Zur Kritik der „Totalitarismus-Doktrin“

Teil 1 der Reihe „Totalitarismus“-Doktrin und die „Extremismus-Diskussion“

Von Thomas Willms

Wesentlich und durch die Nähe zu Staatsschutzeinrichtungen nahezu in offiziellem Auftrag werden die „Totalitarismus-“ und „Extremismus-Thesen“ in der Bundesrepublik z.Zt. von den Professoren Backes und Eckhard Jesse vertreten, die sich als neutrale Sachwalter der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland aufspielen, jedoch selbst regelmäßig Umgang mit dem rechten Rand des politischen Spektrums pflegen.

Backes und Jesse stellten heraus, dass die wesentlichen Elemente von Totalitarismus und Extremismus übereinstimmen. Kennzeichnend für die Totalitarismuslehre sei, „verschiedene und gegensätzliche Ordnungsformen unter dem Aspekt der Herrschaftstechnik zu klassifizieren“. Die „Totalitarismus“-Doktrin behauptet, dass Totalitarismus als „Willkürherrschaft“ gleichermaßen charakteristisch für Faschismus und Kommunismus sei; Linksextremismus und Rechtsextremismus seien im Grunde genommen gleichwertig und durch gleichartige Kennzeichen geprägt.

In der Auseinandersetzung um den Neofaschismus spielte und spielt die „Totalitarismus“-Doktrin eine außerordentlich negative und für die Demokratie gefährliche Rolle. Sie ist „eine gefährliche Ideologie, denn sie befindet sich in einer unauflöslichen Gegnerschaft zu offenen gesellschaftlichen Entwicklungen und damit zu jenen demokratischen Prozessen, die sie zu verteidigen vorgibt“.

Diese Theorie knüpfte zunächst daran an, dass sich der italienische Faschismus selbst als „totalitär“ (stato totalitario) bezeichnete und dass reaktionäre deutsche Staatsrechtler wie Carl Schmitt im Kampf gegen die Weimarer Republik und deren vorgeblichen Liberalismus die Doktrin vom „totalen Staat“ entwickelt hatten. Nach 1945 wurde dann diese Theorie im Verlaufe des „Kalten Krieges“ von konservativen Politologen und Historikern neu aufgegriffen und zu einem wichtigen Bestandteil des Arsenals antikommunistischer Argumentation ausgebaut. Der US-Geheimdienst CIA war maßgeblich beteiligt. Drei Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik beschloss der CIA einen „Psychologischen Strategieplan für Deutschland“. Das Geheimpapier, Tarnname „Pocket Book“ skizzierte die Beeinflussung der kulturellen Elite und die Unterwanderung der führenden Parteien“. Der US Agent Melvin J. Lasky, der in den 50er Jahren die Kulturzeitschrift „Der Monat“ herausgab, setzte die totalitäre Bedrohung durch die Sowjetunion mit der durch Nazideutschland gleich. Die strikt antikommunistische Zeitschrift „Der Monat“ war nur die Spitze des Eisbergs, ein ganzes Netz von Institutionen und Agenten wurde geschaffen, die finanziell gut abgesichert an die Wühlarbeit gingen. In diesem Zusammenhang formulierte Zbigniew Brzezinski zusammen mit Carl Joachim Friedrich 1956 die wichtigste und einflußreichste Totalitarismustheorie. Die „Totalitarismus“-Doktrin orientiert sich dabei auf die Beschreibung äußerlicher Merkmale und formaldemokratischer Regeln, auf das Vorhandensein bestimmter Ausprägungen und Formen des Parlamentarismus oder der Parteistruktur. Brzezinski und Friedrich versuchten mit einem idealtypischen Verfahren das Wesen der „totalitären Diktatur“ zu bestimmen. Danach sind Staaten als totalitär zu bezeichnen, die die folgenden sechs idealtypischen Merkmale aufzuweisen haben:

„wenn
1. eine Ideologie vertreten wird, die sich entweder gegen ,feindliche` Klassen oder Rassen richtet;
2. ein Terrorsystem errichtet worden ist, das sich entweder gegen Rassen oder Klassen richtet,
3. die Wirtschaft vollständig der staatlichen Kontrolle unterworfen und zur bloßen `Befehlswirtschaft` geworden ist;
4. ein monolithisch geschlossenes Einparteienregime mit einem allmächtigen Führer an der Spitze besteht;
5. der Staat über ein Nachrichten- und
6. über ein Waffenmonopol verfügt.“

Dieser Ansatz ist also formal, denn er interessiert sich nicht für ein wie immer zu fassendes Wesen, sondern für die „Technik“ der Herrschaft. Zum anderen wird das Totalitarismusphänomen nicht oder nicht nur formal-analytisch angegangen, sondern normativ, d.h. in Abgrenzung und Abhängigkeit zu den „Grundlagen demokratischer Verfassungsstaaten“. Als berechtigte Kritik am Totalitarismusansatz bringen Backes und Jesse selber folgendes vor:

· kurzschlüssige Analogiebildung
· Verallgemeinerung von Momentaufnahmen
· Orientierung auf Hochphasen,
· Aussagen über Entwicklungslogik und Zukunft scheitern
· die Systeme sind nicht monolithisch
· Wandelbarkeit der Systeme
· und das wichtigste: Die Systeme haben verschiedene Ziele und Träger.

Totalitarismus und von ihm abgeleitet Extremismus sind politische Kampfbegriffe, die die Realität nicht beschreiben oder erklären. Kennzeichnend für die „Totalitarismus „-Doktrin ist, dass sie weder die Frage nach den Gründen der gesellschaftlichen Entwicklungsbedingungen und der Zielsetzung des Faschismus stellt, noch diese Fragen überhaupt beantworten kann oder will.
Wissenschaftlich ist diese Doktrin unhaltbar, politisch ist sie ein Hauptargument des Antikommunismus und setzt zur gleichen Zeit antifaschistische Widerstandskämpfer, besonders Kommunisten, mit den SS-Mördern gleich.
Die „Totalitarismus“-Doktrin unterschlägt das Wesentliche: Der Faschismus diente und dient dazu, die politische und ökonomische Macht der Monopolverbände mit allen Mitteln des Terrors aufrechtzuerhalten bzw. auszubauen. Er ist extrem antikommunistisch bis hin zur physischen Vernichtung von Kommunisten und Sozialisten und anderer linker und bürgerlich-demokratischer Kräfte überhaupt.


0 Antworten auf „Zur Kritik der „Totalitarismus-Doktrin““


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei + = sechs



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: