Das war das Wochenende 20 Jahre nach den Pogromen in Rostock Lichtenhagen

Das vergangene Wochenende hatte es in sich. Eine Vielzahl von Gedenkveranstaltungen erinnerten an die Pogrome vor 20 Jahren in Rostock Lichtenhagen am Sonnenblumenhaus, nicht alle davon konnten oder wollten dem historischen Datum Rechnung tragen.

Unpolitisches Konzert der Grünen in Rostock am Stadthafen
Bereits diesen Freitag fand im Rostocker Stadthafen ein Konzert unter dem Titel „Lichtenhagen bewegt“ statt. Organisiert wurde das groß beworbene Konzert offiziell von dem Verein „Bunt statt braun“. Die von Grünen und SPD dominierte „Bürger_Inneninitiative“ musste dabei als Tarnorganisation herhalten, um eine vermeintliche Überparteilichkeit vorzutäuschen. Guckt mensch auf die Unterstützer_Innenliste und nach den Verantwortlichen, tauchen allerdings fast nur Bündnis90/Die Grünen auf. So hat beispielsweise der „Demokratiefonds“ der Bündnisgrünen Landtagsfraktion Geld gegeben, der ASTA der Universität Rostock hat unter anderem auf Drängen der Grünen das Konzert offiziell unterstützt und in seinem Newslettern beworben und auch die grüne Heinrich-Böll Stiftung MV bezuschusste die Aktion ordentlich. Hunderte Plakate und Postkarten machten seit Wochen auf das Konzert in der Rostocker Innenstadt aufmerksam. Ein Plakat in den äußeren Gebieten der Stadt, wie etwa Lichtenhagen selbst, suchte mensch vergeblich und so blieb das Klientel des „Bunt statt braun“ auf der Haedgehalbinsel letztlich auch fast unter sich.
Neben unpolitischer Musik, unter anderem von „Die Reise“ und „17 Hippies“, wurden einige Videocollagen in den Umbaupausen gezeigt. Die Stimmung während des Konzerts war ausgelassen fröhlich, von einer Erinnerung an die Todesangst von über 100 Menschen vor 20 Jahren im Sonnenblumenhaus war nichts zu spüren und so müssen sich die Veranstalter_Innen dieses Konzerts den Vorwurf gefallen lassen, das Thema wieder einmal völlig verfehlt zu haben. Die wirklich wichtigen Aktivitäten würden an diesem Wochenende ohne „Bunt statt braun“ e.V. und seine Schön-Wetter Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ stattfinden.

Eine Tafel für das Rathaus
Be­reits am Vor­mit­tag des 25. Au­gust fan­den sich auf dem Ros­to­cker Neuen Markt 2.​000 Teil­neh­me­r_In­nen zu einer Kund­ge­bung ein. Ver­tre­ter_Innn an­ti­ras­sis­ti­scher In­itia­ti­ven wie­sen dar­auf hin, dass das Po­grom bis heute auch für eine un­glaub­li­che Igno­ranz po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tungs­trä­ger ge­gen­über den Be­trof­fe­nen steht.
Wenige Monate nach den Pogromen in Lichtenhagen versuchte die Gruppe „Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs“ um Beate Klarsfeld am Rostocker Rathaus eine Erinnerungsplakette für die Opfer der Pogrome anzubringen. Damals wurde Klarsfeld mit 42 anderen Aktivist_Innen dafür eingesperrt und die Tafel beschlagnahmt.
Während der Kundgebung vergangenen Sonnabend war der Platz voll mit Menschen. In einer eindrucksvollen Rede schilderte Abou Bacar Sy seine Erfahrungen im Mecklenburg-Vorpommerschen Erstaufnahmelager Horst. Er beschrieb das unmenschliche deutschen Asylregime – mit Lagerunterbringung, Residenzpflicht, Gutscheinsystem, dauerhaft unsicherem Aufenthaltsstatus, ständigen Polizeikontrollen und rassistischen Bemerkungen im Alltag.
Unter gro­ßem Bei­fall konn­ten Cor­ne­lia Kerth und Hein­rich Fink, Bun­des­vor­sit­zen­de der VVN-​BdA, am Rat­haus mit Bil­li­gung des Ober­bür­ger­meis­ters am Ende der Kundgebung ein Duplikat der ursprünglichen Ge­denk­ta­fel an­brin­gen. Damit wurde den ur­sprüng­li­chen In­itia­to­ren der Tafel his­to­ri­sche Ge­rech­tig­keit getan. Anschließend wurde ein Gruß­wort Klarsfeld verlesen, die leider nicht selbst anwesend sein konnte. Darin griff sie erneut die ag­gres­si­ve und an­ge­sichts der Un­tä­tig­keit ge­gen­über dem ras­sis­ti­schen Mob umso em­pö­ren­de­re Be­hand­lung Sei­tens der Po­li­zei vor 20 Jahren und danach scharf an.


