Archiv der Kategorie '20 Jahre Pogrome in Rostock Lichtenhagen'

Rostock: Politischer Donnerstag „20 Jahre Lichtenhagen – Eine kritische Nachbetrachtung“

Die rassistischen Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen im August 1992 waren nun für eine Zeit im starken Fokus von Medien und engagierter Zivilgesellschaft.
Zahlreiche Aktionen, Veröffentlichungen und Veranstaltungen später möchten wir an diesem Abend die gesamten Aktivitäten einmal Revue passieren lassen.

Wir möchten in einem Podiums- und Publikumsgespräch die unterschiedlichen Meinungen äußern und diskutieren. So auch zu den Fragen, ob das Gedenken angemessen umgesetzt wurde, wie wir mit den Ereignissen umgegangen sind und wie wir Rassismus in der Gegenwart und Zukunft begegnen können.

Es werden Vertreter_Innen verschiedener Initiativen zugegen sein, die sich im weitesten Sinne mit dem 20. Jahrestag der Pogrome beschäftigt haben, vertreten sein, um ein möglichst breites Diskussionsspektrum zu schaffen.

Wir hoffen an diesem Abend auf spannende Diskussionen und eine rege Beteiligung.

Wann? 20. September 2012 um 20:00 Uhr
Wo? Peter-Weiss-Haus

Rostock-Lichtenhagen 2012: „Ich bin hier, weil ihr hier seid“

Am 25. August 2012 sprach Kien Nghi Ha auf der Abschlusskundgebung zum Gedenken des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen von vor 20 Jahren. Er ist promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, Autor und Vorstand des Vereins korientation e.V. In seiner Rede spricht Kien Nghi Ha aus einer deutsch-vietnamesischen Perspektive und trägt seinen Leser_Innenbrief vor, der direkt nach dem Pogrom von 1992 in der taz erschien.

Der Leser_Innenbrief von damals im Wortlaut:

„Pogrom in Rostock

Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, fühlte sich nach den Angriffen so „betroffen“, obwohl die rassistische Angriffe gar nicht ihm galten. Warscheinlich fühlte sich Kupfer auch schon vor den Bränden als Opfer von Verleumdungen, in denen ihm Inkompetenz und Versagen vorgeworfen wird. Aber dies zeugt immerhin von einer guten Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Die „Betroffenheit“, falls sie bestand, reichte jedoch nicht zu einem Besuch des Flüchtlingsheims in Rostock-Lichtenhagen als Zeichen des Mitgefühls bzw. der Solidarität, was von Antifaschisten unter Lebensgefahr praktiziert wurde. Komisch bzw. traurig ist nur, daß der „Betroffene“ Kupfer sogleich das Asylrecht durch „Ergänzung“ abschaffen will, und sogar Verständnis für faschistisch-rassistische Gewalt aufbringen kann. Aber auch dieser Akt des triefenden Opportunismus und der Verlogenheit ist nur ein Kapitel im Buch „Politik auf Kosten von MigrantInnen“.

Gleichzeitig wurden und werden Opfer zu Täter gemacht, Verbrechen relativiert, „erklärt“ und entschuldigt und die versuchten Mörder damit entlastet, wenn nicht sogar freigesprochen. Das Prinzip der Machterhaltung hat in dieser Demokratie Vorrang. Schließlich sind die braven faschistoiden BürgerInnen auch die WählerInnen von heute und die gewaltätigen Kids die Wähler von morgen. Die meisten Politiker der etablierten Parteien trauen sich nicht den Deutschen ihr Spiegelbild zu zeigen, das von der mangelnden Aufarbeitung der nazistischen Vergangenheit und dem allgegenwärtigen Rassismus in der deutschen Gesellschaft verzerrt ist. Durch die Sozialisation haben wir alle, bei einem mehr beim anderen weniger, diese Auffassungen irgendwo verinnerlicht.

Es ist viel leichter mit bequemenen Scheinwahrheiten zu leben, indem die Deutschen sich als Opfer der „Flut von Asylanten“, von „kriminellen Ausländern“, die in den Park herumlungern und damit das deutsche Ordnungsgefühl irritieren, von „Wohnungsklauern“ oder von „Dumpingarbeitern“ sehen. So werden aus Priviligierten plötzlich bedauernswerte Opfer, Benachteiligte und ungerecht Behandelte. Schließlich kommen noch „Zukunftsängste“, ein „Bruch in der Biografie durch das verfallende Sozialmillieu einschließlich Elternhaus“, „Werteverfall aufgrund des Zusammenbruchs der DDR und der sozialistischen Werte“, Arbeitslosigkeit, Alkohol und Langeweile hinzu, die das Bild abrunden. Müssen wir MigrantInnen und Flüchtlinge da nicht akzeptieren, daß die armen Jungs halt ein Ablaßventil brauchen. Aber keine Sorge, der nächste Aufschwung kommt bestimmt.

Die Realität ist jedoch, dass MigrantInnen und vor allem Flüchtlinge in einem viel stärkeren Maß unter Zukunftsängsten aufgrund der rechtlichen Ungleichbehandlung (unsichere Aufenhaltsstatuten, keine politische Partizipation und Bürgerrechte) und einer noch schlechteren Situation auf dem Arbeitsmarkt leiden. Hatten wir keinen Bruch in unserer Biografie als wir nach Deutschland kamen und teilweise Familien durch Bürgerkriege, politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgungen, Morde oder einfach durch Armut auseinander gerissen wurden? Wurden wir hier nicht mit einer neuen dominierenden Kultur mit anderen Werten konfrontiert? Und haben die Flüchtlinge, die keine Arbeit finden nicht ebenfalls Langeweile? Aber wem interressiert das? Wir veranstalten, obwohl unsere Probleme den der Ossis im nichts nachstehen, keine Pogrome! Daher kann dieser Erklärungsansatz kaum befriedigend. Diese Gewalt hat seine Wurzeln im gesellschaftsfähigen Nationalismus, Rassismus und Faschismus. Die rassistisch-faschistischen Gewaltäter unterscheiden sich nur durch die angewandte Gewalt von den achso braven BürgerInnen, aber nicht durch ihre Auffassungen. Noch leugnen sie, die PolitikerInnen, die SoziologInnen, die BürgerInnen, aber wie lange noch?“

Egal ob Gauck, Merkel, Sarrazin, Seehofer oder sonstwer – Stoppt die geistigen Brandstifter!

Bundespräsident Joachim Gauck war anlässlich des 20. Jahrestages der Pogrome von Rostock als Redner geladen worden. Gauck, der keine Gelegenheit auslässt um gegen Linke und „integrationsunwillige“ Migrant_innen zu hetzen, wurde darum während seiner Rede mit Protest konfrontiert. Die Mitleidsbekundungen für die Opfer des NSU und der Pogrome sind darum klar als Heuchelei zu benennen!

