Solidarität ist eine Waffe: Interview mit Katharina von „Soli for Greece“

Griechenland ist hoch verschuldet und die EU nur bereit Schulden zu erlassen und weitere Kredite zu gewähren, wenn im Gegenzug ein beispielloser Sozialabbau organisiert wird. In MV hat sich eine Gruppe engagierter Menschen zusammengetan, die Griechenland unterstützten möchte. Doch bei warmen Worten soll es bei dieser Initiative nicht bleiben.

Von Marko Neumann

M.: Hallo Katharina, schön, dass du Zeit für uns gefunden hast. Ihr habt vor einigen Woche eure Initiative „Soli for Greece“ ins Leben gerufen. Ihr wollt Spenden sammeln und das Geld dann an soziale Projekte in Griechenland übergeben. Wie seit ihr auf diese Idee gekommen?

K.: Hallo Marko, danke für dein Interesse an unserem Vorhaben.
Griechenland ist ja seit ein paar Monaten die Nummer eins in der medialen Berichterstattung. Die Antworten und Vorschläge für das krisengeschüttelte Land waren stets konservativ und gegen die linken Bewegungen und Regierungsvorhaben gerichtet. Wir hörten ja immer dieselbe Leier vom Sparen, vom faulen Griechen, von den korrupten Beamten. Dem wollten wir etwas entgegensetzen und Menschen, die betroffen sind, direkt helfen. Die Menschen in Griechenland leiden. Die Selbstmordraten sind in die Höhe geschnellt, Eltern geben ihre Kinder in SOS-Kinderdörfern ab, weil sie kein Geld haben, um sie zu ernähren. Es ist einfach unglaublich, dass die Bevölkerung eines Landes in unserer sogenannten Solidargemeinschaft – einst die Idee der Europäischen Union – so leiden muss und in die Armut gezwungen wird. Und dann geht die Initiative dazu sogar noch von der deutschen Regierung aus. Am deutschen Wesen soll wohl mal wieder die Welt genesen.


Bild: Spendenbüchsen basteln für die Initiative (Fotoquelle: Facebook.com/griechenlandspende).

Wir wollen dieses Europa von heute nicht, wir wollen ein solidarisches, ein sozialistisches Europa.
Die Wut über all das hat uns auf diese Idee kommen lassen. Wir wollen engagierte Menschen kennenlernen, uns mit ihnen austauschen und erfahren wie sie alltäglich arbeiten, um zu helfen. Nur durch persönliche Geschichten können wir begreifen, was die Krise mit den Menschen macht.
Ich habe vor einiger Zeit Landolf Scherzers Buch „Stürzt die Götter vom Olymp. Das andere Griechenland“ gelesen. An seiner Argumentation hat mich schon sehr beeindruckt, wie klar einige die Krisenursachen durchschauen und wie schnell der persönliche Absturz kommen kann. Das müssen wir uns mal überlegen, keine Krankenversicherung, keine soziale Absicherung, von heute auf morgen obdachlos werden können. Das ist hier vielleicht noch unvorstellbar, aber ein Abbau der Sozialstaaten findet ja nicht nur in Griechenland statt. Wir sollten auch dafür kämpfen, dass das nirgendwo passiert. Wir müssen alles dafür tun, die wesentlichen Bedürfnisse und Interessen der Menschen wieder in den Mittelpunkt zu rücken und eine breite Mehrheit dafür zu gewinnen. Das hat SYRIZA versucht, und das war der Moment, in dem es richtig spannend wurde und wir diese Idee gesponnen haben.
Es gibt ja auch das Projekt „MV für Kobanê“, die mit direkter Hilfe vor Ort angefangen haben, das war schon ein Vorbild für uns und hat uns inspiriert.
Ein direktes Zeichen der Solidarität.

M.: Was wollt ihr konkret mit diesem Projekt erreichen?

K.: Hier in Deutschland möchten wir Leute mit dem Thema konfrontieren. Wir möchten mit unserem Aufruf zeigen, dass Handeln möglich ist, und dass es drängt, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Alle, die unsere Flyer, Aufrufe, Seiten und Spendendosen sehen, treffen eine Entscheidung.
Wie stehe ich zu dem Thema, nehme ich die Hofberichterstattung der deutschen Medien hin oder nicht, tue ich etwas? Wenn ich spende, dann kommt da auch was an. Es ist wenig, es ist klein… aber es ist etwas.
Und alle, die etwas spenden, stehen hinter dieser Handlung und haben eine Haltung. Wenn jemand die mediale Hetze gegen Griechenland nachplappert, dann ist es ihnen nun vielleicht eher möglich, sich auf der Seite der Menschlichkeit zu positionieren.
Desweiteren möchten wir natürlich durch unsere Spendenübergaben vor Ort direkt helfen. Und im September dann von unserer Reise und den Projekten berichten und den Menschen in Griechenland durch Bilder und Gespräche ein Gesicht hierzulande geben.
Als „Aufhänger“ haben wir uns entschieden, die ausstehenden Reparationszahlungen an Griechenland zu thematisieren. Darüber gibt es viele Analysen und Materialien, aber kurz zusammengefasst: Griechenland hat unter der deutschen NS-Besatzung schwer gelitten. Für ein friedliches Europa verzichtete Griechenland schon in den 1950ern auf Reparationsforderungen gegen Deutschland.
Es gibt Analysen, die sprechen von ca. 250 Mrd. Euro, die Griechenland heute zustünden. Abgesehen von den moralischen Aspekten wäre diese Summe heute natürlich eine Möglichkeit für Griechenland, um aus der Schuldenfalle herauszukommen. Unsere Reise ist ein symbolischer Auftakt der deutschen Reparationszahlungen an Griechenland.

