Archiv der Kategorie '8. Mai 2012 - Nur Verlierer feiern nicht!'

„Der Mai wird heiß!“ – Eine Terminübersicht

Traditionell ist während der ersten Mai Tage eine ganze Menge los. Das ist auch dieses Jahr nicht anders. Wir wollen euch an dieser Stelle eine Übersicht über die anstehenden Ereignisse geben.

Erster Mai: Naziaufmarsch Neubrandenburg verhindern!
Die letzten Jahre versuchten Neofaschist_Innen den „Tag der Arbeit“ für ihre Ideologie umzudeuten, indem sie durch eine der Städte in Mecklenburg-Vorpommern marschieren wollen. Das Bündnis Neubrandenburg nazifrei ruft dazu auf, die Nazis mit entschlossenen Massenblockaden zu stoppen.


Bild: Mit Humor gegen Rechts – „Schere schlägt Papier“.

Zweiter Mai: „Neofaschismus in Deutschland“ Ausstellung in Rostock
Am zweiten Mai eröffnet die Hochschulgruppe der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist_Innen (VVN-BdA) BO Jugend MV im Rostocker Bildungskeller die Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“. Die Ausstellung wird jeweils Montags bis Freitags 14 bis 17Uhr zu sehen sein. Neofaschist_Innen ist der Zutritt untersagt.

Achter Mai: Demmin – Auch hier gilt „nazifrei“!
„Zum fünften Mal in Folge wollen Nazis aus NPD und „Freien Kräften“ zum 8. Mai in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) aufmarschieren, um den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu einem Tag zum Gedenken der deutschen Opfer umzudefinieren.“ heißt es im Aufruf des Bündnisses Demmin nazifrei, das zu Protesten gegen den Aufmarsch mobilisiert. Auch hier soll ein bunter Protest die Nazis stoppen.

Achter Mai: Gedenken in Rostock am Puschkinplatz
In Rostock wird wieder der Befreiung Deutschlands vom Faschismus 17Uhr am Puschkinplatz gedacht. Organisiert wird die Kundgebung von der VVN-BdA Rostock.

Achter Mai: Themenabend im Rostocker Bildungskeller
Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) Rostock organisiert zum Jahrestag der Befreiung eine Infoveranstaltung im Bildungskeller im Rahmen des Open Space. Das Veranstaltung steht unter dem Motto „Wer will Faschismus?“, los geht’s 20Uhr. Ab 19Uhr gibt es lecker VoKü und Getränke zum Selbstkostenpreis.

Harry Machals: „Mein achter Mai 1945″

Teil 3 der Zeit­zeu­gen­rei­he „Mein ach­ter Mai“

Damals, ich war noch keine 17, stellte der längst verlorene und vom deutschen Faschismus entfesselte 2.Weltkrieg auch für mein noch junges Leben die Weichen. Was wir heute, die noch lebenden Zeitzeugen, mit ganz anderem Verstand und Erfahrungen über diese Endphase des Hitler-Krieges wissen und be- und verurteilen, erlebte auch ich erinnernd als Zeit eines totalen Zusammenbruch der Ideale, Zukunftsvisionen und einer großen Hoffnungslosigkeit.
Wie war das damals?
Am 15.Januar 1945 erhielt ich aus der Hand meines Lehr-Ober- Meisters im Dornier Flugzeugbau Wismar meinen Facharbeiterbrief ausgehändigt. Große Freude! Es war geschafft! Aber schon am nächsten Tag erhielt ich die Einberufung zum RAD (Reichsarbeitsdienst) nach Bützow. Es waren die Tage und Wochen der großen Offensive der Sowjetarmee zur Befreiung Ostpreußens. Im Westen waren die inzwischen und sehr spät gelandeten westlichen alliierten Truppen bis zum Rhein vormarschiert. Der Bombenkrieg der Engländer – auf besonderen Befehl Churchills – konzentriert auf deutsche Wohngebiete, war auf dem Höhepunkt. Das alles – das heißt die Wahrheit über den Kriegsverlauf und der nahende Sieg über Hitler – wurde uns, die damals noch kriegsbegeistert waren, verschwiegen.
Ich hatte die Jahre 43-45 in einem streng nationalsozialistisch geführten Lehrlingswohnheim der Dornier-Werke gewohnt, wurde dort mit faschistischer Ideologie vollgepfropft, wurde als Flakhelfer eingesetzt und als Segelflieger ausgebildet, wollte ich doch vor allem Jagdflieger alá Fliegeroberst Mölders und Major Galland werden. Diese Nazihelden waren uns junge, ausgebildete Segelflieger als Vorbild und Ideal beigebracht. Über meinem Bett hingen selbstgezeichnete Porträts dieser damals verehrten „Helden“.

Nun holte mich Mitte Januar 45 die Einberufung zum RAD auf den Boden der Tatsachen zurück. Es folgten einige Wochen üblicher Drill und Ausbildung an Handgranate, Karabiner 98 und Panzerfaust. Wir wurden vorbereitet, am Endkampf um Berlin teilzunehmen ,wo Hitler in seinem Führerbunker saß. Auch beim RAD nur Siegesparolen! Keine objektive Information wie es wirklich damals schon um Deutschland stand. Ab dem Morgenappell am 20. April – des „Führers“ Geburtstag – begann die Stimmung umzuschlagen. Große Betriebsamkeit setzte ein, die Unterführer wurden sichtlich nervös. .Die Sowjetarmee stieß immer weiter auf Mecklenburg vor. Nachrichten darüber hatten wir nicht. Dann, am 24.April der Befehl: Abmarsch der Abteilung in voller Bewaffnung! Richtung Westen: Wismar, Lübeck, Kiel. Zu der Zeit waren die Straßen im Lande schon voll mit sich westwärts bewegenden, endlosen Kolonnen der Wehrmacht, die vor den Sowjets flohen.
Jetzt gingen auch uns „Helden“ endlich die Augen auf ! Die Erlebnisse auf dem Marsch gen Westen lasse ich hier aus Platzgründen weg. Die RAD-Abteilung hatte sich – oder wurde im Chaos auf den Straßen – aufgelöst. Bekam aber den Befehl, sich bei Eutin-Malente zu sammeln. In der Tat: Am 1.Mai hatte sich etwa 2/3 der Einheit dort auf dem Rittergut „Gottesgabe“ eingefunden. Alle wussten jetzt: das ist das Ende! Am 2.Mai morgens hörten wir starkes Motorengeräusch. Drei gepanzerte Fahrzeuge der britischen Armee rollten sichernd auf den großen Platz vor dem Herrenhaus „Gottesgabe“ und kreisten uns ein. Der britische Kommandeur forderte unseren Chef zu sprechen und nahm dessen Meldung entgegen. Nach einer kurzen Erklärung wer wir seien, das wir unbewaffnet wären erklärte er, dass wir uns ergeben. Der Brite staunte uns 16-17 Jährige grinsend an, zog an seiner Pfeife und fuhr mit seinen Fahrzeugen davon. Er hatte den Befehl gegeben, die Einheit solle auf den Feldern des Rittergutes arbeiten und würde von dort verpflegt. Er konnte nicht ahnen, dass wir unsere Waffen, soweit noch welche vorhanden waren, in einem Waldstück sorgfältig geölt und in Zeltplanen eingewickelt und vergraben hatten. Erst sehr viel später- um 2001 herum – habe ich in einem Brief den für diese Gegend verantwortlichen Bürgermeister mit einer Beschreibung des Waldstückes davon in Kenntnis gesetzt.
Die Tage auf „Gottesgabe“ vergingen schnell. Jeden Tag kamen neue Nachrichten vom Kriegsverlauf und die bange Frage: Was wird nach dem Krieg? Wir waren jung, alle waren „Pimpfe“ und Angehörige der Hitlerjugend. Was wird man mit uns machen? Und wenn wir überleben, was werden wir dann machen? Mein erlernter Beruf war futsch! Niemand braucht in Deutschland Flugzeugbauer. Am 8.Mai wurde die bedingungslose Kapitulation der Hitler-Wehrmacht und damit Nazi-Deutschlands verkündet. Freude kam nicht auf, nur eine große Unsicherheit. Inzwischen wusste auch ich, dass mein Heimatort Lübtheen zur sowjetischen Besatzungszone gehört und an ein „nach Hause“ war nicht zu denken Die Nazi-Propaganda über die Rote Armee war nicht ohne Wirkung bei uns Jugendliche geblieben.
Nun kam nach dem 8.Mai der Befehl: Abmarsch in ein riesiges britisches Internierungslager. Es war ein großes Waldstück ,das rundherum von englischen Soldaten und zu unserem Erstaunen auch von deutschen Panzersoldaten in den bekannten schwarzen Uniformen bewacht wurde. Schätzungsweise lagerten hier unter freiem Himmel etwa 10-15.000 junge Soldaten, RAD Gruppen, Luftwaffenhelfer und Versprengte. Alles ganz junge Leute, entwurzelt, Opfer der Nazipropaganda, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Nur das tägliche Überleben in den Erdlöchern war jetzt wichtig. Die Engländer teilten jedem eine kleine Dose Cornedbaef und ½ Brot für jeweils 3 Tage zu. Ich verbrachte dort in dem Waldlager die Zeit bis zum 16. Juni. Wie Tausende Menschen unter freiem Himmel in einem Wald wochenlang Leben mussten, kann sich jeder mit etwas Phantasie ausmalen.
So ging das bis ein Befehl von dem englischen Armeekommando kam: Jugendliche unter 18 werden nicht in die Sowjetische Besatzungszone entlassen. Diese sollten sich im benachbarten Kriegsgefangenenlager. eine Art „Vormund“ selbst suchen, der unterschriftlich die Vormundschaft übernimmt und den Jugendlichen mit zu sich nach Hause nimmt. So lief ich dann – wie viele andere auch – drei Tage suchend durch das Lager und hatte Glück. Ein junger Unteroffizier Namens Fritz Behm, ein Rostocker, entschied sich, für mich die Vormundschaft zu übernehmen. Mit einem Schriftstück wurde er am ersten Juni mit Tausenden anderen entlassen, mit mir an seiner Seite! Endlich raus aus den Waldlöchern, aus dem Dreck, aus dem Hunger! Eine riesige LKW-Kolonne der britischen Armee transportierte dann am 1.Juli ca. 5.000 Kriegsgefangene in einer Tagesfahrt nach Lemgo (Niedersachsen). Von dort hatte sich dann jeder nach seinem Heimatort durch zuschlagen. Mit meinem „Retter“ aus der Internierung traf ich dann am späten Abend des ersten Juli bei seiner Familie in Bad-Pyrmont ein. Nun hieß es, sich zu orientieren. Alles war anders! Nach zwei Wochen Erholung bei Familie Behm fand ich in einem Großbauerndorf auch schnell eine Arbeit. Als Junge aus einer kleinen Ackerbürgerstadt war mir landwirtschaftliche Arbeit nicht fremd.
Im Januar 1946 bekam ich ersten Kontakt zu meinen Eltern in Lübtheen, die mir die schnelle Rückkehr nach Hause schmackhaft machten und mir die Angst vor der sowjetischen Besatzung nahmen.

