Der elfte September 1973 in Chile

Mit dem Datum „elfter September“ verbinden viele Menschen die Angriffe auf die Twin Tower des World Trade Center 2001 in New York. Doch Der elfte September steht auch für ein anderes Verbrechen, welches heute immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint. Rief der Putsch der chilenischer Faschist_innen mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA 1973 noch einen internationalen Aufschrei hervor, spricht heute kaum noch jemand von dem Drama, welches sich in Südamerika abspielte. Dieser Beitrag versucht einen historischen Überblick über die Ereignisse von vor über 40 Jahren zu geben.

Von Janin Krude, Franziska Wilke und Marko Neumann

Unidad Popular kommt an die Regierung.
Im Jahr 1970 wurde Salvador Allende mit dem Linksbündnis Unidad Popular ins Präsidentenamt gewählt. Bereits Allendes Vorgänger Eduardo Frei Montalva begann mit Reformen, indem er unter anderem die Kupferminen des Landes verstaatlichte und eine weitreichende Bodenreform durchführte. Allende setzte diesen Kurs fort und gewann dadurch enormes Vertrauen in weiten Teilen der Bevölkerung. Eine breite Demokratisierung der Gesellschaft war die Folge. Die Zustimmung der einfachen Bevölkerung zu Allendes Politik bedeutete gleichzeitig die zunehmende Ablehnung seiner Politik durch Industrielle, Großgrundbesitzer und andere Menschen der politischen Rechten Chiles. Bereits 1971 kam es zu einem Mordanschlag auf den ehemaligen Minister Pérez Zújovic. Dieser Mord wurde zunächst einer linksradikalen Gruppe angelastet, wahrscheinlich wurde Zújovic von einer Rechten Gruppe getötet, um das Linksbündnis zu spalten. Tatsächlich beendeten im folgenden Jahr die Christdemokraten, zu denen Zújovic gehörte, ihre Unterstützung für Allende auf und schlossen sich der rechten Opposition an. Die Zustimmung für die sozialistische Regierung wurde auf der politischen Ebene geringer. Der vier wöchige Besuch Fidel Castros in Chile verstärkte international den Eindruck, Chile würde sich am gesellschaftlichen Modell Kubas und der Sowjetunion orientieren, was das Misstrauen gegen Allende in rechten Kreisen weiter verstärkte. Bereits zu diesem Zeitpunkt nahmen hochrangige rechte Militärs in Chile Kontakt mit den USA auf, um eine mögliche Zusammenarbeit gegen die sozialistische Regierung auszuloten.


Bild: Salvador Allende, chilenischer Präsident von 1970-73. Ermordet von rechten Putschist_innen.

Der Konflikt eskaliert.
Proteste von Bauern gegen die Landverteilung, die Landkollektive dem von Allende angestrebten Modell der Vertragsfarmern bevorzugten, ließen die Anspannungen im Land weiter steigen. Die Besetzung von Ackerland durch Bauern hatte eine Lebensmittelknappheit zur Folge, was 1972 zur Rationierung von Grundnahrungsmitteln führte. Die von der politischen Rechten geschürten Konflikte verschärften sich weiter nachdem das ganze Land von Streiks überzogen wurde. Die wachsende Unzufriedenheit vieler Menschen mündete oft in Straßenschlachten mit Toten auf beiden Seiten. Das führte dazu, dass die Regierung den Notstand ausrufen musste. Mehr als 600 rechte Terroranschläge und Sabotageakte gegen die eigene Wirtschaft und die nationale Infrastruktur verschärfte das Durcheinander und die Unsicherheit im Land. Die Ausrüstung, wie Sprengstoff und Gewehre, wurden meistens von der CIA besorgt, wenn nicht die Depots der chilenischen Armee geplündert wurden. Erst die Einbindung des Militär in die Regierung, wie den General Carlos Prats, sorgten für eine zeitweise Entspannung der Lage, die Beziehungen zu US-Geheimdiensten wurden dabei nicht eingestellt.

