Erinnerungen an den Tag der Befreiung 1945 – Henny Dreifuss: „Glücklich und traurig zugleich“

Henny Dreifuss ist Jahrgang 1924 und schrieb seine Erinnerungen an den 8. Mai 1945 auf. Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in der mittlerweile vergriffenen Broschüre „Bob du musst rennen, der Krieg ist vorbei“.

Die Befreiung erlebte ich am 3. September 1944 in Lyon. Dort war ich seit Januar 1943, um am Widerstand teilzunehmen. Ich hatte mit meinen von Hans Kralik hergestellten falschen Papieren so manche Kontrolle in dieser Zeit überstanden.
Bei ihrem hektischen Abzug aus Lyon – die Befreiungsarmee kam das Rhônetal entlang – hatte die Wehrmacht noch die Brücken über die Rhône und die Saône in die Luft gesprengt und die französische Miliz schoss von den Dächern. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in einem Hausflur in der Rue de Brest Zuflucht gefunden hatte und dachte, jetzt möchtest du nicht sterben.
Da ich im Auftrag der Bewegung „Freies Deutschland“ auf dem Flughafen Lyon-Bron gearbeitet hatte, um für die Herstellung unserer illegalen Schriften die Atmosphäre einzufangen, war es richtig und auch notwendig, mich in dem Trubel der Befreiung für einige Wochen in einer FTP-MOI-Einheit (Abkürzung von Francs-tireurs et partisans main d’oervre immigré – d. Red.) von Teilnehmern am Widerstand aus verschiedenen Ländern Europas einzugliedern.
Ich war damals gerade 20 Jahre alt und sehr beeindruckt und froh, nun meine Gefährten aus dem illegalen Kampf kennen zu lernen. Ich wusste, dass es sie gab, aber die konspirative Arbeit brachte es mit sich, dass ich nur wenige kannte, mit denen ich unmittelbar zu tun hatte. Es war eine Zeit, in der ich glücklich und traurig zugleich war. Glücklich, dass ich überlebt hatte, dass dieser grausame Krieg zu Ende und der Faschismus geschlagen war. Traurig bei dem Gedanken an all diejenigen, die das nicht mehr erleben konnten. Die Ungewissheit plagte mich auch, was aus meinen Eltern und meinem Bruder geworden war. Die ersten Deportierten, die überlebt hatten, kamen zurück und berichteten von den unvorstellbaren Grausamkeiten der Nazis. Am 8. Mai 1945 war ich schon in Paris. Es war endlich das Kriegsende in einer aufgewühlten Stadt, deren Bevölkerung – so schien es mir – gar nicht mehr nach Hause ging. Tag und Nacht war Betrieb auf den Boulevards. Es waren unvergessliche Tage.
Noch im Sommer 1945 kehrte ich in meine Heimatstadt Mannheim zurück. Vieles Ka anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Vorzeichen des „Kalten Krieges“ ließen nicht lange auf sich warten. Die sogenannte Entnazifizierung traf die Kleinen. Kriegsverbrecher wurden kaum bestraft. Die Großindustrie machte schnell wieder Geschäfte du Profite. In den Behörden tummelten sich bald wieder die alten Nazis. Breite Teile der Bevölkerung beteuerten, „von nichts gewusst zu haben“.
Zum Glück stellen nachwachsende Generationen viele Fragen, um deren Antwort ich mich bis heute als Zeitzeugin immer wieder bemühe.


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