Wir sagen: Die Störung der Gauck-Rede war richtig! Stoppt die geistigen Brandstifter! Ein Video der Kampagne „Rassismus tötet“.

AG Fuchsschwanz: Hitlereiche vor dem Rostocker Sonnenblumenhaus entfernt

Seitdem bekannt wurde, dass Teile der „Bürger_Inneninitiative“ „Bunt statt braun“ eine „deutsche Eiche“ am Jahrestag der Pogrome vor 20 Jahren im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen pflanzen wollen, regte sich breiter Protest. Selbst in der Initiative, die hauptsächlich von Grünen und SPD getragen wird, regte sich Widerstand. „Wir wollen eine ordentliche Plakette.“ soll ein Vertreter noch auf einer Vorbereitungssitzung zur Demonstration am 25. August gesagt haben. Nach nur wenigen Tagen ist die Eiche wieder gefällt worden.


Bild: Deutscher Baumstumpf in Rostock Lichtenhagen. (Foto: www.endstation-rechts.de)

Oft sprachen Vertreter_Innen der Imagekampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ in der Vergangenheit von „Bürgerwillen“, wenn es darum ging, die antirassistische Demonstration „Grenzenlose Solidarität“ zu verhindern oder doch wenigstens zu diskreditieren. Scheinbar nahm es der Ortsbeiratsvorsitzende Ralf Mucha (MdL für die SPD) mit dem Bürger_Innenwillen nicht so genau, als er die Pflanzung einer deutschen Eiche veranlasste. Die erst vergangenen Sonntag unter anderem von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) offiziell gepflanzte Eiche, wurde von offenbar weniger begeisterten Bürger_Innen kurzer Hand wieder entfernt. Zuvor hatte sich eine „Arbeitsgruppe antifaschistischer Fuchsschwanz“ gebildet. Die Eiche wurde in der Nacht vom 28. zum 29. auf etwa der Hälfte der Baumgröße abgesägt. In einer entsprechenden Erklärung der AG heißt es unter anderem:

„Dieses Symbol für Deutschtümelei und Militarismus ist für die Menschen, die 1992 dem Mob in Rostock-Lichtenhagen ausgesetzt waren, ein Schlag ins Gesicht. Auch dass dieser Baum in der Zeit des Nationalsozialismus als sogenannte Hitlereiche gepflanzt wurde, macht ihn unvertretbar. Dass ausgerechnet Joachim Gauck, der Sarrazin einen mutigen Man nennt und der Meinung ist, dass das Wort Überfremdung legitim sei, auf einer der Veranstaltungen reden durfte, zeigt für uns wie fehlerhaft und falsch der momentane Ansatz einer offiziellen Aufarbeitung in Rostock ist. Dass zwei Mitgliedern des deutsch-afrikanischen Freundeskreises Daraja e. V. trotz offizieller Einladung und ohne Begründung der Einlass zu dieser Gedenkveranstaltung verwehrt wurde, setzt dem Ganzen nur noch die Krone auf.“

Torsten Sohn, Geschäftsführer von „Bunt statt braun“ sieht die Aktion natürlich etwas anders. Ohne die Erklärung der AG Fuchsschwanz zu reflektieren nannte er das Symbol seiner eigenen Geschichtsvergessenheit eine „Friedenseiche“ und forderte zu umgehender Solidarität mit dem übrig gebliebenem deutschen Baumstumpf auf. Als einen „Ort der Erinnerung“ bezeichnet er den Standort der Eiche weiter. Eine Mahnwache am Sonnenblumenhaus wurde in aller Kürze organisiert – nicht etwa für die Opfer der Pogrome von vor 20 Jahren, sondern natürlich für die arme Eiche, die „auf schändliche Art und Weise entweiht wurde“.

Die bekannte Band Feine Sahne Fischfilet , die unter anderem auf dem antirassistischen Konzert „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“ vergangenen Sonnabend in Lichtenhagen spielte, kommentierte das Fällen der Eiche folgender Maßen: „Eichen fallen und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt!“. Dem ist nichts hinzu zu fügen.

Das war das Wochenende 20 Jahre nach den Pogromen in Rostock Lichtenhagen

Das vergangene Wochenende hatte es in sich. Eine Vielzahl von Gedenkveranstaltungen erinnerten an die Pogrome vor 20 Jahren in Rostock Lichtenhagen am Sonnenblumenhaus, nicht alle davon konnten oder wollten dem historischen Datum Rechnung tragen.

Unpolitisches Konzert der Grünen in Rostock am Stadthafen
Bereits diesen Freitag fand im Rostocker Stadthafen ein Konzert unter dem Titel „Lichtenhagen bewegt“ statt. Organisiert wurde das groß beworbene Konzert offiziell von dem Verein „Bunt statt braun“. Die von Grünen und SPD dominierte „Bürger_Inneninitiative“ musste dabei als Tarnorganisation herhalten, um eine vermeintliche Überparteilichkeit vorzutäuschen. Guckt mensch auf die Unterstützer_Innenliste und nach den Verantwortlichen, tauchen allerdings fast nur Bündnis90/Die Grünen auf. So hat beispielsweise der „Demokratiefonds“ der Bündnisgrünen Landtagsfraktion Geld gegeben, der ASTA der Universität Rostock hat unter anderem auf Drängen der Grünen das Konzert offiziell unterstützt und in seinem Newslettern beworben und auch die grüne Heinrich-Böll Stiftung MV bezuschusste die Aktion ordentlich. Hunderte Plakate und Postkarten machten seit Wochen auf das Konzert in der Rostocker Innenstadt aufmerksam. Ein Plakat in den äußeren Gebieten der Stadt, wie etwa Lichtenhagen selbst, suchte mensch vergeblich und so blieb das Klientel des „Bunt statt braun“ auf der Haedgehalbinsel letztlich auch fast unter sich.
Neben unpolitischer Musik, unter anderem von „Die Reise“ und „17 Hippies“, wurden einige Videocollagen in den Umbaupausen gezeigt. Die Stimmung während des Konzerts war ausgelassen fröhlich, von einer Erinnerung an die Todesangst von über 100 Menschen vor 20 Jahren im Sonnenblumenhaus war nichts zu spüren und so müssen sich die Veranstalter_Innen dieses Konzerts den Vorwurf gefallen lassen, das Thema wieder einmal völlig verfehlt zu haben. Die wirklich wichtigen Aktivitäten würden an diesem Wochenende ohne „Bunt statt braun“ e.V. und seine Schön-Wetter Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ stattfinden.