M.: Die Diskussion um Griechenland wird seit Monaten geführt. Wieso habt ihr jetzt eure Initiative gestartet?

K.: Eigentlich geht das ja schon seit 2010 mit der sogenannten „Griechenland-Rettung“ – und jetzt, fünf Jahre später, ist Griechenlands Wirtschaft ruiniert und die Bevölkerung verarmt. Seit fünf Jahren werden uns Bilder über Griechenland präsentiert, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Jetzt, wo die Bevölkerung sich mit der Wahl SYRIZAs für die politische Emanzipation entschieden hat, wurde für uns die Möglichkeit einer Alternative sichtbar. Die Chance, dass sich der öffentliche Diskurs in eine menschlichere Richtung bewegt. Mit welcher Vehemenz die rechten Regierungen auf die Wahl reagierten, das war schon erschreckend. Da steigerte sich unsere Wut und wir dachten, wir müssen was machen. Die Idee entstand lose im März und jetzt haben wir tatsächlich richtig begonnen.

M.: Wer unterstützt alles euer Projekt?

K.: Zu aller erst natürlich all die Menschen, die etwas spenden. Darüber hinaus haben wir Unterstützung vom Alternativen Jugendzentrum Neubrandenburg bekommen, die auf dem Fusion Festival für uns Spenden gesammelt haben. Soziale Bildung e.V. unterstützt das Projekt durch einen festen Spendensammelpunkt im Peter-Weiss-Haus an der Bar und in der OASE auf der Fusion. Die Partei DIE LINKE in Rostock und im Landtag trägt das Projekt mit und hat großzügig gespendet. Der BDP MV e.V. (bdpmv.de) ist auch ein Träger des Projekts. Zusätzlich haben wir engagierte Leute von den Rostocker Rotznasen, Menschen aus links-alternativen Strukturen und AJZs und aus dem DGB dabei.

M.: Viele Deutsche halten „die Griechen“ für faul und unterentwickelt. Glaubt ihr, dass ihr die 10.000€ Spenden zusammen bekommt?

K.: Je nach Blickwinkel sind 10.000 Euro sehr viel und auch sehr wenig. Wir sind davon ausgegangen, dass viele Leute sehr wütend sind und sich solidarisch mit Griechenland zeigen wollen. Noch ist es ungewiss, ob wir die Summe zusammen bekommen. Wir bleiben aber guter Hoffnung und arbeiten dran. Am Ende fahren wir mit der Summe los, die zusammenkommt. Durch das breite Feedback bisher haben wir gemerkt, dass die Not der Griech*innen die Menschen hier nicht kalt lässt. Wenn wir weiterhin neue Unterstützer*innen finden, um das Projekt bekannter zu machen, dann können wir es schaffen.

M.: Wie kann mensch eure Initiative unterstützen, also außer mit Geldspenden?

K.: Im größeren Stil natürlich, indem sich viele über Griechenland informieren und über die wirklichen Verhältnisse aufklären und die Berichterstattung hinterfragen.
Im Konkreten zum Beispiel durch die Teilnahme am Politischen Donnerstag am 23. Juli um 20 Uhr im Peter-Weiss-Haus, Doberanerstr. 21. Da stellen wir das Projekt noch einmal vor. Dann durch das Verbreiten im eigenen Umkreis. Wer zum Beispiel einen gut besuchten Ort kennt, kann dort Spendendosen und Flyer hinstellen. Kontaktiert uns dafür gerne: griechenland[ätt]systemausfall.org
Wir freuen uns auch über weitere Kontakte in Griechenland und speziell über Projektvorschläge in Thessaloniki.
Mischt euch ein. Seid lieb zueinander!

M.: Wo kann mensch mehr Informationen über eure Gruppe bekommen?

K.: Auf der Facebook-Seite: Facebook.com/griechenlandspende. Unter dem Reiter „Ausführliche Informationen“ stehen die Hintergründe zum Projekt (auf dem Handy musst du über die Browsereinstellungen die „Desktop-Ansicht“ wählen, damit man das sieht). Und dann natürlich über direkten Kontakt per Mail: griechenland[ätt]systemausfall.org.

M.: Dann viel Erfolg bei eurer Kampagne.

K.: Vielen Dank!


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