Harald Holtz: „Erinnerungen eines fast elf jährigen Jungen an den Frühling 1945″

Teil 2 der Zeit­zeu­gen­rei­he „Mein ach­ter Mai“

Der achte Mai 1945 ist für mich ein besonders denkwürdiger Tag. Die letzten Apriltage und die ersten Maitage 1945 sind mir durch viele Erlebnisse noch heute in sehr prägnanter Weise in Erinnerung und sie haben mein ganzes Leben in sehr positiver Hinsicht beeinflusst.
Sicherlich hängen diese Erinnerungen und daraus resultierende Erkenntnisse auch damit zusammen, dass ich zum Gegensatz zu meinen damaligen Schulkameraden und besonders auch zu der Mehrheit der Erwachsenen keine Angst vor den immer näher rückenden „Russen“ hatte.
Begründet ist das zum einen darin, dass ich zwei Jahre zuvor die einmalige Möglichkeit bekam, direkt einen Kontakt mit sowjetischen Kriegsgefangenen herzustellen, die auf unsrem Hof und den leerstehenden Stallungen das im Darßer Wald reichlich vorhandene Holz zur „Holzkohle“ verarbeiteten und zum anderen dass das Kriegsgefangenlager – Teil des KZ Ravensbrück bzw. Barth – ganz in der Nähe im „Borner Hof“, eingerichtet wurde. Aus zunächst prüfenden Kontakten wurde sehr bald ein zunehmende Neugier. Wieso waren diese „Bolschewisten“ (wie es unsere Lehrer immer einredeten) eigentlich auch nur Menschen wie wir alle. Das veranlasste mich, die Kriegsgefangenen näher kennen zu lernen. Und dazu hatte ich ja genügend Möglichkeiten.
Die Beste bestand darin, dass ich aus unseren Kellervorräten heimlich Kartoffeln holte, diese zur Feuerstelle brachte – wo das zerkleinerte Hartholz getrocknet und angekohlt wurde – und dann die „gebackenen Kartoffel“ gemeinsam mit den sowjetischen Kriegsgefangenen verspeiste. Für die von mir eigentlich unbewusste Solidarität bedankten sich die sowjetischen Soldaten mit herrlichen geschnitzten Holzfiguren. Diese, aber auch viele andere Ereignisse, bestimmten ganz zwangsläufig meine Sichtweise und auch Haltung als dann die ersten Teile der Sowjetarmee in unserem Dorf kampflos ankamen, obwohl im Darßer Wald noch „alles“ von der schon besiegten Wehrmacht getan wurde (z.B. durch das Anlegen zahlreicher Vorratsbunker), um eventuell mit „Anderen“ den verheerenden und aussichtslosen Kampf fortzusetzen. Das daraus nichts wurde, ist vor allem ein Verdienst der Sowjetunion!
Nun zu einigen persönlichen Erlebnissen bzw. Episoden die das in beispielhafte Weise zeigen und damit den entscheidenden Beitrag der Sowjetarmee zur Befreiung vom Faschismus auch in Mecklenburg-Vorpommern unterstreichen sollen.
Meinen ersten Kontakt mit der regulären Sowjetarmee bestand darin, dass ich plötzlich – Mitten auf dem Dorfplatz spielend – die Hand von einem mit einer Lederjacke bekleideten Sowjetsoldaten auf meinem Kopf fühlte, kein Wort sprach, aber dafür sehr freundlich lächelte. Diese Szene wurde dann dadurch unterbrochen, dass meine Mutter sehr lautstark an das Fenster klopfte und mir dann zuwinkte, sofort nach Hause zu kommen. Auf meine erstaunte Frage „warum und weshalb“ hörte ich dann, der „Russe“ hätte dir sonst was antun können.
Die zweite Episode erlebte ich dann, als ganz in der Nähe in einer unübersichtlichen Wegebiegung (heute Kreuzung „Im Moor“) zwei alliierte Militärfahrzeuge – von links ein englischer und von rechts ein sowjetischer Jeep – zusammen stießen. Die in freundlicher Art gestikulierenden Offiziere beider Fahrzeuge und die schnelle Hilfe mittels starker Ackerpferde von Umsiedlern zeigte ganz gut, es ist eine Neue Zeit angebrochen und mit den sehr wohl noch vorhandenen Illusionen der versteckten faschistischen Kräften ist es langsam aber endgültig vorbei.
Die dritte Episode war für mich so eine Art Beweis dafür, dass jetzt wirklich ein anderer Wind wehte. Denn jedes Mal, wenn wieder ein „Vorratsbunker“ entdeckt wurde, fuhr ein uns inzwischen bekannter russischer „Panjewagen“ durch unser Dorf und der von uns Kindern bekannte „Sershoska“ verteilte sehr genau abwiegend die kurz vorher geborgenen „Dauerkeks aus den Vorratstsbunkern“ der Wehrmacht. Wütend wurde Sershosha nur, wenn auch Erwachsende die Hand ausstreckten.
Mit einer vierten Episode möchte ich diesen Beitrag – obwohl es noch viele andere Erinnerungen gibt – beenden: Und das sind die Erlebnisse mit dem vorbildlichen sowjetischen Kommandanten, der durch seine sehr guten deutschen Sprachkenntnisse schnell mit uns wissbegierigen Kindern Kontakt aufnahm. Ja, und mehrmals war ich Zeuge und oftmals auch Helfer, wenn wir über vagabundierende Russen und Polen informierten, die im Dorf plünderten und Unruhe verbreiteten. Dann war es in der Regel so, dass der Kommandant zu seiner bereitstehenden „Hans-Sachs“ lief und einen von uns Kindern aufforderte, auf den Notsitz hinter ihm Platz zu nehmen. Am Plünderungsort bzw. Haus angekommen, hat der Kommandant zu unserem größten Erstaunen in sehr konsequenter Art und Weise sehr schnell Einhalt (ab und zu auch mit seiner Reitpeitsche…) geboten und die Plünderer der Wachmannschaft übergeben.
Diese und andere Erlebnisse über das wirklich humanistische Verhalten der Angehörigen der Sowjetarmee bestätigen nunmehr nur nicht mich in der Erkenntnis: Die Sowjetarmee ist unser Befreier vom Faschismus!
Später, als ich dann solche Bücher von sowjetischen Autoren gelesen habe, wie Nikolai Ostrowski`s „Wie der Stahl gehärtet wurde“, wurde mir auch deutlich, worin der Sinn des Lebens bestehen muss. Denn die Erkenntnis, die Ostrowski seinen Haupthelden Pavel Kortschagin nach der Überwindung einer weiteren schweren Krankheit gedanklich verinnerlichen lässt, ist seitdem auch die Meinige. Da ich diese Gedanken für jeden revolutionären Kämpfer für so wertvoll halte, möchte ich diese Zeilen hier wörtlich zitieren:
„Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nutzen, dass ihn später sinnlos vertahne Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht. Und er muss sich beeilen zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.“ [Kinderbuchverlag Leipzig,1.Auflage 2004,Seite 239]
Abschließend möchte ich jetzt als fasst 77 jähriger Kämpfer erklären, dass für mich der achte Mai – der Tag der Befreiung vom Faschismus – der bedeutenste Gedenktag geworden ist und dass ich nach Möglichkeit diesen Tag nutze, um bei der Gedenkfeier auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof am Puschkinplatz anwesend zu sein und zum wiederholten Male den Gefallenen zu gedenken und auch zu danken.
Und zum Schluss möchte ich der Hoffnung fordernden Ausdruck verleihen, dass endlich der achte Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus als staatlicher Festtag in ganz Deutschland gesetzlich erklärt und von allen demokratisch denkenden Menschen begangen wird.

Literaturtipp: Broschüre zum Jahrestag der Bombardierung Rostocks erschienen

Der 70. Jahrestag der Bombardierung Rostocks im Zweiten Weltkrieg hat in den vergangenen Monaten für viel Wirbel gesorgt. Die NPD hat in der Bürgerschaft dazu einen mehr als zweifelhaften Antrag eingebracht, die Ausstellung „Rostock in Trümmern“ wurde veröffentlicht und auch sonst hört mensch viel in den bürgerlichen Medien über die „arme Hansestadt“, die „Opfer“ der alliierten Bomber geworden ist.

Die antifa Unlimited hat jüngst das heft „Rostock kaput!“ herausgebracht, dass sich genau mit diesr Thematik befasst.

Die Broschüre lesen und downloaden könnt ihr auf dem Blog ander antifa unlimited unter unlimited.blogsport.de.

Uli Rabe: „Halbjude“

Teil 1 der Zeitzeugenreihe „Mein achter Mai“

Ulrich Rabe galt während des Nationalsozialismus in der Sprache der Nazis als „Halbjude“. Verschleppt aus seiner Heimat durchlitt er wie Millionen Andere die Schrecken des NS-Terror. Hier erzählt er, wie er den Tag der Befreiung erlebte.

Am 26. April 1944 wurde ich zur Zwangsarbeit nach Frankreich deportiert.
Warum? Was hatte ich verbrochen??
Na, ganz einfach: ich hatte eine jüdische Mutter!
So galt ich bei den Nazis als „Halbjude“.
Eine völlig irre, allen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechende Konstruktion, mit der man Rassenhass und Massenmord begründen wollte. Zunächst vernichteten die Nazis Menschen, die sie als Juden, Zigeuner, nicht lebenswert einstuften. Halbjuden und andere Diskriminierte mussten sie aber zunächst schonen. Die Arbeitskräfte wurden durch den Krieg immer knapper. Besonders für schwere, sehr gefährliche Arbeiten brauchten sie billige Kräfte. So wurden auch wir, die unter zwanzigjährigen „Halbjuden“, zu Gleisarbeiten nach und bei Luftangriffen eingesetzt. Nach der Invasion trieb man uns in Richtung Deutschland. Später gelang es mir, den Klauen der Nazis zu entkommen und in die amerikanische Kriegsgefangenschaft zu fliehen. Jetzt wurde ich zwar immer noch von Bewaffneten bewacht, lebte hinter Stacheldraht und was sonst zu einer Gefangenschaft gehört --- aber ich war durch Gesetze wie die Zweite Genfer Konvention aus dem Jahr 1929 geschützt, ich lebte nicht mehr unter der Bedrohung, eines Tages vernichtet zu werden.
Kurz gesagt, ich war wieder ein Mensch. Nun fehlte mir nur noch die Freiheit, der Weg nach Hause, zu meinen Lieben, zu meinen Freunden, der Weg zu einem Beruf, zu einem selbst bestimmten Leben. Eines Tages hörte ich die amerikanischen Soldaten und die marokkanischen Wachen übermütig jubeln. Sie schossen wie die Wilden in die Luft: Es war der 8.Mai 1945, der Krieg war zu Ende. Sie freuten sich auf ihr zuhause.

Mit Tränen stand ich hinter dem Stacheldraht: ich werde bald wieder ein Mensch wie andere auch sein. Nun war auch für mich der Weg frei nach Hause. So glaubte ich. Aber ich wurde ja in der Englischen Besatzungszone entlassen, nicht in der Sowjetischen Besatzungszone, in der ich wohnte. Die sowjetischen Grenzwachen ließen Niemanden durch – es sei denn er hielt eine Flasche Schnaps als Geschenk bereit. Die hatte ich mir gegen eine amerikanische Wolldecke besorgt. Zuhause erwarteten mich böse Nachrichten über die Verbrechen der Nazis:
vierzehn Familienmitglieder überstanden den Naziterror nicht.
Aber es wartete auch die Aufgabe, am Bau eines neuen, nazifreien Deutschland mit zuarbeiten.

Start der Zeitzeugenreihe „Mein Achter Mai“

Im Rahmen unserer Kampagne „8. Mai – Nur Verlierer feiern nicht“ starten wir diese Woche mit unserer dreiteiligen Zeitzeugenreihe „Mein Achter Mai“. Die Historie ist eine Zusammenfügung von Millionen Einzelschicksalen. Ob sogenannter „Halbjude“, Hitler-Junge oder Schüler – jeder Mensch hat ganz individuelle Erfahrungen gesammelt, die dem achtem Mai als Tag der Befreiung seine Vielschichtigkeit verleiht. Wir möchen uns bei Uli Rabe, Harry Machals und Harald Holtz für ihre ehrlichen Eindrücke und kostbaren Erinnerungen bereits im Vorfeld bedanken.

Aufruf: 8. Mai 2012 – Naziaufmarsch in Demmin verhindern!

Aufruf des Bündnisses Demmin nazifrei anlässlich des angekündigten Naziaufmarsch am 8. Mai 2012 in Demmin.

Zum fünften Mal in Folge wollen Nazis aus NPD und „Freien Kräften“ zum 8. Mai in Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) aufmarschieren, um den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zu einem Tag zum Gedenken der deutschen Opfer umzudefinieren. Mit einem Trauermarsch und anschließender Kranzniederlegung wollen sie dem Demminer Massenselbstmord und den Vertreibungen gedenken.

Sie verschweigen dabei, dass die Demminer_innen bis zuletzt erbitterten Widerstand leisteten. Als Reaktion darauf entschloss sich die Rote Armee zu einem harten Vorgehen gegen die Stadt. Einige hundert Demminer_innen nahmen sich das Leben – eine Massenpsychose, die direkt zusammenhängt mit dem Auftreten der Roten Armee, aber wurzelt im Nationalsozialismus und seinem Rassewahn, auf dem er die „deutsche Volksgemeinschaft“ gründete, an dem er Gewalt, Terror und Krieg ausrichtete.
Nach dem die alljährlichen Aufmärsche in Dresden durch entschlossenen antifaschistischen Widerstand ihren Reiz verloren haben, ist zu befürchten, dass die Nazis auf der Suche nach einem neuen Kristalisationspunkt für ihre geschichtsrevisionistische Ideologie sind. Für die Meck-Pommer Nazis steht Demmin dabei ganz oben auf der Liste. Von Anfänglich 40 marschierten 2010 250 Nazis durch Demmin.

Dass letztes Jahr die Teilnehmer_innenzahl leicht zurückging, ist vor allem der antifaschistischen Mobilisierung zu verdanken, die sich erstmalig in größerem Maß den Nazis entgegenstellte. Am Ort der Kranzniederlegung wurde ein Fest organisiert, welches die Trauer der Nazis empfindlich störte. Und auf der Aufmarschroute gab es Blockadeversuche.

Auch dieses Jahr wollen wir den Trauermarsch der Nazis zum Desaster machen. Nicht zu Letzt wegen der aktuellen Ereignisse ist es angebracht, jede Gelegenheit zu nutzen, den Nazis die Suppe zu versalzen. Seit dem militante Neonazistrukturen auch in MV nach der Aufdeckung der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nicht mehr verschwiegen werden können, nutzen die Nazis jede Gelegenheit, sich positiv darauf zu beziehen.
Generell ist in der letzten Zeit ein militanteres Agieren der Nazis in Mecklenburg-Vorpommern festzustellen. Von offizieller Seite wird nach wie vor versucht, Ereignisse dieser Art zu deckeln bzw. mit halbgaren Lippenbekenntnissen unter den Tisch zu kehren.

Nazis? – Blockieren!

Wir wollen, dass die Nazis am 8. Mai auf einen breiten Widerstand stoßen, um ihnen klar zu machen, dass sie und ihre Ideen weder in Demmin noch anderswo erwünscht sind oder geduldet werden.
Macht mit mit bei den friedlichen aber entschlossenen Menschenblockaden unter dem Motto ? „Nazis blockieren! … bitte setzen“
Von den Blockaden wird keine Gewalt ausgehen und wir erklären unsere Solidarität allen Menschen, die sich dem NPD-Aufmarsch entgegenstellen!

Wir rufen dazu auf, am 8. Mai nach Demmin zu kommen und den Aufmarsch aktiv zu verhindern.

Den rassistischen und faschistischen Konsens brechen!

Achtet auf Ankündigungen, sagt es weiter.

Die Hompeage des Bündnisses findet ihr unter demminnazifrei.blogsport.de

Rostock in der Nazi-Zeit: Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie

Neben motorisierten Bodentruppen, die vor allem Panzer und Lastwagen benötigten, war für die deutsche „Blitzkrieg“-Taktik die Zerstörung gegnerischer Ziele aus der Luft unerlässlich. Darum war die Entwicklung neuer Flugzeuge für das Nazi-Reich kriegsentscheidend. In Rostock siedelten sich ab 1932 die Heinkel-Werke an, die unter dem NS-Regime schnell an Bedeutung gewinnen sollten. Bald wuchs der Heinkel-Flugzeugbau zum größten Industriebetrieb Mecklenburgs heran. Bei Kriegsausbruch wurden die Flugzeugfabriken noch wichtiger, galt es jetzt doch den Nachschub für die verbrecherischen Eroberungskriege zu sichern. Neben den Heinkel-Werken siedelten sich auch die Arada-Werke und in Warnemünde die Neptunwerft an.


Bild: Denkmal für 1.400 Zwangsarbeiter_Innen, die in Rostock für den Heinkel-Konzern unter menschenverachtenden Bedingungen arbeiten mussten.

