Rostock: Weshalb Gauck nichts in Lichtenhagen zu suchen hat und eine deutsche Eiche mehr als fehl am Platz ist

Joachim Gauck kommt am 26. August nach Rostock. Am gleichen Tag soll eine deutsche Eiche in Erinnerung an die Pogrome vor 20 Jahren am Sonnenblumenhaus gepflanzt werden.

Von Michael Bodicke

Dieses Wochenende jähren sich die Pogrome in Rostock Lichtenhagen zum 20. Mal. Mehrere tausend Menschen belagerten tagelang das sogenannte Sonnenblumenhaus, indem neben der ehemaligen Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber_Innen (ZAST) auch ein Wohnheim ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter_Innen war.

Lichtenhagen bewegt sich? Kannste abhaken.
Der 26. August bildet den Höhepunkt der städtischen Lichtenhagen-Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“, der immer wieder nachgesagt wird, eine bloße Imagekampagne der Stadt und des Stadtteils zu sein. Über 100 kleinere Veranstaltungen hat diese Kampagne, die federführend vom „Bund statt braun“ e.V. – also von SPD und Grünen – gestaltet wird, immerhin schon organisiert. Die meisten dieser Veranstaltungen waren jedoch Kulturveranstaltungen, die sich wenig oder gar nicht mit den Ursachen der Pogrome beschäftigten.

Fahrrad fahren und fröhliches Lieder singen – ist das nicht viel schöner als Ursachenforschung?
Mit mehreren zehntausend Flyern wird der Zeit eine Fahrrad Demo nach Lichtenhagen beworben. Von Insgesamt 12 Startpunkten sollen die Menschen aus der ganzen Hansestadt mit Fahrrädern und anderen Vehikeln nach Lichtenhagen fahren. In dem Flyer heißt es unter anderem „Lasst uns zeigen, dass Rostock sich seit 1992 verändert hat und Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kein Platz mehr haben.“ Eigenartig ist dieser Satz schon, aktuell sitzen zwei Abgeordnete der faschistischen NPD in der Rostocker Bürgerschaft, aktive Nazigruppen treiben in vielen Stadtteilen ihr Unwesen.
In Lichtenhagen angekommen, soll der Sänger Gerhard Schöne mit 300 angekündigten Kindern auf einer bombastischen Bühne singen. Zwar hat Schöne durchaus passende Lieder für so einen Anlass – stellvertretend sei hier nur das Lied „Spatzen und Wellensittich“ genannt – aber auch bekannte Lieder wie „Ein Popel“ gehören zu seinem möglichen Programm. Was er letztlich wirklich spielen wird, ist noch unbekannt.


Bild: Schöner Schmetterling und doch kaum Inhalt – Flyer des „Bunt statt Braun“ e.V.

Joachim Gauck und eine deutsche Eiche.
Doch ist das fröhliche Kinderlieder singen 20 Jahre nach dem Pogrom nicht der einzige und schon gar nicht der letzte Hohn auf die Opfer. Als „Erinnerung und Mahnung“ wird an diesem Tag ein Baum gepflanzt. Es handelt sich nicht um irgend einen Baum. Eine deutsche Eiche soll es sein. Immerhin waren es ja auch deutsche Verhältnisse, die zu den Pogromen überhaupt erst führten. Welche Gedankengänge müssen eigentlich in einem Menschen vorgehen, der sich solch eine pervertierte Veranstaltung ausdenkt?
Als letzter Coup des Tages kommt anschließend der Bundespräsident Joachim Gauck höchstpersönlich nach Lichtenhagen, um dort vor bis zu 1.000 erwarteten Menschen zu sprechen. Gauck war Anfang der 90er Jahre Pfarrer in Rostock. Obwohl der studierte Theologe als Redner – unabhängig von seinen Inhalten – nicht zu unterschätzen ist, kam von dem Evangelisten kein Wort in jenen Augusttagen, als das Sonnenblumenhaus brannte und über einhundert Menschen um ihr Leben fürchten mussten. Er zog es vor, nichts zu sagen. Nirgends ließ er sich blicken und wie so viele neue und alte Bundesdeutsche ließ er die Geschehnisse gleichgültig an sich vorüberziehen. Was er diesen Sonntag sagen wird, bleibt spannend. Vielleicht spricht er Thilo Sarrazin bei der Gelegenheit erneut „Mut“ für sein rassistisches Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus. Wir werden sehen.


Bild: Sicher besser besucht als der Gauck-Auftritt – bundesweite Antira Demo am 25. August durch Lichtenhagen.

Die „zentrale Gedenkveranstaltung der Hansestadt Rostock“, wie das schizophrene Spektakel am Sonntag von den Organisator_Innen genannt wird, scheint mehr ein perfider Versuch, sich vermeintlich tolerant zugeben. Gleichzeitig werden politisch zweifelhafte Politiker_Innen eingeladen und der breiten Bevölkerung vorgegauckelt, sie könnten mit der Teilnahme an den Veranstaltungen der städtischen Kampagne ein Zeichen setzen. Selbst die Partei Die Linke, die sich sonst immer klar gegen Joachim Gauck stellte, rudert diesmal mit. Offenbar nicht umsonst bekam die Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ bei einem Benefizkonzert einen Preis über 3.000€ von der Bundes- und Landespolizei. Lichtenhagen bewegt sich? Mit diesen Leuten kein Stück!


3 Antworten auf „Rostock: Weshalb Gauck nichts in Lichtenhagen zu suchen hat und eine deutsche Eiche mehr als fehl am Platz ist“


  1. 1 Ekkard Bäuerle 26. August 2012 um 8:53 Uhr

    Ein bedeutender Teil der Verantwortung für das damalige Geschehen liegt bei den Verantwortungsträgern der ehemaligen DDR, die ihre Bürger nur scheinbar zum Antifaschismus, in Wahrheit aber zu faschistoidem Untertanengeist erzogen. Herr Gauck war immer ein Mann der Freiheit. Solche Leute haben keine Angst vor dem neuen und fremden und zünden deshalb weder rhetorisch noch faktisch Häuser an. Das tun die anderen.

  2. 2 Katharina 07. September 2012 um 9:44 Uhr

    Was seitens der Parteien organisiert wurde, ist vllt. fragwürdig, aber ganz Rostock über einen Kamm zu scheren, ist nicht richtig. Viele kleine Organisationen und kleine private Gruppen haben sich zur Demo aufgemacht, um ihr Bedauern und ihre Menschenliebe mitzuteilen, auch wenn sie neben den Parteien liefen. Es sprachen Asylbewerber, Orgas und Betroffene und für die meisten Demonstranten geht es nicht um Image, (wobei ich mir nicht mal vorstellen kann, dass es nur einer ist.), sondern um Anteilnahme. Ich finde den Blog einseitig und er stellt nur die doppelmoralischen Parteien hin und gibt dem dann die Überschrift GANZ ROSTOCK. Wir sind die 99%, nicht vergessen.

  3. 3 Klux 07. September 2012 um 12:26 Uhr

    Wo steht in dem Text was von „ganz Rostock“? oO

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