Archiv der Kategorie '8. Mai 2015 - 70 Jahre Befreiung vom Faschismus!'

Naziaufmarsch in Demmin erfolgreich aufgehalten

++ rund 1.000 Menschen gegen Nazis und Geschichtsverdrehung in Demmin +++ friedliche Blockaden gegen Naziaufmarsch und verschiedene Veranstaltungen zum Tag der Befreiung +++ Presseschau zu Protesten in Demmin +

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Mit etwa 500 Demonstrant*innen brachte das Aktionsbündnis 8. Mai in diesem Jahr so viele Menschen für die Friedensdemonstration auf die Straße wie noch nie. Ein deutliches Signal für aktiv gelebte Demokratie und gegen Neofaschismus. Bei der Abschlusskundgebung sprachen Vertreter des Landkreises, der Kreistagspräsident, Landtagsabgeordnete und internationale Gäste.

Bereits seit dem Vortag fand in Demmin anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus die Erste Demminer Konferenz – gegen Krieg und Faschismus, für ein kulturelles Miteinander und für Toleranz statt. An der mehrtägigen Veranstaltung nahmen über 150 Menschen teil, darunter mehr als 20 Französ*innen.

Ein beeindruckendes Beispiel für Zivilcourage waren zahlreiche, friedliche und fantasievolle Blockaden. Dadurch kam der in diesem Jahr zahlenmäßig deutlich kleinere Naziaufmarsch immer wieder zum Halten und musste sich der ablehnenden Mehrheit der Bürger*innen stellen. Dabei waren vielfältige Protestformen zu sehen: Es wurde getanzt, gesungen und Musik gemacht. Insgesamt waren fast 1.000 Menschen auf der Straße. Die Nazis mussten stundenlang ausharren, bis sie auf ihrer Route weiter kamen.

Erstmals waren neben der regionalen und überregionalen Presse auch 12 internationale Beobachter*innen aus Belgien, Großbritannien, Kamerun, Frankreich und der Schweiz vor Ort und begleiteten die Veranstaltungen. Insgesamt konnten Sie ein besonnenes Verhalten der Demonstrationsteilnehmer*innen und der Polizeieinsatzkräfte resümieren. „Nur vereinzelt gab es unübersichtliche Situationen“ heißt es in einer Presseerklärung des Bündnisses Demmin Nazifrei. Dennoch fahren die Beobachter mit dem bedrückenden Eindruck nach Hause, dass der politische Revanchismus in Deutschland wieder auflebt. Im Ergebnis haben die Veranstaltungen und Aktionen von Aktionsbündnis und den Demonstrant*innen zum ersten Mal in Demmin den Naziaufmarsch erfolgreich aufgehalten. Das engagierte Auftreten und die gezeigte Zivilcourage haben deutlich gemacht: Demmin bleibt bunt!

Am 9. Mai haben die Veranstaltungen vom Aktionsbündnis ihren Abschluss mit dem Friedenskonzert im Hafen von Demmin mit „Bejarano und die Microphone Mafia“ sowie weiteren Acts.

Weitere Artikel zu den Protesten in Demmin:

DM Nf: 8. Mai 2015 in Demmin – Naziaufmarsch erfolgreich aufgehalten

ER: Blockaden schränken Neonazi-„Trauermarsch“ ein

KF: 8. Mai in Demmin – Same procedure as every year?

ND: Demminer stellen sich Neonazis in den Weg

NK: Aktionsbündnis sieht Protest als großen Erfolg

Telefonnummern, Aktionskarte & Social Media für Demmin

Heute wollen Nazis wie in den vergangenen Jahren durch Demmin marschieren. Das Aktionsbündnis 8. Mai Demmin und andere Gruppen und Initiativen organisieren den breit getragenen Protest. Damit ihr in Demmin auch immer auf dem neues Stand seid, benutzt diese Kanäle:

Telefonnummern:
Infotelefon: 0160-62 080 18
Ermittlungsausschuss: 0157-337 30 212

Social Media:
Twitteraccount Demmin Nazifrei demminnazifrei
Hashtags: #8mDM sowie #tagderbefreiung, #8mai2015 & #8mai1945

Eine Aktionskarte gibt es hier

Wir sehen uns in Demmin!


Bild: 8. Mai in Demmin: Nazis blockieren!

Faschismus als Sprungbrett in die moderne Gesellschaft? – Zum Forschungsstand einer Debatte

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob und inwiefern faschistische Regime in Europa einen Anteil am Entstehen „moderner“ Gesellschaften hatten. Insbesondere das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutsche Reich werden im Zuge dieser Modernisierungsdebatte beleuchtet.

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Unterschiedliche Vertreter_innen der Wissenschaft interpretieren den Faschismus als gewaltsamen Versuch einer beschleunigten Modernisierung oder gegensätzlich als Revolte gegen die Moderne, die an dieser Stelle aufgezeigt und teilweise bewertet werden sollen.

Borkenau & Dahrendorf: Faschismus als Schub in die moderne Gesellschaft?

Der Modernisierungsansatz geht auf Franz Borkenau zurück, der bereits 1933 von der verspäteten und überhasteten Entwicklung des Kapitalismus in Italien und Deutschland ausgehend den Faschismus als eine Art von Entwicklungsdiktatur interpretierte. Faschismus ist für ihn eine immanente Notwendigkeit des industriellen Systems, um vorhandene „Störungen“ zum Aufbau eines „modernen“ Staates zu beseitigen und das Funktionieren des Staatsapparates sowie des industriellen Fortschritts zu garantieren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befasste sich Ralf Dahrendorf mit der Thematik und baute die Theorie aus. Der Nationalsozialismus habe laut Dahrendorf „die in den Verwerfungen des kaiserlichen Deutschlands verlorengegangene, durch die Wirrnisse der Weimarer Republik aufgehaltene soziale Revolution vollzogen“. Ihr Kern sei „der brutale Bruch mit der Tradition und Stoß in die Modernität“, und Hitler habe die dazu notwendige „Transformation der deutschen Gesellschaft“ bewirkt.

Beide sehen also die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die durch faschistische Regime erwirkt wurden, einen deutlichen Entwicklungsschub für die künftigen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Modernisierungsansätze versuchen den Nachweis zu führen, dass die in Deutschland nicht erfolgte bürgerliche Revolution unbewusst von den Nazis durch die Zerstörung feudaler und traditionaler, die Entfaltung der Demokratie in der Weimarer Republik behindernder Strukturen, herbeigeführt wurde. Dies gilt den Modernisierungstheoretikern als Voraussetzung für die stabile Demokratie der Bundesrepblick nach 1949. Die Anschlussfähigkeit des Dritten Reiches an die bürgerliche Demokratie – die allgemein als „die moderne Gesellschaft“ angesehen wird – sah Dahrendorf 1949 darin, dass die traditionellen Hindernisse in der deutschen Sozialstruktur nach dem Ersten Weltkrieg, welche das Scheitern der Weimarer Republik vorprogrammierten, von den Nazis beseitigt worden war.