Die kriegswichtigen Fabriken machten Rostock und Warnemünde zu einem ebenfalls wichtigen Ziel britischer und US-amerikanischer Luftangriffe. Sollte in vielen Städten schlicht der „Durchhaltewille“ der deutschen Bevölkerung gebrochen werden, hatten die Bombardierungen in Rostock doch eine ganz klare militärische Bedeutung. Insbesondere, nachdem die zukünftigen Sektorengrenzen der Alliierten nach dem Ende des Krieges beschlossen waren, war klar, dass Städte im sogenannten „Mitteldeutschland“, also die heutigen Neuen Bundesländer, an die Sowjetunion fallen würden. Das erhöhte die Dringlichkeit der Zerstörung von Städten wie Rostock noch einmal. Die USA und Großbritannien wollten der Sowjetunion möglichst wenig intakte Infrastruktur gewähren. Der nächste Konflikt, der Kalte Krieg, war schon absehbar. Die teilweise mehrere Tage andauernden Luftangriffe unterbrachen die deutsche Kriegsproduktion allerdings meist nur kurzzeitig, sodass unter anderem die Heinkel Flugzeuge dennoch fertig gestellt wurden. Um genügend Arbeitskräfte für die Produktion zu Verfügung zu haben, wurden etwa 1.400 sowjetische Kriegsgefangene für die Heinkel-Werke angefordert. Diese mussten für die NS-Kriegsproduktion unter barbarischen Bedingungen arbeiten.

Trotz großspuriger Worte des Reichsstatthalter Hildebrandt, bis zum „Endsieg“ zu kämpfen, floh dieser beim Herannahen der Roten Armee mit dem Großteil seines Stabes. Die Naziführung schlich sich heimlich davon, während alte Männer des Volkssturms und kleine Kinder der Hitler-Jugend sowie einige Reste der Wehrmacht den „Abwehrkampf“ um Rostock führen sollten.
Am Morgen des 1. Mai 1945 rollten die sowjetischen Panzer des Kom­man­deurs Di­mit­rew­ski aus Richtung Tessin mit aufgesessener Infanterie auf Rostock zu. Die Mühlendammbrücke war zwar noch gesprengt worden, dennoch gelangten die Rotarmisten über den Verbindungsweg und die Petribrücke in die Innenstadt. Sie kamen noch am Vormittag in der Stadt an und besetzten sie. Durch kleinere Scharmützel kamen noch dutzende sowjetische Soldaten ums Leben, die heute am Puschkinplatz in Rostock beigesetzt sind. Noch am selben Tag fuhren Einheiten der sowjetischen Panzerdivision weiter Richtung Westen und befreiten ebenfalls nahezu kampflos Doberan und andere Ortschaften. Obwohl Rostock die für das NS-Reich wichtigste Stadt in Mecklenburg war, war die Eroberung durch die Rote Armee nicht mehr als eine militärische Randnotiz. Nur eine Woche später sollte der Krieg endgültig vorbei sein.

Demmin: 8.Mai 2012 – Deutsche Opfermythen versenken!

Demmin: Veranstaltungsprogramm um den 8.Mai

Damit diesmal auch in der Innenstadt der Tag der Befreiung vom Faschismus intensiv gefeiert werden kann, hat das Aktionsbündnis 8. Mai Demmin um den 8. Mai 2012 eine Reihe von öffentlichen Veranstaltungen geplant:

Samstag 5. Mai von 15 Uhr bis 21 Uhr: Mahnwachen im Hafen von Demmin und am Luisentor
und ab 17 Uhr: Historischer/politischer Spaziergang durch die Stadt Demmin an relevante Ort von 1945

Sonntag 6. Mai von 15 Uhr bis 21 Uhr: Mahnwachen im Hafen von Demmin und am Luisentor

Dienstag 8. Mai von 15 Uhr bis 21 Uhr: Mahnwachen im Hafen von Demmin (beide Seiten), am Bahnhof, am Parkplatz vom Stadion und am Luisentor, angemeldet von verschiedenen Organisationen
Ab 17 Uhr bis 24 Uhr: grosses Fest zur Befreiung vom Faschismus vor dem Lübecker Speicher gemeinsam mit vielen Vereinen, Organisationen, Initiativen, verschiedenen Musikbands, Essen und Trinken, Infoständen, politischen Reden,…
Ab 17.30 Uhr: Historischer/politischer Spaziergang durch die Stadt Demmin an relevante Ort von 1945
Ab 20:30 Uhr: Politischer Fahrzeugkorso mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen, historischen Feuerwehren, PKW, Mopeds, Fahrräder vom Hafen startend durch die Innenstadt zum Bahnhof und zurück.

Samstag 12. Mai von 15 Uhr bis 21 Uhr: Mahnwachen im Hafen von Demmin und am Luisentor

Sonntag 13. Mai von 15 Uhr bis 21 Uhr: Mahnwachen im Hafen von Demmin und am Luisentor

Dadurch können die Neo-Nazis an den relevanten Tagen nicht mehr so einfach durch die Demminer Innenstadt laufen.

Die nächsten Tage gibt es dazu weitere Informationen und Details des Programms.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung des Bünndisses Demmin nazifrei.

Stickerserie zum Tag der Befreiung jetzt auch beim Roten Shop erhältlich!

Für alle Klebefreudigen unter euch: Der Rote Shop hat sein Sortiment erweitert und bietet neben diversen anderen Aufklebern unseres Projektes nun auch die Sticker zur Kampagne „8. Mai 2012 – Nur Verlierer feiern nicht!“ an. Ihr findet die sechs Sticker im Soli-Kram Bereich. Für einen Euro bekommt ihr je 20Stück der auf besonders wetterfestem Material gedruckten Gedenkstätten-Aufkleber. Wir sagen schon jetzt: Viel Spaß beim Kleben und dem Roten Shop ein dickes Dankeschön! ;-)

Ilja Ehrenburg: „Die Moral der Geschichte“

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges blieb Ilja Ehrenburg ein gefragter Schriftsteller. Als Beobachter der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse berichtete er weiterhin für verschiedene Zeitungen. Der Artikel „Die Moral der Geschichte“ wurde erstmal im Dezember 1945 in der Zeitung „Is­wes­ti­ja“ veröffentlicht.

Wie be­kannt, ver­sucht einer der „Stars“ des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses, der „Thron­fol­ger“ des Füh­rers, Ru­dolf Heß, sich als un­zu­rech­nungs­fä­hig aus­zu­ge­ben. Dafür hat er sich nicht auf Grö­ßen­wahn ver­legt (zu spät), nicht auf sim­ple Geis­tes­schwä­che (zu pein­lich), son­dern auf Ge­dächt­nis­ver­lust; Amne­sie scheint ihm die Krank­heit der Sai­son zu sein. Als man Heß einen Film zeig­te – eine fa­schis­ti­sche Pa­ra­de in Nürn­berg –, er­kann­te der Stell­ver­tre­ter des Füh­rers sich selbst nicht wie­der. Ex­per­ten haben ihn sorg­fäl­tig un­ter­sucht, und das ist das Er­geb­nis, zu dem die be­deu­tends­ten Psych­ia­ter ge­kom­men sind: „Wir neh­men an, dass das Ver­hal­ten des An­ge­klag­ten von ihm zum ers­ten Mal zum Schutz an­ge­wandt wurde unter den Be­din­gun­gen, in die er in Eng­land ge­riet, die­ses Ver­hal­ten ist jetzt teil­wei­se zur Ge­wohn­heit ge­wor­den und wird so lange an­hal­ten, wie er sich in Ge­fahr be­fin­det, be­straft zu wer­den.“

Die Ex­per­ten wei­sen dar­auf hin, dass Heß zum ers­ten Mal „das Ge­dächt­nis ver­lor“, als er von der Ka­ta­stro­phe der deut­schen Armee bei Sta­lin­grad er­fuhr. So­lan­ge die Deut­schen die Welt er­ober­ten, konn­te sich Heß an seine Titel und auch an seine Ein­künf­te gut er­in­nern. Er er­in­ner­te sich erst dann daran, dass man sich auch an nichts er­in­nern könn­te, als die Fa­schis­ten ihren Meis­ter ge­fun­den hat­ten. Dann wurde es ihm lang­wei­lig, den Kran­ken zu spie­len, und er „wurde wie­der ge­sund“. Er „wurde wie­der krank“, als die Rote Armee in Deutsch­land ein­drang. Nach­dem er von den Kämp­fen in Ost­preu­ßen ge­hört hatte, be­schloss Heß, ein für alle Mal alles zu ver­ges­sen.

Er ist nicht al­lein mit die­sem Wunsch: Von Rib­ben­trop er­klär­te kürz­lich, er habe, da er ein über­aus ner­vö­ses Wesen sei, Brom ein­ge­nom­men und sein Ge­dächt­nis ver­lo­ren. Als Heß Rib­ben­trops Er­klä­rung hörte, konn­te er nicht an sich hal­ten, er lach­te los: Der Pla­gia­tor amü­sier­te ihn.

Ich spre­che dar­über nicht, weil mich die Aus­flüch­te des einen oder an­de­ren Mis­se­tä­ters in­ter­es­sie­ren wür­den. Die Ge­dächt­nis­lo­sig­keit von Heß und die Halb­ge­dächt­nis­lo­sig­keit von Rib­ben­trop stel­len sich mir als zu­tiefst sym­bo­lisch dar: Der zer­schla­ge­ne Fa­schis­mus ver­weist auf Ge­dächt­nis­ver­lust. Wenn Sie einen ganz ge­wöhn­li­chen Mis­se­tä­ter, der Hüt­ten in Bel­o­russ­land ver­brannt und Kin­der ge­tö­tet hat, fra­gen, was er in den Jah­ren des Krie­ges getan hat, wird er be­geis­tert ant­wor­ten: „Ich habe Kar­tof­feln ge­pflanzt“ oder: „Ich habe Gänse ge­züch­tet“. Ein im zer­schla­ge­nen Nürn­berg zu­fäl­lig heil ge­blie­be­ner Rüs­tungs­be­trieb stellt jetzt Sou­ve­nir-​Zi­ga­ret­ten­etuis mit der Auf­schrift „Zur Er­in­ne­rung an den Nürn­ber­ger Pro­zess“ her, und na­tür­lich kann sich der Di­rek­tor nicht daran er­in­nern, dass der Be­trieb noch vor kur­zem Pan­zer pro­du­ziert hat …

Die an­geb­li­chen Kran­ken hof­fen wahr­schein­lich, dass nicht nur die Ver­bre­cher, son­dern auch die Opfer an Ge­dächt­nis­ver­lust er­kran­ken: Viel wür­den Heß und Rib­ben­trop dafür geben, wenn die Völ­ker die schreck­li­chen Jahre ver­gä­ßen. Aber die Völ­ker er­in­nern sich an alles, und Seite für Seite wird in Nürn­berg die Ge­schich­te der Nie­der­tracht, der Grau­sam­keit und der Bos­heit auf­ge­schla­gen.

Worin be­steht die Be­deu­tung des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses? Es gibt Ge­richts­ver­fah­ren, die durch ihre Ver­wor­ren­heit, den Wett­streit der Par­tei­en, die Schwä­che der Be­wei­se oder die Per­sön­lich­keit der An­ge­klag­ten fes­seln. Aber die ganze Mensch­heit hat ihr Ur­teil über den Fa­schis­mus lange vor dem Nürn­ber­ger Pro­zess ge­spro­chen. Und die­ser Pro­zess ist auch nur des­halb mög­lich ge­wor­den, weil die Völ­ker, die über die Un­ta­ten der Fa­schis­ten em­pört sind, ge­schwo­ren haben, das Böse zu ver­nich­ten. Wir hören die Chro­nik des Bösen, die wir aus­wen­dig ken­nen – nicht mit Tinte ist sie ge­schrie­ben, son­dern mit Blut: mit dem Blut un­se­rer Nächs­ten. Wir hören ein Buch, des­sen In­halt uns be­kannt ist.

Was die Per­sön­lich­kei­ten der An­ge­klag­ten be­trifft, was kann man über sie sagen? Wir haben klei­ne Mis­se­tä­ter vor uns, die größ­te Un­ta­ten be­gan­gen haben. Jeder von ihnen ist see­lisch und geis­tig so nichts­wür­dig, dass man sich beim Blick auf die An­ge­klag­ten­bank fragt: Haben wirk­lich diese ge­häs­si­gen und fei­gen Miss­ge­bur­ten Eu­ro­pa in Rui­nen ge­legt, dut­zen­de von Mil­lio­nen Men­schen ins Ver­der­ben ge­stürzt?

Aber wenn für das Schaf­fen Genie nötig ist, für das Zer­stö­ren ist es nicht er­for­der­lich: Pusch­kin töten konn­te auch ein De­ge­ne­rier­ter, Tol­stois Bü­cher ver­bren­nen konn­te auch ein Wil­der. Die Men­schen, über die in Nürn­berg zu Ge­richt ge­ses­sen wird, ragen geis­tig und mo­ra­lisch nicht über die Zehn­tau­sen­de ih­res­glei­chen hin­aus, von den ge­wöhn­li­chen Fa­schis­ten un­ter­schei­den sie sich nur durch ihre noch grö­ße­re Hab­gier, durch noch mehr Grau­sam­keit, durch die Kon­zen­tra­ti­on bösen Wil­lens.

Auf der An­ge­klag­ten­bank sit­zen nicht nur zwei Hand­voll blut­rüns­ti­ger Gangs­ter, auf der An­ge­klag­ten­bank sitzt der Fa­schis­mus, seine wöl­fi­sche Ideo­lo­gie, seine Heim­tü­cke, seine Amo­ra­li­tät, seine Hoch­nä­sig­keit und seine Nichts­wür­dig­keit. Wenn Men­schen aus allen Län­dern der Welt im zer­stör­ten Nürn­berg zu­sam­men­ge­kom­men sind, dann nicht nur, um der ex­em­pla­ri­schen Be­stra­fung von zwan­zig Ver­bre­chern bei­zu­woh­nen, son­dern auch, um, indem sie vor den Völ­kern eine blu­ti­ge Schrift­rol­le aus­brei­ten – die über­zeit­li­che Ge­schich­te einer noch nie da­ge­we­se­nen Untat – , die Kin­der vor der Wie­der­kehr der Pest zu ret­ten. Wir schau­en auf die Rui­nen und träu­men von den Städ­ten der Zu­kunft. Wir sehen die Mas­ken der Kin­der­mör­der und wir den­ken an Wie­gen.

Ich weiß nicht, warum sich die Hit­ler­leu­te sei­ner­zeit Nürn­berg aus­ge­sucht haben: Hier ver­an­stal­te­ten sie ihre Par­tei­ta­ge, hier mar­schier­ten die Ma­schi­nen mit ihren Ma­schi­nen­ge­weh­ren, die dann die Gär­ten Eu­ro­pas zer­tram­pel­ten. Die einen sagen, dass Nürn­berg eine Stadt der Al­ter­tü­mer war, und die Fa­schis­ten woll­ten ihre Taten wenn schon nicht mit der Mal­kunst des Füh­rers, so doch mit der Ge­schich­te ver­gan­ge­ner Er­obe­run­gen ver­bin­den. An­de­re be­haup­ten, dass Nürn­berg ein­fach ein Ei­sen­bahn­kno­ten­punkt mit einer or­dent­li­chen Zahl von Ho­tels war. Ich füge hinzu, dass Nürn­berg vor Zei­ten für seine Hen­ker be­rühmt war. Es gab in die­ser Stadt ein Mu­se­um für mit­tel­al­ter­li­che Fol­te­run­gen. Viel­leicht hat die­ses die Auf­merk­sam­keit der Bar­ba­ren des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts an­ge­zo­gen?

