Zurück in die Vergangenheit: „Deutschland, Deutschland über Alles“ – Aufmarsch der ‚MV.Patrioten‘ in Stralsund vergangenen Freitag

++ 400 Menschen bei Aufmarsch der „MV.Patrioten“ +++ Angriffe auf Journalisten und Polizei +++ erneute Kritik an Medienberichterstattung +

Von Janin Krude und Marko Neumann

Keine Woche vergeht, in der Nazis oder andere Rassist*innen derzeit nicht irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern aufmarschieren. Gestern liefen die vermeintlich „besorgten Bürger“ durch Stralsund. Knapp 400 Menschen waren dem Aufruf der rechten Gruppierung „MV.Patrioten“ gefolgt. Die Mobilisierung erfolgte wie bei ähnlichen Aufzügen in der Vergangenheit hauptsächlich über Social Media wie Facebook.

„Deutschland, Deutschland über Alles“
Mit Transparenten wie „Asylantenflut stoppen“ und „Stoppt die Islamisierung Europas“ trafen sich die besorgten Rassist*innen gegen 19 Uhr. Eine halbe Stunde später setzte sich der Aufmarsch in Bewegung. Mit Schildern auf denen „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ stand lief der Mob durch die Straßen. Rund 200 Polizist*innen schirmten den Aufmarsch ab und unterbanden mehrere Blockadeversuche von Protestierer*innen. Dennoch wurde der Aufzug wegen einer Blockade in der Altstadt kurzfristig umgeleitet. Die selbsternannten Patrioten hielten schließlich ihre Abschlußkundgebung am Alten Markt ab. Um endgültig der Öffentlichkeit zu zeigen, welch Geistes Kind sie sind, wurde schließlich das Deutschlandlied angestimmt. Laut schallte es „Deutschland, Deutschland über Alles“ und „von der Maas bis an die Memel“ über den Platz. Niemand der Teilnehmer*innen störte sich an der ersten Strophe des Liedes – im Gegenteil. Teilweise zu Tränen gerührt sangen sie mit.

„Patriotismus“ heißt: Angriffe auf Journalisten und Polizei
Wie so oft bei Aufmärschen der radikalen Rechten kam es auch dieses Mal zu körperlichen Auseinandersetzungen. Am Theater wurde eine Frau durch einen Flaschenwurf verletzt. Woher die Flasche kam, ist nach Polizeiangaben unbekannt. Teilweise versuchten die „besorgten Patrioten“ Polizeiketten zu durchbrechen. Die Polizei reagierte erstaunlich konsequent und unterband die Ausbruchsversuche. Am Abend wurde ein Journalist angegriffen und musste ärztlich versorgt werden.

Stralsund für Alle! – Proteste gegen Fremdenfeindlichkeit
Mehrere Parteien und Initiativen hatten zum Protest gegen den rassistischen Aufmarsch aufgerufen. Mehr als 200 Menschen nahmen an der zentralen Gegenkundgebung am Alten Markt teil. Mit bunten Schildern und Trillerpfeifen zeigten sie, dass rassistische Hetze auch in Stralsund nicht unwidersprochen bleibt. Neben vielen Stralsunder*innen war unter anderen auch Ministerpräsident Erwin Sellering vor Ort. „Mecklenburg-Vorpommern ist ein weltoffenes Land. Wir wollen keine Nazis. Ich bin stolz und freue mich, dass dies heute hier so viele so deutlich zeigen“, erklärte er.

Die Ostsee-Zeitung und die Mär von den „Asylkritikern“
In der Vergangenheit geriet die Ostsee-Zeitung in die Kritik, die rassistischen Aufzüge der vergangenen Wochen zu verharmlosen. So sprach die Zeitung beschönigend von „Asylkritikern“. Auch die Berichterstattung des jüngsten Aufmarsches beschrieb die auflagenstarke Zeitung sehr wohlwollend. Von einer „Bewegung“ der „MV.Patrioten“ war die Rede und nicht zuletzt wurden Rassist*innen in einem aktuellen Artikel erneut zu „Asylkritiker“. Offenbar kam es auch zu einem gemütlichen Plausch zwischen OZ und dem Anmelder des Aufmarsches, Enrico Naumann. Unkommentiert wird Naumann zitiert mit den Worten „Wir sind hier, weil wir mit der deutschen Politik unzufrieden sind“. Lediglich der leise Hinweis, ein „Banner mit der fremdenfeindlichen Parole „Bürger dieser Stadt haben Asylanten satt““ wäre auf dem Aufzug zu sehen gewesen, ist zu lesen. Plakate der NPD, bei denen schlicht das Logo überklebt wurde, verschweigt die Autorin des OZ-Berichts, Marlies Walther, dagegen gänzlich. Auch von dem Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes auf der Abschlusskundgebung verliert sie kein Wort.

Die Debatte um die steigende Zahl der in die Bundesrepublik ankommenden Flüchtlinge ist für braune Rattenfänger ein gefundenes Fressen. Um nicht sofort als Neofaschist*innen erkannt zu werden, nutzen Nazis verstärkt „Bürgerinitiativen“ für ihre Hetze. Durch ein betont bürgerliches Auftreten versuchen sie, in die sprichwörtliche „Mitte der Gesellschaft“ zu gelangen – oft mit einigem Erfolg. Fremdenhass und Rassismus als „Sorgen und Ängste“ vermeintlich „besorgter Bürger“ oder „Asylkritiker“ abzutuhen, spielt den Nazis in die Hände. Die Frage, ob die hohe Teilnehmer*innenzahl des vergangenen Aufmarsches in Stralsund durch beschönigende Berichterstattungen der hiesigen Lokalpresse wenn nicht verursacht, dann doch zumindest begünstigt wird, steht nach wie vor im Raum. Medienvertreter*innen müssen sich deutlich die Frage stellen lassen, ob sie mit ihren Berichten eine pluralistische und demokratische Gesellschaft unterstützen oder die Hetze rassistischer Gruppierungen hoffähig machen wollen.


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