Generalstreik und Demonstrationen.
Nach den Wahlen Anfang 1973, die eine Patt-Situation zwischen der sozialistischen Regierung und der rechten Opposition ergab, konnte Allende keine Mehrheiten für Gesetzesänderungen mehr bekommen. Gleichzeitig fehlte der Opposition eine zwei Drittel Mehrheit für die Absetzung Allendes. Eine neue Eskalation stand unmittelbar bevor. Wieder streikten erst die Kupferarbeiter, dann die Fuhrunternehmer. Das Land stand kurz vor einem Generalstreik. Im Juni wurde ein erster Putschversuch durch Coronel Roberto Souper, vereitelt.
Wieder berief Allende das Militär in sein Kabinett, doch die Generäle waren lange nicht mehr republiktreu. Nach der Ablösung des zum liberalen Flügel des Militärs gehörenden Generals Prats, durch General Pinochet, wendete sich auch Allendes Partei gegen ihn. Nach einem Misstrauensvotum im chilenischen Parlament gegen Allende und einer Demonstration mit über 700.000 Teilnehmer_innen stand das Land wieder kurz vor dem Kollaps.

Der Putsch beginnt
Am morgen des 11. September 1973 wurde Salvador Allende durch einen Telefonanruf geweckt und bekam die Nachricht, dass sich weite Teile des Militärs gegen ihn gewandt hätten und seinen Rücktritt forderten. General Pinochet, der Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräften, war nicht erreichbar. Daraufhin begab sich Allende mit seiner Familie, dem Kabinett und einigen Getreuen in den Präsidentenpalast Moneda. Als acht Uhr morgens durch das Radio die Forderungen der Putschisten verlesen wurden, wurde klar, dass Pinochet zu den Putschisten zählte. In der letzten Rede Salvador Allendes, die nur noch von wenigen noch nicht bombardierten regierungstreuen Radiosender gesendet wurde, sagte er:

„Mit Sicherheit ist dies die letzte Gelegenheit, mich an Sie zu wenden. Mir bleibt nichts anderes, als den Arbeitern zu sagen: Ich werde nicht aufgeben! In diesem historischen Moment werde ich die Treue zum Volk mit meinem Leben bezahlen. Sie haben die Macht, sie können uns überwältigen, aber sie können die gesellschaftlichen Prozesse nicht durch Verbrechen und nicht durch Gewalt aufhalten. […] Arbeiter meiner Heimat: Ich möchte Ihnen für Ihre Treue danken. Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Arbeiter! Dies sind meine letzten Worte und ich bin sicher, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird, ich bin sicher, dass es wenigstens ein symbolisches Zeichen ist gegen den Betrug, die Feigheit und den Verrat.“

Gegen Mittag griffen Kampfjets den Moneda an, anschließend begannen Bodentruppen mit der Erstürmung des Präsidentenpalastes. Während der Erstürmung des Monedas beging Allende wahrscheinlich Selbstmord.

Pinochets Regimes
Nach der Machtergreifung Pinochets wurden tausende Menschen verhaftet, hauptsächlich Gewerkschaftler_innen und Sympathisant_innen der alten Regierung. Folter und Morde waren in den Gefängnissen an der Tagesordnung. Fußballstadien, Schulen, Konferenzhallen und andere öffentliche Gebäude wurden zu regelrechten Konzentrationslager umgerüstet. Über 30.000 Menschen wurden ermordet, selbst die US-Regierung geht von mindestens 5.000 Toten aus. Erst 1990 fand Chile einen Weg aus der Diktatur. Das Verhältnis zu den USA ist seitdem getrübt. Die Rettig-Kommission, die die Verbrechen des Pinochet-Regimes dokumentieren und aufklären sollte, legte schließlich die Beteiligung der CIA an dem Putsch 1991 erstmals offen.


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