„Der 8. Mai ist für die Neonazis ein spezielles Thema“ – Interview mit Andrea von Demmin Nazifrei

Die Stadt Demmin ist den meisten Menschen in MV und darüber hinaus kaum bekannt. Eine verschlafene Ortschaft irgendwo auf dem Land. Doch seit einigen Jahren rückt die Stadt in den Focus. Regelmäßig marschieren Nazis am 8. Mai durch die Stadt und versuchen die Geschichte zu verdrehen. Auch dieses Jahr wollen Neofaschist_Innen durch Demmin laufen. Das Bündnis Demmin nazifrei / Aktionsbündnis 8. Mai Demmin organisiert Proteste gegen den braunen Aufzug.

Ein Interview mit Andrea von Demmin Nazifrei

INO: Zum sechsten Mal in Folge wollen Nazis ausgerechnet am 8. Mai – dem Jahrestag der Befreiung – durch Demmin marschieren. Wieso ausgerechnet Demmin?

Andrea: Auf der Suche nach einem anschlußfähigem Thema im Bereich der Kriegsfolgen kamen die Nazis 2006 zu ersten Mal nach Demmin, da der massenhafte Selbstmord beim Einmarsch der roten Armee noch nicht wirklich verarbeitet war. Während der DDR-Zeit war das Thema tabuisiert und so gärte vieles unwidersprochen. Andere Themen, bei denen sie auf Unterstützung hofften sind die Zerstörung der Stadt Vergewaltigung und Vertreibung.

INO: Ihr organisiert zusammen mit anderen Gruppen und Bündnnissen auch dieses Jahr den Protest gegen die Nazis. Was sind eure Erfahrungen aus den letzten Jahren? Nimmt der Protest zu oder interessieren sich die Menschen erst dieses Jahr für den Naziaufmarsch?

Andrea: Die Menschen aus Demmin selbst zu aktivieren ist ein wenig zäh, wurde aber die letzten Jahre langsam besser. Wichtig ist am 8. Mai auch immer die Unterstützung von außerhalb.
Bis jetzt wurden es jedes Jahr mehr beim Friedensfest sowie bei den Aktionen gegen die Nazis.
Und für diese Jahr erwarten wir wieder eine spürbare Steigerung – wir sind gespannt.

INO: In den vergangenen Wochen haben NPD und andere Nazis ihre Aktivitäten in der Stadt verstärkt. Hängt das direkt mit dem Naziaufmarsch zusammen oder kommt die rechte Szene in Demmin nur bei eitel Sonnenschein auf die Straße?

Andrea: Die Nazis allgemein haben beschlossen im Frühjahr sichtbarer zu werden – ist halt Wahljahr. Sie wollten auch im Vorfeld vom 8. Mai Stimmung machen. Ansonsten sind da schon einige das ganze Jahr über wahrnehmbar.

INO: Welche Gruppen haltet ihr für gefährlicher in euer Stadt? Die NPD oder die „Freien Kräfte“?

Andrea: In MV ist da ja nicht so viel Unterschied. Koordiniert wird die Demo am 8. Mai von der NPD. Im Alltag sind es in Demmin wohl eher die freien Kräfte.

INO: Am 8. Mai wird es unter anderem ein Friedensfest in Demmin geben. Was genau habt ihr dort geplant und wer wird dort auftreten?

Andrea: Das Friedensfest selbst ist eine heterogene Veranstaltung, ein breites Bündnis gegen Nazis, organisiert vom Aktionsbündnis 8. Mai Demmin. Nach der Eröffnung gibt es einige Reden von Funktionsträger_innen, durchsetzt mit kulturellen Beiträgen. Wichtig ist auch der historische Stadtrundgang. Dann kommen verschiedene Musiker_innen, und kleinere Reden, als letztes Krach aus Greifswald. Genaues Programm findet sich unter www.friedensfestdemmin.wordpress.com

INO: Die NPD verzichtete dieses Jahr auf einen Aufmarsch am ersten Mai in MV. Glaubt ihr, dass wird sich auf den Aufmarsch am 8. Mai auswirken?

Andrea: Die Nazis aus MV waren ja auch am 1. Mai unterwegs. Und der 8. Mai ist für die Neonazis ein spezielles Thema. Ich erwarte Zahlen wie im letzten Jahr, den „harten“ Kern.
Den Rückgang der Teilnehmer_innenzahlen beim „Ehrendienst in den letzten zwei Jahren würde ich auf unsere Gegenaktionen zurückführen.

INO: Die Aufmärsche in der Stadt sind auf mehrere Jahre im Voraus angemeldet worden. Welche Strategie der Nazis steckt dahinter?

Andrea: Sie betonen damit, dass ihnen der 8. Mai in Demmin wirklich wichtig ist und sie sich von den Protesten dagegen nicht vertreiben lassen wollen. Beim letzten 8. Mai hatten sie sich auch geärgert, dass sie keine attraktive Route bekamen.

INO: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für unser Gespräch genommen habt. Wollt ihr den Leser_Innen noch einen letzten Satz mit auf den Weg geben?

Andrea: Wir haben 2009 angefangen uns besser zu organisieren, zu vernetzen. Es brauchte einen langen Atem in der „Provinz“, aber wir finden wir sind erfolgreich damit – am 8. Mai wie im Alltag.

INO: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast.


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