Eine Tafel für das Rathaus
Be­reits am Vor­mit­tag des 25. Au­gust fan­den sich auf dem Ros­to­cker Neuen Markt 2.​000 Teil­neh­me­r_In­nen zu einer Kund­ge­bung ein. Ver­tre­ter_Innn an­ti­ras­sis­ti­scher In­itia­ti­ven wie­sen dar­auf hin, dass das Po­grom bis heute auch für eine un­glaub­li­che Igno­ranz po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tungs­trä­ger ge­gen­über den Be­trof­fe­nen steht.
Wenige Monate nach den Pogromen in Lichtenhagen versuchte die Gruppe „Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs“ um Beate Klarsfeld am Rostocker Rathaus eine Erinnerungsplakette für die Opfer der Pogrome anzubringen. Damals wurde Klarsfeld mit 42 anderen Aktivist_Innen dafür eingesperrt und die Tafel beschlagnahmt.
Während der Kundgebung vergangenen Sonnabend war der Platz voll mit Menschen. In einer eindrucksvollen Rede schilderte Abou Bacar Sy seine Erfahrungen im Mecklenburg-Vorpommerschen Erstaufnahmelager Horst. Er beschrieb das unmenschliche deutschen Asylregime – mit Lagerunterbringung, Residenzpflicht, Gutscheinsystem, dauerhaft unsicherem Aufenthaltsstatus, ständigen Polizeikontrollen und rassistischen Bemerkungen im Alltag.
Unter gro­ßem Bei­fall konn­ten Cor­ne­lia Kerth und Hein­rich Fink, Bun­des­vor­sit­zen­de der VVN-​BdA, am Rat­haus mit Bil­li­gung des Ober­bür­ger­meis­ters am Ende der Kundgebung ein Duplikat der ursprünglichen Ge­denk­ta­fel an­brin­gen. Damit wurde den ur­sprüng­li­chen In­itia­to­ren der Tafel his­to­ri­sche Ge­rech­tig­keit getan. Anschließend wurde ein Gruß­wort Klarsfeld verlesen, die leider nicht selbst anwesend sein konnte. Darin griff sie erneut die ag­gres­si­ve und an­ge­sichts der Un­tä­tig­keit ge­gen­über dem ras­sis­ti­schen Mob umso em­pö­ren­de­re Be­hand­lung Sei­tens der Po­li­zei vor 20 Jahren und danach scharf an.


Bild: Die Tafel am Rostocker Rathaus. Wie lange die Stadtverwaltung sie hängen lassen wird, ist abzuwarten.

6.000 bei der Demonstration „Grenzenlose Solidarität“
Die mit Abstand größte Veranstaltung an diesem Wochenende bildete die zentrale Demonstration „Grenzenlose Solidarität“, zu der neben der VVN-BdA unter anderem von den Bündnissen „Rassismus tötet“ und „Das Problem heißt Rassismus“ aufgerufen wurde. Etwa 6.000 Menschen sammelten sich gegen 14Uhr am Busbahnhof Rostock Lütten Klein. Als dann endlich die letzten Züge und Busse mit weiteren Demonstrationsteilnehmer_Innen am Bahnhof angekommen waren, ging es mit einer knappen Stunde Verspätung los. Mit bunten Transparenten, Fahnen und Schildern zog sich der unendlich lang erscheinende Tross erst über die Autobahnbrücke beim Bahnhof in Lütten Klein und erstreckte sich schließlich über die Warnow Allee in Richtung Lichtenhagen. „Grenzenlose Solidarität“ und „Das Problem heißt Rassismus“ stand unter anderem auf den vordersten Transparenten. Wochen- und monatelang hatte die lokale Politik unterstützt von der hiesigen Springerpresse einen gewaltbereiten, vermeintlich linksextremen Mob stilisiert, der sich zur Demo in Rostock verabreden würde. Sie alle wurden enttäuscht. Der friedliche Verlauf ist sicher auch der Zurückhaltung der Polizei geschuldet, denn wo kein Provokateur, da auch keine Reaktion. Während der Auftaktkundgebung, den beiden Zwischenkundgebungen und der Abschlusskundgebung sprachen insgesamt über 20 Vertreter_Innen aus hauptsächlich antirassistischen Organisationen. Der kilometerlange, entschlossene Demonstrationszug setzte damit ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Neofaschismus im Alltag. „Rassismus ist kein Randphänomen“, erklärte ein Sprecher des Berliner Bündnisses. Und weiter: „Er wächst in der Mitte der Gesellschaft. Klar ist aber auch: Wo immer rassistische Gewalt aufbricht, müssen und werden wir entschlossen einschreiten.“ Zur De­mons­tra­ti­on hat­ten mehr als 100 An­ti­fa-​Grup­pen, Flücht­lings­rä­te, mi­gran­ti­sche Grup­pen, Ge­werk­schaf­te­r_In­nen, Ju­gend­grup­pen, Bands, linke Grup­pen, dä­ni­sche An­ti­fa­schis­t_Innen und ein­zel­ne Par­tei­ver­tre­ter_Innen auf­ge­ru­fen.
Am Ende der durchweg friedlichen, aber entschlossenen, Demonstration wartete eine musikalische Abschlusskundgebung in Blickweite des Sonnenblumenhauses in Lichtenhagen.


Bild: Die Demo startet am Bahnhof Lütten Klein in Rostock.


Bild: Über 6.000 Menschen nahmen an der Denonstration teil.


Bild: Am Rande der Demo standen Einige, denen der Aufzug nicht zu gefallen schien.


Bild: Die Demo auf der Warnow Allee in Richtung Lichtenhagen.

Musikalische Abschlusskundgebung „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“
Gegen 18Uhr30 begann die letzte Kundgebung für diesen Tag in Rostock. Etwa 1.000 Menschen nahmen an der musikalischen Abschlusskundgebung „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“ teil. Auch hier blieb es bis auf einige Provokationen örtlicher Neonazis friedlich und entspannt. Bis halb elf Uhr abends lauschten Viele unter anderem dem Stück „Asyl­mo­no­lo­ge“, das sich in be­ein­dru­cken­der Au­then­ti­zi­tät mit der Le­bens­si­tua­ti­on von Asyl­be­wer­bern be­schäf­tigt. Neben weiteren kuren Redebeiträgen traten unter anderem die Band „Frittenbude“ auf. Besonders viel Applaus und Anerkennung erhielt allerdings die allseits beliebte Rostocker Band „Feine Sahne Fischfilet“.


Bild: Die Moderator_Innen während der musikalischen Abschlusskundgebung.


Bild: Feine Sahne Fischfielt während ihres Gigs.


Bild: Frittenbude spielte als letzte Gruppe…

World Café „Lichtenhagen, NSU und alle schauen zu…“
Auch am Sonntag konnten antifaschistische und antirassistische Gruppen Akzente setzen. Wieder war es die VVN-BdA, die zu einem World Café unter dem Titel „Lichtenhagen, NSU und alle schauen zu…“ einlud, sich im Peter-Weiß Haus zu treffen und zu diskutieren. Etwa 50 Menschen folgten der Einladung und tausch­ten sich unter anderem inten­siv dar­über aus, wie So­li­da­ri­tät prak­tisch wer­den kann.
Bei gutem Wetter und entspannter Laune konnten Einige auch noch nach dem World Café im Freigarten des Peter-Weiß Hauses sitzen und sich von dem zwar erfolgreichen, aber auch anstrengendem Wochenende zu erholen.