Indem die Ver­ein­ten Na­tio­nen Nürn­berg, ge­nau­er ge­sagt, das, was ein­mal Nürn­berg war, für den In­ter­na­tio­na­len Mi­li­tär­ge­richts­hof aus­wähl­ten, ent­schie­den sie sich, über die Mis­se­tä­ter in der Stadt Ge­richt zu hal­ten, wo ihre Miss­eta­ten vor­be­rei­tet wor­den waren. Gö­ring be­müht sich, sorg­los zu wir­ken, wie je­mand, der nicht ver­steht, warum man ihn be­lei­digt hat. Er hat Re­por­tern er­klärt, dass er „nur den Deut­schen ge­gen­über ver­ant­wort­lich ist“. Nun denn, möge Gö­ring auf die Rui­nen Nürn­bergs schau­en und ver­su­chen, sich zu er­in­nern, ob nicht er es war, der den Deut­schen ver­spro­chen hat, dass auch nicht eine feind­li­che Bombe auf deut­sche Städ­te fal­len würde. Möge er eben­so wie seine Kol­le­gen sich an die Worte des Füh­rers er­in­nern: „Nur der Deut­sche wird künf­tig ein Ge­wehr tra­gen, nicht der Russe, nicht der Pole und nicht der Tsche­che.“ Vor dem Ge­bäu­de des Ge­richts­ho­fes ste­hen mit Ge­weh­ren rus­si­sche Gar­dis­ten. Und was tut das „Her­ren­volk“ in­mit­ten der Rui­nen Nürn­bergs? Es ser­viert Kaf­fee, putzt Stie­fel und weißt die Wände des Ge­richts­ho­fes (das ist leich­ter, als sich selbst vor den Augen der Welt weiß­zu­wa­schen).

Ich würde nicht sagen, dass die An­ge­klag­ten über­mä­ßig nie­der­ge­schla­gen sind. Die At­mo­sphä­re im Ge­richt be­ru­higt sie: Sie sind ja ihre „Ge­rich­te“ ge­wohnt, wo nicht Ju­ris­ten, son­dern Fol­ter­knech­te mit den Ver­damm­ten ge­re­det haben.

Mor­gens vor Be­ginn der Ver­hand­lung un­ter­hal­ten sich die An­ge­klag­ten leb­haft mit­ein­an­der, Gö­ring be­müht sich, Dö­nitz zu er­hei­tern, Ro­sen­berg berät sich mit Frank, Papen be­lehrt Bal­dur von Schirach. In die­sen Mo­men­ten scheint es ihnen, als sei nichts pas­siert, als hät­ten sie sich im Vor­zim­mer des Füh­rers ver­sam­melt und dis­ku­tier­ten, wel­ches Land sie ab­schlach­ten woll­ten. Dann über­mannt sie der Schre­cken: Ihnen win­ken ja keine Tro­phä­en und keine Orden, son­dern zwei Pfäh­le mit einem Quer­bal­ken. Und so­fort al­tert Rib­ben­trop um zwan­zig Jahre, kratzt Strei­cher sich ner­vös und Ro­sen­berg fällt der Un­ter­kie­fer her­un­ter. Sie leben bis zum ani­ma­li­schen Ent­set­zen im Fie­ber il­lu­so­ri­scher Hoff­nun­gen auf Ret­tung. Kei­ner von ihnen denkt an das deut­sche Volk und keine ehe­ma­li­gen Titel ver­de­cken eines: Vor uns ste­hen Gangs­ter, die auf fri­scher Tat er­tappt wur­den, Gangs­ter, die zwölf Jahre lang Staats­män­ner ge­spielt haben. Jeder von ihnen ver­sucht, wie der sim­ple „Fritz“, den man ge­fan­gen­ge­nom­men hat, alles auf den Füh­rer ab­zu­wäl­zen. Kei­tel, einer der Grund­pfei­ler des drit­ten Rei­ches, tut so, als sei er ein ge­wöhn­li­cher Sol­dat – er habe nur Be­feh­le aus­ge­führt, und von Rib­ben­trop schwört, dass die Di­plo­ma­ten Hit­lers nicht für die Sol­da­ten Hit­lers ver­ant­wort­lich seien.

Ich habe sie auf der An­ge­klag­ten­bank ge­se­hen! An diese Stun­de habe ich ge­dacht vor Rshew, vor dem bren­nen­den Brjansk, in Kiew vor Babi Jar, in Minsk und in Wilno. Ich sehe sie an und ich er­in­ne­re mich an ihre Taten – die Stra­ßen von Paris, durch die die Sol­da­ten Kei­tels gin­gen, un­se­re jun­gen Mäd­chen, die von Sau­ckel ge­schun­den wur­den, das Leid Po­lens – dort tobte Frank – , die Asche Bel­o­russ­lands und der Ukrai­ne – dort wü­te­te Ro­sen­berg. Sind es nur acht Rich­ter, die sie rich­ten? Nein. In dem Saal in Nürn­berg sind meine Brü­der, meine Schwes­tern, die durch Hun­ger zu Tode ge­quäl­ten Ge­fan­ge­nen, die Kin­der, die in Gas­wa­gen er­stickt wor­den sind, die Schat­ten von Ma­jda­n­ek, Ausch­witz und Treblin­ka und das Blut der Gei­seln, die Asche der rus­si­schen Städ­te, die schwar­ze Wunde Le­nin­grads. Es rich­tet die Mensch­heit, und es rich­tet jeder.

Im Ge­richts­saal hängt ein Re­li­ef: Adam und Eva. Viel­leicht haben die klei­nen deut­schen Lang­fin­ger, die man sei­ner­zeit in die­sem Saal ver­ur­teil­te, an den Sün­den­fall ge­dacht. Diese Scheu­sa­le da­ge­gen haben eine sol­che Er­in­ne­rung nicht nötig: Sie wis­sen gut, was sie getan haben – sie hat nie­mand ver­führt, sie selbst haben Mil­lio­nen ihrer Lands­leu­te ver­führt. Als Gö­ring ge­fragt wurde, wel­ches Amt er im drit­ten Reich in­ne­ge­habt habe, fing er an, an den Fin­gern seine Titel auf­zu­zäh­len, und lä­chel­te spöt­tisch, als er zehn zu­sam­men­hat­te: „Reicht!“ Er hatte nicht ver­ges­sen, zu er­wäh­nen, dass er „Reichs­forst­meis­ter“ war. Dafür hatte er den Trust „Her­mann Gö­ring“ ver­schwie­gen.

Mit die­sem di­cken Hof­nar­ren sind alle Ver­bre­chen des Fa­schis­mus ver­bun­den – von der In­brand­set­zung des Reichs­ta­ges bis zur In­brand­set­zung Eu­ro­pas. Als Gö­ring die min­der­jäh­ri­gen Fa­schis­ten­an­wär­ter trai­nier­te, sagte er: „Alle Ver­ant­wor­tung nehme ich auf mich.“ Jetzt dürs­tet er nur nach Einem: der Ver­ant­wor­tung zu ent­kom­men. Er ge­denkt wenn auch nicht die Welt, so we­nigs­tens die Jour­na­lis­ten mit sei­ner Lie­bens­wür­dig­keit in Er­stau­nen zu ver­set­zen, er wirft mit Lä­cheln und Seuf­zern um sich, wie er frü­her Spreng­bom­ben auf fried­li­che Städ­te ge­wor­fen hat. Er kaut sanft­mü­tig har­tes Brot. Viel­leicht haben wir ver­ges­sen, wie ge­schäf­tig er die Tsche­cho­slo­wa­kei ge­fres­sen hat? Hat nicht er den Hun­ger in den von den Deut­schen an sich ge­ris­se­nen Län­dern or­ga­ni­siert? Hat nicht er Eu­ro­pa Essen, Klei­dung und Schu­he weg­ge­nom­men? Noch in der Vor­kriegs­zeit nann­te er einen sei­ner Ar­ti­kel „Die Kunst an­zu­grei­fen“. Jetzt schickt er sei­nem Ver­tei­di­ger am lau­fen­den Band auf­ge­reg­te Zet­tel­chen: Er stu­diert eine neue Kunst – er ver­tei­digt nicht Ger­ma­ni­en, son­dern sich selbst, den di­cken Her­mann. Er, der Autor der be­rühm­ten „Grü­nen Mappe“, woll­te Russ­land in eine deut­sche Ko­lo­nie ver­wan­deln. Jetzt schaut er auf­merk­sam auf die Schul­ter­stü­cke der so­wje­ti­schen Of­fi­zie­re. Die­ser An­füh­rer der fa­schis­ti­schen Hor­den ist noch dazu ein ganz ba­na­ler klei­ner Dieb. 1940, als die Deut­schen ge­ra­de erst be­gan­nen, Eu­ro­pa aus­zu­neh­men, prahl­te Gö­ring schon vor Ro­sen­berg: „Ich habe die größ­te Samm­lung von Ma­le­rei und Plas­tik.“ Er zün­de­te Städ­te an, aber brach­te Bil­der in sei­nem Haus zu­sam­men, er häng­te junge Mäd­chen auf, aber sam­mel­te Sta­tu­en von Nym­phen. Trotz des Ge­fäng­nis­le­bens ist er fett: ein Blut­egel, der sich mit Blut voll­ge­fres­sen hat, und man wird kei­nen Strick für ihn vor­be­rei­ten müs­sen, son­dern ein so­li­des Schiffstau.

Heß, der so oft die Ner­ven ver­liert, wurde von den Fa­schis­ten „das Ge­wis­sen der Na­zi­par­tei“ ge­nannt. Als könn­ten Ge­wis­sen­lo­se ein Ge­wis­sen haben! Wäh­rend der Ver­hand­lun­gen liest Heß Po­li­zei­ro­ma­ne: Er er­in­nert sich viel zu gut an alles, die­ser Er­in­ne­rungs­lo­se, und will sich mit Er­zäh­lun­gen über frem­de Ver­bre­chen von sei­nen ei­ge­nen ab­len­ken. Wenn er auf die so­wje­ti­sche Fahne neben der eng­li­schen blickt, denkt er si­cher­lich an eine Mai­n­acht und sei­nen Sprung nach Schott­land. Er ge­dach­te, rus­si­schen Wodka zu trin­ken und eng­li­sche Zi­ga­ret­ten zu rau­chen. Statt­des­sen hat man ihn nach Nürn­berg ge­schleppt. Was bleibt ihm übrig, als Ru­dolf den Er­in­ne­rungs­lo­sen zu spie­len?

Der ehe­ma­li­ge Feld­mar­schall Kei­tel ist ein ty­pi­scher Kom­miss­hengst: qua­dra­ti­sches Ge­sicht, qua­dra­ti­sche Ma­nie­ren. Er hat sei­nem Füh­rer treu ge­dient und die deut­schen Ge­ne­rä­le, die in Hit­lers La­kai­enstu­be saßen, nann­ten den Feld­mar­schall „La­kei­tel“. Aber er war kein ein­fa­cher Lakai, er braucht sich nicht arm zu stel­len: Er hat Un­schul­di­ge nicht be­fehls­ge­mäß, son­dern in­spi­ra­ti­ons­ge­mäß ver­nich­tet. Er hat den Plan des hin­ter­häl­ti­gen Über­falls auf die So­wjet­uni­on aus­ge­ar­bei­tet: den „Plan Bar­ba­ros­sa“. Es lohnt sich an­zu­mer­ken, dass die fa­schis­ti­schen Rä­dels­füh­rer als Gangs­ter, die sie waren, die blu­ti­gen Taten, die sie vor­be­rei­te­ten, in Gau­ner­spra­che be­nann­ten. Wenn der Ein­fall in Russ­land der „Plan Bar­ba­ros­sa“ war, war die An­eig­nung Ös­ter­reichs der „Plan Otto“, die An­eig­nung Po­lens die „Sache Himm­ler“ und der unter Mit­hil­fe von Ge­ne­ral Fran­co vor­be­rei­te­te Über­fall auf Gi­bral­tar wurde als „Un­ter­neh­men Felix“ be­zeich­net. Kei­tel be­fahl, „Pe­ters­burg vom An­ge­sicht der Erde zu til­gen“. Er führ­te die Brand­mar­kung der so­wje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein. Er sprach: „Im Osten gilt ein Men­schen­le­ben nichts.“ Sein Leben schätzt er je­doch hoch: Der Mör­der von Mil­lio­nen will sich an die Erde klam­mern, aber die Erde weicht unter ihm aus­ein­an­der.

Ge­ne­ral Jodl steht Kei­tel nur wenig nach. Er hat eben­falls ge­sagt, dass Russ­land mit Feuer und Blei be­frie­det wer­den müsse. Jetzt gähnt er ner­vös und ver­steckt sich hin­ter dem brei­ten Rü­cken Kei­tels. Man wird auch ihn be­mer­ken. Vor sie­ben Jah­ren be­gann Jodl in Nürn­berg sei­nen Auf­stieg: Hier ar­bei­te­te er den Plan für die An­eig­nung der Tsche­cho­slo­wa­kei aus. Möge er auch in Nürn­berg enden.

Joa­chim von Rib­ben­trop hat alle fei­nen Schli­che der Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen. Als Hand­lungs­rei­sen­der äh­nel­te er einem Gau­ner, als Di­plo­mat äh­nel­te er einem Hand­lungs­rei­sen­den: Er war immer zu spät beim Sich­be­wusst­wer­den sei­ner Lage. Jetzt nimmt er die nahe Zu­kunft vor­weg: Noch ist er nur An­ge­klag­ter, aber schon äh­nelt er einem Ge­henk­ten. Zeit­wei­se be­lebt er sich al­ler­dings, will sich als Di­plo­ma­ten aus­ge­ben. Das ist naiv: Wir haben einen Gangs­ter vor uns. Wäh­rend er die An­eig­nung Ös­ter­reichs, der Tsche­cho­slo­wa­kei, Po­lens vor­be­rei­te­te, ver­barg er unter der Di­plo­ma­ten­uni­form auch einen Nach­schlüs­sel. Auf ihn gehen die aus­rei­chend of­fe­nen Worte zu­rück „Ge­trei­de und Roh­stof­fe Russ­lands wer­den ganz das Rich­ti­ge für uns sein“ … Er wird sich für die­ses Ge­trei­de ver­ant­wor­ten: Auf ihn zei­gen mit den Fin­gern Mil­lio­nen von Zeu­gen – Müt­ter, die ihre Söhne ver­lo­ren haben, Wit­wen, Wai­sen, ganz Russ­land.

