Archiv für Mai 2015

Rostock: Veranstaltung „Der NSU-Prozess aus Sicht der Nebenklage: Rück- und Ausblicke“ am 21.05.15 im JAZ

Seit zwei Jahren und über 200 Prozesstagen läuft am Oberlandesgericht München der sogenannte NSU-Prozess. Es ist der Strafprozess, der unter anderem die Mittäterschaft von Beate Zschäpe und die Verwicklungen ihrer vier Mitangeklagten in die terroristischen Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) juristisch aufklären und darüber urteilen soll.

Neben den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Hessen, NRW und Baden-Württemberg ist der Prozess in München für die deutsche Öffentlichkeit ein zentrales Element der öffentlichen Aufarbeitung des NSU-Terrors. Aus antirassistischer Perspektive ist er auch Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex. Die Verantwortung für den Nazi-Terror tragen nicht alleine die „Zwickauer Zelle“ und die weiteren Angeklagten des Münchener Prozesses – gesellschaftlich verantwortlich sind ebenso verstrickte staatliche Institutionen, wie der Verfassungsschutz und rassistisch agierende Ermittlungsbehörden.

In diesem verwobenen Netz, dessen Akteure mitunter unterschiedliche Ziele verfolgen, sollen die Münchener Richter*innen juristisch über den Terror des NSU urteilen. Dazu wollen wir mit Rechtsanwalt Peer Stolle Rück- und Ausblicke auf den NSU-Prozess wagen.

Im Rückblick sollen die bisherigen Akteure des Verfahrens mit ihren jeweiligen Zielen und Strategien beleuchtet werden. Der Ausblick soll Perspektiven wagen, was nach zwei Jahren ohne entscheidende neue Erkenntnisse vom Prozess überhaupt noch zu erwarten ist. Welche Fragen werden womöglich offen bleiben?

Anschließend gibt es Raum für Diskussionen: Welche falschen Erwartungen werden möglicherweise an den Prozess gestellt? Welche Aufarbeitung kann das Verfahren am OLG München nicht leisten?

Zur Veranstaltung lädt die Rostocker Initiative „Mord verjährt nicht!“ ein, die sich in der zweiten Jahreshälfte 2012 gegründet hat. Ursprünglich war ihr Ziel, die Forderungen nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Landtag zur Aufklärung der NSU-Verbrechen in Mecklenburg-Vorpommern zu unterstützen. Nach dem Scheitern dieses Vorhabens verlagerte sich der Arbeitsschwerpunkt auf die Gedenkpolitik.

Die Veranstaltung findet am 21.05.15 im JAZ Rostock statt und beginnt um 19 Uhr.

Rostock: Vortrag & Diskussion „Solidarische Ökonomie“ am 21.05.15 im Peter-Weiss-Haus

Finanz- und Schuldenkrise, Klimakrise, Krise der Energieversorgung und Hunger sind Folgen der Logik des vorherrschenden Marktsystem, dass auf Konkurrenz, Profit und Wachstum ausgerichtet ist. Doch gibt es Alternativen für eine anderes Leben und Wirtschaften?

Weltweit werden bereits neue Wirtschafts- und Lebensweisen praktiziert, die beweisen das ein anderer Weg möglich ist. Commons und solidarische Ökonomie sind zwei Kernbegriffe dieser Nischen abseits von Markt und Staat.

Aber – Solidarische Ökonomie – was ist das überhaupt? Wissenschaftliche Theorie, oder ein praktisches Versuchsfeld? Im Rahmen des Politischen Donnerstags im Peter-Weiss-Haus gibt die Betriebswirtin Elisabeth Voß einen Einblick in die vielfältigen theoretischen Konzepte, praktischen Betrieben und Projekte Solidarischer Ökonomien. Los geht’s wie immer 20 Uhr.

Gender Bender Action Days #5 – Queer-feministische Tage in Greifswald 28.-30.05.15

Die Gender Bender Action Days 2015 bieten euch zum fünften Mal Raum und Programm sich mit Themen rund um die „Biegsamkeit“ des Geschlechts zu beschäftigen. Körperliche Geschlechtsmerkmale bestimmen nicht die Geschlechtsidentität eines Menschen, auch wenn sie häufig zusammen fallen mögen – Geschlechterrollen und Heteronormativität sind repressive Konstrukte, die an verschiedenen Fronten bekämpft werden!

Wir bieten dir die Möglichkeit, dich beispielsweise über die aktuelle Situation der LGBTI* in Russland zu informieren, dich in Gesprächsrunden einzubringen oder sie für dich als bunte Spielwiese zu nutzen. Hier kannst du völlig ungeniert und frei etwas Neues ausprobieren!

Hier das Kurzprogramm:

Donnerstag, 28. Mai
20:30 Uhr // IKuWo // Vortrag und Kurzfilme (OmeU): Situation von LGBTI* in Russland

Freitag, 29. Mai
19 Uhr // IKuWo // Vortrag: Feministische Bewegungen – damals und heute
21 Uhr // IKuWo // Konzert: Profeminist & Riot Grrrl Punk

Samstag, 30. Mai
14-16 Uhr // IKuWo // Workshop: Ene mene muschi 14-16 Uhr // IKuWo // Vortrag und Gesprächsrunde: Körper * Wie & Was!
14-16 Uhr // IKuWo // Workshop: Werkzeug
16-18 Uhr // IKuWo // Workshop: DJ
16-18 Uhr // IKuWo // Gesprächsrunde: Play it save-play it sexy
18-20 Uhr // IKuWo // Vortrag: Intersektionalität
22 Uhr // IKuWo // Party: One Love – Onepiece

Details zum Programm und weitere Infos findet ihr hier.

Rostock: Kundgebung „Kein Platz für Rechtspopulismus!“ am 15.05.15 vor der Trotzenburg

Am Freitagabend will die rechtspopulistische AfD in der Gaststätte Trotzenburg im Hansaviertel eine Veranstaltung zum deutsch-russischen Verhältnis mit dem brandenburgischen AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland abhalten. Wir wollen der AfD keinen Raum geben für ihre rechtspopulistische Hetze und rufen alle zu einer lauten und bunten Kundgebung am Freitag um 17 Uhr 30 vor der Trotzenburg auf!

Dass sich der Rostocker Kreisverband der AfD ausgerechnet Alexander Gauland einlädt, ist bezeichnend. Gauland ist Teil des national-konservativen Parteiflügels und plädiert immer wieder für eine klare rechte Ausrichtung der AfD, die sich vor allem in Hetze gegen Asylsuchende und Geflüchtete oder plumpen Forderungen nach mehr Polizei und schärferen Grenzkontrollen niederschlägt. Ziel dieser Agitation ist das Schaffen eines rassistischen und angsterfüllten Klimas und das Verbreiten menschenverachtender Einstellungen in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Auch dass Gauland ausgerechnet zu Russland referieren soll, passt in das Muster. Der autoritäre Staatspräsident Putin und sein skrupelloses Vorgehen gegen Homosexuelle und andere Andersdenkende ist für viele deutsche Rechte ein Vorbild.

