Rund 100 Rassist*innen marschierten vergangenen Sonnabend durch Torgelow

++ 100 Personen bei Naziaufmarsch in Torgelow +++ Über 300 Menschen gegen rassistischen Aufzug auf die Straße gegangen +++ Kritik an Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Proteste +

Von Janin Krude und Marko Neumann

Am 07. März marschierten rund 100 Rassist*innen unter dem Motto „Heimat und Identität bewahren – Asylbetrug stoppen“ durch die vorpommersche Stadt Torgelow. Das Aktionsbündnis „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!“ rief zu einer Mahnwache am Bahnhof und einem Demokratiefest am Markt auf. An den Gegenprotesten nahmen nach offiziellen Angaben ca. 350 Menschen teil.

Mahnwache Bahnhof & Demokratiefest am Markt
Das „Bunte Fest“ eröffnete um 12 Uhr 30 am Torgelower Markt. Weit über 300 Menschen wohnten den Eröffnungsreden – darunter Beiträge von Patrick Dahlemann (MdL), Bürgermeister Ralf Gottschalk und der Stadtpräsidentin Marlies Peeger – bei und lauschten anschließend den ersten musikalischen Beiträgen. Mit weiteren Aktionen – wie dem Fliegen lassen von Luftballons, an denen Wünsche für ein tolerantes und weltoffenes Torgelow hingen und einer Blaskapelle – wurde den Menschen am Markt nicht langweilig.
Für 13 Uhr war vom Aktionsbündnis „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!“ eine Kundgebung am Torgelower Bahnhof angemeldet. Hier sollte der Naziaufmarsch beginnen. Nach der Auflösung der Mahnwache versammelten sich die Teilnehmer*innen ebenfalls am Marktplatz. Hier sollte der rassistische Aufzug zwei Mal direkt vorbeiführen.


Bild: Die Eröffnungsrede der Stadtpräsidentin Marlies Peeger.


Bild: Patrick Dahlemann spricht – nicht zum letzten Mal an diesem Tag.

„Bürgerinitiative“ lässt Maske fallen
Unter dem Deckmantel der Bürgerinitiativen „Alternative für Torgelow“ (AfT) und „Schöner und sicherer Wohnen“ wollten rund 100 Nazis und Rassist*innen durch die Stadt marschieren. In Torgelow sollen dieses Jahr weitere Geflüchtete untergebracht werden.
Immer wieder hatte die AfT geheuchelt, nichts mit der NPD oder anderen neofaschistischen Gruppierungen zu tun zu haben. Spätestens mit dem Aufmarsch vergangenes Wochenende ist diese Fassade völlig weggebröckelt. Schon auf den Werbeflyern wurde die Facebook Seite des Uecker-Randow Boten – einem NPD-nahen Verteilblatt für das zuletzt Marko Müller, der Bruder des NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller, verantwortlich im Sinne des Presserechts zeichnete.


Bild: Luftballons mit Wünschen für ein tolerantes Torgelow.


Bild: Ein ungewolltes Symbol – die Träume für ein friedliches Miteinander in Torgelow fliegen davon.

Rassist*innen marschieren quer durch Torgelow
Nachdem die rund 100 Nazis kurz vor 14 Uhr vom Bahnhof starteten, hielten sie schließlich eine Zwischenkundgebung in der Albert-Einstein-Straße ab. Unter anderem ergriffen Tino Müller (MdL für die NPD) und Rocco Murawski (AfT) das Wort. Die Reden enthielten die üblichen Parolen gegen „Hassprediger“ und „Asylbetrüger“ und die Angst vor dem Verlust der vermeintlich eigenen Identität.
Zwei Mal führte der Aufmarsch am Friedensfest am Marktplatz vorbei. Zu sehen war auch hier Gewohntes: Aggressive und gewaltbereite Nazis, Vermummungen und Thor Steinar Kleidung. Neben den NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller und Michael Andrejewski nahmen weitere NPD-Kader, Fraktionsmitarbeiter*innen und andere bekannte Nazis aus dem Raum Vorpommern an dem Aufzug teil.
Der an diesem Tag omnipräsente SPD-Politiker Patrick Dahlemann erwartete in völliger Verkennung des Kontextes nur wenige Tage vor dem Aufmarsch bis zu 400 Nazis in Torgelow. Obwohl die Nazis zunächst von 300 Teilnehmer*innen fantasierten, sprach selbst die Polizei von gerade einmal 150 angereisten Rassist*innen. Die reale Zahl liegt dagegen bei rund 100 Nazis, von denen die wenigsten aus Torgelow kamen. Fotos von dem Aufmarsch gibt es unter anderem hier.