Umberto Eco, Henry A. Turner und co.: Technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Rückstand

Die Theorie der Modernisierung durch faschistische Regimes stehen jedoch starke Argumente und Thesen entgegen, die sich nicht ignorieren lassen. Zwei der bekanntesten Kritiker_innen der Modernisierungstheorie nach Dahlendorf sind Umberto Eco und Henry Ashby Turner. So schreibt Eco:

„Sowohl Faschisten als auch Nazis huldigten dem technologischen Fortschritt, während traditionalistische Denker diesen für gewöhnlich als Negation von traditionellen geistigen Werten ablehnen. Jedoch selbst wenn der Nazismus stolz auf seine industriellen Errungenschaften war, war dessen Lob der Moderne nur die Oberfläche einer Ideologie, die auf „Blut und Boden“ basierte.“

Als Essenz des Faschismus sieht Turner sogar „eine Revolte gegen die moderne Industriegesellschaft und den Versuch, eine ferne mythische Vergangenheit zurückzuerobern.“ Um ihre fortschrittsfeindlichen Ziele verfolgen zu können, hätten Nazis zwangsläufig eine industrielle Kriegsmaschinerie aufbauen müssen, jedoch hätten sie alles andere als eine Modernisierung der deutschen Gesellschaft beabsichtigt. Jeffrey Herf konstatiert schließlich, der Nationalsozialismus habe Modernisierungsprozess in Deutschland angehalten und nicht gefördert.

Tatsächlich sind die empirischen Befunde, die gegen eine Modernisierungstendenz des Dritten Reiches sprechen, ernüchternd. Beispielsweise setzt die Liberalisierung der Familienstruktur erst in der Bundesrepublik ein. Bei der Elitenrekrutierung wurden ebenfalls moderne Kriterien erst nach 1945 wieder relevant. Auch spricht das empirische Material dagegen, dass sich die Chancengleichheit zwischen Männern im Dritten Reich vergrößerte.

Jens Albert stellte fest, dass „erst die Zerstörung des nationalsozialistischen Regimes, die darauf folgende Teilung Deutschlands, die die Sozialstruktur der BRD in die Kultur-, Wirtschafts-, und Verteidigungsgemeinschaft des Westens […] die Grundlagen für eine erfolgreiche Modernisierung des Landes“ schufen, „die einen radikalen Kontinuitätsbruch mit der deutschen Vergangenheit darstellt“.

Aus diesem Ansatz ergibt sich Frage: Ist der Faschismus eine von außen auf die deutsche Geschichte einwirkende Kraft oder ist er ein Resultat der deutschen Geschichte?

Wolfgang Schieder: Kriterien für modernisierungstheoretische Fragestellungen

Die eigentliche Frage muss lauten, wie der Nationalsozialismus in den Gang der Moderne einzuordnen ist. Und dies kann nicht intentionalistisch bestimmt werden. „Modernisierung“ ist theoretisch gesehen nicht von politischen Entscheidungsprozessen abhängig. Sie vollzieht sich nicht wegen, sondern vielmehr trotz dieser.

Für die modernisierungstheoretische Bewertung der Zeit des Dritten Reiches ist darüber hinaus entscheidend, was sich in sozialpolitischer Hinsicht tatsächlich verändert hat. Dabei sind dreierlei Dinge zu berücksichtigen. Zum einen lassen sich modernisierungstheoretische Fragestellungen nur über Langzeituntersuchungen beantworten. Die Epoche des Dritten Reiches ist für sich genommen zu kurz, um über gesellschaftliche Veränderungsprozesse Auskunft geben zu können.

Zum anderen geht man von falschen Voraussetzungen aus, wenn man „Modernisierung“ als einen linearen Prozess ansieht, der irgendwann zum Ziel kommt. Anstatt immer nur die Fortschrittsfrage zu stellen, ist es viel sinnvoller, den Faschismus als ein Krisenprodukt der Moderne zu verstehen. Letztens schließlich liegt auf der Hand, dass Modernisierungsprozesse nur in historischer Vergleiche mit anderen Gesellschaften untersucht werden können. Die sozialwissenschaftliche Theorie ist hier durchweg wertend verfahren. Versuche einer objektiven analytischen Herangehensweise fehlen oft völlig. Die westlich-bürgerlichen Demokratien galten lange als das Maß aller Dinge. Weiter wurde oft behauptet, dass sie eine global gültige Schablone lieferten, an dem sich alle anderen Gesellschaften orientieren sollten. Beides ist längst fragwürdig geworden, das heißt aber nicht, dass damit die ganze Modernisierungstheorie in Gänze falsch wäre.

Faschismus: Modernisierung oder Ausdruck einer Krise?

Nun wird immer wider behauptet, dass der Faschismus ungeachtet seiner eigenen Zielstellung wider Willen doch „modern“ gewesen sei. Und selbstverständlich war der Faschismus Teil der „Moderne“ – was sollte er im 20. Jahrhundert auch anderes sein?! Die bloße Einordnung in einen zeitlichen Rahmen reicht aber nicht aus, um von einer Moderne im Sinne einer fortschrittlichen Gesellschaft zu sprechen.

Italien und Deutschland gelten als sogenannte „verspätete Nationen“, die Prozesse der „nationalen Identitätsfindung“, der „politischen Verfassungsfindung“ und des „wirtschaftlichen Strukturwandels“ setzten in diesen beiden Ländern später ein, als anderswo. In dieser Dreifach-Krise kann der Ursprung des Faschismus gesucht werden. Er war die politische Antwort auf eine nicht zu bewältigende Modernisierungskrise. Er ist daher auch nicht unter dem Aspekt der Modernisierung, sondern unter dem einer Modernisierungskrise zu diskutieren.

Oft wird auf alle möglichen Entwicklungen verwiesen, welche sich in Italien und Deutschland in faschistischer bzw. nationalsozialistischer Zeit trotz allem vollzogen hätten. Solchen Ansichten kann nur schwer gefolgt werden, da es nahezu unmöglich ist, festzustellen, was sich ohne, gegen oder mit dem Faschismus entwickelt hat bzw. hätte. Selbst wenn es gewisse Teilmodernisierungen gegeben hat, muss doch immer die Frage gestellt werden, ob nicht ein ungleich größerer Modernisierungsschub möglich gewesen wäre, wenn man nicht den faschistischen Weg gegangen wäre.

