Nach dem Naziaufmarsch vom 20. Oktober in Wismar – Kriminalisierung antifaschistischen Engagements durch die politische Polizei

Erklärung der Roten Hilfe Greifswald vom 6. Dezember 2012

Für den 20. Ok­to­ber 2012 mel­de­te die JN, die Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on der NPD, einen Auf­marsch in der Han­se­stadt Wis­mar an. Die­ser konn­te durch zwei Sitz­blo­cka­den von An­ti­fa­schis­tIn­nen ver­zö­gert wer­den, ob­wohl die ein­ge­setz­ten Po­li­zei­be­am­tIn­nen teils mas­si­ve Ge­walt gegen diese an­wen­de­ten.

An der Ka­nal­str/Ecke Dahl­berg bil­de­te sich die grö­ße­re der zwei Blo­cka­den. Etwa hun­dert Men­schen saßen fried­lich auf der Stra­ße, wur­den je­doch schon nach kur­zer Zeit von an­we­sen­der Be­reit­schafts­po­li­zei kom­plett um­stellt. In den fol­gen­den Stun­den kam es sei­tens der Po­li­zei zu kei­ner­lei Auf­for­de­rung an die Sitz­blo­ckie­ren­den die Stra­ße zu ver­las­sen. Im Ge­gen­teil, durch den il­le­ga­len Po­li­zei­kes­sel waren die Men­schen sogar ge­zwun­gen an Ort und Stel­le zu blei­ben, da das frei­wil­li­ge Ver­las­sen der Sitz­blo­cka­de von den Po­li­zei­be­am­tIn­nen nicht er­laubt wurde. Wäh­rend der ge­sam­ten Zeit wur­den auf der Stra­ße sit­zen­den von der Po­li­zei ab­ge­filmt, sogar als man­che man­gels Al­ter­na­ti­ven in einen Gulli uri­nie­ren muss­ten waren sie den Ka­me­ras der Po­li­zei schutz­los aus­ge­lie­fert. Die­ses letzt­lich sehr un­frei­wil­li­ge, von der Po­li­zei über Stun­den er­zwun­ge­ne Ver­har­ren auf der Stra­ße hatte al­ler­dings den ge­wünsch­ten Ne­ben­ef­fekt, dass die Nazis von ihrer an­ge­mel­de­ten Route ab­wei­chen muss­ten.

Trotz feh­len­der Auf­for­de­run­gen zum Ver­las­sen der Stra­ße und rechts­wid­ri­ger Ein­kes­se­lung wur­den nach Ende des Na­zi­auf­mar­sches die Per­so­na­li­en aller Sitz­blo­ckie­re­rIn­nen fest­ge­stellt, teil­wei­se Licht­bil­der an­ge­fer­tigt und allen wur­den Straf­ver­fah­ren an­ge­droht. Seit Mitte No­vem­ber schickt die Po­li­zei nun Vor­la­dun­gen zur Ver­neh­mung an die Be­trof­fe­nen. Sie wer­den der ‚Nö­ti­gung‘ und der ‚Stö­rung einer öf­fent­li­chen Ver­samm­lung‘ be­schul­digt und zudem auf­ge­for­dert sich er­ken­nungs­dienst­lich (ED) be­han­deln zu las­sen. Dass eine ein­fa­che Sitz­blo­cka­de sogar laut Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts von 1996 nicht mehr als Nö­ti­gung nach §240 StGB ge­wer­tet wer­den darf ist beim ‚Staats­schutz‘ der Po­li­zei MV wohl noch nicht an­ge­kom­men. Be­reits nach dem 1. Mai 2011, als die NPD durch Greifs­wald mar­schier­te und dabei mas­siv durch Sitz­blo­cka­den be­hin­dert wurde, über­zog die Po­li­zei die Sitz­blo­ckie­re­rIn­nen mit Straf­ver­fah­ren. Auch hier hieß der Vor­wurf ‚Ver­dacht der Nö­ti­gung‘. Alle auf­ge­nom­men Ver­fah­ren wur­den da­mals sang- und klang­los ein­ge­stellt, da der Vor­wurf ju­ris­tisch nicht halt­bar war. Der Vor­wurf der ‚Stö­rung einer Ver­samm­lung‘ nach §21 VersG. ist eben­so ab­surd, da es sei­tens der Po­li­zei kei­ner­lei Be­stre­bun­gen gab die Sitz­blo­cka­de auf­zu­lö­sen oder die Blo­ckie­re­ren­den zu einem frei­wil­li­gen Ver­las­sen der Stra­ße zu be­we­gen. Mehr­ma­li­ges Auf­for­dern durch die Po­li­zei ist recht­lich vor­ge­se­hen, es kam al­ler­dings nicht zu einer ein­zi­gen Auf­for­de­rung. Die be­reits er­wähnt hin­der­te die Po­li­zei viel­mehr alle Sitz­blo­ckie­re­rIn­nen am frei­wil­li­gen Ver­las­sen der Stra­ße.