Gauck und die deutsche Eiche in Lichtenhagen
Die Imagekampagne der Stadt Rostock „Lichtenhagen bewegt sich“ hatte für den Sonntag ausgerechnet den Bundespräsidenten Joachim Gauck nach Lichtenhagen eingeladen. Dass am Sonn­tag auf einer of­fi­zi­el­len Ver­an­stal­tung nicht nur aus­ge­rech­net eine „deut­sche Eiche“ als Er­in­ne­rungs­baum an das ras­sis­ti­sche Po­grom gepflanz­t und Kri­ti­k_Inner im Pu­bli­kum, die ihm „Heu­che­lei“ vor­war­fen, von Gauck unter anderem mit Neo­na­zis in einen Topf geworfen wurden, ver­wun­dert nicht. Gauck hatte sich 1992 mit kei­nem Wort gegen das Po­grom ge­äu­ßert. Auch erklärte das Bündnis „Das Problem heißt Rassismus“ hierzu: „Stadt und Staat behaupten, sie hätten aus den Pogromen „gelernt“. Gleichzeitig läuft die Abschiebemaschinerie reibungslos, und Ressentiments sind alltäglich, heute insbesondere der antimuslimische Rassismus.
Am Rande der Veranstaltung wurden zwei Mit­glie­dern des deutsch-​afri­ka­ni­schen Freun­des­krei­ses Dar­a­ja e.V. der Ein­lass zur Ge­denk­ver­an­stal­tung der ras­sis­ti­schen Po­gro­men von vor 20 Jah­ren ver­wehrt – trotz of­fi­zi­el­ler Ein­la­dung und ohne Be­grün­dung. In einem kurzen Video erklären die beiden ihre Fassungslosigkeit über das Verhalten der Organisator_Innen der Veranstaltung. Torsten Sohn (Grüne), Geschäftsstellenleiter von „Bunt statt braun“ e.V. und Hauptorganisator der Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ wird sich die kommenden Tage für die scheinbar rassistische Selektionspolitik am Einlass der Gauck-Veranstaltung rechtfertigen müssen. Einen ausführlichen Artikel von der Veranstaltung gibt es unter anderem auf Kombinat Fortschritt.

Nach Lichtenhagen ist vor Lichtenhagen
Die Ver­an­stal­tun­gen zum Ge­den­ken an den 20. Jah­res­tag das ras­sis­ti­schen Po­groms in Ros­tock-​Lich­ten­ha­gen waren ein gro­ßer Er­folg, der Mut macht, wei­ter gegen Ras­sis­mus in Deutsch­land zu kämp­fen. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass rassistische Vorurteile auch heute noch in vielen Köpfen stecken. Selbst in der Verwaltung der Stadt und in selbsternannten Bürger_Inneninitiativen herrscht dieser Ungeist offenbar immer noch. Das enge Zusammenspiel von antifaschistischen und antirassistischen Gruppen bleibt deshalb bitter nötig. Wir danken allen Menschen, die sich in den verschiedensten Formen an den unterschiedlichen Veranstaltungen beteiligt haben und mahnen gleichzeitig zur Wachsamkeit gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz. Nicht nur in Lichtenhagen fanden solche und schlimmere Pogrome statt. Auch künftig werden wir auf die Straßen gehen und dem rassistischen Normalzustand entgegentreten.

Rostock-Lichtenhagen 2012: Gedenken in weiss

Zwei Mitgliedern des deutsch-afrikanischen Freundeskreises Daraja e.V. wurde der Einlass zur Gedenkveranstaltung der rassistischen Pogromen von vor 20 Jahren verwehrt – trotz offizieller Einladung und ohne Begründung.

Am Sonntag, dem 26. August 2012 wurde in Rostock-Lichtenhagen den rassistischen Pogromen von vor 20 Jahren gedacht. Zwei Mitglieder des deutsch-afrikanischen Freundeskreises Daraja e. V. hatten eine offizielle Einladung vom Oberbürgermeister der Stadt bekommen, unter Ihnen auch Vorstandsmitglied Marouf Ali Yarou Issah. Bereits eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn fanden sie sich mit ihrer Einladung am Einlass ein. Dort verwehrte ihnen der Sicherheitsbeamte, nach Rücksprache mit den Veranstaltern, den Eintritt. Eine Begründung hierfür bekamen sie nicht. In einem kurzen Interview schildern die beiden den Vorfall.

Lichtenhagen: Wir kommen!

Heute ist es so weit: ab 14Uhr startet am Bahnhof Rostock Lütten Klein die antirassistische Demonstration „Grenzenlose Solidarität“. Ein übergroßeses Polizeiaufgebot fährt schon seit gestern durch die Stadt.

Lange wurde die Demo vorbereitet und fast genauso lange gab es Widerstand gegen den Gedenkaufzug 20 Jahre nach den Pogromen in Rostock Lichtenhagen. Vertreter_Innen der Stadt, aber auch vieler Politiker_Innen äußerten ihre zumeist vorgeschobenen Befürchtungen. Zuletzt schäute sich auch der Innenminster MVs, Lorenz Caffier, nicht sich inhaltlos aber wortreich zum bevorstehenden Polizeieinsatz zu äußern.


Bild: Mobi Plakate der VVN-BdA und des Bündnisses „Rassismus tötet!“

Davon ließ sich die VVN-BdA offenbar nicht beeindrucken und organisierte – zusammen mit dem Bündnis „Das Problem heißt Rassismus“ – zusätzlich eine Kundgebung am Rostocker Rathaus. Dort soll heute um 11Uhr eine Gedenkplakette zur Erinnerung an die Opfer der Pogrome von 1992 erinnern. Die Rostocker Bürgerschaft hatte sich erst am Mittwoch für die rassistischen Angriffe entschuldigt.

Bürgerliche Zeitungen schrieben darauf hin, die Stadt wolle die anzubringende Plakette „dulden“. Bereits 1993, knapp ein Jahr nach den Pogromen, scheiterte ein Versuch von Beate Klarsfeld und anderen mutigen Antirassist_Innen, eine solche Tafel ans Rathaus zu montieren. Sie wurden damals von der Polizei mitgenommen.

Im vorderen Bereich der Demo wird es keine Fahnen von Parteien oder deren Jugendverbände oder anderen Organisationen in dieser Richtung geben. Im Anfangsblock werden unter anderem Flüchtlingsgruppen antirassistische Initiativen laufen. Bunt, entschlossen und laut werden wir heute gemeinsam zeigen, was wir von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit halten.

Im Anschluss an die Demo wird es eine musikalische Abschlusskundgebung unter dem Motto „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“, unter anderem mit Feine Sahne Fishfilet und Frittenbude geben. Auch hier lohnt es sich, nicht einfach vorbei zugehen, sondern stehen zu bleiben und zu verweilen.