Das scheinbar Moderne am Faschismus ist sein politischer Stil: die Ausnutzung der Technik und der Medien, vom Auto und Flugzeug bis zum Rundfunk. Der scheinbar moderne Habitus des Faschismus beider Gestalt führt deshalb nicht an dem Urteil vorbei, dass beide in ihren Ländern das „Projekt der Moderne“ auf verhängnisvolle Weise gestört haben.

Am achten Mai mit dem Bus nach Demmin

Am Tag der Befreiung wollen Nazis erneut durch Demmin marschieren. Das Bündnis Demmin Nazifrei organisiert in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Initiativen den antifaschistischen Widerstand. Aus verschiedenen Städten werden gemeinsame Anreisemöglichkeiten organisiert.

Hier die Liste der Busanreisen nach Demmin:
Greifs­wald
Ros­tock
Neustrelitz/Neu­bran­den­burg
Stralsund

und außerhalb MV’s:
Berlin
Ham­burg

Damit die Ticketpreise für die Busse aus MV sozial verträglich gestaltet werden können bitten wir um Spenden dafür unter dem Betreff „Nazifrei in den Mai“ an folgendes Konto:

BDP MV e.V.
Rostocker VR Bank
IBAN: DE64 1309 0000 0001 4547 65
BIC: GENODEF1HR1


Bild: Am 8. Mai den Nazis in Demmin in die braune Suppe spucken!

Aufruf zur Fahrraddemo von Rostock nach Demmin zum Kongreß „70 Jahre Befreiung vom Faschismus – Wo stehen wir heute?“ #update

In den letzten Tagen des Dritten Reiches kamen Truppen der Roten Armee nach Mecklenburg-Vorpommern.‭ ‬Sie befreiten die Region von der NS-Diktatur.‭ ‬Beseitigt wurde damit ein System des Antisemitismus,‭ ‬des Rassismus und Nationalismus und beispielloser Aggression gegen alles‭ ‚‬Nicht-Deutsche‭‘‬.‭ ‬Daher ist der‭ ‬8.‭ ‬Mai ein Tag der Befreiung.‭

Immer wieder jedoch versuchen Neonazis,‭ ‬Nationalkonservative und Geschichtsrevisionisten die Ereignisse um die Befreiung Mitteleuropas von der NS-Diktatur zu relativieren und damit die Taten der Alliierten Streitkräfte zu diskreditieren.


Bild: Flyer der 1. Demminer Konferenz gegen Krieg und Faschismus.

Daher werden sich in den Tagen um den‭ ‬8.‭ ‬Mai‭ ‬2015‭ ‬Menschen verschiedenster emanzipatorischer Bewegungen auf den Weg nach Demmin machen.‭ ‬Gemeinsam mit Akteur*innen u.a.‭ ‬aus Polen,‭ ‬Frankreich und Italien wollen sie in Rahmen eines Kongresses die lokalen Ereignisse in den Kontext einer gesamteuropäischen Leidensgeschichte unter deutschem Terror einbinden.‭ ‬So werden auch fahrradbegeisterte Antifaschist*innen Anfang Mai von Rostock aus zu den antifaschistischen Kongress/-aktionstagen nach Demmin zu fahren.‭ ‬Die Radtour beginnt am‭ ‬6.5. ‬gegen Mittag in Rostock und wird pünktlich zum Beginn des Kongresses am‭ ‬7.5‭ ‬um‭ ‬12:00‭ ‬Uhr in Demmin sein.‭ ‬Im Rahmen der Fahrraddemo wird es längs der Route Kundgebungen geben,‭ ‬in denen wir an die Ereignisse um den‭ ‬8.Mai‭ ‬45‭ ‬erinnern,‭ ‬der Umdeutung der Revanchisten eine klare Absage erteilen und Perspektiven aufzeigen,‭ ‬wie das,‭ ‬was in der Niederlage des NS-Staates seinen Anfang nahm,‭ ‬durch solidarische Kämpfe heute zu einer wirklich diskriminierungsfreien Gesellschaft umgestaltet werden kann.

Und dies ist der ungefähre Zeitplan für die Kundgebungsorte:

Start 6. Mai: Rostock Rosengarten‭ ‬11 Uhr 30‭ bis ‬12 Uhr
Groß Lüsewitz‭ ‬13 Uhr 30‭ bis ‬14‭ ‬Uhr Dorfplatz
Sanitz‭ ‬14 Uhr 15‭ bis ‬14 Uhr 45‭ ‬Bahnhof
Tessin‭ ‬15 Uhr 45‭ bis ‬16 Uhr 45‭ (‬fixer Abfahrtzeitpunkt‭) ‬Bahnhof
Gnoien‭ ‬18 Uhr 30‭ bis ‬19 Uhr‭ ‬Marktplatz

7. Mai
Dargun‭ ‬10 Uhr 45‭ bis ‬11 Uhr 15‭ ‬Am Sportplatz‭ (‬gegenüber Edeka‭)
Demmin‭ ‬12 Uhr 15‭ (‬fixer Eintreffzeitpunkt‭) ‬Am Speichergebäude‭ ‬+‭ ‬Kundgebung nach kurzer Mittagspause Fahrraddemo durch Demmin bis zum‭ „‬Tannenrestaurant‭“

Mehr Infos auf tourdelide.blogsport.de

Programm der Konferenz

Donnerstag, den 7. Mai 2015

Ort: Tannenrestaurant, Sandbergtannen 1, Demmin
13 Uhr Pressekonferenz

14 Uhr bis 16 Uhr
• Der schwierige Umgang mit der Geschichte (verschiedene Historiker wurden angefragt)
• Das Ende des 2. Weltkriegs in Demmin und der Missbrauch dieser Geschichte
• Das Ende des Krieges aus der Sicht damaliger KZ-Häftlinge und ihrer Kinder (Vera Dehle-Thälmann, Lagergemeinschaft Ravensbrück)
• Albert Camus und der Widerstand in Frankreich (Lou Marin, Marseille)

16 Uhr 30 bis 18 Uhr 30
• Das Aufleben des Neofaschismus in Europa und der Vergleich mit dem fanatischen Islamismus (Tomasz Konicz, Polen)
• Zurück in die Zukunft. Wir starten in der Gegenwart, gehen zurück in die Vergangenheit des Naziterrors, um einen
Ausblick in die Zukunft zu haben (Standpunkt e.V. – Bremer Bildungsverein)
• Polizeirepression in Europa (Monroy, Berlin)