Wir wollen zeigen, dass Rostock derlei menschenverachtende Politik nicht duldet. Rostock für alle bedeutet für uns ein Aufstehen gegen jede Form von Rassismus, Homophobie und andere Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, egal ob sie in Form des modernen Neonazis oder des Anzug tragenden Rechtspopulisten daherkommt!

Rostock: Schwungvolle Demonstration für die Legalisierung von Cannabis

++ über 400 Menschen bei Hanfparade in Rostock +++ erste Demo für die Legalisierung von Cannabis seit 10 Jahren in MV +++ bunte Parade ein voller Erfolg +

Von Marko Neumann und Philipp Gutrun-Hahn

Vergangenen Sonntag kamen über 400 Menschen zum Global Marijuana March 2015 in Rostock. Nach knapp 10 Jahren Pause war es wieder die erste Hanfparade in der Hansestadt.

Federführend organisiert wurde die Demonstration vom Rostocker Hanfbündnis mit Unterstützung verschiedener politischer Verbände und Parteien sowie mehreren Initiativen zur Legalisierung von Cannabis.

Um 14 Uhr begann die Auftaktkundgebung am Neuen Markt in Sichtweite des Rathauses. Mehrere Redebeiträgen, unter anderem vom Bündnisgrünen Politiker Harald Terpe und Phillip Bock von der Hochschulgruppe DIE LINKE.SDS Rostock. In den Wortmeldungen traten immer wieder die unterschiedlichen positiven Aspekte einer Hanflegalisierung zu Tage. Cannabis als Schmerzmittel können vielen chronisch kranken Menschen ihren Lebensalltag erleichtern. Darüber hinaus ist es völlig unverständlich, dass Drogen wie Alkohol und Tabak fester Bestandteil unserer Gesellschaft, relativ harmlose Substanzen wie Cannabis jedoch verboten sind.


Bild Harald Terpe (Bündnisgrüne) während seiner Rede auf der Auftaktkundgebung.

Abgerundet wurde die Eröffnungskundgebung von Arved Schönberger vom Rostocker Hanfbündnis, der unter anderem über die Erfolge der Hanfparaden und Hanffeste der Vergangenheit resümierte. Er machte deutlich, dass der politische Kampf zur Legalisierung von Cannabis ein langer und global geführter Streit ist, den es zu gewinnen gilt.


Bild: Arved Schönberger (Rostocker Hanfbündnis) berichtet über die ersten Hanfparaden in Rostock vor über 10 Jahren.


Bild: Transparent „Ohne Drogenlegalisierung ist alles doof“ auf der Hanfparade vergangenen Sonnabend.

Anschließend bewegte sich der Demonstrationszug über die Breite Straße in Richtung Doberaner Platz. Mit bunten Schildern und Transparenten ging es los und ein Party LKW sorgte zusätzlich für ausgelassene Stimmung.

Am Dobi angekommen bedankte sich der Anmelder Jakob Gericke für die rege und bunte Beteiligung. In weiteren kurzen Redebeiträgen wurde unter anderem die Kriminalisierung von Cannabis Konsument*innen angeprangert. Einen Höhepunkt bildete der Auftritt der Rostocker Urgesteine Fiete und Schiete. Bei der anschließenden Preisverleihung für die beste Demodekoration wurde dem glücklichen Genwinner schließlich eine nagelneue Wasserpfeife überreicht.


Bild: Auch Fiete und Schiete schauten vorbei. ;)

Insgesamt kann der Tag nur als Erfolg gewertet werden. Wieder einmal ist deutlich geworden, dass es breite Zustimmung für die Legalisierung von Cannabis in Deutschland gibt, welche durch nahezu alle Altersklassen geht. Eine effektive Mobilisierung im Internet wie in der „Offline Welt“ haben darüber hinaus einen guten Teil zum Gelingen der Demo beigetragen.

Auch im kommenden Jahr wird es wieder eine Hanfparade geben und wer weiß, vllt. gibt es in diesem Jahr sogar noch ein Hanffest in der Hansestadt.

Rostock: Lesung „Meuten, Swings & Edelweisspiraten- Jugendopposition im NS“ am 15.05.15 im Café Median

Ob Swingjugend, Edelweißpiraten, Meuten, Fahrtenstenze in Hamburg, Köln, Leipzig, Berlin, München und anderswo – überall in Deutschland gründeten sich zwischen 1933 und 1945 Jugendgruppen, die sich dem NS-Regime verweigerten und stattdessen ihre eigenen Subkulturen pflegten. Mit eigenem Dresscode, eigenen Liedern und eigener Freizeitgestaltung, autonom und selbstbestimmt. Dafür scheute man auch nicht die direkte Konfrontation mit der Hitlerjugend und drängte stellenweise sogar deren Einfluss zurück, mit Flugblättern, Anti-Nazi-Graffitis, Überfällen auf HJ-Heime – nicht nur in Großstädten, sondern auch in der Provinz.

Erstmalig bietet ein Buch eine breite Übersicht über oppositionelles bzw. Widerstandsverhalten von Jugendlichen während der NS-Zeit. Der Fokus liegt dabei auf selbstbestimmten, informellen Gruppen, die sich aufgrund persönlicher Sympathien sowie kultureller Vorlieben für Musik und Kleidung zusammengeschlossen haben. Demgegenüber wird die Entwicklung der Hitlerjugend aufgezeigt und ihr Scheitern an der Aufgabe, die gesamte deutsche Jugend zu führen.

Amerikanische Swing-Musik ließ zudem Mitte der 1930er-Jahre die erste Jugendkultur der Moderne in Deutschland entstehen – eine Keimzelle für alle folgenden Subkulturen des 20. Jahrhunderts. Wie es zu dieser Entwicklung kam, erklärt dieses Buch.

Sascha Lange hat für „Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ viele ehemalige subkulturelle Aktivistinnen und Aktivisten zu Interviews getroffen, Quellen und Archivmaterial ausgewertet und ein umfangreiches Bildarchiv angelegt. So ist das Buch Materialsammlung und Einführung in die ersten Jugendkulturen der Moderne zugleich, ein bildreiches Nachschlagewerk, das zeigt, wie und wo Jugendliche sich dem Zwang des Nationalsozialismus entzogen.

Wann und wo?
Die Lesung beginnt am 15.05.2015 ab 19 Uhr im Café Median.