Aktuelle Informationen zur Demo findet ihr bei Twitter unter @20jahrelichtenh. Zusätzlich gibt es ein Infotelefon, dass ab 9Uhr zu erreichen ist. Die Nummer lautet 0176 – 706 407 29. Für den Fall staatlicher Repression gibt es einen Ermittlungsausschuss, dessen Nummer wird demnächst auf lichtenhagen.blogsport.de veröffentlicht.

#update:
Die Nummer des EA lautet: 0176 – 94 36 94 25

Wir wünschen allen Demonstrationsteilnehmer_Innen eine entspannte Demo und ein repressionsfreies Wochenende.

Das Problem heißt Rassismus! Für grenzenlose Solidarität!

Musikalische Abschlusskundgebung “Beweg dich für Bewegungsfreiheit!“ in Lichtenhagen

Antirassistische Abschlusskundgebung nach der Demo am 25. August in Rostock Lichtenhagen

Die bekannten Bands Frittenbude, FeineSahneFischfilet, Kobito und das Berlin Boom Orchestra werden am Sonnabend, den 25.08.2012, im Rahmen des Gedenkens an die Pogrome vor 20 Jahren bei einer von der Linksjugend [’solid] MV organisierten musikalischen Kundgebung in Lichtenhagen auftreten.
Das Motto der musikalischen Kundgebung lautet “Beweg dich für Bewegungsfreiheit. Dazu erklärt der Pressesprecher der Linksjugend [’solid] Mecklenburg-Vorpommern, Erik Butter: “Gegen die Rufe der Rassist_innen “Deutschland den Deutschen” möchten wir die Forderung nach uneingeschränkter Bewegungsfreiheit setzen. Wir möchten die Vision einer Welt aufzeigen, in der jeder Mensch leben kann, wo er möchte. Von dieser Welt sind wir auch 20 Jahre nach dem Pogrom von Lichtenhagen noch sehr weit entfernt. Denn noch immer sterben Menschen – durch Nazis, durch die Abschottung der Europäischen Außengrenzen, durch Hunger und wirtschaftliche Ausbeutung – an den Folgen eines absurden territorialen Besitzdenkens!” Und zum Veranstaltungsort erklärt er: “Seit wir unseren Beitrag zum Gedenken an das Pogrom planen, war uns klar, dass wir etwas vor Ort machen wollen. Wir sind deshalb froh, dass es trotz aller Widerstände seitens der Stadt und anderer Akteure gelungen ist, das Konzert in Lichtenhagen zu organisieren! Während der Planung des Konzertes kam bei uns der Eindruck auf, dass ein Gedenken vor Ort deshalb nicht erwünscht ist, weil die Stadt das Pogrom aus Imagegründen lieber vergessen und verschweigen möchte . Wir möchten laute Bässe gegen das Vergessen einsetzen. Wir möchten die Besucher_innen des Konzerts und die Anwohner_innen ermuntern, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um eine bessere Zukunft gestalten zu können.” Die Kundgebung wird an die Demonstration “Grenzenlose Solidarität” von Lütten Klein nach Lichtenhagen anschließen und auf dem Parkplatz an der Flensburger Straße stattfinden.

Halbherzig und unglaubwürdig: Rostocker Bürgerschaft entschuldigt sich bei Opfern der Pogrome in Rostock Lichtenhagen

Die Bilder der Pogrome in Rostock Lichtenhagen 1992 gingen um die Welt. Das brennende Sonnenblumenhaus wurde ein Symbol für den rassistischen Normalzustand in der Bundesrepublik. Jetzt, 20 Jahre später, entschuldigte sich die Bürgerschaft offiziell bei den Opfern von damals.

Von Janin Krude

Die Rostocker Bürgerschaft entschuldigte sich – mit Ausnahme der zwei Abgeordneten der NPD – für die Pogrome. In einer entsprechenden Erklärung heißt es unter anderem weiter „Auch unmittelbar nach den Ereignissen erfuhren die Betroffenen Migrantinnen und Migranten und Asylsuchenden nicht die notwendige Solidarität aus der Gesellschaft. Dafür entschuldigen wir uns und versichern: Wir haben gelernt.“. Gelernt haben die „demokratischen“ Parteien vor allem eines: das Relativieren. Seit Monaten kämpfen Vertreter_Innen der Stadt und verschiedener Parteien gegen die antirassistische Demonstration „Grenzenlose Solidarität“, die am 25. August durch Lichtenhagen ziehen wird – erfolglos. Erst, nachdem deutlich wurde, dass sich der Aufzug nicht stoppen lässt, sprangen SPD und Grüne mit auf den Zug auf. Selbst Politiker_Innen der Linken zierten sich Anfangs, unterstützen die Demo jetzt aber doch – wenn auch nur halbherzig.
Am 26. August soll Bundespräsident Joachim Gauck nach Lichtenhagen kommen. Es ist anzuzweifeln, dass Gauck – der schon 1992 als Pfarrer in Rostock tätig war und nichts gegen die Pogrome unternahm, ein angemessener Redner_Innengast ist.


Bild: Echte Solidarität – Demonstration gegen Rassismus 1992 in Rostock Lichtenhagen knapp eine Woche nach den Pogromen.

Dennoch hüllt sich die Rostocker Bürgerschaft in vermeintliche Solidarität mit den Opfern von damals. „Die Ereignisse von 1992 dürfen weder verdrängt, beschönigt oder vergessen werden.“ heißt es. Anfang der 90er Jahre startete die CDU ihre Anti-Asyl Kampagne und machte das Thema „Asylrecht“ damit zum Wahlkampfthema für die anstehende Bundestagswahl. Ohne diese über Monate andauernde Medienkampagne hätten die Pogrome in dieser Dimension wahrscheinlich nicht stattgefunden. Noch unglaubwürdiger scheint die leise Entschuldigung der Bürgerschaft vor dem Hintergrund der Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens. Diese ist ebenfalls Mitglied der CDU und verharmloste rechte Übergriffe unter anderem am 8. Mai 2010 in der Hansestadt, indem sie Nazis und engagierte Antifaschist_Innen in einer öffentlichen Veranstaltung gleichsetzte.

Wie und ob die offizielle Entschuldigung die damaligen Asylsuchenden und ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter_Innen erreicht, bleibt unbeantwortet. Die meisten von ihnen sind längst abgeschoben und eine Entschädigung – wie auch immer diese aussehen könnte – erwartet mensch vergebens. Die Erklärung der Rostocker Bürgerschaft endet mit dem Satz: „In Rostock gibt es keinen Platz für Extremisten!“

Die gesamte Erklärung der Bürgerschaft gibt es unter www.rathaus.rostock.de nachzulesen.