20 Uhr Kulturprogramm

Freitag, den 8. Mai 2015
10 Uhr 30 bis 12 Uhr 30
• Rückkehr zu einer Ost-West-Konfrontation: Wie wahrscheinlich ist ein Krieg gegen Russland? (Kai Ehlers, Publizist)
• Wiederaufrüstung in Europa (Claudia Haydt, Informationsstelle Militarisierung, Tübingen)
• Psychologie der Kriegsmobilisierung (Prof. Klaus-Jürgen Bruder „Neue Gesellschaft für Psychologie“, Berlin)
Nachmittag im Lübecker Speicher Austausch unter den Konferenzteilnehmern, Erfahrungen antifaschistischer Bewegungen in verschiedenen Ländern

17.30 Uhr Friedensdemonstration

Sonnabend, den 9. Mai 2015

11 Uhr Pressekonferenz über die Ereignisse vom 7. und 8. Mai
Ab 15 Uhr Friedenskonzert am Hafen mit Leo Kraus und Amri Habimana, Percussion-Aktion; Basart, Rap aus Marseille;
Die Stormbirds, Pirate Blues Music

17 Uhr
Konzert mit „Bejarano und die microphone mafia“ (Esther Bejarano ist Überlebende des KZ Auschwitz, wo sie im Häftlingsorchester spielte)

#update: es gibt einige Terminänderungen, die ihr hier nachlesen könnt

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Das Aktionsbündnis 8. Mai agiert seit 2009 und bildet mit dem von ihm organisierten Veranstaltungen eine Alternative zum jährlich in Demmin statt findenden Nazi-Aufmarsch am 8. Mai.
Es besteht aus etwa 15 Leuten, ob Schüler_innen oder Bürger_innen, die sich schon lange – hier und überall – gegen Neofaschismus und rechte Tendenzen in der Bevölkerung zur Wehr setzen. Das offene Bündnis ist unabhängig von Parteien, Organisationen und Verwaltungen.
Das Ziel des Aktionsbündnisses ist es, zusammen mit Menschen aus Demmin und Umgebung, Gesicht zu zeigen und aktiv zu werden, sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander zu setzen.
Die Arbeit der Organisator_innen hat bereits zum Fest der Befreiung im Jahr 2012 über 500 Menschen gegen die Neonazis auf den Straßen und Plätzen Demmins versammelt.
Das ganze Jahr über gibt es Veranstaltungen wie Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen im Kontext von Krieg, Gewalt, Rassismus und Rechtsradikalismus.
Bei den öffentlichen monatlichen Treffen sind Interessierte und Gäste gern gesehen.
Kontakt kann über die E-Mail-Adresse: achtermai [at] demmin.de oder persönlich über die Mitglieder aufgenommen werden.

Demmin: 70 Jahre nach der Befreiung der Stadt

++ Gedenkkultur zum 70. Jahrestag der Befreiung in Demmin +++ Naziaufmarsch am 8. Mai durch die Stadt +++ Aktionsbündnis ruft zu Protesten gegen Fackelmarsch auf +

Pressemitteilung des Aktionsbündnisses 8. Mai Demmin vom 04.05.2015


Bild: Transparent zum 70. Jahrestag der Befreiung während der Proteste gegen den NPD-Aufmarsch am 1. Mai in Neubrandenburg.

Die Stadt Demmin hat unter anderem mit der Vorstellung des Buches von Florian Huber über die zahlreichen Menschen, die am Kriegsende ihre Kinder und sich selbst umgebracht haben, eine breite Diskussion über diese Ereignisse angestoßen und mit der anschließenden Konferenz versucht, mit Fachleuten die Hintergründe zu beleuchten. Wir unterstützen diesen Versuch und die damit verbundene öffentliche Debatte. Wir verstehen aber nicht, dass die Stadt gleichzeitig zulässt, dass das Demminer Regionalmuseum geschlossen wird. Dort wurde gerade in den zurückliegenden Jahren ernsthaft und professionell die Geschichte aufarbeitet und für die Öffentlichkeit dokumentiert und zugänglich gemacht.

Wir bedauern, dass der jährliche Fackelmarsch der NPD in Demmin am Tag der Befreiung auf der Konferenz „Schwierige Erinnerung“ in keiner Weise diskutiert wurde. Die NPD missbraucht die Geschichte Demmins für ihren Opferkult und vereinnahmt die Toten für ihre nationalistische Propaganda. Wie wir in Demmin damit umgehen, hat mit der Veröffentlichung des Buches auch internationale Aufmerksamkeit erhalten. Die FAZ schrieb dazu, es nähmen nur wenige Demminer*innen an Gegendemonstrationen gegen den NPD-Aufmarsch teil und die Stadt sei hilflos.

Das Aktionsbündnis widerspricht dieser fatalistischen Darstellung. Es haben im vergangenen Jahr rund 800 Menschen an den Gegendemonstrationen teilgenommen. Es wird leicht vergessen, dass aus der Umgebung Demmins und natürlich auch aus der Stadt selbst hunderte Jugendliche in den letzten Jahrzehnten abgewandert sind, um zu studieren und eine Arbeit zu suchen. Wir haben festgestellt, dass viele von ihnen sich von dem Missbrauch ihrer eigenen Geschichte durch die NPD betroffen fühlen und deshalb am 8. Mai nach Demmin kommen. Auch das gehört zum heutigen Umgang mit der Geschichte. Wir freuen uns, dass viele der jüngeren Generation sich ihrer Geschichte stellen und erwarten, dass sie ernst genommen werden. Das Aktionsbündnis hofft, dass die Verantwortlichen in Politik und Behörden in der Stadt, im Landkreis und im Land Mecklenburg-Vorpommern dies als Bereicherung der demokratischen Kultur und als Anregung betrachten.

Wir laden alle Demminer*innen zu den diesjährigen Veranstaltungen des Aktionsbündnisses vom 7. bis zum 9. Mai herzlich ein und freuen uns, dass in diesem Jahr nicht nur ein Franzose daran teilnimmt, sondern mehrere Gäste aus dem Ausland sich angekündigt haben.

Konzentrationslager in Mecklenburg-Vorpommern

Kaum eine andere Institution steht symbolisch und tatsächlich so deutlich für den menschenverachtenden Terror der Nazis, wie das engmaschige Netz aus Konzentrations- und Vernichtungslager.

Von Marko Neumann

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es mehrere solcher Lager, von denen einige nur wenige Monate vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches errichtet wurden. Zwar wurden erst im späteren Verlauf des Krieges Außenlager auf dem Gebiet des heutigen MV errichtet, ihre Bilanz ist dadurch aber nicht weniger schrecklich.


Bild: Die KZ-Gedenkstätte in Barth in Mecklenburg-Vorpommern.