Bild: Die Tafel am Rostocker Rathaus. Wie lange die Stadtverwaltung sie hängen lassen wird, ist abzuwarten.

6.000 bei der Demonstration „Grenzenlose Solidarität“
Die mit Abstand größte Veranstaltung an diesem Wochenende bildete die zentrale Demonstration „Grenzenlose Solidarität“, zu der neben der VVN-BdA unter anderem von den Bündnissen „Rassismus tötet“ und „Das Problem heißt Rassismus“ aufgerufen wurde. Etwa 6.000 Menschen sammelten sich gegen 14Uhr am Busbahnhof Rostock Lütten Klein. Als dann endlich die letzten Züge und Busse mit weiteren Demonstrationsteilnehmer_Innen am Bahnhof angekommen waren, ging es mit einer knappen Stunde Verspätung los. Mit bunten Transparenten, Fahnen und Schildern zog sich der unendlich lang erscheinende Tross erst über die Autobahnbrücke beim Bahnhof in Lütten Klein und erstreckte sich schließlich über die Warnow Allee in Richtung Lichtenhagen. „Grenzenlose Solidarität“ und „Das Problem heißt Rassismus“ stand unter anderem auf den vordersten Transparenten. Wochen- und monatelang hatte die lokale Politik unterstützt von der hiesigen Springerpresse einen gewaltbereiten, vermeintlich linksextremen Mob stilisiert, der sich zur Demo in Rostock verabreden würde. Sie alle wurden enttäuscht. Der friedliche Verlauf ist sicher auch der Zurückhaltung der Polizei geschuldet, denn wo kein Provokateur, da auch keine Reaktion. Während der Auftaktkundgebung, den beiden Zwischenkundgebungen und der Abschlusskundgebung sprachen insgesamt über 20 Vertreter_Innen aus hauptsächlich antirassistischen Organisationen. Der kilometerlange, entschlossene Demonstrationszug setzte damit ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Neofaschismus im Alltag. „Rassismus ist kein Randphänomen“, erklärte ein Sprecher des Berliner Bündnisses. Und weiter: „Er wächst in der Mitte der Gesellschaft. Klar ist aber auch: Wo immer rassistische Gewalt aufbricht, müssen und werden wir entschlossen einschreiten.“ Zur De­mons­tra­ti­on hat­ten mehr als 100 An­ti­fa-​Grup­pen, Flücht­lings­rä­te, mi­gran­ti­sche Grup­pen, Ge­werk­schaf­te­r_In­nen, Ju­gend­grup­pen, Bands, linke Grup­pen, dä­ni­sche An­ti­fa­schis­t_Innen und ein­zel­ne Par­tei­ver­tre­ter_Innen auf­ge­ru­fen.
Am Ende der durchweg friedlichen, aber entschlossenen, Demonstration wartete eine musikalische Abschlusskundgebung in Blickweite des Sonnenblumenhauses in Lichtenhagen.


Bild: Die Demo startet am Bahnhof Lütten Klein in Rostock.


Bild: Über 6.000 Menschen nahmen an der Denonstration teil.


Bild: Am Rande der Demo standen Einige, denen der Aufzug nicht zu gefallen schien.


Bild: Die Demo auf der Warnow Allee in Richtung Lichtenhagen.

Musikalische Abschlusskundgebung „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“
Gegen 18Uhr30 begann die letzte Kundgebung für diesen Tag in Rostock. Etwa 1.000 Menschen nahmen an der musikalischen Abschlusskundgebung „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“ teil. Auch hier blieb es bis auf einige Provokationen örtlicher Neonazis friedlich und entspannt. Bis halb elf Uhr abends lauschten Viele unter anderem dem Stück „Asyl­mo­no­lo­ge“, das sich in be­ein­dru­cken­der Au­then­ti­zi­tät mit der Le­bens­si­tua­ti­on von Asyl­be­wer­bern be­schäf­tigt. Neben weiteren kuren Redebeiträgen traten unter anderem die Band „Frittenbude“ auf. Besonders viel Applaus und Anerkennung erhielt allerdings die allseits beliebte Rostocker Band „Feine Sahne Fischfilet“.