Al­fred Ro­sen­berg galt bei den Fa­schis­ten als der „Spe­zia­list für rus­si­sche An­ge­le­gen­hei­ten“. Das ist der Theo­re­ti­ker des Rau­bes, der Phi­lo­soph der Plün­de­rung. Er, ein Dieb von in der Ge­schich­te noch nie da­ge­we­se­nem Aus­maß, hat phi­lo­so­phiert: „In zwan­zig oder in hun­dert Jah­ren wer­den die Rus­sen selbst ver­ste­hen, dass Russ­land Le­bens­raum für Deutsch­land wer­den muss­te.“ Er raub­te so­wohl en gros als auch en détail. Er trans­por­tier­te Wei­zen aus Russ­land ab, ver­ach­te­te aber auch Klei­nig­kei­ten nicht – so küm­mer­te er sich zum Bei­spiel darum, dass den Juden „eine oder zwei Stun­den vor der Ope­ra­ti­on“ (so nann­ten die Fa­schis­ten die Mas­sen­hin­rich­tun­gen) die Gold­zäh­ne her­aus­ge­ris­sen wur­den. Das ist ein Ri­va­le Gö­rings: Er ver­göt­tert eben­falls Kunst­wer­ke. Er hatte ein gan­zes Die­bes­un­ter­neh­men ge­grün­det, den „Ein­satz­stab* Ro­sen­berg“ – er trans­por­tier­te aus den an­ge­eig­ne­ten Län­dern Bü­cher, Ge­mäl­de, Sta­tu­en ab.

Man kann die Ga­le­rie der „Äs­the­ten“ fort­set­zen: Der Hen­ker Po­lens, Hans Frank, ein kahl­köp­fi­ges und wi­der­wär­ti­ges Männ­chen, hat sei­ner­seits ein Bild Leonar­do da Vin­cis ge­klaut. Er sagt: „Es fällt mir schwer, zu sagen, wie viel die­ses Bild kos­tet – ich bin kein Ken­ner, und die Prei­se für sol­che Sä­chel­chen wech­seln ja auch, aber das ist ein Sä­chel­chen, das etwas wert ist …“ Frank hat die be­rühm­ten „To­des­la­ger“ or­ga­ni­siert, er hat Mil­lio­nen Polen und Juden ver­nich­tet. Er hat einen be­geis­ter­ten Re­chen­schafts­be­richt über die Ver­nich­tung des War­schau­er Ghet­tos ver­fasst, hat mit­ge­teilt, dass er die Ka­na­li­sa­ti­ons­roh­re, in denen sich die ver­steck­ten, die sich ge­ret­tet hat­ten, mit Was­ser flu­te­te. Er ver­gaß nicht den Ge­winn: Er zähl­te, wie viele Paar Hosen er nach der Ver­nich­tung des Ghet­tos be­kom­men hatte, und fügte hinzu: „Aus den Rui­nen kann man Me­tall­schrott her­aus­zie­hen.“ Na­tür­lich wälzt er jetzt alles auf Himm­ler ab: Sehen Sie, er hat nicht hin­ge­rich­tet, son­dern nur von der Erde unter die Erde „um­ge­sie­delt“. Er ist be­schei­den: „Ich war nur ein Ver­wal­tungs­zwerg.“ Die­ser Zwerg hat am Tag zehn­tau­sen­de Men­schen ver­schlun­gen. Bei den Ver­hand­lun­gen trägt er eine große Rauch­glas­bril­le, und nur ein­mal habe ich seine Augen ge­se­hen: die Augen eines Mar­ders in der Falle.

Ju­li­us Strei­cher äh­nelt einer alten Kröte. Er hat Mil­lio­nen von Juden aus allen eu­ro­päi­schen Län­dern auf dem Ge­wis­sen. Er hebt die Schul­tern: Barm­her­zi­ger, hat er etwa ge­tö­tet! Er woll­te nur die Juden nach Pa­läs­ti­na um­sie­deln. Aber man hat ihn nicht ver­stan­den … Ich bin ein An­hän­ger Herzls und Zio­nist! Es ist schwer, sich eine düm­me­re Lüge aus­zu­den­ken, und es ist schwer, sich eine ge­mei­ne­re Vi­sa­ge vor­zu­stel­len. Ich möch­te diese Kröte gern ver­ges­sen, wenn man sie, wie Frank, wie die üb­ri­gen Mis­se­tä­ter, in die Erde „um­ge­sie­delt“ hat.

Da ist das stumpf­sin­ni­ge Bürsch­chen Bal­dur von Schirach, ta­lent­lo­ser Ver­se­schmied und Or­ga­ni­sa­tor der „Hit­ler­ju­gend“. Stier­hals, gla­sier­te Augen. Er hat noch vor Kur­zem ge­sagt: „Wir sind alle sterb­lich, nur Hit­ler ist un­sterb­lich.“ Jetzt ist er an­de­rer Mei­nung: Er will leben. Er hat die Pläne des Füh­rers „Ideen eines Halb­got­tes“ ge­nannt, jetzt sagt er: „Die Ideen des Füh­rers waren manch­mal idio­tisch.“

Da ist der alte Münch­ner Hilfs­po­li­zist Wil­helm Frick mit den Fischau­gen. Er war Mi­nis­ter des In­nern und bis 1943 war selbst Himm­ler ihm un­ter­ge­ord­net. Da der Hen­ker Hol­lands – Seyß-​In­quart, Spe­zia­list für Gei­seln. Da der Haupt­skla­ven­händ­ler, der rot­haa­ri­ge Sau­ckel. Da der Hen­ker der Tsche­cho­slo­wa­kei, von Neu­rath. Hit­ler hatte ihm ge­sagt: „Sie sind ein mo­der­ner Mensch, das heißt, ein kalt­blü­ti­ger, und wer­den mit den Tsche­chen fer­tig wer­den.“ Nun gut, von Neu­rath be­gann, die Tsche­chen kalt­blü­tig zu er­mor­den.

Sie alle waren „mo­dern“ – ohne mit der Wim­per zu zu­cken, er­stick­ten sie Kin­der. Nur ist ihre Zeit um, eine schreck­li­che Zeit. 1937 sagte Gö­ring, die Deut­schen wür­den „nach Plan“ kämp­fen und das An­sich­rei­ßen frem­der Län­der bis zum Jahr 1945 ab­schlie­ßen. Er hat sich nicht im Datum ge­irrt; er hat sich im Re­sul­tat ge­irrt: Nicht um­sonst hat die Rote Armee vier grim­mi­ge Jahre ge­kämpft – sie hat den deut­schen Plan ge­än­dert und im Jahr 1945 hat man die Über­men­schen beim Kra­gen ge­nom­men. Da sit­zen sie auf der An­ge­klag­ten­bank.

Du spürst den hei­ßen Atem der Ge­schich­te. Man wird die Ver­bre­cher hän­gen: Das ver­langt das Ge­wis­sen. Aber man wird nicht nur die Fa­schis­ten ver­ur­tei­len – man wird den Fa­schis­mus ver­ur­tei­len. Man wird die ver­ur­tei­len, die ihn ge­zeugt haben, und die, die ihn wie­der auf­er­ste­hen las­sen wol­len – seine Vor­läu­fer und seine Erben. Die Völ­ker haben zu viel Leid er­lebt, sie las­sen kein Auge von Nürn­berg. Hier sind die alte Mon­te­ne­gri­ne­rin, deren Kin­der die Deut­schen ver­brannt haben, und die Freun­de von Ga­bri­el Péri und die Frau aus Ma­ri­u­pol, die mir er­zähl­te, dass ihre klei­ne Toch­ter wein­te, als die Deut­schen sie aus­zo­gen: „Es ist kalt, Onkel, ich will nicht baden“, und der „Onkel“ be­grub sie bei le­ben­di­gem Leibe, hier ist auch die Witwe eines rus­si­schen Sol­da­ten, hier sind auch die Kin­der aus Li­di­ce, hier sind alle, hier sind alle meine Nächs­ten, alle Freun­de, die Men­schen, die ein Herz haben, und sie alle sagen: „Nehmt die Fa­schis­ten von der Erde weg! Nehmt aus den See­len, aus den Köp­fen die Mi­as­men des Fa­schis­mus. Es sol­len Ähren sein und Kin­der und Städ­te und Ge­dich­te und es soll Leben sein! Tod dem Tod!“
NÜRN­BERG, 30. No­vem­ber 1945

*im Ori­gi­nal deutsch – Anm. d. Übers.

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals in „Is­wes­ti­ja“, 1. De­zember 1945]

2.000 Leben für den Profit: Das Außenlager Barth in der NS-Zeit

Die Stadt Barth selbst ist relativ unscheinbar. Auch im NS-Reich hatte sie anfangs keine Bedeutung, erst mit dem Bau eines Fliegerhorstes südlich der Stadt, der am 10. Juli 1936 in Dienst gestellt wurde, wurde die Stadt auch für Industrieunternehmen interessant.

Im November 1943 wurde das Konzentrationslager in Barth als Außenlager des Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebaut und sollte die dringend benötigten billigen Arbeitskräfte für die Heinkel-Werke, die unter anderem den deutschen Bomber He110 bauten, liefern. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren für die Häftlinge, wie in allen Konzentrationslagern, erniedrigend und lebensfeindlich. Die ersten 200 Gefangenen aus Buchenwald wurden ähnlich wie später ankommende Häftlinge in Baracken aus 15 Quadratmetern je zu 20 Personen gepfercht. Als Zudecke bekamen sie jeweils eine dünne Wolldecke, eine harte Strohmatratze sowie ein kleines Kopfkissen. Verlor ein Häftling etwas davon, wurde es ihm nicht ersetzt. Insgesamt wurden im Laufe des Krieges über 7.000 Häftlinge aus 20 Nationen in Barth festgehalten.


Bild: Die KZ-Gedenkstätte in Barth.

Die Verpflegung der Insassen war mehr als unzureichend. In der Regel bekamen die Häftlinge nicht mehr als einen Liter dünner Kartoffel-,Kohl- oder Steckrübensuppe. Ab und an gab es dazu Ersatzkaffee sowie etwa 100 Gramm Ersatzbrot und wenige andere Dinge. Hunger war auf Grund der schweren körperlichen Arbeit und der schlechten Ernährung deshalb der ständige Begleiter der Zwangsarbeiter_Innen. Viele erlagen den Strapazen des Arbeitsalltages, erkrankten an Tuberkulose oder wurden einfach von den SS-Wachen erschossen. Die Versorgung der Lagerinsassen war für den Barther KZ-Kommandanten nicht von Interesse, da kranke Häftlinge einfach nach Ravensbrück zurückgeschickt und durch neue ersetzt wurden. Nachdem sowjetische Truppen auf Barth vorrückten, wurde das Lager am 30. April 1945 geräumt. Insgesamt fünf Todesmarschkolonnen wurden in Richtung Rostock losgeschickt – drei Kolonnen mit Männern und zwei mit Frauen. Nachdem auch die letzten SS-Wachen geflohen waren, waren noch etwa 800 Frauen im Lager zurückgeblieben. Diese machten sich auf in die benachbarte Stadt, wo sie von bewaffneten Hitler-Jungen, die wohl als einzige noch ernsthaft an den „Endsieg“ glaubten, aufgegriffen. Eine Erschießung der Frauen konnte nur durch das Eingreifen der Ribnitzer Bevölkerung verhindert werden. Auch die zweite Frauenkolonne kam während des Marsches frei.

Angeschlossen an den Fliegerhorst war auch das Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I, in dem mehrere tausende alliierte Flieger interniert waren. Nach der Flucht der SS-Mannschaften betraten einige von ihnen als erste das ehemalige Konzentrationslager. In manchen Räumen fanden sie Menschen, die schon seit Tagen tot waren. Neben den Leichen standen Folterinstrumente, mit denen Knochen gebrochen werden sollten. Für etwa zwei Wochen verwalteten die Flieger das Lager selbst, versuchten die Verpflegung zu organisieren und den Verletzten zu helfen.
Als die sowjetischen Truppen eintrafen, halfen die Piloten weiter bei der Versorgung. Noch Wochen nach der Befreiung des Lagers starben Menschen an den Folgen der Behandlung durch die SS. Und trotzdem waren die sowjetischen Soldaten längst nicht mehr so erschrocken, wie Piloten der westlichen Alliierten. Sie hatten bereits die KZs in Polen und den Gebieten der Sowjetunion gesehen, wo Millionen Menschen ermordet wurden. Der Fassungslosigkeit war inzwischen Trauer und auch Wut gewichen.

Die meisten Barther wollen bis zum Kriegsende nichts von den Zwangsarbeiter_Innen und ihrem Leid auf dem Fliegerhorst Barth gewusst haben. Mehr als ein Versuch des Selbstbetruges dürften die meisten dieser Äußerungen nicht sein. Der Horst und das KZ waren nicht weit von der Stadt Barth entfernt. Der wirtschaftliche Aufschwung, der durch die Ansiedlung verschiedener Rüstungsunternehmen zu Stande kam, hatte die übergroße Mehrheit der Menschen blind für das Elend anderer gemacht. An der Barther Gedenkstätte steht deshalb noch heute mahnend in mehreren Sprachen auf schweren Steinplatten geschrieben:

In Barth wurden über 2.000 Menschen für die Profitinteressen des Heinkelkonzerns zu Tode gequält.

Ilja Ehrenburg: „Es reicht!“

„Es reicht“ ist der letzte im Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Artikel Ehrenburgs. Nur wenige Wochen vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands erschien er in der „Prawda“ (zu dt. „Wahrheit“), dem bekanntesten sowjetischen Tagesblatt dieser Zeit.

