Bal­dur von Schirach. In die­sen Mo­men­ten scheint es ihnen, als sei nichts pas­siert, als hät­ten sie sich im Vor­zim­mer des Füh­rers ver­sam­melt und dis­ku­tier­ten, wel­ches Land sie ab­schlach­ten woll­ten. Dann über­mannt sie der Schre­cken: Ihnen win­ken ja keine Tro­phä­en und keine Orden, son­dern zwei Pfäh­le mit einem Quer­bal­ken. Und so­fort al­tert Rib­ben­trop um zwan­zig Jahre, kratzt Strei­cher sich ner­vös und Ro­sen­berg fällt der Un­ter­kie­fer her­un­ter. Sie leben bis zum ani­ma­li­schen Ent­set­zen im Fie­ber il­lu­so­ri­scher Hoff­nun­gen auf Ret­tung. Kei­ner von ihnen denkt an das deut­sche Volk und keine ehe­ma­li­gen Titel ver­de­cken eines: Vor uns ste­hen Gangs­ter, die auf fri­scher Tat er­tappt wur­den, Gangs­ter, die zwölf Jahre lang Staats­män­ner ge­spielt haben. Jeder von ihnen ver­sucht, wie der sim­ple „Fritz“, den man ge­fan­gen­ge­nom­men hat, alles auf den Füh­rer ab­zu­wäl­zen. Kei­tel, einer der Grund­pfei­ler des drit­ten Rei­ches, tut so, als sei er ein ge­wöhn­li­cher Sol­dat – er habe nur Be­feh­le aus­ge­führt, und von Rib­ben­trop schwört, dass die Di­plo­ma­ten Hit­lers nicht für die Sol­da­ten Hit­lers ver­ant­wort­lich seien.

Ich habe sie auf der An­ge­klag­ten­bank ge­se­hen! An diese Stun­de habe ich ge­dacht vor Rshew, vor dem bren­nen­den Brjansk, in Kiew vor Babi Jar, in Minsk und in Wilno. Ich sehe sie an und ich er­in­ne­re mich an ihre Taten – die Stra­ßen von Paris, durch die die Sol­da­ten Kei­tels gin­gen, un­se­re jun­gen Mäd­chen, die von Sau­ckel ge­schun­den wur­den, das Leid Po­lens – dort tobte Frank – , die Asche Bel­o­russ­lands und der Ukrai­ne – dort wü­te­te Ro­sen­berg. Sind es nur acht Rich­ter, die sie rich­ten? Nein. In dem Saal in Nürn­berg sind meine Brü­der, meine Schwes­tern, die durch Hun­ger zu Tode ge­quäl­ten Ge­fan­ge­nen, die Kin­der, die in Gas­wa­gen er­stickt wor­den sind, die Schat­ten von Ma­jda­n­ek, Ausch­witz und Treblin­ka und das Blut der Gei­seln, die Asche der rus­si­schen Städ­te, die schwar­ze Wunde Le­nin­grads. Es rich­tet die Mensch­heit, und es rich­tet jeder.

Im Ge­richts­saal hängt ein Re­li­ef: Adam und Eva. Viel­leicht haben die klei­nen deut­schen Lang­fin­ger, die man sei­ner­zeit in die­sem Saal ver­ur­teil­te, an den Sün­den­fall ge­dacht. Diese Scheu­sa­le da­ge­gen haben eine sol­che Er­in­ne­rung nicht nötig: Sie wis­sen gut, was sie getan haben – sie hat nie­mand ver­führt, sie selbst haben Mil­lio­nen ihrer Lands­leu­te ver­führt. Als Gö­ring ge­fragt wurde, wel­ches Amt er im drit­ten Reich in­ne­ge­habt habe, fing er an, an den Fin­gern seine Titel auf­zu­zäh­len, und lä­chel­te spöt­tisch, als er zehn zu­sam­men­hat­te: „Reicht!“ Er hatte nicht ver­ges­sen, zu er­wäh­nen, dass er „Reichs­forst­meis­ter“ war. Dafür hatte er den Trust „Her­mann Gö­ring“ ver­schwie­gen.