Naziaufmarsch in Demmin erfolgreich aufgehalten

++ rund 1.000 Menschen gegen Nazis und Geschichtsverdrehung in Demmin +++ friedliche Blockaden gegen Naziaufmarsch und verschiedene Veranstaltungen zum Tag der Befreiung +++ Presseschau zu Protesten in Demmin +

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Mit etwa 500 Demonstrant*innen brachte das Aktionsbündnis 8. Mai in diesem Jahr so viele Menschen für die Friedensdemonstration auf die Straße wie noch nie. Ein deutliches Signal für aktiv gelebte Demokratie und gegen Neofaschismus. Bei der Abschlusskundgebung sprachen Vertreter des Landkreises, der Kreistagspräsident, Landtagsabgeordnete und internationale Gäste.

Bereits seit dem Vortag fand in Demmin anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus die Erste Demminer Konferenz – gegen Krieg und Faschismus, für ein kulturelles Miteinander und für Toleranz statt. An der mehrtägigen Veranstaltung nahmen über 150 Menschen teil, darunter mehr als 20 Französ*innen.

Ein beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage waren zahlreiche, friedliche und fantasievolle Blockaden. Dadurch kam der in diesem Jahr zahlenmäßig deutlich kleinere Naziaufmarsch immer wieder zum Halten und musste sich der ablehnenden Mehrheit der Bürger*innen stellen. Dabei waren vielfältige Protestformen zu sehen: Es wurde getanzt, gesungen und Musik gemacht. Insgesamt waren fast 1.000 Menschen auf der Straße. Die Nazis mussten stundenlang ausharren, bis sie auf ihrer Route weiter kamen.

Erstmals waren neben der regionalen und überregionalen Presse auch 12 internationale Beobachter*innen aus Belgien, Großbritannien, Kamerun, Frankreich und der Schweiz vor Ort und begleiteten die Veranstaltungen. Insgesamt konnten Sie ein besonnenes Verhalten der Demonstrationsteilnehmer*innen und der Polizeieinsatzkräfte resümieren. „Nur vereinzelt gab es unübersichtliche Situationen“ heißt es in einer Presseerklärung des Bündnisses Demmin Nazifrei. Dennoch fahren die Beobachter mit dem bedrückenden Eindruck nach Hause, dass der politische Revanchismus in Deutschland wieder auflebt. Im Ergebnis haben die Veranstaltungen und Aktionen von Aktionsbündnis und den Demonstrant*innen zum ersten Mal in Demmin den Naziaufmarsch erfolgreich aufgehalten. Das engagierte Auftreten und die gezeigte Zivilcourage haben deutlich gemacht: Demmin bleibt bunt!

Am 9. Mai haben die Veranstaltungen vom Aktionsbündnis ihren Abschluss mit dem Friedenskonzert im Hafen von Demmin mit „Bejarano und die Microphone Mafia“ sowie weiteren Acts.

Weitere Artikel zu den Protesten in Demmin:

DM Nf: 8. Mai 2015 in Demmin – Naziaufmarsch erfolgreich aufgehalten

ER: Blockaden schränken Neonazi-„Trauermarsch“ ein

KF: 8. Mai in Demmin – Same procedure as every year?

ND: Demminer stellen sich Neonazis in den Weg

NK: Aktionsbündnis sieht Protest als großen Erfolg

Telefonnummern, Aktionskarte & Social Media für Demmin

Heute wollen Nazis wie in den vergangenen Jahren durch Demmin marschieren. Das Aktionsbündnis 8. Mai Demmin und andere Gruppen und Initiativen organisieren den breit getragenen Protest. Damit ihr in Demmin auch immer auf dem neues Stand seid, benutzt diese Kanäle:

Telefonnummern:
Infotelefon: 0160-62 080 18
Ermittlungsausschuss: 0157-337 30 212

Social Media:
Twitteraccount Demmin Nazifrei demminnazifrei
Hashtags: #8mDM sowie #tagderbefreiung, #8mai2015 & #8mai1945

Eine Aktionskarte gibt es hier

Wir sehen uns in Demmin!


Bild: 8. Mai in Demmin: Nazis blockieren!

Faschismus als Sprungbrett in die moderne Gesellschaft? – Zum Forschungsstand einer Debatte

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob und inwiefern faschistische Regime in Europa einen Anteil am Entstehen „moderner“ Gesellschaften hatten. Insbesondere das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutsche Reich werden im Zuge dieser Modernisierungsdebatte beleuchtet.

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Unterschiedliche Vertreter_innen der Wissenschaft interpretieren den Faschismus als gewaltsamen Versuch einer beschleunigten Modernisierung oder gegensätzlich als Revolte gegen die Moderne, die an dieser Stelle aufgezeigt und teilweise bewertet werden sollen.

Borkenau & Dahrendorf: Faschismus als Schub in die moderne Gesellschaft?

Der Modernisierungsansatz geht auf Franz Borkenau zurück, der bereits 1933 von der verspäteten und überhasteten Entwicklung des Kapitalismus in Italien und Deutschland ausgehend den Faschismus als eine Art von Entwicklungsdiktatur interpretierte. Faschismus ist für ihn eine immanente Notwendigkeit des industriellen Systems, um vorhandene „Störungen“ zum Aufbau eines „modernen“ Staates zu beseitigen und das Funktionieren des Staatsapparates sowie des industriellen Fortschritts zu garantieren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befasste sich Ralf Dahrendorf mit der Thematik und baute die Theorie aus. Der Nationalsozialismus habe laut Dahrendorf „die in den Verwerfungen des kaiserlichen Deutschlands verlorengegangene, durch die Wirrnisse der Weimarer Republik aufgehaltene soziale Revolution vollzogen“. Ihr Kern sei „der brutale Bruch mit der Tradition und Stoß in die Modernität“, und Hitler habe die dazu notwendige „Transformation der deutschen Gesellschaft“ bewirkt.

Beide sehen also die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die durch faschistische Regime erwirkt wurden, einen deutlichen Entwicklungsschub für die künftigen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Modernisierungsansätze versuchen den Nachweis zu führen, dass die in Deutschland nicht erfolgte bürgerliche Revolution unbewusst von den Nazis durch die Zerstörung feudaler und traditionaler, die Entfaltung der Demokratie in der Weimarer Republik behindernder Strukturen, herbeigeführt wurde. Dies gilt den Modernisierungstheoretikern als Voraussetzung für die stabile Demokratie der Bundesrepblick nach 1949. Die Anschlussfähigkeit des Dritten Reiches an die bürgerliche Demokratie – die allgemein als „die moderne Gesellschaft“ angesehen wird – sah Dahrendorf 1949 darin, dass die traditionellen Hindernisse in der deutschen Sozialstruktur nach dem Ersten Weltkrieg, welche das Scheitern der Weimarer Republik vorprogrammierten, von den Nazis beseitigt worden war.

