Rostock: Offener Brief für den Erhalt des Ökohauses als Träger des Flüchtlingsheims

Seit zwölf Jahren ist das Ökohaus Rostock der Betreiber des Flüchtlingsheims in der Satower Straße. Nun kam die Kündingung. Die Kündigung habe allerdings „nichts nichts mit Unzufriedenheit zu tun“, erklärte die Rostocker Sozialsenatorin Liane Melzer (SPD). Das Innenministerium sieht eine Neuausschreibung für die Trägerschaft von Flüchtlingsheimen alle drei Jahre vor. Die Flüchtlinge in der Satower Straße wendeten sich derweil mit einem offenem Brief an die Öffentlichkeit.

„Nur so lässt sich das Leben im Lager für uns einigermaßen aushalten.“ Für eine professionelle und respektvolle Beratung und Betreuung, sowie eine starke Willkommenskultur für Flüchtlinge in Rostock!

Sehr geehrte Mitarbeiter des Sozialamts,
Sehr geehrte Mitglieder der Rostocker BürgerInnenschaft,
Sehr geehrte Dr. Liane Melzer (Senatorin Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule und Sport, Kultur)
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Roland Methling,

Wir, die Asylsuchenden aus Rostock, sind schockiert über die Kündigung des Ökohaus, dem jetzigen als Betreiber des Flüchtlingslagers! Wir fordern, auch zukünftig von einem kompetenten und professionell arbeitenden Team beraten und betreut zu werden. Wir haben in der Zeit, in der wir hier in Rostock in einem Flüchtlingslager leben, viel Respekt, Aufklärung, Unterstützung und einen menschenwürdigen Umgang durch die Sozialarbeiter des Ökohaus erfahren. Wir können die Sozialarbeiter alles fragen – egal ob es um formale Anträge, unser Asylverfahren oder um private Probleme geht. Aufgrund der verschiedenen Sprachkenntnisse der Sozialarbeiter können wir mit ihnen unsere Probleme versuchen, zu lösen. Wenn sie unsere Sprache nicht sprechen, organisieren sie Dolmetscher. Sie nehmen sich Zeit für uns und besprechen wichtige Dinge mit uns in einem extra Zimmer, damit unsere Dinge vertraut behandelt werden. Sie beantworten uns ausführlich und respektvoll alle wichtigen Fragen, so dass wir es verstehen. Und wenn sie keine Antwort wissen, sagen sie uns, wo wir Hilfe finden. Auch private Sachen können wir mit ihnen jederzeit besprechen.

Auch diejenigen von uns, die in eine Wohnung ziehen durften oder dürfen, und damit vor vielen neuen Herausforderungen in dem neuen Umfeld stehen, können auch nach dem Auszug aus dem Flüchtlingslager jederzeit bei den Sozialarbeitern um Hilfe bitten und werden nicht abgewiesen. Wenn wir Post bekommen und nicht verstehen, was da drin steht, erklären uns die Sozialarbeiter, was in dem Brief steht und was es für uns konkret bedeutet. Sie bewahren immer einen vertrauensvollen Umgang und klären uns über unsere Rechte auf, zum Beispiel wenn wir eine Ablehnung des Asylverfahrens erhalten, dass wir nur innerhalb sehr kurzer Zeit Widerspruch dagegen einlegen können. Wir kennen Flüchtlinge in anderen Flüchtlingslagern, die darüber zum Beispiel nicht aufgeklärt wurden, was zur Abschiebung führt oder die Betroffenen in die Illegalität zwingt.

Die Mehrsprachigkeit und intensiven Aufklärungs- und Willkommensgespräche helfen den neu angekommenen Flüchtlingen, sich zu orientieren. Das ankommen wird uns dadurch sehr erleichtert. Neben dem Organisieren von Arztterminen oder anderen wichtigen Terminen, organisieren die Sozialarbeiter außerdem Dolmetscher für uns. Vor allem die neu angekommenen Flüchtlinge sind ohne Dolmetscher zum Beispiel bei Behördenterminen verloren. Sie können nicht für ihre eigenen Rechte eintreten und ihre Dinge selbst klären. Daher ist das Bemühen der Sozialarbeiter um Dolmetscher von sehr großer Wichtigkeit.

Ein anderer wichtiger Punkt ist die Hilfe bei Anträgen. Die Sozialarbeiter stellen für uns oder mit uns gemeinsam alle möglichen Anträge – ob Anträge für Kinderwägen, Anträge für DolmetscherKosten, Anträge für Fahrtkosten zu Gerichtsterminen, Anträge für eine dezentrale Unterbringung in Wohnungen und viele weitere Anträge. Ohne diese Hilfe sind die meisten mit solchen formalen Anträgen überfordert, da die Anträge nur auf deutsch und oft kompliziert sind.

Die Sozialarbeiter haben 12 Jahre Erfahrung mit der Betreuung von Flüchtlingen in Rostock und kennen sehr viele Menschen in der Stadt persönlich, z.B. Ärzte, Beratungsstellen, Rechtsanwälte, Mitarbeiter von Ämtern und Behörden, das Frauenhaus, Dolmetscher, Sportvereine und Soziale Netzwerke. Diese Kontakte sind für uns sehr dienlich. Wir bekommen auch Unterstützung, um eigene Ideen und Projekte zu verwirklichen. Wir können zum Beispiel den großen Raum im Büro für Feste benutzen. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern können wir unser Sommerfest auf dem Gelände des Lagers machen und bekommen dabei auch Unterstützung von den Sozialarbeitern. Freiwillige Helfer bekommen in der Satowerstraße sehr viel Raum, um Angebote der Unterstützung für uns zu machen. So gibt es regelmäßig eine Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe, Sportangebote, Ausflüge und Sprachkurse. Die Sprachkurse werden für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten. Außerdem gibt es einen extra Frauenkurs.

Diese Angebote unterstützen uns ganz konkret in unserem alltäglichen Leben. Durch den Kontakt zu den Helfern bekommen wir außerdem Kontakt zu Deutschen und erfahren viel über unser neues Lebensumfeld. Dadurch fühlen wir uns weniger abgeschnitten vom Rest der Gesellschaft. Das wird auch durch das w-lan unterstützt. Wir können für sehr wenig Geld Internet nutzen. Dadurch können wir Kontakt zu unseren Familien und Freunden in unsere Heimat halten und mitbekommen, was in der Welt los ist. Von Freunden in anderen Lagern wissen wir, dass es dort kein Internet gibt. Wenn wir internationales Fernsehen sehen wollen, brauchen wir uns keine eigene Satellitenanlage zu kaufen. Wir empfangen über einen Kabelanschluss viele Sender aus unseren Ländern und müssen dafür nichts bezahlen. Auch das keine Selbstverständlichkeit in einem Flüchtlingslager. Diese Dinge sind aber sehr wichtig für uns, um den Kontakt in die Heimat zu behalten. Unsere Heimat gehört zu unserer Identität auch wenn wir geflohen sind. Sie ist trotzdem ein Teil von uns.
Die Atmosphäre in der Satowerstraße ist sehr respektvoll und freundlich. Wir fühlen uns hier willkommen anders als an vielen vorherigen Stationen. Wir haben Angst, dass sich die Situation ändern könnte. Wir wollen diese vergleichsweise guten Bedingungen nicht verlieren und wünschen uns, dass wir diese Unterstützung auch in Zukunft bekommen! Nur so sind wir dazu in der Lage, die wenigen Rechte, die uns zustehen, wahrzunehmen. Nur so lässt sich das Leben im Lager für uns einigermaßen aushalten!

Mit vielen Grüßen,
die Flüchtlinge aus Rostock


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