Harald Holtz: „Erinnerungen eines fast elf jährigen Jungen an den Frühling 1945″

Teil 2 der Zeit­zeu­gen­rei­he „Mein ach­ter Mai“

Der achte Mai 1945 ist für mich ein besonders denkwürdiger Tag. Die letzten Apriltage und die ersten Maitage 1945 sind mir durch viele Erlebnisse noch heute in sehr prägnanter Weise in Erinnerung und sie haben mein ganzes Leben in sehr positiver Hinsicht beeinflusst.
Sicherlich hängen diese Erinnerungen und daraus resultierende Erkenntnisse auch damit zusammen, dass ich zum Gegensatz zu meinen damaligen Schulkameraden und besonders auch zu der Mehrheit der Erwachsenen keine Angst vor den immer näher rückenden „Russen“ hatte.
Begründet ist das zum einen darin, dass ich zwei Jahre zuvor die einmalige Möglichkeit bekam, direkt einen Kontakt mit sowjetischen Kriegsgefangenen herzustellen, die auf unsrem Hof und den leerstehenden Stallungen das im Darßer Wald reichlich vorhandene Holz zur „Holzkohle“ verarbeiteten und zum anderen dass das Kriegsgefangenlager – Teil des KZ Ravensbrück bzw. Barth – ganz in der Nähe im „Borner Hof“, eingerichtet wurde. Aus zunächst prüfenden Kontakten wurde sehr bald ein zunehmende Neugier. Wieso waren diese „Bolschewisten“ (wie es unsere Lehrer immer einredeten) eigentlich auch nur Menschen wie wir alle. Das veranlasste mich, die Kriegsgefangenen näher kennen zu lernen. Und dazu hatte ich ja genügend Möglichkeiten.
Die Beste bestand darin, dass ich aus unseren Kellervorräten heimlich Kartoffeln holte, diese zur Feuerstelle brachte – wo das zerkleinerte Hartholz getrocknet und angekohlt wurde – und dann die „gebackenen Kartoffel“ gemeinsam mit den sowjetischen Kriegsgefangenen verspeiste. Für die von mir eigentlich unbewusste Solidarität bedankten sich die sowjetischen Soldaten mit herrlichen geschnitzten Holzfiguren. Diese, aber auch viele andere Ereignisse, bestimmten ganz zwangsläufig meine Sichtweise und auch Haltung als dann die ersten Teile der Sowjetarmee in unserem Dorf kampflos ankamen, obwohl im Darßer Wald noch „alles“ von der schon besiegten Wehrmacht getan wurde (z.B. durch das Anlegen zahlreicher Vorratsbunker), um eventuell mit „Anderen“ den verheerenden und aussichtslosen Kampf fortzusetzen. Das daraus nichts wurde, ist vor allem ein Verdienst der Sowjetunion!
Nun zu einigen persönlichen Erlebnissen bzw. Episoden die das in beispielhafte Weise zeigen und damit den entscheidenden Beitrag der Sowjetarmee zur Befreiung vom Faschismus auch in Mecklenburg-Vorpommern unterstreichen sollen.
Meinen ersten Kontakt mit der regulären Sowjetarmee bestand darin, dass ich plötzlich – Mitten auf dem Dorfplatz spielend – die Hand von einem mit einer Lederjacke bekleideten Sowjetsoldaten auf meinem Kopf fühlte, kein Wort sprach, aber dafür sehr freundlich lächelte. Diese Szene wurde dann dadurch unterbrochen, dass meine Mutter sehr lautstark an das Fenster klopfte und mir dann zuwinkte, sofort nach Hause zu kommen. Auf meine erstaunte Frage „warum und weshalb“ hörte ich dann, der „Russe“ hätte dir sonst was antun können.
Die zweite Episode erlebte ich dann, als ganz in der Nähe in einer unübersichtlichen Wegebiegung (heute Kreuzung „Im Moor“) zwei alliierte Militärfahrzeuge – von links ein englischer und von rechts ein sowjetischer Jeep – zusammen stießen. Die in freundlicher Art gestikulierenden Offiziere beider Fahrzeuge und die schnelle Hilfe mittels starker Ackerpferde von Umsiedlern zeigte ganz gut, es ist eine Neue Zeit angebrochen und mit den sehr wohl noch vorhandenen Illusionen der versteckten faschistischen Kräften ist es langsam aber endgültig vorbei.