Bild: Die Moderator_Innen während der musikalischen Abschlusskundgebung.


Bild: Feine Sahne Fischfielt während ihres Gigs.


Bild: Frittenbude spielte als letzte Gruppe…

World Café „Lichtenhagen, NSU und alle schauen zu…“
Auch am Sonntag konnten antifaschistische und antirassistische Gruppen Akzente setzen. Wieder war es die VVN-BdA, die zu einem World Café unter dem Titel „Lichtenhagen, NSU und alle schauen zu…“ einlud, sich im Peter-Weiß Haus zu treffen und zu diskutieren. Etwa 50 Menschen folgten der Einladung und tausch­ten sich unter anderem inten­siv dar­über aus, wie So­li­da­ri­tät prak­tisch wer­den kann.
Bei gutem Wetter und entspannter Laune konnten Einige auch noch nach dem World Café im Freigarten des Peter-Weiß Hauses sitzen und sich von dem zwar erfolgreichen, aber auch anstrengendem Wochenende zu erholen.

Gauck und die deutsche Eiche in Lichtenhagen
Die Imagekampagne der Stadt Rostock „Lichtenhagen bewegt sich“ hatte für den Sonntag ausgerechnet den Bundespräsidenten Joachim Gauck nach Lichtenhagen eingeladen. Dass am Sonn­tag auf einer of­fi­zi­el­len Ver­an­stal­tung nicht nur aus­ge­rech­net eine „deut­sche Eiche“ als Er­in­ne­rungs­baum an das ras­sis­ti­sche Po­grom gepflanz­t und Kri­ti­k_Inner im Pu­bli­kum, die ihm „Heu­che­lei“ vor­war­fen, von Gauck unter anderem mit Neo­na­zis in einen Topf geworfen wurden, ver­wun­dert nicht. Gauck hatte sich 1992 mit kei­nem Wort gegen das Po­grom ge­äu­ßert. Auch erklärte das Bündnis „Das Problem heißt Rassismus“ hierzu: „Stadt und Staat behaupten, sie hätten aus den Pogromen „gelernt“. Gleichzeitig läuft die Abschiebemaschinerie reibungslos, und Ressentiments sind alltäglich, heute insbesondere der antimuslimische Rassismus.
Am Rande der Veranstaltung wurden zwei Mit­glie­dern des deutsch-​afri­ka­ni­schen Freun­des­krei­ses Dar­a­ja e.V. der Ein­lass zur Ge­denk­ver­an­stal­tung der ras­sis­ti­schen Po­gro­men von vor 20 Jah­ren ver­wehrt – trotz of­fi­zi­el­ler Ein­la­dung und ohne Be­grün­dung. In einem kurzen Video erklären die beiden ihre Fassungslosigkeit über das Verhalten der Organisator_Innen der Veranstaltung. Torsten Sohn (Grüne), Geschäftsstellenleiter von „Bunt statt braun“ e.V. und Hauptorganisator der Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ wird sich die kommenden Tage für die scheinbar rassistische Selektionspolitik am Einlass der Gauck-Veranstaltung rechtfertigen müssen. Einen ausführlichen Artikel von der Veranstaltung gibt es unter anderem auf Kombinat Fortschritt.

Nach Lichtenhagen ist vor Lichtenhagen
Die Ver­an­stal­tun­gen zum Ge­den­ken an den 20. Jah­res­tag das ras­sis­ti­schen Po­groms in Ros­tock-​Lich­ten­ha­gen waren ein gro­ßer Er­folg, der Mut macht, wei­ter gegen Ras­sis­mus in Deutsch­land zu kämp­fen. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass rassistische Vorurteile auch heute noch in vielen Köpfen stecken. Selbst in der Verwaltung der Stadt und in selbsternannten Bürger_Inneninitiativen herrscht dieser Ungeist offenbar immer noch. Das enge Zusammenspiel von antifaschistischen und antirassistischen Gruppen bleibt deshalb bitter nötig. Wir danken allen Menschen, die sich in den verschiedensten Formen an den unterschiedlichen Veranstaltungen beteiligt haben und mahnen gleichzeitig zur Wachsamkeit gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz. Nicht nur in Lichtenhagen fanden solche und schlimmere Pogrome statt. Auch künftig werden wir auf die Straßen gehen und dem rassistischen Normalzustand entgegentreten.


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