Umberto Eco, Henry A. Turner und co.: Technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Rückstand

Die Theorie der Modernisierung durch faschistische Regimes stehen jedoch starke Argumente und Thesen entgegen, die sich nicht ignorieren lassen. Zwei der bekanntesten Kritiker_innen der Modernisierungstheorie nach Dahlendorf sind Umberto Eco und Henry Ashby Turner. So schreibt Eco:

„Sowohl Faschisten als auch Nazis huldigten dem technologischen Fortschritt, während traditionalistische Denker diesen für gewöhnlich als Negation von traditionellen geistigen Werten ablehnen. Jedoch selbst wenn der Nazismus stolz auf seine industriellen Errungenschaften war, war dessen Lob der Moderne nur die Oberfläche einer Ideologie, die auf „Blut und Boden“ basierte.“

Als Essenz des Faschismus sieht Turner sogar „eine Revolte gegen die moderne Industriegesellschaft und den Versuch, eine ferne mythische Vergangenheit zurückzuerobern.“ Um ihre fortschrittsfeindlichen Ziele verfolgen zu können, hätten Nazis zwangsläufig eine industrielle Kriegsmaschinerie aufbauen müssen, jedoch hätten sie alles andere als eine Modernisierung der deutschen Gesellschaft beabsichtigt. Jeffrey Herf konstatiert schließlich, der Nationalsozialismus habe Modernisierungsprozess in Deutschland angehalten und nicht gefördert.

Tatsächlich sind die empirischen Befunde, die gegen eine Modernisierungstendenz des Dritten Reiches sprechen, ernüchternd. Beispielsweise setzt die Liberalisierung der Familienstruktur erst in der Bundesrepublik ein. Bei der Elitenrekrutierung wurden ebenfalls moderne Kriterien erst nach 1945 wieder relevant. Auch spricht das empirische Material dagegen, dass sich die Chancengleichheit zwischen Männern im Dritten Reich vergrößerte.

Jens Albert stellte fest, dass „erst die Zerstörung des nationalsozialistischen Regimes, die darauf folgende Teilung Deutschlands, die die Sozialstruktur der BRD in die Kultur-, Wirtschafts-, und Verteidigungsgemeinschaft des Westens […] die Grundlagen für eine erfolgreiche Modernisierung des Landes“ schufen, „die einen radikalen Kontinuitätsbruch mit der deutschen Vergangenheit darstellt“.

Aus diesem Ansatz ergibt sich Frage: Ist der Faschismus eine von außen auf die deutsche Geschichte einwirkende Kraft oder ist er ein Resultat der deutschen Geschichte?

Wolfgang Schieder: Kriterien für modernisierungstheoretische Fragestellungen

Die eigentliche Frage muss lauten, wie der Nationalsozialismus in den Gang der Moderne einzuordnen ist. Und dies kann nicht intentionalistisch bestimmt werden. „Modernisierung“ ist theoretisch gesehen nicht von politischen Entscheidungsprozessen abhängig. Sie vollzieht sich nicht wegen, sondern vielmehr trotz dieser.

Für die modernisierungstheoretische Bewertung der Zeit des Dritten Reiches ist darüber hinaus entscheidend, was sich in sozialpolitischer Hinsicht tatsächlich verändert hat. Dabei sind dreierlei Dinge zu berücksichtigen. Zum einen lassen sich modernisierungstheoretische Fragestellungen nur über Langzeituntersuchungen beantworten. Die Epoche des Dritten Reiches ist für sich genommen zu kurz, um über gesellschaftliche Veränderungsprozesse Auskunft geben zu können.

Zum anderen geht man von falschen Voraussetzungen aus, wenn man „Modernisierung“ als einen linearen Prozess ansieht, der irgendwann zum Ziel kommt. Anstatt immer nur die Fortschrittsfrage zu stellen, ist es viel sinnvoller, den Faschismus als ein Krisenprodukt der Moderne zu verstehen. Letztens schließlich liegt auf der Hand, dass Modernisierungsprozesse nur in historischer Vergleiche mit anderen Gesellschaften untersucht werden können. Die sozialwissenschaftliche Theorie ist hier durchweg wertend verfahren. Versuche einer objektiven analytischen Herangehensweise fehlen oft völlig. Die westlich-bürgerlichen Demokratien galten lange als das Maß aller Dinge. Weiter wurde oft behauptet, dass sie eine global gültige Schablone lieferten, an dem sich alle anderen Gesellschaften orientieren sollten. Beides ist längst fragwürdig geworden, das heißt aber nicht, dass damit die ganze Modernisierungstheorie in Gänze falsch wäre.

Faschismus: Modernisierung oder Ausdruck einer Krise?

Nun wird immer wider behauptet, dass der Faschismus ungeachtet seiner eigenen Zielstellung wider Willen doch „modern“ gewesen sei. Und selbstverständlich war der Faschismus Teil der „Moderne“ – was sollte er im 20. Jahrhundert auch anderes sein?! Die bloße Einordnung in einen zeitlichen Rahmen reicht aber nicht aus, um von einer Moderne im Sinne einer fortschrittlichen Gesellschaft zu sprechen.

Italien und Deutschland gelten als sogenannte „verspätete Nationen“, die Prozesse der „nationalen Identitätsfindung“, der „politischen Verfassungsfindung“ und des „wirtschaftlichen Strukturwandels“ setzten in diesen beiden Ländern später ein, als anderswo. In dieser Dreifach-Krise kann der Ursprung des Faschismus gesucht werden. Er war die politische Antwort auf eine nicht zu bewältigende Modernisierungskrise. Er ist daher auch nicht unter dem Aspekt der Modernisierung, sondern unter dem einer Modernisierungskrise zu diskutieren.

Oft wird auf alle möglichen Entwicklungen verwiesen, welche sich in Italien und Deutschland in faschistischer bzw. nationalsozialistischer Zeit trotz allem vollzogen hätten. Solchen Ansichten kann nur schwer gefolgt werden, da es nahezu unmöglich ist, festzustellen, was sich ohne, gegen oder mit dem Faschismus entwickelt hat bzw. hätte. Selbst wenn es gewisse Teilmodernisierungen gegeben hat, muss doch immer die Frage gestellt werden, ob nicht ein ungleich größerer Modernisierungsschub möglich gewesen wäre, wenn man nicht den faschistischen Weg gegangen wäre.

Das scheinbar Moderne am Faschismus ist sein politischer Stil: die Ausnutzung der Technik und der Medien, vom Auto und Flugzeug bis zum Rundfunk. Der scheinbar moderne Habitus des Faschismus beider Gestalt führt deshalb nicht an dem Urteil vorbei, dass beide in ihren Ländern das „Projekt der Moderne“ auf verhängnisvolle Weise gestört haben.