Mit die­sem di­cken Hof­nar­ren sind alle Ver­bre­chen des Fa­schis­mus ver­bun­den – von der In­brand­set­zung des Reichs­ta­ges bis zur In­brand­set­zung Eu­ro­pas. Als Gö­ring die min­der­jäh­ri­gen Fa­schis­ten­an­wär­ter trai­nier­te, sagte er: „Alle Ver­ant­wor­tung nehme ich auf mich.“ Jetzt dürs­tet er nur nach Einem: der Ver­ant­wor­tung zu ent­kom­men. Er ge­denkt wenn auch nicht die Welt, so we­nigs­tens die Jour­na­lis­ten mit sei­ner Lie­bens­wür­dig­keit in Er­stau­nen zu ver­set­zen, er wirft mit Lä­cheln und Seuf­zern um sich, wie er frü­her Spreng­bom­ben auf fried­li­che Städ­te ge­wor­fen hat. Er kaut sanft­mü­tig har­tes Brot. Viel­leicht haben wir ver­ges­sen, wie ge­schäf­tig er die Tsche­cho­slo­wa­kei ge­fres­sen hat? Hat nicht er den Hun­ger in den von den Deut­schen an sich ge­ris­se­nen Län­dern or­ga­ni­siert? Hat nicht er Eu­ro­pa Essen, Klei­dung und Schu­he weg­ge­nom­men? Noch in der Vor­kriegs­zeit nann­te er einen sei­ner Ar­ti­kel „Die Kunst an­zu­grei­fen“. Jetzt schickt er sei­nem Ver­tei­di­ger am lau­fen­den Band auf­ge­reg­te Zet­tel­chen: Er stu­diert eine neue Kunst – er ver­tei­digt nicht Ger­ma­ni­en, son­dern sich selbst, den di­cken Her­mann. Er, der Autor der be­rühm­ten „Grü­nen Mappe“, woll­te Russ­land in eine deut­sche Ko­lo­nie ver­wan­deln. Jetzt schaut er auf­merk­sam auf die Schul­ter­stü­cke der so­wje­ti­schen Of­fi­zie­re. Die­ser An­füh­rer der fa­schis­ti­schen Hor­den ist noch dazu ein ganz ba­na­ler klei­ner Dieb. 1940, als die Deut­schen ge­ra­de erst be­gan­nen, Eu­ro­pa aus­zu­neh­men, prahl­te Gö­ring schon vor Ro­sen­berg: „Ich habe die größ­te Samm­lung von Ma­le­rei und Plas­tik.“ Er zün­de­te Städ­te an, aber brach­te Bil­der in sei­nem Haus zu­sam­men, er häng­te junge Mäd­chen auf, aber sam­mel­te Sta­tu­en von Nym­phen. Trotz des Ge­fäng­nis­le­bens ist er fett: ein Blut­egel, der sich mit Blut voll­ge­fres­sen hat, und man wird kei­nen Strick für ihn vor­be­rei­ten müs­sen, son­dern ein so­li­des Schiffstau.

Heß, der so oft die Ner­ven ver­liert, wurde von den Fa­schis­ten „das Ge­wis­sen der Na­zi­par­tei“ ge­nannt. Als könn­ten Ge­wis­sen­lo­se ein Ge­wis­sen haben! Wäh­rend der Ver­hand­lun­gen liest Heß Po­li­zei­ro­ma­ne: Er er­in­nert sich viel zu gut an alles, die­ser Er­in­ne­rungs­lo­se, und will sich mit Er­zäh­lun­gen über frem­de Ver­bre­chen von sei­nen ei­ge­nen ab­len­ken. Wenn er auf die so­wje­ti­sche Fahne neben der eng­li­schen blickt, denkt er si­cher­lich an eine Mai­n­acht und sei­nen Sprung nach Schott­land. Er ge­dach­te, rus­si­schen Wodka zu trin­ken und eng­li­sche Zi­ga­ret­ten zu rau­chen. Statt­des­sen hat man ihn nach Nürn­berg ge­schleppt. Was bleibt ihm übrig, als Ru­dolf den Er­in­ne­rungs­lo­sen zu spie­len?