Ge­fal­len ist das un­ein­nehm­ba­re Kö­nigs­berg, ge­fal­len zwölf Stun­den nach den Be­teue­run­gen des Ber­li­ner Ra­di­os, dass die Rus­sen nie in Kö­nigs­berg sein wür­den. Die Feder des Chro­nis­ten bleibt hin­ter der Ge­schich­te zu­rück. Die Rote Armee steht im Zen­trum von Wien. Die ver­bün­de­ten Trup­pen sind bis Bre­men und Braun­schweig vor­ge­rückt. Die Frit­ze, die in Hol­land ste­cken ge­blie­ben sind, wer­den dort nicht mehr her­aus­kom­men. Auch aus dem Ruhr­ge­biet wer­den die Frit­ze nicht mehr herauskommen.​Vor einer Woche haben die Deut­schen von der „Elb­gren­ze“ ge­spro­chen. Noch vor kur­zem hat Hit­ler daran ge­dacht, in Ös­ter­reich Schutz zu su­chen, jetzt schaut er vol­ler Ent­set­zen nach Süden. Es ist schwer auf­zu­zäh­len, was er ver­lo­ren hat: die Ost­see­küs­te von Til­sit bis Stet­tin, alle In­dustrie­ge­bie­te – Schle­si­en, das Saar­land, das Ruhr­ge­biet, die Korn­kam­mern Preu­ßens und Pom­merns, das un­er­mess­lich rei­che Frank­furt, Ba­dens Haupt­stadt Karls­ru­he, große Städ­te – Kas­sel, Köln, Mainz, Müns­ter, Würz­burg, Han­no­ver. Ame­ri­ka­ni­sche Pan­zer­sol­da­ten haben eine Ex­kur­si­on durch den ma­le­ri­schen Harz be­gon­nen. Bald wer­den sie den Bro­cken sehen, auf dem es der Über­lie­fe­rung nach Hexen gibt. Die­ser An­blick wird sie kaum ver­wun­dern: In den deut­schen Städ­ten haben sie ganz reale Hexen ge­se­hen. Eine an­de­re ame­ri­ka­ni­sche Ab­tei­lung ist bis zu der baye­ri­schen Stadt vor­ge­rückt, die ich schon mehr­mals in mei­nen Ar­ti­keln er­wähnt habe, be­zau­bert von ihrem me­lo­di­schen Namen – Schwein­furt (über­setzt „Furt für Schwei­ne“).

Es gibt Ago­ni­en, die vol­ler Größe sind. Deutsch­land geht jäm­mer­lich unter – kein Pa­thos, keine Würde. Den­ken wir an die üp­pi­gen Pa­ra­den, den Ber­li­ner „Sport­pa­last“, wo Adolf Hit­ler so oft ge­brüllt hat, dass er die Welt er­obern wird. Wo ist er jetzt? In wel­cher Ritze? Er hat Deutsch­land an den Ab­grund ge­führt und zieht es jetzt vor, sich nicht zu zei­gen. Seine Hel­fer sind nur um das eine be­sorgt: wie sie ihre Haut ret­ten kön­nen. Die Ame­ri­ka­ner haben die Gold­re­ser­ven Deutsch­lands ge­fun­den; die Ban­di­ten haben Reiß­aus ge­nom­men und sie im Stich ge­las­sen. Nun ja, die deut­schen Frau­en ver­lie­ren ihre ge­stoh­le­nen Pelze und Löf­fel und die Herr­scher des Deut­schen Rei­ches ver­lie­ren Ton­nen von Gold. Und alle lau­fen, alle ren­nen umher, alle tre­ten ein­an­der auf die Füße bei dem Ver­such, sich zur schwei­ze­ri­schen Gren­ze durch­zu­schla­gen. „Das Jahr 1918 wird sich nicht wie­der­ho­len“, hat Go­eb­bels hoch­mü­tig ver­kün­det; das war vor ein paar Mo­na­ten. Jetzt dür­fen die Deut­schen nicht ein­mal mehr davon träu­men, dass sich das Jahr 1918 wie­der­holt. Nein, das Jahr 1918 wird sich nicht wie­der­ho­len. Da­mals stan­den an der Spit­ze Deutsch­lands Po­li­ti­ker, wenn auch be­schränk­te, Ge­ne­rä­le, wenn auch ge­schla­ge­ne, Di­plo­ma­ten, wenn auch schwa­che. Jetzt ste­hen an der Spit­ze Deutsch­lands Gangs­ter, ein ge­müt­li­cher Freun­des­kreis von Kri­mi­nel­len. Und die pro­mi­nen­ten Ban­di­ten den­ken nicht an das Schick­sal des klei­nen Diebs­ge­sin­dels, das sie um­gibt, die Ban­di­ten sind nicht mit der Zu­kunft Deutsch­lands be­schäf­tigt, son­dern mit ge­fälsch­ten Päs­sen. Ihnen ist nicht nach Staats­ge­spräch und Staats­streich: Sie las­sen sich Bärte wach­sen und fär­ben ihre Haar­schöp­fe. Die aus­län­di­sche Pres­se hat ein gutes Jahr lang den Ter­mi­nus „be­din­gungs­lo­se Ka­pi­tu­la­ti­on“ dis­ku­tiert. Aber die Frage ist nicht, ob Deutsch­land ka­pi­tu­lie­ren will. Es ist nie­mand da zum Ka­pi­tu­lie­ren. Deutsch­land ist nicht da: Da ist eine ko­los­sal große Rotte, die aus­ein­an­der­läuft, wenn die Rede auf Ver­an­wor­tung kommt. Es ka­pi­tu­lie­ren Ge­ne­rä­le und Frit­ze, Bür­ger­meis­ter und stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­ter, es ka­pi­tu­lie­ren Re­gi­men­ter und Kom­pa­ni­en, Städ­te, Stra­ßen, Woh­nun­gen. In an­de­ren Kom­pa­ni­en, in den Nach­bar­häu­sern oder -​woh­nun­gen wie­der­um sträu­ben sich die Ban­di­ten noch und ver­ste­cken sich hin­ter dem Namen Deutsch­land. So ist es mit dem Ein­fall der kul­tur­lo­sen und blut­dürs­ti­gen Fa­schis­ten, die Welt un­ter­wer­fen zu wol­len, zu Ende ge­gan­gen.

Die „Deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung“ ver­si­chert ihren Le­sern (gibt es sie noch? Den Deut­schen ist schließ­lich jetzt nicht nach Zei­tun­gen), dass die deut­schen Sol­da­ten „fa­na­tisch so­wohl gegen die Bol­sche­wi­ken als auch gegen die Ame­ri­ka­ner kämp­fen“. Un­se­re Ver­bün­de­ten kön­nen über diese Worte la­chen: An einem Tag haben sie fast ohne Kämp­fe vier­zig­tau­send Deut­sche ge­fan­gen ge­nom­men. Die Kor­re­spon­den­ten er­zäh­len, dass die Ame­ri­ka­ner bei ihrem Vor­rü­cken nach Osten immer auf ein Hin­der­nis tref­fen: Mas­sen von Ge­fan­ge­nen, die alle Stra­ßen ver­stop­fen. Beim An­blick der Ame­ri­ka­ner be­ge­ben sich die Deut­schen wahr­haf­tig mit fa­na­ti­scher Hart­nä­ckig­keit in Ge­fan­gen­schaft. Die Ge­fan­ge­nen be­we­gen sich ohne Kon­voi, und die Pos­ten an den La­gern sind nicht dazu auf­ge­stellt, die Ge­fan­ge­nen beim Weg­lau­fen zu stö­ren, son­dern damit die sich er­ge­ben­den Frit­ze, die in die Lager drän­gen, ein­an­der nicht er­drü­cken. Ver­ges­sen sind so­wohl Gott Wotan als auch Nietz­sche als auch Adolf Hit­ler alias Schick­lgru­ber – die Über­men­schen mun­tern ein­an­der mit den Wor­ten auf: „Halt aus, Ka­me­rad, die Ame­ri­ka­ner sind nicht mehr weit …“.

Der aus­län­di­sche Leser wird fra­gen: Warum haben denn die Deut­schen mit einer sol­chen Hart­nä­ckig­keit ver­sucht, Küstrin zu hal­ten? Warum schla­gen sie sich ver­bis­sen in den Stra­ßen Wiens, um­ge­ben von der Feind­se­lig­keit der Wie­ner? Warum haben die Deut­schen ver­zwei­felt Kö­nigs­berg ver­tei­digt, das Hun­der­te Ki­lo­me­ter von der Front an der Oder ent­fernt ist? Um auf diese Fra­gen zu ant­wor­ten, muss man sich an die furcht­ba­ren Wun­den Russ­lands er­in­nern, von denen viele nichts wis­sen wol­len und die viele ver­ges­sen wol­len.

Am 1. April 1944 er­mor­de­ten die Deut­schen 86 Ein­woh­ner der fran­zö­si­schen Ge­mein­de Asque. Der deut­sche Of­fi­zier, der den Mord lei­te­te, er­klär­te, als man ihn nach den Grün­den für die Er­schie­ßung frag­te, er habe „irr­tüm­lich einen Be­fehl an­ge­wandt, der sich auf das ok­ku­pier­te so­wje­ti­sche Ter­ri­to­ri­um bezog“. Ich rede die Qua­len, die Frank­reich durch­ge­macht hat, nicht klein; ich liebe das fran­zö­si­sche Volk und ver­ste­he sein Leid. Aber mögen alle über die Worte die­ser Men­schen­fres­ser nach­den­ken. Ge­ne­ral de Gaul­le reis­te kürz­lich zu dem Asche­h­au­fen, der von dem Dorf Ora­dour übrig ge­blie­ben ist; die Deut­schen haben alle seine Ein­woh­ner ge­tö­tet. Von sol­chen Dör­fern gibt es in Frank­reich vier. Wie viele von sol­chen Dör­fern gibt es in Bel­o­russ­land?

Ich will an die Dör­fer des Le­nin­gra­der Ge­biets er­in­nern, wo die Deut­schen die Hüt­ten zu­sam­men mit den Men­schen ver­brannt haben. Ich will an die Stre­cke Gs­hatsk – Wilno er­in­nern: daran, wie sorg­fäl­tig, ak­ku­rat die Sol­da­ten der deut­schen Armee, nicht Ge­sta­po­leu­te, nicht ein­mal SS-​Leu­te, nein, ganz ge­wöhn­li­che Frit­ze, Orjol, Smo­lensk, Wi­tebsk, Pol­ta­wa, hun­der­te an­de­rer Städ­te nie­der­ge­brannt haben. Als die Deut­schen ei­ni­ge eng­li­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne er­mor­de­ten, schrie­ben die aus­län­di­schen Zei­tun­gen zu Recht von einer un­er­hör­ten Bar­ba­rei. Wie viele so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne haben die Deut­schen er­schos­sen, er­hängt, mit Hun­ger zu Tode ge­quält? Wenn die Welt ein Ge­wis­sen hat, muss die Welt Trau­er­klei­dung an­le­gen, wenn sie auf das Leid Bel­o­russ­lands sieht. Denn man trifft nur sel­ten einen Bel­o­rus­sen, des­sen Nächs­te die Deut­schen nicht er­mor­det haben. Und Le­nin­grad? Kann man mit Ge­las­sen­heit an die Tra­gö­die den­ken, die Le­nin­grad durch­lebt hat? Wer so etwas ver­gisst, ist kein Mensch, son­dern ein schä­bi­ges In­sekt.

Es gab Zei­ten, da er­schüt­ter­te die Not eines ein­zi­gen Be­lei­dig­ten das Ge­wis­sen der gan­zen Mensch­heit. So war es mit der Drey­fus-​Af­fä­re: Ein un­schul­di­ger Jude wurde zu Fes­tungs­haft ver­ur­teilt, und das brach­te die Welt auf, Emile Zola ent­rüs­te­te sich, Ana­to­le Fran­ce und Mir­beau und mit ihnen die bes­ten Köpfe ganz Eu­ro­pas. Die Hit­ler­leu­te haben bei uns nicht einen, son­dern Mil­lio­nen un­schul­di­ger Juden er­mor­det. Und es haben sich im Wes­ten Leute ge­fun­den, die un­se­re tro­cke­nen, be­schei­de­nen Be­rich­te der „Über­trei­bung“ be­zich­ti­gen. Ich hätte gern, dass diese aus­län­di­schen Be­sänf­ti­ger bis ans Ende ihrer Tage von den Kin­dern in un­se­ren Grä­ben träu­men, den noch halb Le­ben­di­gen mit ihren zer­stü­ckel­ten Kör­pern, die vor dem Tod nach ihren Müt­tern rufen.

Leid un­se­rer Hei­mat, Leid aller Wai­sen, unser Leid – du bist mit uns in die­sen Tagen der Siege, du fachst das Feuer der Un­ver­söhn­lich­keit an, du weckst das Ge­wis­sen der Schla­fen­den, du wirfst einen Schat­ten, den Schat­ten der ver­stüm­mel­ten Birke, den Schat­ten des Gal­gens, den Schat­ten der wei­nen­den Mut­ter auf den Früh­ling der Welt. Ich be­mü­he mich, mich zu­rück­zu­hal­ten, ich be­mü­he mich, so leise wie mög­lich, so streng wie mög­lich zu spre­chen, aber ich habe keine Worte. Keine Worte habe ich, um die Welt noch ein­mal daran zu er­in­nern, was die Deut­schen mit mei­nem Land ge­macht haben. Viel­leicht ist es bes­ser, nur die Namen zu wie­der­ho­len: Babi Jar, Trost­ja­nez, Kertsch, Pona­ry, Bels­hez. Viel­leicht ist es bes­ser, kühle Zah­len an­zu­füh­ren. In einem Trup­pen­ver­band wur­den 2103 Per­so­nen be­fragt. Hier die Sta­tis­tik des Blu­tes und der Trä­nen:

Ver­wand­te an den Fron­ten ge­fal­len – 1288.
Frau­en, Kin­der, Fa­mi­li­en­mit­glie­der er­schos­sen und er­hängt – 532.
Mit Ge­walt nach Deutsch­land ge­schickt – 393.
Ver­wand­te aus­ge­peitscht – 222.
Wirt­schaf­ten aus­ge­plün­dert und ver­nich­tet – 314.
Häu­ser nie­der­ge­brannt – 502.
Kühe, Pfer­de und Klein­vieh fort­ge­nom­men – 630.
Ver­wand­te als In­va­li­den von der Front zu­rück­ge­kehrt – 201.
Per­sön­lich auf dem ok­ku­pier­ten Ter­ri­to­ri­um aus­ge­peitscht wor­den – 161.
An den Fron­ten ver­wun­det – 1268.