Wismar: Buchvorstellung „GEFÄHRLICH VERANKERT“ mit Andrea Röpke am 12.05.15 im TIKO

Buchvorstellung und Diskussion „GEFÄHRLICH VERANKERT- Rechtsextreme Graswurzelarbeit, Strategien und neue Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern“ mit Andrea Röpke

Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat die NPD seit ihrem Einzug 2006 parlamentarisch niemals Fuß fassen können. Die Geschlossenheit der demokratischen Fraktionen im Kampf gegen deren rechtsextremistisches Gedankengut hat die NPD sichtlich zermürbt. Deren Abgeordnete fallen vielmehr durch Pöbeleien, Beleidigungen und weitere Provokationen auf.

Allerdings haben sich in Mecklenburg-Vorpommern abseits davon in den letzten Jahren nebulöse Strukturen und Verbindungen entwickelt, die erst beim genaueren Hinsehen ihren rechtsextremistischen Charakter offenbaren.

Diese neuen Netzwerke sind in vielfältiger Hinsicht Teil der Alltagswelt geworden: in der Nachbarschaft, im Verein, in der Schule oder in der Geschäftswelt. Die Journalistin und Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke ermöglicht mit diesem faktenreichen Buch einen tiefen Blick in den braunen Sumpf.

Andrea Röpke – Jahrgang 1965, Politologin und freie Journalistin, Spezialgebiet: Rechtsextremismus, Veröffentlichung ihrer aufwendigen Inside-Recherchen im Neonazi-Milieu in Fernsehmagazinen, in der taz und bei SüddeutscheZeitung-Online sowie in Fachportalen wie Blick nach rechts.

Wann? 12. Mai 2015
Einlass: 18 Uhr 30 Uhr (Beginn ist 19 Uhr)
Wo? Tikozigalpa (Dr.-Leber-Straße 38 in Wismar)

Gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern.

Demobeobachtung zum 1. Mai in Neubrandenburg

Am 1. Mai 2015 war der Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen (AKJ) Greifswald mit zwei Demobeobachter*innen in Neubrandenburg.

Ein Bündnis aus verschiedenen regionalen Gruppen hatte zu Gegenprotesten und Blockaden gegen die 1. Mai-Demonstration der NPD aufgerufen. Vor der angekündigten NPD-Demonstration fand eine antikapitalistische und antirassistische Bündnisdemonstration statt.


Bild: Übergriffe der Polizei auf Demonstrant*innen waren auch dieses Mal kein Novum.

+++Die Anreise+++

Im Vorfeld der Proteste wurden an den Zufahrtsstraßen nach Neubrandenburg Autos und Personen von der Polizei kontrolliert. Es wurden Personalien aufgenommen und Taschen kontrolliert, was sich eventuell auf §§ 57 Nr. 6, 29 I 2 Nr. 4e) SOG M-V stützen lässt. Allerdings mussten vereinzelt auch anreisende Personen ihr komplettes Fahrzeug ausräumen und durchsuchen lassen, was wegen der Schwere des Eingriffs unverhältnismäßig ist.

Alle Personen, die mit der Bahn zu den Gegenprotesten anreisten, wurden bei ihrer Ankunft in Neubrandenburg aufgrund von Auseinandersetzungen in Stralsund in Gewahrsam genommen. Sie wurden umfassend erkennungsdienstlich behandelt, durchsucht, abgefilmt und es wurden Schals, Sonnenbrillen und Fahnen beschlagnahmt. Außerdem wurden die festgehaltenen Personen einzeln fotografiert. Trotz der niedrigen Temperatur von 10C° wurden Schals als Vermummungsgegenstände eingestuft und eingezogen. Dies ist unzulässig, weil Schals als Kleidungsstücke des alltäglichen Lebens nach § 29a VersG nur Vermummungsgegenstände darstellen, wenn die zweckwidrige Verwendungsabsicht klar zutage tritt. (BT-Drs. 11/2834 Seite 11)

Außerdem ist das Filmen von Demonstrationsteilnehmern und Menschen, die zu einer Versammlung wollen, nach §§12a,19a Vers.G nur bei einer erheblichen Gefahr für die Öffentliche Sicherheit und Ordnung zulässig. Da die Personen am Bahnhof friedlich waren und von ihnen auch keine Straftaten zu befürchten waren gab es keinen Anlass der das Filmen gerechtfertigt hätte (BVerfGE openJur 2010, 3098).

Zweifelhaft ist zudem, ob die umfassende erkennungsdienstliche Behandlung gerechtfertigt war. Auf §§ 57 Nr. 6, 29 I 2 Nr. 4e) SOG M-V wird sich diese wohl kaum stützen lassen. Sie kommen allenfalls nach § 163b StPO in Frage, wenn die Anreisenden verdächtigt werden eine Straftat begangen zu haben oder Zeuge zu sein. Aufgrund der Auseinandersetzungen in Stralsund mag dies vielleicht möglich sein (dem AKJ liegen keine näheren Informationen vor). Es darf aber bezweifelt werden, dass die Intensität der erkennungsdienstlichen Behandlung im Hinblick auf den faktisch starken Eingriff in die Versammlungsfreiheit (die antikapitalistische und antirassistische Demonstration fing schon um 10:00 Uhr an und die Maßnahmen der Polizei dauerten bis 12:15) gerechtfertigt war. Außerdem hätten die Betroffenen nach § 163c StPO nach der Maßnahme aus dem polizeilichen Gewahrsam entlassen werden müssen. Als die Personen am Bahnhof nach über 2 Stunden wieder freigelassen wurden, zog die Gruppe zum Demokratiefest in der Innenstadt und fuhr danach wieder nach Hause.

+++Blockaden der Nazidemo+++

Nachdem um 12 Uhr 10 die antikapitalistische, antirassistische Bündnisdemo vom Veranstalter aufgelöst wurde, gab es eine erste Blockade an der Einsteinstraße/Ecke Juri-Gagarin-Ring. Diese Blockade wurde um 14Uhr ohne Zwischenfälle oder Ausschreitungen geräumt. Um 14:15 Uhr wurde die Demonstration der Neonazis mit über 2 Stunden Verspätung an den Gegendemonstrant*innen vorbei in die Einsteinstraße geführt.

Im Laufe des Tages gab es immer wieder Blockaden, die nicht von der Polizei geräumt wurden oder sich selbständig wieder auflösten. Auch das passierte ohne körperliche Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Gegendemonstrant*innen. Die Versammlungsfreiheit der Protestierenden wurde respektiert.

