Erinnerungen an den Tag der Befreiung 1945 – Harri Czepuk: „Befreiung von der Vergangenheit“

Harri Czepuk ist Jahrgang 1927 und schrieb seine Erinnerungen an den 8. Mai 1945 auf. Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in der mittlerweile vergriffenen Broschüre „Bob du musst rennen, der Krieg ist vorbei.“

Das offizielle Kriegsende am 8. Mai 1945 erlebte ich teilweise unter eigenartigen Umständen hinter Stacheldraht eines Kriegsgefangenenlagers im damaligen niederschlesischen Sagan. Eigentlich war für mich der Krieg bereits am 29. April am Ortsrand des märkischen Dorfes Halbe beendet, nachdem ich die für mich längste und schrecklichste Nacht vom 28. Zum 29. April erlebt – oder besser gesagt – überlebt hatte. Ich lag am Morgengrauen in einer Kiefernschonung, dort etwa, wo sich heute der Wald mit dem größten deutschen Soldatenfriedhof erstreckt. Von der an dieser Schonung angrenzenden Ackerfläche herkommend, dröhnte ein Lautsprecher mit der akzentfrei deutsch gesprochenen Aufforderung, doch endlich die Waffen niederzulegen, das unsinnige Töten einzustellen und sich der Roten Armee zu ergeben. Rings um mich erhoben sich plötzlich, in der Dunkelheit von mir nicht bemerkt, zwischen zahllosen Toten, zahlreiche Köpfe deutscher Soldaten, in denen offensichtlich die Frage rumorte, wie bei mir: Soll man oder soll man nicht… Da war einerseits die jahrelange Nazipropaganda über die schrecklichen Bolschewisten, die nun in Deutschland eingedrungen seien, um uns alle auszurotten. Das hatte seine Wirkung oft nicht verfehlt. Da war andererseits bei mir persönlich die antifaschistische Erziehung im Elternhaus, mit Einschätzungen über die Russen, die nicht mit dieser Nazipropaganda übereinstimmten. Da war also ein gewisses Einerseits und Andererseits. Zwar ließ uns der Lautsprecher nicht viel Zeit, denn drohend war der Einladung die Mitteilung gefolgt, dass ab 11.00 Uhr die Artillerie der sowjetischen Streitkräfte das Dorf und die umliegenden Wälder unter konzentriertes Feuer nehmen würde, das niemand überleben werde. Dass dies kein leerer Spruch sein würde wussten alle, die seit dem 16. April, dem Beginn der Oderoffensive gegen Berlin, vor allem innerhalb des Kessels von Halbe, gekämpft hatten. Neu war, dass wir Soldaten plötzlich die Freiheit hatten, selbst zu entscheiden. Denn die Führung der 9. Armee mit General Busse und seinem Anhang war in der schon erwähnten Nacht über Leiche fahrend und auf eigene Soldaten schießend, aus dem Kessel ausgebrochen, den größten Teil der Untergebenen ihrem Schicksal überlassend. Doch bei denen gab es unterschiedliche Entscheidungen. Ein Teil wollte das Wagnis eingehen und der Generalität, also der bisherigen Führung nach Westen folgen. Ein anderer Teil erklärte: Ehe mich die Russen umbringen, erschieße ich mich selber. Die Überreste genau jener Entscheidungen liegen heute unter schlichten Grabsteinen auf dem Waldfriedhof von Halbe. Aber ein nicht unwesentlicher Teil der in der Schonung Lagernden nutzte die zwar auf tragische Art, aber immerhin erfolgte Befreiung von der Vergangenheit, um den Versuch zu unternehmen, das eigene Leben zu retten.
Mehr und mehr werdend nahmen sich deutsche Soldaten nach der schrecklichen Schlacht von Halbe ihre neue Freiheit, um sich paradoxerweise in Gefangenschaft zu begeben.
Im Gutshof, in der Nähe des Autobahnabzweiges Berlin-Dresden-Berlin-Forst, wurden wir gesammelt und registriert. Ein erstes Aufatmen. Es gab auch etwas zu essen. Erneutes Aufatmen. Mit den Leuten, die man umbringen will, macht man nicht solche Umstände. Nach zwei Tagen ging es in einer Tausende zählenden Marschkolonne auf der Autobahn Richtung Forst. Außer dieser Marschkolonne wurde die Autobahn, die ja bis zum damaligen Breslau reichte, nur noch von sowjetischen Panzer- und LKW-Kolonnen genutzt, um die zur Festung erklärte damalige schlesische Landeshauptstadt zu stürmen. Das Breslau Festung wurde, hatte nicht die Rettung der Stadt, sondern neben ihrer Zerstörung auch die Vertreibung der Bevölkerung durch die Nazis zur Folge. Dass diese Vertreibung heute geschichtsfälschend genutzt wird, gehört zum Missbrauch mancher Freiheiten, die wir erleben.
Am 5. oder 6. Mai traf unsere Kolonne über Forst kommend in Sagan ein. Unterwegs hatte die Gerüchteküche Hochkonjunktur. So wurde u.a. verbreitet, dass amerikanische Truppen gemeinsam mit den Resten der Naziwehrmacht auf dem Wege seien, die Sowjetarmee wieder von deutschem Boden zu vertreiben. Inzwischen weiß die Welt, dass einige Nazigeneräle, u.a. General Wenck mit seiner 12. Armee solche Pläne hegten, die auch in dessen Kapitulationsangebot vom 3. Mai 1945 an die US-Armee enthalten sind. Die US-Streitkräfte hielten sich jedoch an die Abmachungen der Antihitlerkoalition. Und so wurden die in der Nacht vom 8. Zum 9. Mai als Zeichen der Freude über den militärischen Sieg abgefeuerten Leuchtspursalven aus vielen Handfeuerwaffen der sowjetischen Soldaten zunächst von einigen fanatischen Nazis missverstanden. Doch der Wahn war kurz. Am Morgen des 9. Mai wurden die Phantasten auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt.
Aber noch etwas fand in Sagan statt, wie übrigens in vielen anderen Lagern mit deutschen Kriegsgefangenen auch: eine demonstrativ sichtbar gemachte Auflösung des Deutschen Reiches. Über Nacht gab es kaum noch Deutsche. Überall fanden sich Gruppen zusammen, die sich landsmannschaftlich vom deutschen Reich lossagten. Sie nähten sich Landesfähnchen an ihre Mützen und Rockärmel. Dabei waren sie in ihrer Auswahlbreite nicht zimperlich. Nur Österreicher und Ungarn wussten um ihre neue Unabhängigkeit. Elsässer, Lothringer, Saarländer und Rheinländer votierten für Frankreich, auch wenn manche rechtsrheinisch beheimatet waren. Bayern schmückten sich mit blau-weißen Farben, Badener, Württemberger, Hannoveraner und Sachsen erinnerten sich plötzlich, einmal einen König gehabt zu haben. Selbst kleinste Fürstentümer wurden auf diese Weise vom Deutschen Reich gelöst. Der einfache Grund für dieses Abwracken der großdeutschen Nation war die Bekanntgabe der sowjetischen Lagerleitung, dass alle Nichtdeutschen demnächst aus der Gefangenschaft entlassen werden würden. Und da wundern wir uns heute, dass es mit der deutschen Einheit nicht klappen will? Aus geschichtlicher Erfahrung und beim Nachdenken über die Zukunft muss man feststellen, dass eben mehr und vor allem anderes zur Lösung der nationalen Frage gehört, als das, was 1870/71 oder zwischen 1933 und 1945 bzw. 1989/90 angerichtet wurde.


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