Von „Wilden-“ zu „Konzentrationslager“
Nachdem die sogenannten „Wilden Lager“, die bereits kurz nach der Machtübertragung an die Nazis im ganzen Land errichtet worden waren, wieder geschlossen werden sollten, wurde die Errichtung der sogenannten Konzentrationslager beschlossen. Am 20. März 1933 hatte Heinrich Himmler, Reichsführer SS und damals kommissarischer Münchner Polizeipräsident, die Errichtung eines KZ für politische Gegner des Nationalsozialismus angekündigt. Auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik bei Dachau sollte das erste dieser neuen Lager entstehen und schon einen Tag nach Himmlers Dekret trafen die ersten „Schutzhäftlinge“ ein. Damit legte Himmler den Grundstein für ein Imperium des Schreckens. Im Juni 1933 wurde Theodor Eicke, ein Nationalsozialist der ersten Stunde und mittlerweile ranghoher SS-Offizier, zum Kommandant des KZ Dachau ernannt. Er entwickelte das typische Lagerregiment, die äußere Organisation mit Wachtürmen, unter elektronischer Hochspannung stehenden Zäunen und die Richtlinien der Verwaltung, die schließlich in allen Konzentrationslagern bis zum Ende des Dritten Reiches Geltung hatten.

Außenlager auf dem Gebiet des heutigen MV
Zwar sind für das heutige Territorium Mecklenburg-Vorpommerns keine Stammlager bekannt, dennoch gab es eine Vielzahl von Außenlagerstandorte, die dem KZ Ravensbrück oder dem KZ Neuengamme unterstellt waren. Sie belegen die große Spannbreite der Arbeits- und Existenzbedingungen für die Häftlinge in den Lagern. Sie reichen vom kleinen Außenkommando mit „Bibelforschern“ in einem Forschungsinstitut in Sassnitz bis zum Außenlager für die Heinkel Flugzeugwerke in Barth mit einer extrem hohen Sterberate. Einige Lager erhielten am Ende des Krieges die Funktion eines Auffanglagers für zahlreiche Standorte. Die Überbelegung der Lager mit gleichzeitig ausbleibender Verpflegung und medizinischer Betreuung ließ die Sterbezahlen in die Höhe schnellen. Beispiele dafür sind die Außenlagerstandorte Wöbbelin und Neustadt-Glewe.
Für das KZ Ravensbrück konnten bisher die Existenz von 43 Außenlagern zwischen 1942 und 1945 nachgewiesen werden. Davon befanden sich vierzehn Standorte auf dem heutigen Gebiet MV’s.
Von den insgesamt 87 Außenlagern des KZ’s Neuengamme befanden sich auf dem heutigen Territorium von Mecklenburg-Vorpommern vier. Die nur temporär eingesetzten Häftlingsgruppen auf dem Darß 1941 gehören zu den ersten Außenkommandos von Neuengamme. Zwei der Außenlager in Westmecklenburg, Boizenburg und Wöbbelin, sind sehr gut untersucht und markiert.

KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter_innen
1942 wendete sich das Krieggeschehen allmälig. Arbeitskräfte wurden zunehmend knapp im Deutschen Reich, weil immer mehr Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Schon früh wurden Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in den unterschiedlichsten Agrar- und Industriebereichen eingesetzt. Dennoch reichten die Arbeitskräfte nicht aus und es wurde fieberhaft nach weiteren Lösungen für die Engpässe gesucht. Eine mögliche Lösung war schnell gefunden. Nach der Übernahme der Inspektion der Konzentrationslager als Amtsgruppe D in das neu gebildete SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) beschrieb der Chef des WVHA Oswald Pohl den beabsichtigten Funktionswandel des KZ-Systems in einem Brief an Heinrich Himmler vom 30.04.1942 folgender Maßen:

„Der Krieg hat eine sichtbare Strukturveränderung der Konzentrationslager gebracht und ihre Aufgabe hinsichtlich des Häftlingseinsatzes grundlegend geändert. Die Verwahrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein steht nicht mehr im Vordergrund. Das Schwergewicht hat sich nach der wirtschaftlichen Seite hin verlagert.“

Nach einem mehrere Monate andauernden Ringen zwischen SS, Industrie, Wehrmachtsbehörden und Rüstungsministerium einigte man sich im September 1942, KZ-Häftlinge zukünftig an die Rüstungsindustrie zu vermieten. Auf Grundlage des gerade genannten Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Saukel, 50.000 zivile Arbeitskräfte aus den besetzten Gebiete heranzuschaffen, scheiterten die Pläne Pohls die jüdischen Häftlinge als Arbeitskräfte einzusetzen. Die verbliebenen jüdischen Häftlinge wurden Ende 1942 aus den Konzentrationslager im Reich in die Vernichtungslager deportiert.

Auch Lager in Mecklenburg und Vorpommern als Teil des Holocausts begreifen
Für viele der bereits stark geschwächten jüdischen Häftlinge aus dem Osten verwandelten sich einige Lager in Sterbelager. Damit sind diese Außenlagerstandorte auch Schauplätze des Völkermords an den Juden Europas, der Sinti und Roma sowie anderer Opfergruppen.
Die Häftlinge in diesen Lagern waren völlig rechtlos, der Willkür und Brutalität der SS ausgesetzt, mussten Zwangsarbeit leisten und lebten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen mit einer völlig unzureichenden Versorgung an Nahrung und Medikamenten. Die Todesbedrohung war allgegenwärtig.
Am Kriegsende wurden die meisten dieser Lager aufgelöst, die Häftlinge auf Transporte in andere Lager wie Malochw, Neustadt-Glewe und Wöbbelin geschafft. Das führte zu einer unbeschreiblichen Überfüllung der noch bestehenden Lager, die Todeszahlen explodierten bis zur Befreiung durch die alliierten Truppen förmlich. Das Geschehen auf den Todesmärschen der KZ-Häftlinge von Sachsenhausen und Ravensbrück in Richtung Nordwesten sowie auf den Häftlingsschiffen in der Lübecker Bucht stellen das letzte Kapitel des faschistischen Terrors auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns dar. Mehrere tausend Menschen starben auch hier an der menschenverachtenden Behandlung durch die Aufseher_innen, der fehlenden Verpflegung und medizinischen Versorgung und in den letzten Wochen des Bestehen des Dritten Reiches während den Todesmärschen aus den bereits befreiten Lagern.

Mythos und Realität: Die „Geheime Staatspolizei“

Eine der wohl gefürchtetsten Adressen im NS-Reich lautete „Prinz Albrecht Straße 8“ in Berlin. Am Rande des Regierungsviertels residierte die Geheime Staatspolizei (Gestapo), die im April 1933 gegründet wurde.