Aufgrund der zahlreichen Blockaden wurde die NPD Demonstration noch in der Einsteinstraße wieder zurück geleitet Richtung Juri-Gagarin-Ring. Von dort aus sollte die Neonazi-Demonstration Richtung Süden laufen. An der Ecke Juri-Gagarin-Ring/Ziolkowskistr bildete sich daraufhin erneut eine Blockade. Dort kam es zu den stärksten Zusammenstößen des Tages zwischen Polizei und Gegendemonstrant*innen, als die Blockade gegen 15:30 Uhr teilweise geräumt wurde. Die Polizei setzte dabei Schlagstöcke ein und verhinderte die Versorgung von verletzten Gegendemonstrant*innen, was nach § 105 SOG-MV unzulässig ist.

Dabei wurden mehrere Personen festgenommen.

Die NPD Demonstration wurde vom Veranstalter um 16 Uhr 15 aufgelöst.

Am Bahnhof kam es nach den Protesten zu einer Auseinandersetzung zwischen Neonazis und Gegendemonstrant*innen, woraufhin ein Gegendemonstrant festgenommen wurde.

Alle 8 Gegendemonstrant*innen die festgenommen wurden, sind schon am selben Abend wieder freigelassen worden.

Am achten Mai mit dem Bus nach Demmin

Am Tag der Befreiung wollen Nazis erneut durch Demmin marschieren. Das Bündnis Demmin Nazifrei organisiert in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Initiativen den antifaschistischen Widerstand. Aus verschiedenen Städten werden gemeinsame Anreisemöglichkeiten organisiert.

Hier die Liste der Busanreisen nach Demmin:
Greifs­wald
Ros­tock
Neustrelitz/Neu­bran­den­burg
Stralsund

und außerhalb MV’s:
Berlin
Ham­burg

Damit die Ticketpreise für die Busse aus MV sozial verträglich gestaltet werden können bitten wir um Spenden dafür unter dem Betreff „Nazifrei in den Mai“ an folgendes Konto:

BDP MV e.V.
Rostocker VR Bank
IBAN: DE64 1309 0000 0001 4547 65
BIC: GENODEF1HR1


Bild: Am 8. Mai den Nazis in Demmin in die braune Suppe spucken!

Aufruf zur Fahrraddemo von Rostock nach Demmin zum Kongreß „70 Jahre Befreiung vom Faschismus – Wo stehen wir heute?“ #update

In den letzten Tagen des Dritten Reiches kamen Truppen der Roten Armee nach Mecklenburg-Vorpommern.‭ ‬Sie befreiten die Region von der NS-Diktatur.‭ ‬Beseitigt wurde damit ein System des Antisemitismus,‭ ‬des Rassismus und Nationalismus und beispielloser Aggression gegen alles‭ ‚‬Nicht-Deutsche‭‘‬.‭ ‬Daher ist der‭ ‬8.‭ ‬Mai ein Tag der Befreiung.‭

Immer wieder jedoch versuchen Neonazis,‭ ‬Nationalkonservative und Geschichtsrevisionisten die Ereignisse um die Befreiung Mitteleuropas von der NS-Diktatur zu relativieren und damit die Taten der Alliierten Streitkräfte zu diskreditieren.


Bild: Flyer der 1. Demminer Konferenz gegen Krieg und Faschismus.

Daher werden sich in den Tagen um den‭ ‬8.‭ ‬Mai‭ ‬2015‭ ‬Menschen verschiedenster emanzipatorischer Bewegungen auf den Weg nach Demmin machen.‭ ‬Gemeinsam mit Akteur*innen u.a.‭ ‬aus Polen,‭ ‬Frankreich und Italien wollen sie in Rahmen eines Kongresses die lokalen Ereignisse in den Kontext einer gesamteuropäischen Leidensgeschichte unter deutschem Terror einbinden.‭ ‬So werden auch fahrradbegeisterte Antifaschist*innen Anfang Mai von Rostock aus zu den antifaschistischen Kongress/-aktionstagen nach Demmin zu fahren.‭ ‬Die Radtour beginnt am‭ ‬6.5. ‬gegen Mittag in Rostock und wird pünktlich zum Beginn des Kongresses am‭ ‬7.5‭ ‬um‭ ‬12:00‭ ‬Uhr in Demmin sein.‭ ‬Im Rahmen der Fahrraddemo wird es längs der Route Kundgebungen geben,‭ ‬in denen wir an die Ereignisse um den‭ ‬8.Mai‭ ‬45‭ ‬erinnern,‭ ‬der Umdeutung der Revanchisten eine klare Absage erteilen und Perspektiven aufzeigen,‭ ‬wie das,‭ ‬was in der Niederlage des NS-Staates seinen Anfang nahm,‭ ‬durch solidarische Kämpfe heute zu einer wirklich diskriminierungsfreien Gesellschaft umgestaltet werden kann.

Und dies ist der ungefähre Zeitplan für die Kundgebungsorte:

Start 6. Mai: Rostock Rosengarten‭ ‬11 Uhr 30‭ bis ‬12 Uhr
Groß Lüsewitz‭ ‬13 Uhr 30‭ bis ‬14‭ ‬Uhr Dorfplatz
Sanitz‭ ‬14 Uhr 15‭ bis ‬14 Uhr 45‭ ‬Bahnhof
Tessin‭ ‬15 Uhr 45‭ bis ‬16 Uhr 45‭ (‬fixer Abfahrtzeitpunkt‭) ‬Bahnhof
Gnoien‭ ‬18 Uhr 30‭ bis ‬19 Uhr‭ ‬Marktplatz

7. Mai
Dargun‭ ‬10 Uhr 45‭ bis ‬11 Uhr 15‭ ‬Am Sportplatz‭ (‬gegenüber Edeka‭)
Demmin‭ ‬12 Uhr 15‭ (‬fixer Eintreffzeitpunkt‭) ‬Am Speichergebäude‭ ‬+‭ ‬Kundgebung nach kurzer Mittagspause Fahrraddemo durch Demmin bis zum‭ „‬Tannenrestaurant‭“

Mehr Infos auf tourdelide.blogsport.de

Programm der Konferenz

Donnerstag, den 7. Mai 2015

Ort: Tannenrestaurant, Sandbergtannen 1, Demmin
13 Uhr Pressekonferenz

14 Uhr bis 16 Uhr
• Der schwierige Umgang mit der Geschichte (verschiedene Historiker wurden angefragt)
• Das Ende des 2. Weltkriegs in Demmin und der Missbrauch dieser Geschichte
• Das Ende des Krieges aus der Sicht damaliger KZ-Häftlinge und ihrer Kinder (Vera Dehle-Thälmann, Lagergemeinschaft Ravensbrück)
• Albert Camus und der Widerstand in Frankreich (Lou Marin, Marseille)