Aber wenn die Zah­len ihre Macht über die Her­zen ver­lo­ren haben, fragt vier Pan­zer­sol­da­ten, warum sie es eilig haben, nach Ber­lin zu kom­men. Leut­nant Wdo­wit­schen­ko wird er­zäh­len, wie die Deut­schen im Dorf Pe­trow­ka seine Fo­to­gra­fie fan­den; sie fol­ter­ten die Schwes­ter des Leut­nants, Anja, mit glü­hend ge­mach­tem Eisen – „wo ist der rus­si­sche Of­fi­zier?“ – , dann ban­den sie die win­zi­ge Al­lot­sch­ka an zwei klei­ne Ei­chen­bäu­me und zer­ris­sen das Kind in zwei Teile, die Mut­ter muss­te zu­se­hen. Ser­geant Ze­lo­wal­ni­kow wird ant­wor­ten, dass die Deut­schen in Kras­no­dar sei­nen Vater, seine Mut­ter und seine Schwes­tern ver­gast haben. Alle Ver­wand­ten von Ser­geant Schand­ler wur­den von den Deut­schen in Welish ver­brannt. Die Fa­mi­lie von Haupt­feld­we­bel Smirnow kam wäh­rend der Ok­ku­pa­ti­on in Pusch­kin um. Das ist das Schick­sal von vier Pan­zer­sol­da­ten, die zu­sam­men kämp­fen. Von sol­chen gibt es Mil­lio­nen. Darum haben die Deut­schen sol­che Angst vor uns. Darum ist es leich­ter, ganze Städ­te in West­fa­len zu neh­men, als ein Dorf an der Oder. Darum schickt Hit­ler, ent­ge­gen allen Ar­gu­men­ten der Ver­nunft, seine letz­ten Di­vi­sio­nen nach Osten.

Im Wes­ten sagen die Deut­schen: „Nicht an­fas­sen“, sie spie­len so­zu­sa­gen nicht mehr mit. Sie waren ja nicht in Ame­ri­ka. Oh, selbst­ver­ständ­lich hat vor drei Jah­ren ein fre­cher Fritz in mei­ner Ge­gen­wart zu mei­nem ame­ri­ka­ni­schen Freund Le­land Stowe ge­sagt: „Wir kom­men auch nach Ame­ri­ka, ob­wohl das weit ist.“ Aber von Ab­sich­ten bren­nen keine Städ­te und ster­ben keine Kin­der. Diese un­ver­schäm­ten Deut­schen be­neh­men sich den Ame­ri­ka­nern ge­gen­über wie ir­gend­ein neu­tra­ler Staat. Eng­li­sche und ame­ri­ka­ni­sche Kor­re­spon­den­ten füh­ren dut­zen­de pit­to­res­ker Bei­spie­le an. Ich ver­wei­le vor allem bei einem nam­haf­ten Ex­em­plar: dem Erz­bi­schof von Müns­ter, Galen. Er weiß zwei­fel­los, dass in Ame­ri­ka der Füh­rer* der deut­schen Ka­tho­li­ken, Brü­ning, lebt, um­ge­ben von jeg­li­cher Für­sor­ge. Und der Erz­bi­schof be­eilt sich, zu ver­si­chern: „Ich bin auch gegen die Nazis.“ Dar­auf legt der Erz­bi­schof sein Pro­gramm dar: a) die Deut­schen sind gegen Aus­län­der; b) die Al­li­ier­ten müs­sen den Scha­den er­set­zen, der den Deut­schen durch die Bom­bar­de­ments zu­ge­fügt wurde; c) die So­wjet­uni­on ist ein Feind Deutsch­lands, und man darf die Rus­sen nicht nach Deutsch­land las­sen; d) wenn das oben Ste­hen­de er­füllt wird, dann „wird etwa in 65 Jah­ren in Eu­ro­pa Frie­den herr­schen“. Bleibt zu er­gän­zen, dass die ka­tho­li­schen Zei­tun­gen Ame­ri­kas und Eng­lands voll­auf be­frie­digt sind von dem Auf­bau­pro­gramm die­ses erz­geist­li­chen Men­schen­fres­sers. Gehen wir zu den Ge­mein­de­mit­glie­dern über, die sind auch nicht bes­ser.

Ein Kor­re­spon­dent des „Daily He­rald“ be­schreibt, wie sich in einem Städt­chen die Ein­woh­ner an die Al­li­ier­ten wand­ten „mit der Bitte, die ent­flo­he­nen rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein­zu­fan­gen zu hel­fen“. Alle eng­li­schen Zei­tun­gen mel­den, dass in Os­na­brück die Al­li­ier­ten einen hit­ler­schen Po­li­zis­ten auf sei­nem Pos­ten ge­las­sen hat­ten; die­ser Letz­te zün­de­te ein Haus an, in dem sich rus­si­sche Frau­en be­fan­den. Der Kor­re­spon­dent des „Daily He­rald“ schreibt, ein deut­scher Bauer habe ge­for­dert: „Die rus­si­schen Ar­bei­ter müs­sen blei­ben, sonst kann ich nicht mit den Früh­jahrs­ar­bei­ten be­gin­nen.“ Wobei der eng­li­sche Jour­na­list sich be­eilt, hin­zu­zu­fü­gen, dass er völ­lig ein­ver­stan­den ist mit den Ar­gu­men­ten die­ses Skla­ven­hal­ters. Er ist nicht al­lein: Die Mi­li­tär­be­hör­de hat ein Flug­blatt in fünf Spra­chen her­aus­ge­ge­ben, das die be­frei­ten Skla­ven ein­lädt, zu­rück auf die Güter zu ihren Skla­ven­hal­tern zu kom­men, „um die Feld­ar­bei­ten des Früh­lings durch­zu­füh­ren“.

Warum sind die Deut­schen an der Oder nicht so wie die Deut­schen an der Weser? Weil nie­mand sich fol­gen­des Bild vor­stel­len kann: In einer von der Roten Armee ein­ge­nom­me­nen Stadt ver­brennt ein Hit­ler­po­li­zei­be­am­ter, den man auf sei­nem Pos­ten be­las­sen hat, Ame­ri­ka­ner, oder Deut­sche wen­den sich an die Rot­ar­mis­ten mit der Bitte, ihnen zu hel­fen, die ge­flo­he­nen eng­li­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen wie­der ein­zu­fan­gen, oder die Deut­schen wen­den sich an die Rus­sen mit der Bitte, ihnen noch ein-​zwei Mo­na­te die fran­zö­si­schen Skla­ven zu las­sen, oder Ilja Eh­ren­burg schreibt, dass es „not­wen­dig ist, die hol­län­di­schen Ar­bei­ter auf den deut­schen Gü­tern zu be­las­sen, auf dass die Land­wirt­schaft Pom­merns nicht er­schüt­tert werde“. Nein, Men­schen­fres­ser su­chen bei uns keine Le­bens­mit­tel­kar­ten auf Men­schen­fleisch, Skla­ven­hal­ter hof­fen nicht, von uns Skla­ven zu be­kom­men, Fa­schis­ten sehen im Osten keine Schirm­her­ren. Und darum haben wir Kö­nigs­berg nicht per Te­le­fon ge­nom­men. Und darum neh­men wir Wien nicht per Fo­to­ap­pa­rat.

Heute mel­den die Ver­bün­de­ten, dass ihre Pan­zer sich den Gren­zen Sach­sens nä­hern. An den Ost­gren­zen Sach­sens ste­hen Ab­tei­lun­gen der Roten Armee. Wir wis­sen, dass wir die deut­sche Ver­tei­di­gung durch­bre­chen müs­sen: Die Ban­di­ten wer­den sich weh­ren. Aber die Rote Armee hat sich daran ge­wöhnt, sich mit den Deut­schen mit Hilfe von Waf­fen zu un­ter­hal­ten: So wer­den wir das Ge­spräch mit ihnen auch be­en­den. Wir be­ste­hen auf un­se­rer Rolle nicht des­halb, weil wir ehr­süch­tig sind: Zu viel Blut ist an den Lor­bee­ren. Wir be­ste­hen auf un­se­rer Rolle des­halb, weil die Stun­de des Jüngs­ten Ge­rich­tes naht, und das Blut der Hel­den, das Ge­wis­sen So­wjet­russ­lands ruft: Be­deckt die scham­lo­se Blöße des Erz­bi­schofs von Müns­ter! Die Hit­ler­po­li­zis­ten setzt hin­ter Schloß und Rie­gel, ehe sie neue Un­ta­ten voll­brin­gen! Die Deut­schen, die „Rus­sen fan­gen“, bringt zur Ver­nunft, bevor es zu spät ist – bevor die Rus­sen an­ge­fan­gen haben, sie zu fan­gen! Die Skla­ven­hal­ter schickt zur Ar­beit, sol­len sie ihre fre­chen Rü­cken krüm­men! Strebt nach einem wirk­li­chen Frie­den, nicht in 65 Jah­ren, son­dern jetzt, und nicht nach einem von Mün­chen oder Müns­ter, son­dern nach einem ehr­li­chen, mensch­li­chen.

In un­se­rer Em­pö­rung sind alle Völ­ker mit uns, die den Stie­fel­ab­satz der deut­schen Er­obe­rer er­fah­ren haben – Polen und Ju­go­sla­wen, Tsche­cho­slo­wa­ken und Fran­zo­sen, Bel­gi­er und Nor­we­ger. Die einen hat­ten es bit­te­rer als die an­de­ren, aber alle hat­ten es bit­ter, und alle wol­len eines: Deutsch­land bän­di­gen. Mit uns sind die Sol­da­ten Ame­ri­kas und Groß­bri­tan­ni­ens, die jetzt die Grau­sam­keit und die Nie­der­tracht der Hit­ler­leu­te sehen. Ein Kor­re­spon­dent der As­so­cia­ted Press schreibt, dass die Sol­da­ten der 2. Pan­zer­di­vi­si­on, als sie ge­se­hen hat­ten, wie die Deut­schen die rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen und die jü­di­schen jun­gen Frau­en ge­quält hat­ten, sag­ten: „Das Schlimms­te, was wir mit den Deut­schen ma­chen kön­nen, wird noch viel zu gut für sie sein.“ Und in einem an­de­ren deut­schen Lager ver­sam­mel­te der ame­ri­ka­ni­sche Oberst die Deut­schen vor den Lei­chen der Men­schen aller Na­tio­na­li­tä­ten und sagte: „Dafür wer­den wir euch bis ans Ende un­se­rer Tage has­sen.“

Näher rückt der Tag, an dem wir un­se­re Freun­de tref­fen wer­den. Wir kom­men stolz und froh zu die­sem Tref­fen. Wir wer­den dem ame­ri­ka­ni­schen, dem eng­li­schen und dem fran­zö­si­schen Sol­da­ten fest die Hand drü­cken. Wir wer­den allen sagen: Genug. Die Deut­schen haben sich selbst Wer­wöl­fe ge­nannt. Aber die Treib­jagd wird echt sein. Die Freun­de des Erz­bi­schofs Galen, Lady Gibb, Do­ro­thy Thomp­son und an­de­re Schirm­her­ren die­ser Mör­der wer­den ge­be­ten, sich nicht zu be­un­ru­hi­gen. Wer­wöl­fe wird es nicht geben: Jetzt ist nicht das Jahr neun­zehn­hun­dert­acht­zehn, es reicht! Dies­mal wer­den sie sich nicht ver­wan­deln und nicht wie­der­keh­ren.

9. April 1945

* im Ori­gi­nal deutsch – Anm. d. Übers.

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals in „Praw­da“, 9. April 1945]

Ilja Ehrenburg: „Der 16. November 1943″

An dieser Stelle dokumentieren wir für euch einen weiteren Artikel Ilja Ehrenburgs.

Ich möch­te den Ame­ri­ka­nern er­zäh­len, was ich ge­se­hen habe. Ich bin vor kur­zem von der Front zu­rück­ge­kom­men und habe viel durch Ter­ri­to­ri­um fah­ren müs­sen, das von den Ein­dring­lin­gen be­freit wor­den ist. Ich suche Ver­glei­che, die meine Ein­drü­cke von der „Wüs­ten­zo­ne“ wie­der­ge­ben könn­ten, und finde keine.

Ich habe auch frü­her Zer­stö­run­gen sehen müs­sen, aber hier geht es um den Maß­stab. Man kann von mor­gens bis abends mit dem Auto fah­ren und nicht eine un­be­schä­digt ge­blie­be­ne Stadt sehen. Die Hit­ler­leu­te haben sich selbst über­trof­fen.

Vor mir liegt ein Brief des Un­ter­of­fi­ziers der 283. In­fan­te­rie­di­vi­si­on Karl Pe­ters.

Er schreibt an eine ge­wis­se Gerda Be­cker: „Ja, wenn wir eine Stadt auf­ge­ben, las­sen wir nur Rui­nen übrig. Rechts, links und hin­ten gehen Ex­plo­sio­nen hoch. Die Häu­ser wer­den dem Erd­bo­den gleich­ge­macht. Nur die Öfen fan­gen nicht Feuer, und das, was bleibt, äh­nelt einem Wald aus Stein. Rie­si­ge Blö­cke von Häu­sern zer­stie­ben bei einer guten Spren­gung. Gran­dio­se Brän­de ma­chen die Nacht zum Tag. Glaub mir, keine eng­li­schen Bom­ben kön­nen sol­che Zer­stö­run­gen schaf­fen. Wenn wir uns bis zur Gren­ze zu­rück­zie­hen müs­sen, wird den Rus­sen von der Wolga bis zu den Gren­zen Deutsch­lands keine ein­zi­ge Stadt, kein ein­zi­ges Dorf blei­ben. Ja, hier herrscht der to­ta­le Krieg in sei­ner höchs­ten, voll­ende­ten Form. Das, was hier vor sich geht, ist etwas noch nie Da­ge­we­se­nes in der Welt­ge­schich­te. Ich weiß, dass Ihr in der Hei­mat wegen der schwe­ren Luft­an­grif­fe schwe­re Au­gen­bli­cke durch­le­ben müsst. Aber glaub mir, es ist viel schlim­mer, wenn sich der Feind im ei­ge­nen Land be­fin­det. Die Zi­vil­be­völ­ke­rung hier hat kei­nen Aus­weg. Ohne Dach über dem Kopf müs­sen sie hun­gern und frie­ren. Wir gehen wie­der Feuer legen. Ich um­ar­me mein Küken. Dein Karl.“

Was kann man die­sem Brief noch hin­zu­fü­gen? Na­tür­lich, in Deutsch­land hat so ein Karl nie auch nur einen Zi­ga­ret­ten­stum­mel auf die Stra­ße ge­wor­fen, er hat Är­mel­scho­ner an­ge­zo­gen, um seine Ärmel nicht durch­zu­scheu­ern, er hat sich nicht nur gegen Feuer, son­dern sogar gegen Krebs ver­si­chert. Jetzt be­rauscht er sich an Ver­nich­tung. Er spielt den Nero. Er träumt nicht mehr vom „Le­bens­raum“. Nur eins ver­setzt ihn in Be­geis­te­rung: Tod zu hin­ter­las­sen.