Von Philipp Gutrun-Hahn

Berüchtigt war die Gestapo vor allem für ihre brutalen Ermittlungsmethoden beim Verhör, um Gefangene durch Folter zu belastenden Aussagen zu zwingen. Ihr Zweck war einzig die Verfolgung von echten und vermeintlichen Staatsfeinden. In einer entsprechenden Gesetzes-Formulierung von 1936 hieß es dann auch wenig beschönigend:

„Die Geheime Staatspolizei hat die Aufgabe, alle staatsgefährdenden Bestrebungen im gesamten Staatsgebiet zu erforschen und zu bekämpfen, das Ergebnis der Erhebungen zu sammeln und auszuwerten, die Staatsregierung zu unterrichten und die übrigen Behörden über wichtige Feststellungen auf dem Laufenden zu halten und mit Anregungen zu versehen.“

Gemeint war die Verfolgung Andersdenkender, wie Kommunist_innen und Sozialdemokrat_innen, Liberale und Demokrat_innen, die sich nicht mit dem NS-System anpassen wollten; gemeint waren aber auch Juden, Sinti und Roma, Freimaurer und unbeugsame Christen, Zigeuner_innen, Zeugen Jehovas, die den Wehrdienst verweigerten und alle anderen, die dem Regime missliebig waren.
Eine wichtige Rolle zur Informationsgewinnung spielten sogenannte „Vertrauensleute“ (V-Leute), „zivile Maulwürfe“ im staatlichen Auftrag. Die meisten Menschen denunzierten andere aus privaten Interessen oder niederen Beweggründen wie Neid, Rache, Zorn, Hass oder Missgunst. Typische Denunzianten blieben anonym – aus Feigheit oder Angst. V-Leute wurden von der Gestapo hauptsächlich in den gegenüber dem Nationalsozialismus resistenten Gruppen wie der sozialdemokratisch oder kommunistisch geprägten Arbeiterschaft oder katholischen Kreisen geworben.

Zusammenschluss zum Reichssicherheitshauptamt
Aus Sicht der Gestapoführung waren Polizei und Verwaltung nicht nur der verlängerte Arm der Verfolgungsbehörde vor Ort, sie gehörten zum Verfolgungsnetzwerk dazu. Wie wichtig die normale Polizei für die Unterstützung staatspolizeilicher Aktionen war, zeigte sich schon kurze Zeit nach der nationalsozialistischen Machtübertragung. Die frühen Beschlagnahmungsaktionen kommunistischen und sozialdemokratischen Vermögens sowie die anschließenden Verhaftungen wären ohne die massive Unterstützung von herkömmlichen Polizeieinheiten gar nicht nicht möglich gewesen.
So war die Zusammenlegung der Gestapo mit anderen Geheim- und Sicherheitsbehörden des Dritten Reiches nur eine logische Folge. Am 27. September 1939 wurden die Gestapo und die Kriminalpolizei als Teile der Sicherheitspolizei mit dem Sicherheitsdienst (SD) zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengefasst. Die Gestapo trat ab diesem Zeitpunkt unter dem Namen Abteilung IV des RSHA mit der Bezeichnung „Gegnerbekämpfung“ auf und arbeitete neben den Abteilungen für „Gegnerforschung“, „Deutsche Lebensgebiete“ und dem ehemaligen Auslandsdienst, die alle aus dem SD hervorgegangen waren. Die Gestapo war damit bis zu ihrer Auflösung nach dem Ende der Nazi-Herrschaft Teil eines Machtapparats geworden, in dem die Unterscheidung zwischen eigentlicher Polizeibehörde und den zur Schutz Staffel (SS), also einer politischen Organisation, gehörenden Organisationseinheiten fast unmöglich wurde.

Greifswald: Bustickets und Mobiveranstaltung zum Naziaufmarsch in Demmin

Auch in diesem Jahr wollen Nazis am Tag der Befreiung durch Demmin marschieren. Aus verschiedenen Städten wird zu den Protesten gegen den geschichtsrevisionistischen Aufzug mobilisiert.

Am 30. April findet im IKuWo (Goethestraße 01, 17489 Greifswald) ab 20 Uhr eine Infoveranstaltung zu den Protesten in Demmin statt. Tickets für eine gemeinsame Anreise nach Demmin können ab sofort ebenfalls im IKuWo zu den gängigen Öffnungszeiten (Dienstag bis Samstag ab 21 Uhr) für 5 bis 10 Euro gekauft werden.

8. Mai: Tag der Befreiung! Keinen Fußbreit den Faschist*innen!


Bild: Am 8. Mai den Nazis in Demmin in die braune Suppe spucken!

Jetzt Restbestände unseres Soli-Samplers zum Tag der Befreiung 2015 bestellen!

Mit dem Verkauf unseres Punk, Rock- und Ska Sampler zum Tag der Befreiung unterstützen wir den antifaschistischen Protest gegen den Naziaufmarsch am 8. Mai in Demmin. Denn nicht nur die zu erwartende staatliche Repression, sondern auch die Organisation von Bussen nach Demmin und der Druck von Mobi-Material kostet Geld.


Bild: Schnell bestellen, bevor die letzten CD’s vergriffen sind!

Mittlerweile gibt es nur noch einige Restbestände. BESTELLT euch JETZT die letzten CD’s für 6€ (anstatt 10€)! Schreibt uns eine Mail an infonordost [ätt] Systemausfall . org. Hier die Tracklist:

01 Einer von uns (Antispielismus)
02 Zeit (Dead Shepherd)
03 Stadt Land Flucht (Minitimer Katzenposter)
04 No borders (Nitro Injekzia)
05 Are you ready (Cleansweep)
06 Antisong (Sold As Freedom)
07 Brennende Lust (KloriX)
08 Polizeigewalt (Abfluss)
09 Partisanen (Fußpils)
10 Whats wrong (Fed Up!)
11 Fight for your rights (Contra)
12 Knüppel aus‘m Sack (Projekt Pulvertoastmann)
13 Bier gefüllte Deutsche (Die Dorks)
14 Krieg( Versus Null)
15 Kein Erbarmen (Gehacktes)
16 Raubtier Hierarchie (Start A Riot)
17 Straßenpiraten (ParaDocks)
18 60€ (Bluntshit)
19 Zeichen der Zeit (Reisegruppe Morgenthau)
20 Lebe schnell & lebe scheiße (Schnell&Scheiße)
21 Angst (Abbruch)
22 AFA (Verwahrlost)
23 Brauner Mob (Brainless)
24 Ausgebrannte Seelen (Cosa Nostra)

Greifswald: Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung am 29.04.2015

In vielen Städten und Orten MV’s finden in den kommenden Wochen Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus statt. Auch in Greifswald gibt es mehrere Termine, die ihr euch vormerken solltet.

