„Verdammt es geht schon wieder los…“ – Die Europameisterschaft im Männer*fussball und der „neue“ deutsche Nationalismus

Fußball, olé, olé! Die Europameisterschaft der Männer* im Fußball beginnt und traditionell hüllt sich die ganze Republik in schwarz-rot-goldene Fahnen. Was ist so gefährlich an dem deutschtümelnden Partypatriotismus in „Schland“?

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Wenn von Nationalismus gesprochen wird, heißt es, dieser sei die übertriebene Heraushebung der eigenen Nation gegenüber anderen. Die meisten Menschen, die bei der Fußball-WM „ihre“ Fahne am ganzen Körper tragen und laut „Schlaaand“ jubeln, weisen Nationalismus streng von sich, viele bezeichnen sich lieber als „Patriot*innen“. Patriotismus bedeutet übersetzt Vaterlandsliebe; bedeutet demnach, zwar für die eigene Nation zu sein, diese aber nicht über andere zu stellen. Gibt es also einen gesunden Patriotismus, der niemandem weh tut?
Die Erfahrung zeigt, wie schnell die Grenzen zum Nationalismus verschwimmen, beide gehen in der Regel Hand in Hand. Studien haben nachgewiesen, dass der ausdrücklich positive Bezug auf die eigene Nation meist mit der Abwertung anderer einhergeht. Doch für die eigene Herkunft, die Vorgeschichte eines Landstrichs oder die berühmte Muttersprache kann niemand etwas. Stolz und Begeisterung für das „eigene Land“ schaffen und bedeutet immer auch die Abgrenzung gegenüber anderen Menschen welche nach willkürlicher Definition nicht dazu gehören.


Bild: Deutsche „Patrioten“ – Aufmarsch der fremdenfeindlichen „Pegida“-Bewegung.

Nationalismus überdeckt gesellschaftliche Probleme
Nationalismus erzeugt durch die Bildung von Stereotypen einen Anpassungsdruck auf alle, die sich einer bestimmten nationalen Identität zuordnen oder ihr zugeordnet werden. Immer wieder wird dem Individuum ein Bezug zu vermeintlich „nationalen Interessen“ abverlangt. Die Vorstellung vom „einheitlichen Volk“ überdeckt tatsächliche gesellschaftliche Konflikte, Ungerechtigkeiten und Unfreiheit. In einem Weltbild in dem es „nur noch Deutsche“ gibt, ist kein Platz für die Wahrnehmung von kapitalistischer Ausbeutung, sozialer Ungerechtigkeit oder Frauen*unterdrückung.
Durch die Ausrufung eines „nationalen Interesses“ lassen sich Menschen für beliebige politische Ziele mobilisieren. Sei es zum Gürtel-enger-Schnallen für den Wirtschaftsstandort Deutschland, sei es der Hass auf ethnische und religiöse Minderheiten bzw. so genannte „Sozialschmarotzer“ oder schließlich der Krieg gegen andere Länder. Der irrationale Glaube an ein diffuses Größeres, das jede noch so aggressive Haltung zu rechtfertigen vermag, soll das selbstständige Denken ersetzen.

Wo es ein „wir“ gibt, gibt es auch ein „die anderen“
Individuelle Freiheiten werden durch Nationalismus in Frage gestellt oder sogar offen aberkannt. Denn nicht jede_r kann frei wählen, wo und wie sie_er leben oder welche Staatsangehörigkeit sie_er annehmen möchte. Durch Diskriminierung und Mobbing in Behörden, in der Schule und am Arbeitsplatz werden Menschen „fremder Herkunft“ tagtächlich drangsaliert. Abschiebungen und Arbeitsverbot bedrohen das Leben von Migrant_innen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus. In Massenunterkünften wird ihnen das Leben so schwer wie möglich gemacht, damit sie „freiwillig“ das Land wieder verlassen.
Der Grund ist die rassistische Vorstellung, dass Menschen dahin gehören, wo sie und ihre Vorfahren geboren wurden und dass „Eingeborene“ grundsätzlich mehr Rechte in einem Land haben sollten als Zugezogene. Anders ist das meist für EU-Bürger*innen, die deutlich einfache auswandern können.

Nationalismus ist tödlich
Rassistische Gewalttaten gegen vermeintlich „Undeutsche“ sind in der Bundesrepublik an der Tagesordnung und fordern immer wieder Todesopfer. Auffällig ist, dass diese Übergriffe stets dann zunehmen, wenn das gesellschaftliche Klima durch entsprechend fremdenfeindliche Diskussionen angeheizt ist. Zuletzt kam es nach der Sarrazin-Debatte verstärkt zu Anschlägen auf Moscheen und Synagogen. Auch der Staat übt direkt und indirekt Gewalt gegen Flüchtlinge aus. Willkürliche Abschiebungen von Flüchtlingen in Krisengebiete bedeuten meist Armut und Hunger, immer wieder auch Gefängnis, Folter oder Hinrichtung. Die koordinierte Abschottungspolitik an den europäischen Außengrenzen fordert jedes Jahr tausende Todesopfer.

„Die Nation“ – Was ist das?
Der Begriff Nation beschreibt große Gruppen von Menschen, denen anhand von Merkmalen wie Herkunft („Abstammung“) Geschichte, Sprache oder Tradition Gemeinsamkeiten und – dadurch begründet – eine Zusammengehörigkeit zugeschrieben werden. Die so entstehende Unterscheidung in deutsch und undeutsch, französisch – unfranzösisch oder amerikanisch – unamerikanisch usw. existiert zuallererst in den Köpfen. Die auch heute noch oft beschworenen „rassischen“, Volks- oder nationalen Eigenschaften, die in Menschen festgeschrieben sein sollen, gibt es also nicht: was einen Menschen angeblich „deutsch“ macht, ist immer Willkür.
Die Nation ist etwas Erfundenes, eine Vorstellung, die geschaffen wurde – weshalb auch oft von einem „Konstrukt“ gesprochen wird. Dadurch, dass sie in Form von Vorstellungen, Vorurteilen und Erwartungen in den Köpfen existiert, kann die Nation trotzdem sehr konkrete Auswirkungen entfalten, etwa als Grundlage der Entstehung moderner Staaten und ihrer rassistischen Staatsbürgergesellschaft oder in vielfältigen Auswüchsen der verbreiteten Wahnvorstellung von einer nationalen Schicksalsgemeinschaft.
Konstrukte sind nur so lange real und wirkmächtig, wie Menschen an sie glauben und durch ihr Handeln am Leben erhalten. Sie sind nicht „natürlich“ – und erst recht nicht in Stein gemeißelt. Nur dadurch, dass Menschen so leben, als seien sie real, die erdachten Grenzen in Gesetze gießen und befolgen, können sie existieren. Ebenso gut könnten sie aber auch in Frage gestellt werden.

Nationalismus und Patriotismus haben keine positiven Funktionen, sondern sind ein ganz besonders ekliger Bestandteil jener Verhältnisse, die wir besser heute als morgen gemeinsam überwinden sollten. Für ein freies, friedliches und gerechtes Leben braucht es kein Nationalbewusstsein und keine Länderfahne im Vorgarten.


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