Der ganz normale Wahnsinn: (K)ein Naziwochenende in Mecklenburg-Vorpommern

++ Naziaufmarsch vergangenen Freitag in Waren +++ NPD-Kundgebung und Übergriffe auf Antifaschist*innen in Burg Stargard +++ Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte in Torgelow und Tutow +++ ein ganz normales Wochenende in Meck-Vorpomm +

Von Janin Krude und Marko Neumann

Die Hetze gegen Geflüchtete bricht sich bundesweit immer stärkere Bahnen. Nicht nur in sächsischen Orten wie Heidenau oder Freital entwickeln sich verbale Attacken auf Refugees und Antifaschist*innen zu brutalen körperlichen Übergriffen auf Menschen und Gebäude, auch in Mecklenburg-Vorpommern kam es in der nahen Vergangenheit zu verschiedenen Angriffen.
Trotz einer allgemein abnehmenden Stärke der neofaschistischen Szene sind menschenverachtende Einstellungen und rassistisches Gedankengut nach wie vor stark verwurzelt in großen Teilen der Bevölkerung. In Mecklenburg-Vorpommern sitzt die NPD immer noch im Landtag und ist in den Kreistagen vertreten. Gezielt nutzen organisierte Rassist*innen die allgemeine Ablehnung gegen Geflüchtete, um die Stimmung weiter anzuheizen.

Naziaufmarsch in Waren
Für den vergangenen Freitag hatte der lokale NPD-Aktivist Christian Knaak einen Aufmarsch durch die Stadt Waren angemeldet. Trotz einer sehr bescheidenen Mobilisierung kamen die etwa 60 Neofaschist*innen – die teilweise alkoholisiert an dem Aufmarsch teilnahmen – nicht nur aus Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch aus Brandenburg, Berlin, Sachsen sowie Sachsen-Anhalt. Der Aufzug, der deutlich im Styl der „Autonomen Nationalisten“ gehalten war, wurde von zwei Zwischenkundgebungen begleitet. Als Redner*innen traten unter anderem die beiden NPD-Aktivist*innen Doris Zutt und Norman Runge sowie Michael Zeise aus Sachsen-Anhalt auf.
Begleitet wurde der braune Aufzug von Antifaschist*innen, welche sich immer wieder in Hör- und Sichtweite der Nazis positionieren konnten.
Zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrant*innen und/oder der Polizei kam es während des Aufmarsches nicht. Eine Fotostrecke vom Aufmarsch gibt es hier.

Burg Stargard: NPD-Kundgebung und Angriffe auf Teilnehmer*innen des AJUCA
Seit einigen Tagen sind 30 Geflüchtete aus Syrien in Burg Stargard untergebracht. Für die umtriebige NPD war das Grund genug, eine Kundgebung vor Ort anzumelden.
Der NPD-Stadtvertreter Norman Runge hatte die Veranstaltung unter dem Motto „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“ angemeldet. Aus der geplanten Prpagandashow der NPD wurde jedoch nichts. Viele Menschen beteiligten sich an dem Protest gegen die rassistische Hetze mit Trillerpfeifen und bunten Transparenten. Noch während der NPD-Kundgebung versuchten die Nazis eine Antifaschistin anzugreifen. Die Attacke wurde jedoch unter Mithilfe anderer Antifaschist*innen und der schließlich eingreifenden Polizei schnell beendet.
Um den Refugees nicht den körperlichen und seelischen Gefahren eines Nazimobs auszusetzen, wurden die Geflüchteten kurzer Hand zum Alternativen Jugendcamp (AJUCA) eingeladen. „Wir wollten mit der Aktion unsere Solidarität mit den aus Syrien geflohenen Menschen ausdrücken und so zeigen, dass es eine Willkommenskultur in Mecklenburg-Vorpommern gibt“, sagte eine der Sprecherinnen des Jugendcamps. „Jeder Mensch kann und sollte diese Willkommenskultur aktiv mitgestalten.“
Am Sonnabend kamen Teilnehmer*innen des AJUKA ebenfalls nach Burg Stargard, um dort eine Solidaritätskundgebung abzuhalten. Örtliche Neonazis griffen die Antifaschist*innen unter anderem mit Flaschen an und attackierten schließlich sogar die Busse, mit denen die jungen Antifas angereist waren. In einem Bericht von Kombinat Fortschritt heißt es dazu: „Der enge zeitliche Zusammenhang von der Nazikundgebung am Freitag und dem Angriff am Samstag sollte angesichts von Meldungen wie aus den sächsischen Orten Freital oder Heidenau als ernste Warnung verstanden werden. Organisierter Antifaschismus und Solidarität mit Geflüchteten müssen praktisch ineinander greifen.“ . Fotos von den Ereignissen gibt es hier.

Erneuter Angriff auf Geflüchtetenunterkunft in Torgelow
Ebenfalls vergangenes Wochenende kam es zu einer erneuten Attacke auf ein Flüchtlingsheim in Torgelow mit Sprengkörpern. Erst am 18. August hatten bislang Unbekannte aus einem Auto heraus Pyrotechnik auf das Flüchtlingsheim in Drögeheide abgefeuert. Am Sonntag Abend wurde im Stadtteil Spechtberg mindestens zwei Böller in direkter Nähe einer dezentralen Flüchtlingsunterkunft gezündet. Die Polizei konnte einen Tatverdächtigen ermitteln.

Attacke auf Flüchtlingsheim in Tutow
Nicht nur in Torgelow, auch in Tutow kam es zu einem Angriff auf ein Flüchtlingsheim. Drei betrunkene Männer randalierten vor der Geflüchtetenunterkunft und versuchten zunächst, die Tür der Unterkunft gewaltsam zu öffnen. Zusätzlich warfen sie Bierflaschen auf einen Balkon des Gebäudes. Die eintreffende Polizei konnte schließlich einen 35-jährigen Tutower und zwei 27 und 35 Jahre alte Demminer festsetzen.

Naziaufmärsche und -Kundgebungen, Angriffe auf Antifaschist*innen und Flüchtlingsunterkünfte – obwohl das vergangene Wochenende in Mecklenburg-Vorpommern besonders ereignisreich schien, sind Ausschreitungen und zunehmender Hass gegen vermeintlich „Fremde“ nichts besonderes, sondern traurige Normalität in Mecklenburg-Vorpommern. Die pogromartigen Angriffe in Freital und jüngst in Heidenau zeigen jedoch, dass sich Rassismus keinesfalls auf MV beschränkt, sondern – im Gegenteil – ein Gesamtdeutsches Problem ist, welches sich vor dem Hintergrund eines ständigen sozialen Abstieges vor allem im Osten der Bundesrepublik immer krasser zum Ausdruck kommt. Dabei beschränken sich die Täter*innen dieser Angriffe nicht mehr auf die organisierte Naziszene. Sogenannte „Besorgte Bürger“ kommen längst aus der sprichwörtlichen „Mitte der Gesellschaft“. Die Ursachen solcher Übergriffe dürfen und können deshalb nicht als Problem, welches aus einer vermeintlichen Unterschicht entstammt, verharmlost werden. Rassistische Ressentiments, die nicht zuletzt durch Mainstreammedien salonfähig und angeheizt werden, sind integraler Bestandteil dieser Gesellschaft, in der Gewinn- und Machtstreben allem anderen untergeordnet werden. Rassistische Einstellungen werden – genauso wie die notwendige Flucht vor Hunger und Tod hunderttausender Menschen – nur nachhaltig bekämpft werden können, wenn Mensch und Natur einen höheren Stellenwert besitzen, als materielle Reichtümer.


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