Jüdisches Leben in Greifswald – Ein Spaziergang anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus
Im gesamten “Deutschen Reich“ brannten in der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 Synagogen, wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen demoliert, als Juden deklarierte Menschen misshandelt, verhaftet und ermordet. So auch jüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt Greifswald – denn bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hier eine eigenständige Synagogengemeinde, die zu ihren Höchstzeiten 1868 120 Mitglieder zählte. Im Rahmen des Spaziergangs wollen wir Biografien Einzelner in Erinnerung rufen und ihrer gedenken, sowie Orte ehemaligen jüdischen Lebens in Greifswald besuchen. Es gibt etwas über das vergangene Gemeindeleben zu erfahren, aber auch die Rolle der Universität im Zusammenhang mit jüdischer Geschichte in Greifswald soll genauer in den Blick genommen werden.
Beginn des Spazierganges ist 18 Uhr am Greifswalder Marktplatz. Weitere Infos findet ihr hier.

Filmabend im Klex: 70. Jahrestag der kampflosen Übergabe Greifswald
Am 29. April ist es genau 70 Jahre her, dass Stadtkommandant Rudolf Petershagen Greifswald kampflos an die rote Armee übergeben hatte. Zur Erinnerung an diese Tat, der wir es verdanken, dass Greifswald von den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben ist veranstaltet die linksjugend.SDS Greifswald an genau diesem Jahrestag, Mittwoch, dem 29.4.2015, um 21 Uhr im Klex einen Filmabend. Alle Interessierten laden wir herzlich dazu ein. Gezeigt werden Teile der Reihe “Gewissen in Aufruhr” (DEFA, 1961).

Frauen im Dritten Reich: der „Bund deutscher Mädel“

Die Erziehung der Mädchen war dem Ideal der künftigen Mutterschaft ausgerichtet, höhere Schulbildung wurde teilweise, Koedukation vollständig abgelehnt. Soziale und politische Emanzipation, wie sie von den Frauen im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik ein Stück weit errungen worden war, wurde durch die Ideologie der Nazis und später per Gesetz verhindert.

Von Janin Krude und Marko Neumann

„Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben. In die eine gehört die Kraft des Gemütes, die Kraft der Seele! Zur anderen gehört die Kraft des Sehens, die Kraft der Härte, der Entschlüsse und die Einsatzwilligkeit! […]
Das Wort von der Frauen-Emanzipation ist nur ein vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort, und der Inhalt ist von demselben Geist geprägt. Die deutsche Frau brauchte sich in den wirklich guten Zeiten des deutschen Lebens nie zu emanzipieren, sie hat genau das bessesen, was die Natur ihr zwangsläufig als Gut zur Verwaltung und Bewahrung gegeben hat.“

… erklärte Adolf Hitler in einer Rede nur wenige Monate nach der Machtübertragung. Der NS-Staat war eine Männergesellschaft, in der Frauen faktisch keine Rolle spielten. Die Frau wurde auf ihrer Rolle als Mutter und vermeintliche Hüterin des Heims, als Erzieherin der Kinder, als dem Mann untertane Ehegefährtin, die sich durch „Fortpflanzungsverweigerung“ oder Unfruchtbarkeit schuldig machen konnte, reduziert.

Politische Rechtlosigkeit und geheuchelte Wertschätzung
Die Erziehung der Mädchen war dem Ideal der künftigen Mutterschaft ausgerichtet, höhere Schulbildung wurde teilweise, Koedukation vollständig abgelehnt. Soziale und politische Emanzipation, wie sie von den Frauen im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik ein Stück weit errungen worden war, wurde durch die Ideologie der Nazis und später per Gesetz verhindert.
Der politischen Rechtlosigkeit der Frauen wurde eine mantraartig vorgebrachte Idealisierung der Mutterschaft entgegengesetzt. Der 1934 eingeführte Muttertag gehörte fest ins Feierjahr der Nazis und der ab 1938 verliehene Orden der NSDAP „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ sollte einmal mehr von der Emanzipationsfeindlichkeit der Männer ablenken. Die Auszeichnung wurde in Bronze für vier bis sechs Kinder, in Silber für sechs bis sieben Kinder und in Gold für acht und mehr Kinder verliehen, und zwar bis November 1944 nur an reichsdeutsche, dann auch an volksdeutsche Mütter. Überlegungen, die Auszeichnungen mit einem Ehrensold zu verbinden, wurden aus finanziellen Erwägungen nicht realisiert.

Der „Bund deutscher Mädel“ (BDM)
Die bekannteste, wenn auch nicht einzige, Frauenorganisation im Dritten Reich war der „Bund deutscher Mädel“ (BDM). Obwohl er bereits 1930 gegründet wurde, entwickelte sich dieser Frauenbund erst nach der Machtübertragung als untergeordneter Teil der Hitler-Jugend (HJ) unter dem „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach zu einer Massenorganisation. Im BDM, der 1939 zur Staatsorganisation wurde, galt vor allem für Mädchen von 14 bis 18 Jahren Dienstpflicht.
Die Teilnahme an Heimabenden, Sportnachmittagen, Lagern-Fahrten und anderen Veranstaltungen war gesetzlich vorgeschrieben und bildete einen wichtigen Eckpfeiler der nationalsozialistischen Indoktrinierung und Erziehung der weiblichen Jugend zu „Trägerinnen der nationalsozialistischen Weltanschauung“, wie es Baldur von Schirach ausdrückte.
Der BDM war in der Ausbildung von Frauenberufen (wie beispielsweise Hauswirtschaft, Pflege und Landwirtschaft) engagiert und wurde sozialpolitisch zur Linderung des Arbeitskräftemangels instrumentalisiert. Beispiele hierfür sind der „Landdienst“ der HJ für das Hilfswerk „Mutter und Kind“ und die seit 1934 vom BDM, deutschen Frauenwerk und der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung getragene Einrichtung „Das hauswirtschaftliche Jahr“. Allein 1937 wurden rund 25.000 Mädchen als Haushaltshilfen im Deutschen Reich vermittelt worden.
Nach Kriegsausbruch nahm der BDM im großen Stil am „Kriegseinsatz der Hitlerjugend“ teil. An die Stelle von Pflegekräften, die in Frontlazarette versetzt wurden, traten BDM-Mädchen in Krankenhäusern und Heimatlazaretten. Sie wurden als Erntehelferinnen in der Heimat und im „Osteinsatz“ im besetzten Polen in Anspruch genommen, waren als Wehrmachtshelferinnen tätig, ersetzten das Personal in den Verkehrsbetrieben der Großstädte oder betreuten im Rahmen der Kinderlandverschickung evakuierte Kinder.