Der ehe­ma­li­ge Feld­mar­schall Kei­tel ist ein ty­pi­scher Kom­miss­hengst: qua­dra­ti­sches Ge­sicht, qua­dra­ti­sche Ma­nie­ren. Er hat sei­nem Füh­rer treu ge­dient und die deut­schen Ge­ne­rä­le, die in Hit­lers La­kai­enstu­be saßen, nann­ten den Feld­mar­schall „La­kei­tel“. Aber er war kein ein­fa­cher Lakai, er braucht sich nicht arm zu stel­len: Er hat Un­schul­di­ge nicht be­fehls­ge­mäß, son­dern in­spi­ra­ti­ons­ge­mäß ver­nich­tet. Er hat den Plan des hin­ter­häl­ti­gen Über­falls auf die So­wjet­uni­on aus­ge­ar­bei­tet: den „Plan Bar­ba­ros­sa“. Es lohnt sich an­zu­mer­ken, dass die fa­schis­ti­schen Rä­dels­füh­rer als Gangs­ter, die sie waren, die blu­ti­gen Taten, die sie vor­be­rei­te­ten, in Gau­ner­spra­che be­nann­ten. Wenn der Ein­fall in Russ­land der „Plan Bar­ba­ros­sa“ war, war die An­eig­nung Ös­ter­reichs der „Plan Otto“, die An­eig­nung Po­lens die „Sache Himm­ler“ und der unter Mit­hil­fe von Ge­ne­ral Fran­co vor­be­rei­te­te Über­fall auf Gi­bral­tar wurde als „Un­ter­neh­men Felix“ be­zeich­net. Kei­tel be­fahl, „Pe­ters­burg vom An­ge­sicht der Erde zu til­gen“. Er führ­te die Brand­mar­kung der so­wje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein. Er sprach: „Im Osten gilt ein Men­schen­le­ben nichts.“ Sein Leben schätzt er je­doch hoch: Der Mör­der von Mil­lio­nen will sich an die Erde klam­mern, aber die Erde weicht unter ihm aus­ein­an­der.

Ge­ne­ral Jodl steht Kei­tel nur wenig nach. Er hat eben­falls ge­sagt, dass Russ­land mit Feuer und Blei be­frie­det wer­den müsse. Jetzt gähnt er ner­vös und ver­steckt sich hin­ter dem brei­ten Rü­cken Kei­tels. Man wird auch ihn be­mer­ken. Vor sie­ben Jah­ren be­gann Jodl in Nürn­berg sei­nen Auf­stieg: Hier ar­bei­te­te er den Plan für die An­eig­nung der Tsche­cho­slo­wa­kei aus. Möge er auch in Nürn­berg enden.

Joa­chim von Rib­ben­trop hat alle fei­nen Schli­che der Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen. Als Hand­lungs­rei­sen­der äh­nel­te er einem Gau­ner, als Di­plo­mat äh­nel­te er einem Hand­lungs­rei­sen­den: Er war immer zu spät beim Sich­be­wusst­wer­den sei­ner Lage. Jetzt nimmt er die nahe Zu­kunft vor­weg: Noch ist er nur An­ge­klag­ter, aber schon äh­nelt er einem Ge­henk­ten. Zeit­wei­se be­lebt er sich al­ler­dings, will sich als Di­plo­ma­ten aus­ge­ben. Das ist naiv: Wir haben einen Gangs­ter vor uns. Wäh­rend er die An­eig­nung Ös­ter­reichs, der Tsche­cho­slo­wa­kei, Po­lens vor­be­rei­te­te, ver­barg er unter der Di­plo­ma­ten­uni­form auch einen Nach­schlüs­sel. Auf ihn gehen die aus­rei­chend of­fe­nen Worte zu­rück „Ge­trei­de und Roh­stof­fe Russ­lands wer­den ganz das Rich­ti­ge für uns sein“ … Er wird sich für die­ses Ge­trei­de ver­ant­wor­ten: Auf ihn zei­gen mit den Fin­gern Mil­lio­nen von Zeu­gen – Müt­ter, die ihre Söhne ver­lo­ren haben, Wit­wen, Wai­sen, ganz Russ­land.