Na­tür­lich ist es den Hit­ler­leu­ten nicht ge­lun­gen, alle Städ­te und Dör­fer zu ver­nich­ten. Manch­mal hat die Rote Armee die Fa­ckel­trä­ger über­holt. So sind Nes­hin und Sumy er­hal­ten ge­blie­ben. Auch in Kiew sind die Brand­stif­ter ge­flo­hen, kaum dass sie ihre Ar­beit be­gon­nen hat­ten. Viele Dör­fer sind des­halb un­zer­stört ge­blie­ben, weil sie fürch­te­ten, durch das Feuer ihren Rück­zug zu ver­ra­ten. Nicht das Ge­wis­sen hat sie zu­rück­ge­hal­ten – die Furcht. Aber sie haben mit allen Kräf­ten ver­sucht, das Ver­lo­re­ne auf­zu­ho­len. Gluchow, Kro­le­wez – das waren lie­bens­wer­te Pro­vinz­städt­chen, mit ge­müt­li­chen klei­nen Häu­sern, mit dem Grün ihrer Gär­ten, mit ab­ge­brö­ckel­ten Säu­len und ge­räu­mi­gen Vor­bau­ten. Die Hit­ler­leu­te schaff­ten es bei ihrem Rück­zug nicht, sie nie­der­zu­bren­nen. Einen oder zwei Tage da­nach kor­ri­gier­ten deut­sche Bom­ber den Feh­ler der Fa­ckel­trä­ger.

Ich bin an Dör­fern vor­bei­ge­fah­ren, die ge­ra­de nie­der­brann­ten. Es schien, als läge die Erde in den letz­ten Zu­ckun­gen; sie be­weg­te leise Holz­teil­chen, wie Fin­ger. Sie at­me­te eine tote Fie­ber­hit­ze. Und über­all sah ich das­sel­be Bild: Neben der war­men Asche wim­mel­ten Men­schen. In die­sen Häu­sern hat­ten die Men­schen ge­lebt, ge­ar­bei­tet, Hoch­zei­ten ge­fei­ert, Tote be­weint. In die­sen Häu­sern hat­ten alte knar­ren­de Bet­ten ge­stan­den, ab­ge­wetz­te Ti­sche, Tru­hen mit Hoch­zeits­klei­dern und mit den guten alten Sa­chen von frü­her. Alles das haben die Deut­schen ver­brannt, sie haben das Leben ver­brannt, und nun wär­men sich die Frau­en mit ihren Kin­dern in der eis­kal­ten Nacht an dem, was noch ges­tern ihr Haus ge­we­sen ist.

Schnee ist ge­fal­len. Er hat die Wun­den der Erde be­deckt. Aber für die Ob­dach­lo­sen ist es noch furcht­ba­rer in sol­chen Näch­ten. Die Pelz­ja­cken, war­men Tü­cher und Filz­stie­fel sind ja ver­brannt.

Und Karl Pe­ters freut sich: Er hat die Alten und Kin­der zur Fol­ter ver­dammt.

Um­sonst ver­su­chen die Hit­ler­leu­te in den Zei­tun­gen, die mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung der „Wüs­ten­zo­ne“ dar­zu­le­gen. Die nie­der­ge­brann­ten Dör­fer haben die rus­si­schen Pan­zer, die von Lgow bis Shi­to­mir durch­ge­fah­ren sind, nicht zum Ste­hen ge­bracht. Die Rote Armee hat sich daran ge­wöhnt, in Wäl­dern zu über­nach­ten: Dort ist es ru­hi­ger – man ist keine Ziel­schei­be für die feind­li­chen Flie­ger. Die rus­si­schen Sol­da­ten sind warm ge­klei­det. Sie wer­den sich ohne Häu­ser be­hel­fen. Um­kom­men wer­den alte Frau­en und Kin­der.

Darin be­steht das ganze Pa­thos Hit­ler­deutsch­lands: Schutz­lo­se zu quä­len.

Die Uka­ri­ne war für ihre Äpfel be­rühmt. Ich habe zer­schla­ge­ne und zer­säg­te Obst­gär­ten ge­se­hen. Mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung? Was für ein dum­mer Witz! In einem Dorf hun­dert Ap­fel­bäu­me ab­hol­zen – das soll die Rote Armee auf­hal­ten?

Ich habe tau­sen­de Milch­kü­he ge­se­hen, die von den Deut­schen er­schos­sen wur­den. Eine Kuh ist die Stüt­ze der Bau­ern­fa­mi­lie. Wenn eine Kuh da ist, heißt das, die Kin­der sind satt. Die Deut­schen konn­ten das Vieh nicht weg­trei­ben: Es war keine Zeit. MP-​Schüt­zen er­schos­sen die Kühe. Er­in­nern wir uns, wie sich nach dem Ver­sail­ler Frie­den die Deut­schen ent­rüs­te­ten: Man hatte ihnen die Kühe weg­ge­nom­men und damit die deut­schen Kin­der der Milch be­raubt. Jetzt töten die Deut­schen Kühe. Einen schreck­li­chen Ein­druck ma­chen diese er­schos­se­nen Her­den, diese rot­brau­nen ge­fleck­ten Kühe mit ihren auf­ge­platz­ten Bäu­chen. Kann das Töten von Kühen, Scha­fen, Schwei­nen etwa die Rote Armee auf­hal­ten? Eine Kuh ist doch kein Tank­wa­gen mit Treib­stoff. Aber Kühe – das ist Milch für die Kin­der. „Tod den rus­si­schen Kin­dern!“ schreit Karl Pe­ters.

In Tscher­ni­gow gab es Kir­chen aus dem elf­ten Jahr­hun­dert. Über uns sagt man in Ame­ri­ka oft: „ein jun­ges Land“. Aber wir haben eine lange Ge­schich­te hin­ter uns. In den Städ­ten der alten Rus blüh­te eine Kul­tur, die eine Erbin von Hel­las war. Die wun­der­vol­len Kir­chen von Tscher­ni­gow hatte die Zeit ver­schont: Neun Jahr­hun­der­te hat­ten sie ge­stan­den. Die Hit­ler­leu­te haben sie in neun Mi­nu­ten ver­brannt.

Bei ihrem Rück­zug töten die Deut­schen Men­schen. Darin liegt eben­falls keine „mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung“: Sie töten Frau­en, Halb­wüch­si­ge, Alte. Frü­her haben sie die Be­völ­ke­rung fort­ge­trie­ben. Jetzt sind sie in Eile, und es ist auch zu nahe an Deutsch­land – es gibt kei­nen Ort, wohin man die Leute trei­ben könn­te. Zu all dem Blut, das sie frü­her schon ver­gos­sen haben, kommt neues hinzu. Rie­si­ge Ge­bie­te sind leer ge­wor­den wie der Wald im Herbst. Die Hit­ler­leu­te haben alle Juden ge­tö­tet. Sie haben die Alten ge­tö­tet. Sie haben Säug­lin­ge ge­nom­men und sie mit dem Kopf an einen Baum oder einen Pfos­ten ge­schla­gen. Sie haben noch Le­ben­di­ge ver­scharrt. In Pirja­tin hat mir der Ukrai­ner Tsche­purt­schen­ko er­zählt, wie er ge­zwun­gen wurde, ein Grab zu­zu­schüt­ten. Aus die­sem Grab erhob sich der Fah­rer Ru­der­man mit Augen, die mit Blut ge­füllt waren, und schrie: „Schlag mich zu Ende tot!“ Ich habe das Recht zu sagen, dass die Deut­schen an die­sem Tag nicht nur Ru­der­man, son­dern auch Tsche­purt­schen­ko ge­tö­tet haben. In der gan­zen von den Deut­schen ge­säu­ber­ten Ukrai­ne sind nicht mehr als hun­dert Juden üb­rig­ge­blie­ben, die sich in den Wäl­dern ver­steckt hat­ten. Das ist Völ­ker­mord. Die Hit­ler­leu­te haben alle Zi­geu­ner ge­tö­tet. Sie haben Rus­sen, Bel­o­rus­sen, Ukrai­ner ge­tö­tet. Sie haben ganze Dör­fer ge­tö­tet.

Von der tsche­chi­schen Ge­mein­de Li­di­ce hat die ganze Welt ge­spro­chen. Dabei haben wir hun­der­te und aber­hun­der­te sol­cher Li­di­ces.

Und zu guter Letzt töten die Fa­schis­ten bei ihrem Abzug alle, die ihnen unter die Augen kom­men. Die Bau­ern flie­hen in die Wäl­der und ret­ten sich da­durch.

Wenn die Hit­ler­leu­te ein wenig Zeit haben, spren­gen und brand­schat­zen sie wäh­le­risch. Sie las­sen alte Häus­chen ste­hen. Sie ver­bren­nen Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Mu­se­en, neue, gute Ge­bäu­de. Es war schwer, das zu bauen. Die Men­schen ver­zich­te­ten dafür auf vie­les, sie glaub­ten: „Wir bauen das, und dann be­ginnt ein glück­li­ches Leben.“ Jeden Stein spar­ten sie sich so­zu­sa­gen vom Munde ab. Wer würde nicht ver­ste­hen, was auf dem Dorf die erste Ge­burts­kli­nik und die erste Schu­le be­deu­ten? Und nun liegt das alles vor mir – Scher­ben, Schutt, Asche. Und Karl Pe­ters schreit: „Der to­ta­le Krieg in sei­ner höchs­ten, voll­ende­ten Form!“

„Viel­leicht ist das Pro­pa­gan­da?“ wird der miss­traui­sche Leser wohl fra­gen, und das Wort „Pro­pa­gan­da“ wird er so aus­spre­chen, wie man „Re­kla­me“ sagt. Aber für was für eine Ware mache ich Re­kla­me? Ich spre­che von mensch­li­chem Leid. Ich kann nicht ruhig schla­fen nach die­ser Reise, ich sehe Asche, kran­ke Schat­ten und das Nichts. Ich höre, wie er­zählt wird: „Und als sie zu­ge­schüt­tet waren, be­weg­te sich die Erde noch …“

Mein Sol­da­ten­man­tel riecht ganz nach Rauch, und die­ser Ge­ruch ver­folgt mich wie eine Hal­lu­zi­na­ti­on.

Ich habe die scham­lo­sen Er­ör­te­run­gen eines deut­schen Jour­na­lis­ten ge­le­sen. Er ver­si­chert, dass „die Rus­sen im Jahr 1941 bei ihrem Rück­zug auch Ge­bäu­de ver­nich­tet haben“. Ja, ich er­in­ne­re mich an Bau­ern, die auf der Flucht vor den Deut­schen Häu­ser nie­der­brann­ten. Das waren ihre Häu­ser. Nie­mals hat die Rote Armee beim Rück­zug Städ­te oder Dör­fer ver­nich­tet. Aber wenn die Rus­sen ihre ei­ge­nen Fa­bri­ken spreng­ten oder ihre ei­ge­nen Häu­ser nie­der­brann­ten, war das ihr hei­li­ges Recht. Karl Pe­ters brennt frem­de Häu­ser in einem frem­den Land nie­der und freut sich noch dazu: Die rus­si­schen Kin­der haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Es gibt Men­schen, die den­ken, dass sich die­ser Greu­el­ta­ten nur Ein­zel­ne oder ein paar Hun­dert schul­dig ma­chen. Ich würde gern auch so den­ken: Es ist ru­he­vol­ler, sich den vol­len Glau­ben an den Men­schen zu er­hal­ten. Lei­der ist das aber nicht so: Der Ver­bre­chen, die ich ge­se­hen habe, ma­chen sich Hun­dert­tau­sen­de und Mil­lio­nen schul­dig.

Die Hit­ler­sol­da­ten er­fül­len ihre Ver­nich­tungs­be­feh­le nicht nur sorg­fäl­tig, sie sind mit dem Her­zen dabei, sie legen In­itia­ti­ve hin­ein, Phan­ta­sie, Lei­den­schaft. Nicht we­ni­ge Über­läu­fer, mit denen ich Ge­le­gen­heit hatte, mich zu un­ter­hal­ten, sagen: „Der Krieg ist ver­lo­ren“, oder „Ich will leben“ oder „Ich habe Fa­mi­lie“. Sie spre­chen nicht von ihrer Em­pö­rung über diese Bes­tia­li­tä­ten. Sie den­ken nicht an die frem­den Fa­mi­li­en auf ihren Brand­stät­ten. Die Furcht hat sie von Hit­ler weg­ge­führt, nicht das Ge­wis­sen. Das sind nicht die Ge­rech­ten, um de­rent­wil­len der Herr Sodom und Go­mor­rha ver­schont hat, das sind ein­fach Feig­lin­ge.

Ich möch­te den­ken, dass sich für die Fa­ckel­trä­ger keine sen­ti­men­ta­len Ver­tei­di­ger fin­den wer­den, dass man die Schul­di­gen auf die An­kla­ge­bank set­zen wird, dass die Mil­lio­nen Sol­da­ten, die Eu­ro­pa in die „Wüs­ten­zo­ne“ ver­wan­delt haben, zehn Jahre lang Stei­ne klop­fen und Holz fäl­len wer­den. Viel­leicht wer­den sie die Städ­te wie­der­er­rich­ten. Aber sie wer­den die Toten nicht wie­der auf­er­we­cken kön­nen. Und sie wer­den in mei­nem Her­zen das frü­he­re Ver­trau­en in den Men­schen nicht wie­der auf­er­we­cken kön­nen. Ich habe die Erde nach den Hit­ler­leu­ten ge­se­hen, und ich kann das nicht ver­ges­sen.

16. No­vem­ber 1943

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals im Sam­mel­band „Le­to­pis mus­hest­wa“, Mos­kau 1974, S. 299]




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