Greifswald: Stolpersteine werden neu verlegt

In der Nacht zum 9. November vergangenen Jahres, dem Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, wurden alle elf Stolpersteine in der Hansestadt aus ihrer Verankerung gerissen und gestohlen. Nur elf Löcher im Boden blieben von den Plättchen, auf denen Namen und Lebensdaten von vom NS-Regimes verfolgter Jüd_Innen eingraviert waren. Alles deutete auf einen rechtsradikalen Hintergrund hin, umso größer war das Entsetzen über den Diebstahl auch außerhalb Greifswalds.

Neuanfertigungen der Stolpersteine im Rathaus zu besichtigen
Nur wenige Stunden nach Bekanntwerden des Diebstahls wurden erste Spenden für die Erneuerung der Stolpersteine gesammelt. Gespendet hatten Abgeordnete von nicht-rechten Parteien und eine Vielzahl von Einzelpersonen. 7.780€ konnten insgesamt gesammelt werden. Damit war das Spendenaufkommen so groß, dass sogar zwei neue Stolpersteine in der Stadt aufgestellen kann. “Wir sind dankbar für die riesige Spendenbereitschaft” erklärte Matthias Tuve, Seelsorger der evangelischen Studentengemeinde in Greifswald, die 2008 die Stolperstein-Verlegung in der Stadt angestoßen hatte. „Die Spendenbereitschaft war so gewaltig, dass wir die Steine sehr schnell zusammenbekommen haben. Es war klar, dass diese Steine, sobald sie hier sind, den Bürgerinnen und Bürgern gezeigt werden sollen. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, sie im Bürgerschaftssaal auszustellen“, erklärte sagte Christine Dembski, die Koordinatorin des Greifswalder Präventionsrates. Die Stolpersteine sind seit vergangenen Mittwoch im Greifswalder Rathaus zu besichtigen.

Politisch motivierter Diebstahl verfehlt Ziel völlig
Mit der konzentrierten Aktion genau in der Nacht zum neunten November wollte die hiesige Neonazisszene einmal mehr provozieren. Der vermeintliche Paukenschlag gegen die Erinnerungskultur an die faschistischen Verbrechen und den heutigen antifaschistichen Widerstand gegen alte und neue Nazis erreichte diesmal das Gegenteil. Empörung und ein Gefühl des „jetzt erst recht“ sorgten dafür, dass innerhalb weniger Monate die Stolpersteine erneuert werden können und in Zukunft sogar an zwei weitere Verfolgten des Naziregimes in der Stadt gedacht wird. “Die Gegner haben mit ihrer Aktion genau das Gegenteil erreicht, was sie eigentlich wollten”, sagte Tuve in Bezug auf die Täter_Innen. 250 Menschen nahmen an einem Gedenkmarsch durch Greifswald in Reaktion auf die Diebstähle teil.

Unfähigkeit der Polizei schützt die Täter_Innen
Obwohl die Solidarität groß war und die Stolpersteine recht schnell ersetzt werden konnten, bleibt ein Wehmutstropfen. Noch immer gibt es keine Spur von den Täter_Innen. Selbst eine Belohnung von 5.000€ für Hinweise, die zur Ergreifung führen, brachte die hiesige Polizei auf keine heiße Spur. Hier muss sich der vermeintliche „Freund und Helfer“ einmal mehr den Vorwurf gefallen lassen, zwar gegen Antifaschist_Innen – die zum Beispiel gegen einen NPD-Aufmarsch ebenfalls am 9. November in Wolgast demonstrieren – vorzugehen, aber Neonazis merklich mit Samthandschuhen anzufassen. Auch das jüngste Gerichtsurteil in Dresden, in dem ein Mann angeblich zum Blockieren des Naziaufmarsches am 13. Februar 2011 aufgerufen haben soll, wurde unlängst zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, lässt kaum einen anderen Schluss zu. Eindeutig identifiziert werden konnte der Beschuldigte jedoch nicht.
Wenige Wochen nach dem Diebstahl der Stolpersteine in Greifswald wurden auch in Sassnitz auf Rügen die Stolpersteine aus dem Boden gerissen und gestohlen. Auch hier konnte die Polizei noch keine Täter_Innen ermitteln, zu viele Beamt_Innen waren offenbar mit dem Schreddern von NSU-Akten beschäftigt, sodass eine effektive Fahnung ausblieb.

Im Mai werden die dreizehn neuen Stolpersteine in Greifswald verlegt.


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