Al­fred Ro­sen­berg galt bei den Fa­schis­ten als der „Spe­zia­list für rus­si­sche An­ge­le­gen­hei­ten“. Das ist der Theo­re­ti­ker des Rau­bes, der Phi­lo­soph der Plün­de­rung. Er, ein Dieb von in der Ge­schich­te noch nie da­ge­we­se­nem Aus­maß, hat phi­lo­so­phiert: „In zwan­zig oder in hun­dert Jah­ren wer­den die Rus­sen selbst ver­ste­hen, dass Russ­land Le­bens­raum für Deutsch­land wer­den muss­te.“ Er raub­te so­wohl en gros als auch en détail. Er trans­por­tier­te Wei­zen aus Russ­land ab, ver­ach­te­te aber auch Klei­nig­kei­ten nicht – so küm­mer­te er sich zum Bei­spiel darum, dass den Juden „eine oder zwei Stun­den vor der Ope­ra­ti­on“ (so nann­ten die Fa­schis­ten die Mas­sen­hin­rich­tun­gen) die Gold­zäh­ne her­aus­ge­ris­sen wur­den. Das ist ein Ri­va­le Gö­rings: Er ver­göt­tert eben­falls Kunst­wer­ke. Er hatte ein gan­zes Die­bes­un­ter­neh­men ge­grün­det, den „Ein­satz­stab* Ro­sen­berg“ – er trans­por­tier­te aus den an­ge­eig­ne­ten Län­dern Bü­cher, Ge­mäl­de, Sta­tu­en ab.

Man kann die Ga­le­rie der „Äs­the­ten“ fort­set­zen: Der Hen­ker Po­lens, Hans Frank, ein kahl­köp­fi­ges und wi­der­wär­ti­ges Männ­chen, hat sei­ner­seits ein Bild Leonar­do da Vin­cis ge­klaut. Er sagt: „Es fällt mir schwer, zu sagen, wie viel die­ses Bild kos­tet – ich bin kein Ken­ner, und die Prei­se für sol­che Sä­chel­chen wech­seln ja auch, aber das ist ein Sä­chel­chen, das etwas wert ist …“ Frank hat die be­rühm­ten „To­des­la­ger“ or­ga­ni­siert, er hat Mil­lio­nen Polen und Juden ver­nich­tet. Er hat einen be­geis­ter­ten Re­chen­schafts­be­richt über die Ver­nich­tung des War­schau­er Ghet­tos ver­fasst, hat mit­ge­teilt, dass er die Ka­na­li­sa­ti­ons­roh­re, in denen sich die ver­steck­ten, die sich ge­ret­tet hat­ten, mit Was­ser flu­te­te. Er ver­gaß nicht den Ge­winn: Er zähl­te, wie viele Paar Hosen er nach der Ver­nich­tung des Ghet­tos be­kom­men hatte, und fügte hinzu: „Aus den Rui­nen kann man Me­tall­schrott her­aus­zie­hen.“ Na­tür­lich wälzt er jetzt alles auf Himm­ler ab: Sehen Sie, er hat nicht hin­ge­rich­tet, son­dern nur von der Erde unter die Erde „um­ge­sie­delt“. Er ist be­schei­den: „Ich war nur ein Ver­wal­tungs­zwerg.“ Die­ser Zwerg hat am Tag zehn­tau­sen­de Men­schen ver­schlun­gen. Bei den Ver­hand­lun­gen trägt er eine große Rauch­glas­bril­le, und nur ein­mal habe ich seine Augen ge­se­hen: die Augen eines Mar­ders in der Falle.

Ju­li­us Strei­cher äh­nelt einer alten Kröte. Er hat Mil­lio­nen von Juden aus allen eu­ro­päi­schen Län­dern auf dem Ge­wis­sen. Er hebt die Schul­tern: Barm­her­zi­ger, hat er etwa ge­tö­tet! Er woll­te nur die Juden nach Pa­läs­ti­na um­sie­deln. Aber man hat ihn nicht ver­stan­den … Ich bin ein An­hän­ger Herzls und Zio­nist! Es ist schwer, sich eine düm­me­re Lüge aus­zu­den­ken, und es ist schwer, sich eine ge­mei­ne­re Vi­sa­ge vor­zu­stel­len. Ich möch­te diese Kröte gern ver­ges­sen, wenn man sie, wie Frank, wie die üb­ri­gen Mis­se­tä­ter, in die Erde „um­ge­sie­delt“ hat.