Bild: Alles nur „besorgten Bürger“ in Torgelow?

Was bleibt noch zu sagen?
Die bloße Forderung nach einem „toleranten und weltoffenen Torgelow“ ist sicher nützlich zur Profilierung von Politiker*innen, wie Patrick Dahlemann. Lippenbekenntnisse wie diese – die jede Ursachenforschung für rassistische Einstellungen bei weiten Teilen der Bevölkerung gänzlich vermissen lassen – lassen auf die Dauer an der Ernsthaftigkeit des Protestes zweifeln. Der Polizei, die mit 100 Beamt*innen vor Ort war und den Naziaufmarsch absicherte anschließend für ihre „hervorragende Arbeit“ zu danken, lässt sich an Naivität kaum überbieten.
Wer Rassismus und Menschenfeindlichkeit lediglich als ein Imageproblem eines Ortes oder einer Stadt sieht, hat den (tödlichen) Ernst rassistischer Hetze nicht verstanden oder versucht das Thema bewusst klein zu reden. Die konkrete Ursachenforschung zur Entstehung und Verbreitung nazistischen Gedankenguts muss Kernstück antifaschistischer Arbeit sein. „Ein Antifaschist, der nur ein Antifaschist ist, ist kein Antifaschist“ wusste schon Erich Fried zu sagen.


Bild: Klare Kante gegen Rassismus – Kein Mensch ist illegal!

Mit einer breiteren Mobilisierung unter Einbeziehung von Jugendgruppen und antifaschistischen Initiativen aus dem Umland hätte die Zahl der Gegendemonstrant*innen wesentlich höher gelegen. Auch eine mögliche Blockade des Naziaufmarsches bereits am Bahnhof, die offenbar nicht einmal in Betracht gezogen wurde, wäre nicht unmöglich gewesen. Stattdessen begnügten sich Vertreter*innen von SPD, CDU und co mit ein paar warmen Worten und einem Fotoshooting für die Presse. Auf der anderen Seite stehen abfällige Bemerkungen und über die Kleidung junger Menschen, die den antifaschistischen Protest unterstützen wollen. Das Bild, bewusst eine inhaltliche Debatte über menschenverachtende Ideologien zu vermeiden, fügt sich hier zusammen.
So wichtig bürgerlicher Protest als Teil eines Gesamtkonzeptes für eine antifaschistische Praxis ist, so verfehlt sind solche Aktionen wenn sie ausschließlich stattfinden. Der Sinn und mittelfristige Nutzen von Bündnissen wie „Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt!“ steht einmal mehr in Frage.


1 Antwort auf „Rund 100 Rassist*innen marschierten vergangenen Sonnabend durch Torgelow“


  1. 1 Grete 09. März 2015 um 17:02 Uhr

    Trotzdem muss ich anmerken, dass es würde es das Bündnis nicht geben, hier gar nichts von antirassistischer Gesinnung zu merken wäre. Viele Anwohner sehen das Problem gar nicht, da sie hier aufgewachsen sind und nichts anderes kennen. So traurig das auch klingt.
    Mitglieder des Bündnisses sind meist über 40 und engagieren sich neben ihrem Job ehrenamtlich. Mit dem Gehalt ihres Jobs kommen sie gerade so über die Runden. So ist das hier in der Einöde.
    Natürlich kann man vieles besser machen, aber meiner Meinung nach ist diese Kritik hier ein wenig unangebracht. Für bessere Zusammenarbeit mit anderen Initiativen oder Jugendgruppen ist nicht das Demokratiebündnis allein verantwortlich zu machen. Wobei ich mich auch frage, wo hier im Umkreis die nächste antirassistische Jugendgruppe sein soll.
    Und genau das ist das Problem. Das Bündnis braucht die Energie und das Engagement der Jugend. Die paar Jugendlichen die aber noch hier leben sind rechts oder können bei einem Mitwirken Nachts nicht mehr auf die Straße gehen. Um studieren zu können, muss man mindestens 2 Stunden entfernt wohnen.

    Vielleicht nehme ich die Kritik auch zu hart auf, aber ich bin wirklich froh, dass es das Bündnis gibt und ich bin zu hundert Prozent der Meinung, dass das Wirken dieses Bündnisses keines Falls in Frage gestellt werden muss.

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