16 Uhr 30 bis 18 Uhr 30
• Das Aufleben des Neofaschismus in Europa und der Vergleich mit dem fanatischen Islamismus (Tomasz Konicz, Polen)
• Zurück in die Zukunft. Wir starten in der Gegenwart, gehen zurück in die Vergangenheit des Naziterrors, um einen
Ausblick in die Zukunft zu haben (Standpunkt e.V. – Bremer Bildungsverein)
• Polizeirepression in Europa (Monroy, Berlin)

20 Uhr Kulturprogramm

Freitag, den 8. Mai 2015
10 Uhr 30 bis 12 Uhr 30
• Rückkehr zu einer Ost-West-Konfrontation: Wie wahrscheinlich ist ein Krieg gegen Russland? (Kai Ehlers, Publizist)
• Wiederaufrüstung in Europa (Claudia Haydt, Informationsstelle Militarisierung, Tübingen)
• Psychologie der Kriegsmobilisierung (Prof. Klaus-Jürgen Bruder „Neue Gesellschaft für Psychologie“, Berlin)
Nachmittag im Lübecker Speicher Austausch unter den Konferenzteilnehmern, Erfahrungen antifaschistischer Bewegungen in verschiedenen Ländern

17.30 Uhr Friedensdemonstration

Sonnabend, den 9. Mai 2015

11 Uhr Pressekonferenz über die Ereignisse vom 7. und 8. Mai
Ab 15 Uhr Friedenskonzert am Hafen mit Leo Kraus und Amri Habimana, Percussion-Aktion; Basart, Rap aus Marseille;
Die Stormbirds, Pirate Blues Music

17 Uhr
Konzert mit „Bejarano und die microphone mafia“ (Esther Bejarano ist Überlebende des KZ Auschwitz, wo sie im Häftlingsorchester spielte)

#update: es gibt einige Terminänderungen, die ihr hier nachlesen könnt

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Das Aktionsbündnis 8. Mai agiert seit 2009 und bildet mit dem von ihm organisierten Veranstaltungen eine Alternative zum jährlich in Demmin statt findenden Nazi-Aufmarsch am 8. Mai.
Es besteht aus etwa 15 Leuten, ob Schüler_innen oder Bürger_innen, die sich schon lange – hier und überall – gegen Neofaschismus und rechte Tendenzen in der Bevölkerung zur Wehr setzen. Das offene Bündnis ist unabhängig von Parteien, Organisationen und Verwaltungen.
Das Ziel des Aktionsbündnisses ist es, zusammen mit Menschen aus Demmin und Umgebung, Gesicht zu zeigen und aktiv zu werden, sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander zu setzen.
Die Arbeit der Organisator_innen hat bereits zum Fest der Befreiung im Jahr 2012 über 500 Menschen gegen die Neonazis auf den Straßen und Plätzen Demmins versammelt.
Das ganze Jahr über gibt es Veranstaltungen wie Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen im Kontext von Krieg, Gewalt, Rassismus und Rechtsradikalismus.
Bei den öffentlichen monatlichen Treffen sind Interessierte und Gäste gern gesehen.
Kontakt kann über die E-Mail-Adresse: achtermai [at] demmin.de oder persönlich über die Mitglieder aufgenommen werden.

Demmin: 70 Jahre nach der Befreiung der Stadt

++ Gedenkkultur zum 70. Jahrestag der Befreiung in Demmin +++ Naziaufmarsch am 8. Mai durch die Stadt +++ Aktionsbündnis ruft zu Protesten gegen Fackelmarsch auf +

Pressemitteilung des Aktionsbündnisses 8. Mai Demmin vom 04.05.2015


Bild: Transparent zum 70. Jahrestag der Befreiung während der Proteste gegen den NPD-Aufmarsch am 1. Mai in Neubrandenburg.

Die Stadt Demmin hat unter anderem mit der Vorstellung des Buches von Florian Huber über die zahlreichen Menschen, die am Kriegsende ihre Kinder und sich selbst umgebracht haben, eine breite Diskussion über diese Ereignisse angestoßen und mit der anschließenden Konferenz versucht, mit Fachleuten die Hintergründe zu beleuchten. Wir unterstützen diesen Versuch und die damit verbundene öffentliche Debatte. Wir verstehen aber nicht, dass die Stadt gleichzeitig zulässt, dass das Demminer Regionalmuseum geschlossen wird. Dort wurde gerade in den zurückliegenden Jahren ernsthaft und professionell die Geschichte aufarbeitet und für die Öffentlichkeit dokumentiert und zugänglich gemacht.

Wir bedauern, dass der jährliche Fackelmarsch der NPD in Demmin am Tag der Befreiung auf der Konferenz „Schwierige Erinnerung“ in keiner Weise diskutiert wurde. Die NPD missbraucht die Geschichte Demmins für ihren Opferkult und vereinnahmt die Toten für ihre nationalistische Propaganda. Wie wir in Demmin damit umgehen, hat mit der Veröffentlichung des Buches auch internationale Aufmerksamkeit erhalten. Die FAZ schrieb dazu, es nähmen nur wenige Demminer*innen an Gegendemonstrationen gegen den NPD-Aufmarsch teil und die Stadt sei hilflos.

Das Aktionsbündnis widerspricht dieser fatalistischen Darstellung. Es haben im vergangenen Jahr rund 800 Menschen an den Gegendemonstrationen teilgenommen. Es wird leicht vergessen, dass aus der Umgebung Demmins und natürlich auch aus der Stadt selbst hunderte Jugendliche in den letzten Jahrzehnten abgewandert sind, um zu studieren und eine Arbeit zu suchen. Wir haben festgestellt, dass viele von ihnen sich von dem Missbrauch ihrer eigenen Geschichte durch die NPD betroffen fühlen und deshalb am 8. Mai nach Demmin kommen. Auch das gehört zum heutigen Umgang mit der Geschichte. Wir freuen uns, dass viele der jüngeren Generation sich ihrer Geschichte stellen und erwarten, dass sie ernst genommen werden. Das Aktionsbündnis hofft, dass die Verantwortlichen in Politik und Behörden in der Stadt, im Landkreis und im Land Mecklenburg-Vorpommern dies als Bereicherung der demokratischen Kultur und als Anregung betrachten.

Wir laden alle Demminer*innen zu den diesjährigen Veranstaltungen des Aktionsbündnisses vom 7. bis zum 9. Mai herzlich ein und freuen uns, dass in diesem Jahr nicht nur ein Franzose daran teilnimmt, sondern mehrere Gäste aus dem Ausland sich angekündigt haben.

Konzentrationslager in Mecklenburg-Vorpommern

Kaum eine andere Institution steht symbolisch und tatsächlich so deutlich für den menschenverachtenden Terror der Nazis, wie das engmaschige Netz aus Konzentrations- und Vernichtungslager.