Die dritte Episode war für mich so eine Art Beweis dafür, dass jetzt wirklich ein anderer Wind wehte. Denn jedes Mal, wenn wieder ein „Vorratsbunker“ entdeckt wurde, fuhr ein uns inzwischen bekannter russischer „Panjewagen“ durch unser Dorf und der von uns Kindern bekannte „Sershoska“ verteilte sehr genau abwiegend die kurz vorher geborgenen „Dauerkeks aus den Vorratstsbunkern“ der Wehrmacht. Wütend wurde Sershosha nur, wenn auch Erwachsende die Hand ausstreckten.
Mit einer vierten Episode möchte ich diesen Beitrag – obwohl es noch viele andere Erinnerungen gibt – beenden: Und das sind die Erlebnisse mit dem vorbildlichen sowjetischen Kommandanten, der durch seine sehr guten deutschen Sprachkenntnisse schnell mit uns wissbegierigen Kindern Kontakt aufnahm. Ja, und mehrmals war ich Zeuge und oftmals auch Helfer, wenn wir über vagabundierende Russen und Polen informierten, die im Dorf plünderten und Unruhe verbreiteten. Dann war es in der Regel so, dass der Kommandant zu seiner bereitstehenden „Hans-Sachs“ lief und einen von uns Kindern aufforderte, auf den Notsitz hinter ihm Platz zu nehmen. Am Plünderungsort bzw. Haus angekommen, hat der Kommandant zu unserem größten Erstaunen in sehr konsequenter Art und Weise sehr schnell Einhalt (ab und zu auch mit seiner Reitpeitsche…) geboten und die Plünderer der Wachmannschaft übergeben.
Diese und andere Erlebnisse über das wirklich humanistische Verhalten der Angehörigen der Sowjetarmee bestätigen nunmehr nur nicht mich in der Erkenntnis: Die Sowjetarmee ist unser Befreier vom Faschismus!
Später, als ich dann solche Bücher von sowjetischen Autoren gelesen habe, wie Nikolai Ostrowski`s „Wie der Stahl gehärtet wurde“, wurde mir auch deutlich, worin der Sinn des Lebens bestehen muss. Denn die Erkenntnis, die Ostrowski seinen Haupthelden Pavel Kortschagin nach der Überwindung einer weiteren schweren Krankheit gedanklich verinnerlichen lässt, ist seitdem auch die Meinige. Da ich diese Gedanken für jeden revolutionären Kämpfer für so wertvoll halte, möchte ich diese Zeilen hier wörtlich zitieren:
„Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nutzen, dass ihn später sinnlos vertahne Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht. Und er muss sich beeilen zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.“ [Kinderbuchverlag Leipzig,1.Auflage 2004,Seite 239]
Abschließend möchte ich jetzt als fasst 77 jähriger Kämpfer erklären, dass für mich der achte Mai – der Tag der Befreiung vom Faschismus – der bedeutenste Gedenktag geworden ist und dass ich nach Möglichkeit diesen Tag nutze, um bei der Gedenkfeier auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof am Puschkinplatz anwesend zu sein und zum wiederholten Male den Gefallenen zu gedenken und auch zu danken.
Und zum Schluss möchte ich der Hoffnung fordernden Ausdruck verleihen, dass endlich der achte Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus als staatlicher Festtag in ganz Deutschland gesetzlich erklärt und von allen demokratisch denkenden Menschen begangen wird.


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