Demmin & Gessin: Filmvorführung „Als die Deutschen vom Himmel fielen“ am 21.04. & 15.04.15

Der Film erzählt vom Widerstand der Bevölkerung Kretas gegen die deutschen Truppen, die im Mai 1941 die Mittelmeerinsel angriffen. Für die Frauen, Männer und Kinder war es ein Kampf um Freiheit, gegen die Vernichtung ihrer Angehörigen und die Zerstörung der Dörfer.

Doch die Erzählungen offenbaren auch die Konflikte, die sich während der Besatzungszeit innerhalb des Widerstandes an der Frage der politischen Zukunft des Landes entzündeten und unter Einflussnahme der Alliierten und der deutschen Truppen im Bürgerkrieg mündeten.

Den Erzählungen der griechischen Protagonisten folgend greift der Film eine weitere Spur auf. An 1941 errichteten Ehrenmälern pflegen Wehrmachtsveteranen im Schulterschluss mit Bundeswehrsoldaten ihre Geschichtsschreibung: Es ist der Mythos von mutigen und opferbereiten Soldaten, die der Pflicht der Vaterlandsverteidigung gefolgt seien.

Wann und wo wird der Film gezeigt?
• Mittwoch, den 15.04.2015 Mittelhof Gessin 7a, 17139 Gessin von 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr
• Dienstag, den 21.04.2015 in der Stadtbibliothek Demmin, Pfarrer-Wessels-Strasse 1, 17109 Demmin von 17.00 Uhr bis 19.00 Uhr

Mehr Infos gibt’s bei Demmin Nazifrei.

Literaturtipp: „Russlands Krieg 1941-1945“ von Richard Overy

++ Leseempfehlung anlässlich des 70. Jahrestag der Befreiung +++ Overy bietet Überblickswerk zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion mit profunden Quellen +++ Versuch einer objektiver Gesamtdarstellung +

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Die Operation „Barbarossa“ – der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – ist der gewalttätigste Feldzug der faschistischen Wehrmacht. Nicht zuletzt deshalb ist über den erklärten Vernichtungskrieg in der Wissenschaft am meisten geschrieben worden.
Meistens standen dabei jedoch bestimmte Einzelaspekte und –perspektiven im Zentrum des Interesses der jeweiligen Autor_innen. Eine wirkliche Gesamtdarstellung, die die Geschehnisse und Bedeutungen des Krieges zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion aus der Totalperspektive erfasst und analysiert hätte, ist bis vor einigen Jahren noch nicht erschienen. Ein Grund dafür dürften die zahlreichen verschlossenen Archive gewesen sein.


Bild: Richard Overys Buch „Russlands Krieg 1941-45″.

Seit Ende der 1990er/Anfang der 2000er Jahre hat sich die Datenlage für die Forschung radikal verbessert. Zahlreiche Spezialstudien diesen Krieg betreffend konnten erstellt damit den „Ostfeldzug“ der deutschen Armeen und ihrer Verbündeten von allen Seiten immer heller beleuchtet werden. Der britische Militärhistoriker Richard Overy hat die Fülle der Forschungsergebnisse zu einer Gesamtansicht verdichtet. Dabei bezieht er in seine Darstellungen auch die Vorgeschichte der sowjetischen Verteidigungspolitik mit ein.

Als Hitler seine Militärmaschinerie in Bewegung setzte, um die Sowjetunion zu unterwerfen, tat er dies im Glauben an die eigene militärische – und völkische – Überlegenheit. Tatsächlich waren die deutschen Anfangserfolge mehr als erschreckend. Dass sich das Blatt doch wendete, hat seine Ursache unter anderem darin, dass Stalin gerade noch rechtzeitig einsah, dass er die konkreten militärischen Entscheidungen diejenigen treffen lassen sollte, die vom Kriegshandwerk unzweifelhaft mehr verstanden als er. Wie jede andere Einsicht vor und während dieses Krieges blieb auch diese dem deutschen „Führer“ versagt. Und so wurden im Laufe des Krieges nicht nur auf der sowjetischen Seite die richtigen, sondern zugleich und in zunehmendem Maße auf der deutschen Seite die falschen Entscheidungen getroffen. Eine weitere entscheidende Voraussetzung des sowjetischen Sieges darf natürlich nicht vergessen werden: die schier unbeschreibliche Leidensfähigkeit der sowjetischen Völker. „Man hat es schwer sich vorzustellen, dass die Schlacht um Stalingrad von US- oder britischen Truppen geschlagen worden wäre“ schreibt Overy in dem Artikel über den Kampf um die Wolga-Metropole.
Nach dem Krieg war es Stalin, welcher sich als den eigentlichen, wahren Sieger des „Großen Vaterländischen Krieges“ feierte und feiern ließ. Mit dem Sieg über das faschistische Deutschland und seine Verbündeten war die Sowjetunion zur Weltmacht aufgestiegen.

Overys Überblicks Werk unternimmt den bürgerlichen Versuch einer objektiven Gesamtdarstellung. Die differenzierte Analyse des „Großen Vaterländischen Krieges“ und dessen Vorgeschichte nötigt Respekt ab und lässt das über 500 Seiten starke Werk zu einem „Muss“ für Alle werden, die sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Blütezeit des Faschismus in Europa befasst.

Mobilisierung zum Tag der Befreiung in Demmin #update

++ Mobilisierung zum Tag der Befreiung läuft an +++ Naziaufmarsch am 8. Mai 2015 in Demmin verhindern +++ Infoveranstaltungen und mehr in MV +

Von Marko Neumann

Am 8. Mai wollen die Neofaschist*innen von NPD, Freien Kameradschaften und co. erneut durch Demmin marschieren. Wie in den vergangenen Jahren mobilisieren unterschiedliche Bündnisse und Initiativen gegen den geplanten Fackelmarsch der Nazis. Zwei Mobi- und Infoveranstaltungen werden in den kommenden Wochen über die anstehenden Gegenaktivitäten in MV informieren:

• 24. April | Café Median in Rostock | ab 19 Uhr
• 29. April | AJZ in Neubrandenburg im AJZ | ab 19 Uhr

#update:
weitere Infoveranstaltung am 30.04.15 in Greifswald im IKUWO. Details gibt es hier.

In den vergangenen Tagen tauchten in Mecklenburg-Vorpommern an unterschiedlichen Orten Plakaten zum Tag der Befreiung auf. Einige Fotos findet ihr hier.


Bild: Plakate zum Tag der Befreiung 2015.




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