Von Marko Neumann

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es mehrere solcher Lager, von denen einige nur wenige Monate vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches errichtet wurden. Zwar wurden erst im späteren Verlauf des Krieges Außenlager auf dem Gebiet des heutigen MV errichtet, ihre Bilanz ist dadurch aber nicht weniger schrecklich.


Bild: Die KZ-Gedenkstätte in Barth in Mecklenburg-Vorpommern.

Von „Wilden-“ zu „Konzentrationslager“
Nachdem die sogenannten „Wilden Lager“, die bereits kurz nach der Machtübertragung an die Nazis im ganzen Land errichtet worden waren, wieder geschlossen werden sollten, wurde die Errichtung der sogenannten Konzentrationslager beschlossen. Am 20. März 1933 hatte Heinrich Himmler, Reichsführer SS und damals kommissarischer Münchner Polizeipräsident, die Errichtung eines KZ für politische Gegner des Nationalsozialismus angekündigt. Auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik bei Dachau sollte das erste dieser neuen Lager entstehen und schon einen Tag nach Himmlers Dekret trafen die ersten „Schutzhäftlinge“ ein. Damit legte Himmler den Grundstein für ein Imperium des Schreckens. Im Juni 1933 wurde Theodor Eicke, ein Nationalsozialist der ersten Stunde und mittlerweile ranghoher SS-Offizier, zum Kommandant des KZ Dachau ernannt. Er entwickelte das typische Lagerregiment, die äußere Organisation mit Wachtürmen, unter elektronischer Hochspannung stehenden Zäunen und die Richtlinien der Verwaltung, die schließlich in allen Konzentrationslagern bis zum Ende des Dritten Reiches Geltung hatten.

Außenlager auf dem Gebiet des heutigen MV
Zwar sind für das heutige Territorium Mecklenburg-Vorpommerns keine Stammlager bekannt, dennoch gab es eine Vielzahl von Außenlagerstandorte, die dem KZ Ravensbrück oder dem KZ Neuengamme unterstellt waren. Sie belegen die große Spannbreite der Arbeits- und Existenzbedingungen für die Häftlinge in den Lagern. Sie reichen vom kleinen Außenkommando mit „Bibelforschern“ in einem Forschungsinstitut in Sassnitz bis zum Außenlager für die Heinkel Flugzeugwerke in Barth mit einer extrem hohen Sterberate. Einige Lager erhielten am Ende des Krieges die Funktion eines Auffanglagers für zahlreiche Standorte. Die Überbelegung der Lager mit gleichzeitig ausbleibender Verpflegung und medizinischer Betreuung ließ die Sterbezahlen in die Höhe schnellen. Beispiele dafür sind die Außenlagerstandorte Wöbbelin und Neustadt-Glewe.
Für das KZ Ravensbrück konnten bisher die Existenz von 43 Außenlagern zwischen 1942 und 1945 nachgewiesen werden. Davon befanden sich vierzehn Standorte auf dem heutigen Gebiet MV’s.
Von den insgesamt 87 Außenlagern des KZ’s Neuengamme befanden sich auf dem heutigen Territorium von Mecklenburg-Vorpommern vier. Die nur temporär eingesetzten Häftlingsgruppen auf dem Darß 1941 gehören zu den ersten Außenkommandos von Neuengamme. Zwei der Außenlager in Westmecklenburg, Boizenburg und Wöbbelin, sind sehr gut untersucht und markiert.

KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter_innen
1942 wendete sich das Krieggeschehen allmälig. Arbeitskräfte wurden zunehmend knapp im Deutschen Reich, weil immer mehr Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Schon früh wurden Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in den unterschiedlichsten Agrar- und Industriebereichen eingesetzt. Dennoch reichten die Arbeitskräfte nicht aus und es wurde fieberhaft nach weiteren Lösungen für die Engpässe gesucht. Eine mögliche Lösung war schnell gefunden. Nach der Übernahme der Inspektion der Konzentrationslager als Amtsgruppe D in das neu gebildete SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) beschrieb der Chef des WVHA Oswald Pohl den beabsichtigten Funktionswandel des KZ-Systems in einem Brief an Heinrich Himmler vom 30.04.1942 folgender Maßen:

„Der Krieg hat eine sichtbare Strukturveränderung der Konzentrationslager gebracht und ihre Aufgabe hinsichtlich des Häftlingseinsatzes grundlegend geändert. Die Verwahrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein steht nicht mehr im Vordergrund. Das Schwergewicht hat sich nach der wirtschaftlichen Seite hin verlagert.“

Nach einem mehrere Monate andauernden Ringen zwischen SS, Industrie, Wehrmachtsbehörden und Rüstungsministerium einigte man sich im September 1942, KZ-Häftlinge zukünftig an die Rüstungsindustrie zu vermieten. Auf Grundlage des gerade genannten Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Saukel, 50.000 zivile Arbeitskräfte aus den besetzten Gebiete heranzuschaffen, scheiterten die Pläne Pohls die jüdischen Häftlinge als Arbeitskräfte einzusetzen. Die verbliebenen jüdischen Häftlinge wurden Ende 1942 aus den Konzentrationslager im Reich in die Vernichtungslager deportiert.

Auch Lager in Mecklenburg und Vorpommern als Teil des Holocausts begreifen
Für viele der bereits stark geschwächten jüdischen Häftlinge aus dem Osten verwandelten sich einige Lager in Sterbelager. Damit sind diese Außenlagerstandorte auch Schauplätze des Völkermords an den Juden Europas, der Sinti und Roma sowie anderer Opfergruppen.
Die Häftlinge in diesen Lagern waren völlig rechtlos, der Willkür und Brutalität der SS ausgesetzt, mussten Zwangsarbeit leisten und lebten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen mit einer völlig unzureichenden Versorgung an Nahrung und Medikamenten. Die Todesbedrohung war allgegenwärtig.
Am Kriegsende wurden die meisten dieser Lager aufgelöst, die Häftlinge auf Transporte in andere Lager wie Malochw, Neustadt-Glewe und Wöbbelin geschafft. Das führte zu einer unbeschreiblichen Überfüllung der noch bestehenden Lager, die Todeszahlen explodierten bis zur Befreiung durch die alliierten Truppen förmlich. Das Geschehen auf den Todesmärschen der KZ-Häftlinge von Sachsenhausen und Ravensbrück in Richtung Nordwesten sowie auf den Häftlingsschiffen in der Lübecker Bucht stellen das letzte Kapitel des faschistischen Terrors auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns dar. Mehrere tausend Menschen starben auch hier an der menschenverachtenden Behandlung durch die Aufseher_innen, der fehlenden Verpflegung und medizinischen Versorgung und in den letzten Wochen des Bestehen des Dritten Reiches während den Todesmärschen aus den bereits befreiten Lagern.




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