Letzt­lich und rein recht­lich ge­se­hen blo­ckier­ten daher nicht die An­ti­fa­schis­tIn­nen die Route der Nazis son­dern die Po­li­zei selbst. Der größ­te Skan­dal an den Vor­la­dun­gen stellt al­ler­dings die an­ge­ord­ne­te ED-​Be­hand­lung der Be­schul­dig­ten dar, bei der Fin­ger­ab­drü­cke, Pro­fil­fo­tos der Ge­sich­ter und An­ga­ben zu Kör­per­grö­ße und Kör­per­ge­wicht er­fasst wer­den sol­len. Selbst wenn die Vor­wür­fe der Nö­ti­gung und der Stö­rung der Ver­samm­lung halt­bar wären, so wür­den die Fin­ger­ab­drü­cke der Be­schul­dig­ten wohl kaum zur Auf­klä­rung der „Tat“ ‚Sitz­blo­cka­de‘ die­nen. „Wir ver­mu­ten, dass die Po­li­zei es als will­kom­me­nen An­lass sieht mas­sen­haft sen­si­ble Daten von mut­maß­li­chen An­ge­hö­ri­gen der lin­ken Be­we­gung zu sam­meln und in ihren Da­ten­ban­ken zu spei­chern.“ so Su­san­ne Ernst, Pres­se­spre­che­rin der Roten Hilfe e.V. Greifs­wald. „Die Vor­la­dun­gen hal­ten wir fol­ge­rich­tig auch nur für einen bil­li­gen Ver­such der Ein­schüch­te­rung und Kri­mi­na­li­sie­rung des sonst doch so ge­for­der­ten En­ga­ge­ments gegen die NPD und an­de­re Nazis“ führt Su­san­ne Ernst wei­ter aus.

Die Rote Hilfe Greifs­wald for­dert die Po­li­zei auf die Kri­mi­na­li­sie­rung von mut­maß­li­chen und tat­säch­li­chen lin­ken Ak­ti­vis­tIn­nen zu un­ter­las­sen. Wei­ter­hin for­dern wir alle auf, die von der Will­kür des Staats­schut­zes be­trof­fen sind, von ihrem Recht Ge­brauch zu ma­chen nicht zu der­ Ver­neh­mung zu er­schei­nen, sowie sich schnellst­mög­lich per E-​Mail bei uns zu mel­den.

Mehr Infos: rotehilfegreifswald.blogsport.de


1 Antwort auf „Nach dem Naziaufmarsch vom 20. Oktober in Wismar – Kriminalisierung antifaschistischen Engagements durch die politische Polizei“


  1. 1 Xrizly 07. Dezember 2012 um 6:35 Uhr

    moin!ist ja unfassbar sowas zu lesen!man sollte meinen das der staat im zuge der nsu-geschichte gelernt hat.kann man sowas nicht öffentlicher machen,mit presse und so?ich wünsch euch weiterhin viel erfolg bei eurer arbeit.sgXRIZly

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