Das gebrannte Kind von Rostock-Lichtenhagen – Innenminister Caffier verharmlost rechte Gewalt

Pressemitteilung der VVN-BdA e.V. vom 22. August 2012

Als Anmelderin und MitorganisatorInnen der bundesweiten Demonstration am 25. August 2012 im Gedenken an das Pogrom in Rostock –Lichtenhagen vor 20 Jahren sind wir entsetzt über die Geschichtsvergessenheit des mecklenburgischen Innenministers Caffier. Er befürchtet „linksextremistische Ausschreitungen“ am kommenden Wochenende und gibt sich wehrhaft. „Es wird nicht passieren, dass wir zu wenige Einsatzkräfte haben. Da bin ich ein gebranntes Kind“ oder etwa zu heiß gebadet?


Bild: Artikel in der Ostseezeitung 21. August …

Ausgerechnet im Vorfeld der Gedenkdemonstration unter dem Motto „20 Jahre nach den Pogromen – Grenzenlose Solidarität“ stellt Caffier, in dessen Bundesland die geistigen Brandstifter der NPD sogar im Parlament sitzen, die Tatsachen auf den Kopf. Nicht gegenüber der antifaschistischen Solidaritätsdemonstration am 29. August 1992 hat die Polizei versagt, sondern gegenüber den Pogromisten und Mordbrennern von Lichtenhagen eine Woche zuvor. Die wenigen mutigen AntifaschistInnen, die am 23. August 1992 versuchten, sich dem rassistischen Mob in den Weg zu stellen, wurden erhaftet. Der Mob tobte unter den Augen der Polizei weiter. Am Montag dem 24. August 1992 konnte der Mob Vollzug melden: Lichtenhagen war „ausländerfrei“.

Diejenigen, die ihre Solidarität mit den gewaltsam vertriebenen Flüchtlingen und ehemaligen vietnamesischen VertragsarbeiterInnen demonstrieren wollten, traf nur einige Tage später die geballte Staatsgewalt. Stundenlang wurden Busse mit AntifaschistInnen aufgehalten und durchsucht, olizeihubschrauber hielten Autokonvois an, abertausende Polizisten waren im Einsatz. Sind das die Bilder die Caffier wiederholen will? Neonazis, Rassisten und diejenigen, die sich schon damals als die eigentlichen Opfer sahen, diejenigen Bürger deren Sorge mehr dem Ansehen von Lichtenhagen, Rostock und Deutschlands galten, als den gehetzten und gequälten Immigranten von Lichtenhagen, werden sich ins Fäustchen lachen.

Die VVN-BdA wurde 1947 von Menschen gegründet, die Rassismus, Verfolgung und Ausgrenzung am eigenen Leib erfahren hatten, aber auch Unterstützung und Solidarität. Für viele von uns hat das Pogrom von Lichtenhagen schlimmste Erinnerungen wachgerufen.

Am 25. August 2012 werden wir dem Pogrom von 1992 gedenken. Am Rostocker Rathaus wird um 11 Uhr eine Gedenktafel angebracht werden, die an die
Ereignisse von 1992 erinnert. Bereits im Oktober 1992 hatte eine Gruppe französischer Juden und Roma dies vergeblich versucht.

Ab 14 Uhr startet eine antifaschistische Gedenkdemonstration am S-Bahnhof Lütten-Klein, die zum Sonnenblumenhaus führt. Zur Demonstration haben mehr als 100 Organisationen und Gruppen aufgerufen.

Grenzenlose Solidarität statt Rassismus!

Rostock: Weshalb Gauck nichts in Lichtenhagen zu suchen hat und eine deutsche Eiche mehr als fehl am Platz ist

Joachim Gauck kommt am 26. August nach Rostock. Am gleichen Tag soll eine deutsche Eiche in Erinnerung an die Pogrome vor 20 Jahren am Sonnenblumenhaus gepflanzt werden.

Von Michael Bodicke

Dieses Wochenende jähren sich die Pogrome in Rostock Lichtenhagen zum 20. Mal. Mehrere tausend Menschen belagerten tagelang das sogenannte Sonnenblumenhaus, indem neben der ehemaligen Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber_Innen (ZAST) auch ein Wohnheim ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter_Innen war.

Lichtenhagen bewegt sich? Kannste abhaken.
Der 26. August bildet den Höhepunkt der städtischen Lichtenhagen-Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“, der immer wieder nachgesagt wird, eine bloße Imagekampagne der Stadt und des Stadtteils zu sein. Über 100 kleinere Veranstaltungen hat diese Kampagne, die federführend vom „Bund statt braun“ e.V. – also von SPD und Grünen – gestaltet wird, immerhin schon organisiert. Die meisten dieser Veranstaltungen waren jedoch Kulturveranstaltungen, die sich wenig oder gar nicht mit den Ursachen der Pogrome beschäftigten.

Fahrrad fahren und fröhliches Lieder singen – ist das nicht viel schöner als Ursachenforschung?
Mit mehreren zehntausend Flyern wird der Zeit eine Fahrrad Demo nach Lichtenhagen beworben. Von Insgesamt 12 Startpunkten sollen die Menschen aus der ganzen Hansestadt mit Fahrrädern und anderen Vehikeln nach Lichtenhagen fahren. In dem Flyer heißt es unter anderem „Lasst uns zeigen, dass Rostock sich seit 1992 verändert hat und Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kein Platz mehr haben.“ Eigenartig ist dieser Satz schon, aktuell sitzen zwei Abgeordnete der faschistischen NPD in der Rostocker Bürgerschaft, aktive Nazigruppen treiben in vielen Stadtteilen ihr Unwesen.
In Lichtenhagen angekommen, soll der Sänger Gerhard Schöne mit 300 angekündigten Kindern auf einer bombastischen Bühne singen. Zwar hat Schöne durchaus passende Lieder für so einen Anlass – stellvertretend sei hier nur das Lied „Spatzen und Wellensittich“ genannt – aber auch bekannte Lieder wie „Ein Popel“ gehören zu seinem möglichen Programm. Was er letztlich wirklich spielen wird, ist noch unbekannt.


Bild: Schöner Schmetterling und doch kaum Inhalt – Flyer des „Bunt statt Braun“ e.V.

Joachim Gauck und eine deutsche Eiche.
Doch ist das fröhliche Kinderlieder singen 20 Jahre nach dem Pogrom nicht der einzige und schon gar nicht der letzte Hohn auf die Opfer. Als „Erinnerung und Mahnung“ wird an diesem Tag ein Baum gepflanzt. Es handelt sich nicht um irgend einen Baum. Eine deutsche Eiche soll es sein. Immerhin waren es ja auch deutsche Verhältnisse, die zu den Pogromen überhaupt erst führten. Welche Gedankengänge müssen eigentlich in einem Menschen vorgehen, der sich solch eine pervertierte Veranstaltung ausdenkt?
Als letzter Coup des Tages kommt anschließend der Bundespräsident Joachim Gauck höchstpersönlich nach Lichtenhagen, um dort vor bis zu 1.000 erwarteten Menschen zu sprechen. Gauck war Anfang der 90er Jahre Pfarrer in Rostock. Obwohl der studierte Theologe als Redner – unabhängig von seinen Inhalten – nicht zu unterschätzen ist, kam von dem Evangelisten kein Wort in jenen Augusttagen, als das Sonnenblumenhaus brannte und über einhundert Menschen um ihr Leben fürchten mussten. Er zog es vor, nichts zu sagen. Nirgends ließ er sich blicken und wie so viele neue und alte Bundesdeutsche ließ er die Geschehnisse gleichgültig an sich vorüberziehen. Was er diesen Sonntag sagen wird, bleibt spannend. Vielleicht spricht er Thilo Sarrazin bei der Gelegenheit erneut „Mut“ für sein rassistisches Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus. Wir werden sehen.