Da ist das stumpf­sin­ni­ge Bürsch­chen Bal­dur von Schirach, ta­lent­lo­ser Ver­se­schmied und Or­ga­ni­sa­tor der „Hit­ler­ju­gend“. Stier­hals, gla­sier­te Augen. Er hat noch vor Kur­zem ge­sagt: „Wir sind alle sterb­lich, nur Hit­ler ist un­sterb­lich.“ Jetzt ist er an­de­rer Mei­nung: Er will leben. Er hat die Pläne des Füh­rers „Ideen eines Halb­got­tes“ ge­nannt, jetzt sagt er: „Die Ideen des Füh­rers waren manch­mal idio­tisch.“

Da ist der alte Münch­ner Hilfs­po­li­zist Wil­helm Frick mit den Fischau­gen. Er war Mi­nis­ter des In­nern und bis 1943 war selbst Himm­ler ihm un­ter­ge­ord­net. Da der Hen­ker Hol­lands – Seyß-​In­quart, Spe­zia­list für Gei­seln. Da der Haupt­skla­ven­händ­ler, der rot­haa­ri­ge Sau­ckel. Da der Hen­ker der Tsche­cho­slo­wa­kei, von Neu­rath. Hit­ler hatte ihm ge­sagt: „Sie sind ein mo­der­ner Mensch, das heißt, ein kalt­blü­ti­ger, und wer­den mit den Tsche­chen fer­tig wer­den.“ Nun gut, von Neu­rath be­gann, die Tsche­chen kalt­blü­tig zu er­mor­den.

Sie alle waren „mo­dern“ – ohne mit der Wim­per zu zu­cken, er­stick­ten sie Kin­der. Nur ist ihre Zeit um, eine schreck­li­che Zeit. 1937 sagte Gö­ring, die Deut­schen wür­den „nach Plan“ kämp­fen und das An­sich­rei­ßen frem­der Län­der bis zum Jahr 1945 ab­schlie­ßen. Er hat sich nicht im Datum ge­irrt; er hat sich im Re­sul­tat ge­irrt: Nicht um­sonst hat die Rote Armee vier grim­mi­ge Jahre ge­kämpft – sie hat den deut­schen Plan ge­än­dert und im Jahr 1945 hat man die Über­men­schen beim Kra­gen ge­nom­men. Da sit­zen sie auf der An­ge­klag­ten­bank.

Du spürst den hei­ßen Atem der Ge­schich­te. Man wird die Ver­bre­cher hän­gen: Das ver­langt das Ge­wis­sen. Aber man wird nicht nur die Fa­schis­ten ver­ur­tei­len – man wird den Fa­schis­mus ver­ur­tei­len. Man wird die ver­ur­tei­len, die ihn ge­zeugt haben, und die, die ihn wie­der auf­er­ste­hen las­sen wol­len – seine Vor­läu­fer und seine Erben. Die Völ­ker haben zu viel Leid er­lebt, sie las­sen kein Auge von Nürn­berg. Hier sind die alte Mon­te­ne­gri­ne­rin, deren Kin­der die Deut­schen ver­brannt haben, und die Freun­de von Ga­bri­el Péri und die Frau aus Ma­ri­u­pol, die mir er­zähl­te, dass ihre klei­ne Toch­ter wein­te, als die Deut­schen sie aus­zo­gen: „Es ist kalt, Onkel, ich will nicht baden“, und der „Onkel“ be­grub sie bei le­ben­di­gem Leibe, hier ist auch die Witwe eines rus­si­schen Sol­da­ten, hier sind auch die Kin­der aus Li­di­ce, hier sind alle, hier sind alle meine Nächs­ten, alle Freun­de, die Men­schen, die ein Herz haben, und sie alle sagen: „Nehmt die Fa­schis­ten von der Erde weg! Nehmt aus den See­len, aus den Köp­fen die Mi­as­men des Fa­schis­mus. Es sol­len Ähren sein und Kin­der und Städ­te und Ge­dich­te und es soll Leben sein! Tod dem Tod!“
NÜRN­BERG, 30. No­vem­ber 1945

*im Ori­gi­nal deutsch – Anm. d. Übers.

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals in „Is­wes­ti­ja“, 1. De­zember 1945]


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