Bild: Sicher besser besucht als der Gauck-Auftritt – bundesweite Antira Demo am 25. August durch Lichtenhagen.

Die „zentrale Gedenkveranstaltung der Hansestadt Rostock“, wie das schizophrene Spektakel am Sonntag von den Organisator_Innen genannt wird, scheint mehr ein perfider Versuch, sich vermeintlich tolerant zugeben. Gleichzeitig werden politisch zweifelhafte Politiker_Innen eingeladen und der breiten Bevölkerung vorgegauckelt, sie könnten mit der Teilnahme an den Veranstaltungen der städtischen Kampagne ein Zeichen setzen. Selbst die Partei Die Linke, die sich sonst immer klar gegen Joachim Gauck stellte, rudert diesmal mit. Offenbar nicht umsonst bekam die Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ bei einem Benefizkonzert einen Preis über 3.000€ von der Bundes- und Landespolizei. Lichtenhagen bewegt sich? Mit diesen Leuten kein Stück!

Erklärung des Migrantenrates der Hansestadt Rostock zu „20 Jahre Lichtenhagen“

„Es geht nicht nur darum sich zu erinnern und zu mahnen, sondern auch darum, etwas gegen Rassismus zu unternehmen“

Die schrecklichen Ereignisse von Lichtenhagen sind neben Mölln, Solingen, Hoyerswerda und vielen anderen nur ein Teil der rechtextremistischen und rassistischen Gewalt in Deutschland.

Die Spitze des Eisbergs der rassistischen Gewalt sind die bis jetzt unerklärlichen Terror-Morde der Nazi-Terrorzelle NSU an Migranten in den letzten Jahren.

Die vollkommene Aufklärung dieser feigen Morde und die Verbindung der NPD mit dem NSU und der Nazi-Terror in Deutschland müssen nicht jahrelang andauern. Die juristische Aufklärung der Ereignisse von Lichtenhagen hat 10 Jahre gedauert und nur ironische Bestrafungen hervorgebracht (nur 3 Gefängnisstrafen und 3 weitere auf Bewährung). Heute, so wie damals, hat man wichtiges Aufklärungsmaterial verschwinden lassen und die politischen Verantwortlichen für das katastrophale Krisenmanagement auf Kommunal- Landes- und Bundesebenen wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. So etwas darf sich nicht wiederholen!

Wenn etwas aus dem Pogrom von Lichtenhagen aus unserer Sicht zu lernen ist, dann dass MigrantInnen und Menschen nicht als Kanonenfutter politischer Kämpfe und Auseinandersetzungen ausgenutzt werden dürfen. Damals wurden die schweren Ausschreitungen von Lichtenhagen dazu benutzt, die Asyldebatte im Bundestag zu beenden und das Asylrecht im Grundgesetz zu ändern.

Auf Grund der neuen Entdeckungen und Studien, muss die Geschichte der rechtextremistischen Gewalt und die Rolle des Staates (besonders die Rolle des Verfassungsschutzes) bei ihrer Bekämpfung in den letzten 20 Jahren neu geschrieben werden und Lichtenhagen ist ein wichtiges Kapitel in dieser Geschichte.

Es ist eine Schande für dieses Land, dass es bis heute nicht eine Gedenktafel, nicht ein Denkmal, nicht ein Museum gibt, das die jetzigen und zukünftigen Generationen an diese schrecklichen Ereignisse erinnert, mahnt und aufklärt. Die Politik und die Gesellschaft tun sich in diesen Fragen schwer. Das beweist auch der erfolglose Versuch der Initiative den Neudierkower Weg nach dem Rostocker Opfer der rechten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in Mehmet-Turgut-Weg umbenennen zu lassen.

Aus unserer Sicht und aufgrund der Lehre von Lichtenhagen und vieler anderer Tatsachen müsste die NPD schon lange verboten worden sein. Stattdessen hören wir immer noch seit mehr als 10 Jahren von einigen Politikern das alte Lied „mit dem Verbot lösen wir nicht das Problem“. Das wissen wir, die wir auch die tägliche Aufklärungsarbeit gegenüber Rassismus und Rechtsextremismus bereits seit vielen Jahren durchführen. Dieses Verbot aber ist ein wichtiger Aspekt und Teil einer Gesamtstrategie zur Bekämpfung des Rechtextremismus in Deutschland.

Die Lektionen der Lichtenhagener Ereignisse müssen uns helfen, Fehler nicht zu wiederholen. Die Asylbewerber brauchen bessere und menschenwürdigere Lebensbedingungen. Die dezentrale Unterbringung der Asylbewerber muss vollzogen werden. Es ist bewiesen, dass es viel billiger ist, diese Menschen in Wohnungen unterzubringen, statt in Heimen, weg von Städten und in großen Konzentrationen.

In den nächsten Tagen werden viele Aktivitäten, Diskussionen, Treffen, Demonstrationen, etc. in Rostock stattfinden. Wir rufen alle Bürger und Bürgerinnen dazu auf, sich aktiv und friedlich daran zu beteiligen. Nur mit einer aktiven und friedlichen Partizipation der Mehrheit der Gesellschaft kann man den Rassismus und Rechtextremismus stoppen.

Das waren die „Rock gegen Rechts“ Aktionstage 2012 in Stralsund

Seit 2005 gibt es die Aktionstage „Rock gegen Rechts“ in der Hansestadt Stralsund schon. Auch 2012 ließ die gleichnamige Initiative nichts unversucht, um die Aktionstage wieder zu einem MV-weiten Highlight werden zu lassen.

Von Janin Krude und Michael Bodicke

Am 14. Juli startete „Rock gegen Rechts“ in der Hansestadt mit einem Warm Up Konzert in der Kulturkirche Sankt Jakobi. Etwa 200 Menschen ließen sich die Bands The Ladybirds, Auf Bewährung, Show off Freaks und nicht zuletzt forgotten sportbags nicht entgehen. Gut gelaunt und ausgelassen feierten Indis neben Punks und Stinos und sogar Menschen der Generation 50+ kamen zum Auftakt Konzert. Die Aktionstage versprachen also ein voller Erfolg zu werden.

Ähnlich gut besucht wie das Warm Up Konzert waren die meisten Veranstaltungen der Aktionstage. Auch hierbei konnten oft völlig unterschiedliche Kulturkreise angesprochen werden, sodass auch viele Menschen erreicht wurden.


Bild: Ein „must have“ bei allen Veranstaltungen – der „Rock gegen Rechts“ Infostand.

Am 6. August eröffnete die Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“, die sich mit Migration in Deutschland beschäftigt in der Volkshochschule Stralsund. Angesichts des 20. Jahrestag der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, die auch den Schwerpunkt von „Rock gegen Rechts“ in diesem Jahr darstellten, eine äußert passende Ausstellung. Anschließend an die Eröffnung organisierte der Flüchtlingsrat MV die Veranstaltung “Wo und wie leben Flüchtlinge in MV”, zu der Gäste aus sozialen Institutionen, wie dem Psychosozialen Zentrum Greifswald, Migrant_Innen und Vertreter_Innen von verschiedenen Vereinen kamen.

Am Tag darauf wurde der Film „Skinhead Attitüde“ – ebenfalls in der Volkshochschule – gezeigt. Der Film zeigte den Konflikt zwischen rechten und antirassistischen Skins auf. Auch bekennend neonazistische Skinheads kommen in diesem Film zur Sprache. Die anschließende Diskussion brachte für einige Anwesende neue Erkenntnisse. „Skinhead Attitüde“ war unter anderem für den Deutschen Fernsehpreis 2005 in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ nominiert. Wer ihn sich noch nicht ansehen konnte, sollte dies dringend nachholen.


Bild: Transparent „Naziterror stoppen“ während der Aktionstage 2012.

Am 7. August lud die Initiative „Rock gegen Rechts“ Sonja Steffen (MdB für die SPD) zusammen mit dem schleswig-holsteinischen Bundestagsabgeordneten Sönke Rix, Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe „Strategien gegen Rechtsextremismus“ und Mitglied des Untersuchungsausschusses zur Terrorgruppe NSU ein. Nach einem interessanten Input wurde die Rolle des Bundes beim Kampf gegen den anwachsenden Neofaschismus beleuchtet.
Viele SPD-Anhänger_Innen waren vor Ort und obwohl es teilweise sehr unterschiedliche Meinungen zu der Verantwortung der Verfassungsschutzämter in Zusammenhang mit den NSU-Morden gab, war die anschließende Diskussion ruhig und konstruktiv. Nur eine Person wusste sich argumentativ schließlich nicht mehr zu helfen und fragte einen jungen Mann hysterisch, wie alt er denn sei, dass er sich so gut mit den Verfassungsschützern auskenne. Ein Sprichwort sagt: „Durch Wissen wird mensch weise. Nicht durch Alter“ und so mussten sich auch ein paar Jusos das Lachen verkneifen, als ihre Parteigenossin diese unsinnige Frage stellte.


Bild: Der organisatorische Leiter der Initiative Jens Knoop.

Ende August jähren sich die Pogrome in Rostock Lichtenhagen zum 20. Mal und so durfte auch eine Veranstaltung zu der bevorstehenden Demonstration am 25. August in Rostock nicht fehlen. Mehrheitlich junge Menschen füllten am 8. August die Reihen in der Volkshochschule. Nach einem ausführlichen Vortrag über die Hintergründe und die Geschehnisse rund um die Pogrome am Sonnenblumenhaus gab es wiederum die Möglichkeit für Fragen, Anmerkungen und Diskussionen.

Die letzte Veranstaltung vor dem großen Abschlusskonzert bildete ein von Apabiz organisierter Vortrag. Diesmal ging es um Grauzonen Musik. Freiwild, Krawallbrüder oder die Böhsen Onkelz und andere Bands sind teilweise fester Bestandteil der Jugendkultur. Sie geben sich unpolitisch, verkehren oft aber in rechten Kreisen. Wo beginnt die Grauzone, wo hört sie auf? Wieso erlebt sie heute Dynamik? Und was sind eigentliche “rechte Lebenswelten”? Diese und andere Frage wurden während des Vortrages aufgeworfen.

Den absoluten Show Down der Aktionstage bildete das große Abschlusskonzert in der Alten Eisengießerei am 11. August. Neben Musikgrößen wie den “Crushing Caspars” und “Johnnie Rook” traten auch Stralsunder Bands wie “Vodka Revolte”, “Charley Noble” und “Haltestelle 27” auf. Auch “Verwahlost” gaben sich die Ehre. Schon am späten Nachmittag standen die ersten Menschen vor der Eisengießerei und warteten auf den Einlass. Neben dem Konzert selbst stellten sich wieder mehrere Organisationen an Informationsständen vor. Das ein oder andere T-Shirt der Initiative “Rock gegen Rechts” ging noch über den Soli-Tisch und noch bis in den späten Abend hinein feierten die Besucher_Innen des Konzerts zu der ausgelassenen Musik.


Bild: Abschlusskonzert in der Alten Eisengießerei.


Bild: Wer kennt sie nicht? Die Crushing Caspars während des Abschlusskonzertes.

Insgesamt besuchten die Aktionstage dieses Jahr wieder mehrere hundert Menschen, oft kamen sie aus den verschiedensten Lebensbereichen und Altersschichten. Interessante Verantaltungen, verdammt geile Bands auf den Konzerten und immer jede Menge Spaß bei der politischen Arbeit – das machen die Aktionstage der Initiative “Rock gegen Rechts” in Stralsund aus. Und das schon seit insgesamt sieben Jahren.

Kombinat Fortschritt: Interview „Rassismus ist kein Randphänomen“

Auf Kombinat Fortschritt gibt es die Tage ein lesenswertes Interview mit Claudia und Jochen vom Berliner Bündnis „Das Problem heißt Rassismus“, das unter anderem zusammen mit der VVN-BdA die Demonstration „Grenzenlose Solidarität“ und eine Kundgebung um 11Uhr in der Rostocker Innenstadt organisiert.
Das gesamte Interview findet ihr auf www.kombinat-fortschritt.com.

Greifswald: Gewalttätige Übergriffe auf Migrant_Innen Anfang der 90er Jahre

Am Wochenende des 25./26. August finden in Rostock eine Vielzahl an Veranstaltungen statt, um an die Pogrome von Rostock Lichtenhagen zu erinnern, darunter die Demonstration „Grenzenlose Solidarität“ und das Konzert „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“.
Doch Rostock war längst nicht die einzige Stadt, in der es rassistische Übergriffe gab. Anfang der 90er Jahre herrschte in ganz Deutschland Pogromstimmung gegen Migrantinnen und Migranten. Auch in Greifswald kam es regelmäßig zu gewalttätigen Übergriffen. Damit auch diese rassistischen Taten nicht in Vergessenheit geraten, hat die Antirassistische Initiative Greifswald eine Chronik der Übergriffe 1991/92 erstellt, die ihr unter antirahgw.noblogs.org nachlesen könnt.




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