Archiv der Kategorie 'Geschichte'

Artikelreihe „Institutionen im Nazi-Staat“ und Zeitzeugenberichte „Erinnerungen an den Tag der Befreiung“

+ Artikelreihe zu Institutionen und Organisationen im Dritten Reich +++ Zeitzeugen berichten vom Tag der Befreiung 1945 +++ 8. Mai: Tag der Befreiung“ Was sonst? ++

Von Janin Krude und Marko Neumann

1945 befreiten die Alliierten Streitkräfte Europa vom deutschen Faschismus. Der schrecklichste und barbarischste Krieg bis dahin hatte nach fünf Jahren ein Ende gefunden. In den kommenden Wochen werden wir euch in mehreren Artikeln Institutionen und Organisationen des Dritten Reiches vorstellen. Des Weiteren veröffentlichen wir insgesamt vier Zeitzeugenberichte von Menschen, die den 8. Mai 1945 selbst miterlebt haben. Die Berichte wurden zuerst veröffentlicht in der mittlerweile vergriffenen Broschüre „Bob du musst rennen, der Krieg ist vorbei“. Wir danken den Herausgeber*innen für die Zustimmung der neuerlichen Veröffentlichung.

Kirchenkampf, Reichsbischof und die „Deutsche Kirche“ – Die christlichen Kirchen im beginnenden Dritten Reich
Obwohl die christlichen Werte wie „Nächstenliebe“ und Gebote alá „du sollst nicht töten“ auf den ersten Blick diametral zur Weltanschauung der Nazis stehen, gab es vielfältige Kollaboration, aber auch Widerstand. Dieser Beitrag bietet einen abrissartigen Überblick zu die verschiedenen Facetten des Verhältnisses von Kirchen und der Nazi-Bewegung in den Anfängen des Dritten Reiches.

Das engmaschige System von Konzentrations- und Vernichtungslager im Dritten Reich
Keine andere Einrichtung des Dritten Reiches steht so symbolisch für den Terror und die Unmenschlichkeit der Nazis und ihrer Ideologie wie das flächendeckende Netz von Konzentrations- und Vernichtungslager. Welche Funktionen hatten die Lager, wo standen die sie und was mussten die Häftlinge in den KZ’s erleiden? Dieser Abriss gibt einen Überblick über diese und andere Fragen.

Bauen im Nazi-Staat: die „Deutsche Arbeitsfront“ und die „Organisation Todt“
Es gab keinen Bereich, der nicht versucht wurde von den Nazis zu durchdringen. Für die größenwahnsinnigen Bauvorhaben, wie der „Welthauptstadt Germania“, und militärische Großprojekte, wie dem „Westwall“ waren uniforme Organisationen nötig, die solche Baumaßnahmen umsetzen konnten. In diesem Beitrag werden in der gebotenen Kürze die „Deutsche Arbeitsfront“ und die „Organisation Todt“ vorgestellt.

Wer oder was war der „Reichsnährstand“ im Dritten Reich?
Der „Reichsnährstand“ war eine wichtige Instanz zur Sicherung der Macht der Nazis im Bereich der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung im Dritten Reich. Die Erinnerung an die britische Seeblockade während des Ersten Weltkriegs, die damit einher gegangene Hungersnot und die daraus entstandene Kriegsmüdigkeit der Deutschen hatten weder Adolf Hitler noch seine Paladine vergessen. Um so entschlossener war die Nazi-Führung, den Kampf an der „Heimatfront“ in dem bereits geplanten neuen Krieg nicht zu verlieren.

Zeitzeugenberichte: „Erinnerungen an den Tag der Befreiung 1945“
In vier Beiträgen erzählen Zeitzeugen ihre Erlebnisse und Erinnerungen an die Befreiung vom deutschen Faschismus 1945. Die Beiträge wurden zuerst veröffentlicht in der Broschüre „Bob du musst rennen, der Krieg ist vorbei“. Das Heft ist seit einiger Zeit vergriffen und wird nicht nachgedruckt. Um so mehr freuen wir uns, dass wir die Erlaubnis der Herausgeber*innen der Publikationen bekommen haben, einige Berichte erneut zu veröffentlichen.

Neubrandenburg: Infoveranstaltung „Ein Prozess 71 Jahre danach – Medizin, Justiz und Auschwitz“ am 28.02.16 im Medienhaus

Am 29.02.2016 wird in Neubrandenburg der Prozess gegen einen Mann beginnen, der im KZ Auschwitz als Sanitäter im Dienste der SS arbeitete.
Schon im Vorfeld gibt es viele Diskussionen über den Sinn eines solchen Verfahrens. Wenig bekannt sind aber die historischen Fakten. Die Erinnerungs-, Bildungs – und Begegnungsstätte Alt Rehse (EBB) bietet deshalb in Kooperation mit dem Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern der Friedrich-Ebert-Stiftung ein zweistündiges Seminar mit historischen Hintergründen zum Prozess an. Drei Referentinnen und Referenten werden zum Sanitätsdienst der SS, zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Justiz und zur NS-„Führerschule der Deutschen Ärzteschaft Alt Rehse“ sprechen.

Die Veranstaltung wendet sich besonders an die Prozessbeobachterinnen und -beobachter der Presse sowie die interessierte Öffentlichkeit.

Sie findet im Medienhaus des Nordkurier, Friedrich-Engels-Ring 29, 17033 Neubrandenburg am 28.2.2016 von 15 bis 17 Uhr statt.

Dr. Frank Wilhelm, Mitglied der Chefredaktion des Nordkuriers, wird moderieren. Da die Plätze begrenzt sind, wird eine Anmeldung unter schwerin[ädt]fes.de erbeten.

Auf­ruf: „8. Mai 2016 – Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus!“

Am 8. Mai 1945 ka­pi­tu­lier­te die deut­schen Wehr­macht und damit de­fac­to Na­zi-​Deutsch­land. Nach sechs lan­gen Jah­ren des Krie­ges war ein Mor­den be­en­det, wel­ches es so noch nie in der mensch­li­chen Ge­schich­te ge­ge­ben hatte. Über 70 Mil­lio­nen Men­schen star­ben, dar­un­ter sechs Mil­lio­nen Jüd*in­nen, die mit men­schen­ver­ach­ten­der Grau­sam­keit er­mor­det wur­den. Das An­zün­den und Brand­schat­zen gan­zer Dör­fer und Ort­schaf­ten, das Er­mor­den von Zi­vi­lis­t*innen sowie das Er­schie­ßen von Kriegs­ge­fan­ge­nen – die Aus­plün­de­rung gan­zer Land­stri­che und nicht zu­letzt der in­dus­tri­ell ge­führ­te Mas­sen­mord an Mil­lio­nen Jüd*in­nen und an­de­ren Min­der­hei­ten waren das Er­geb­nis der Um­set­zung der ver­bre­che­ri­schen Ideo­lo­gie der Nazis.

„Ent­na­zi­fi­zie­rung“? – Ver­drän­gung und feh­len­de Auf­ar­bei­tung nach dem Ende des Krie­ges
Viele ehe­ma­li­ge NS­DAP-​Ka­der und -​Mit­glie­der konn­ten in der Bun­des­re­pu­blik eine neue Kar­rie­re ma­chen. Sie wur­den Rich­ter, Staats­an­wäl­te, Ab­ge­ord­ne­te in Par­la­men­ten, Bun­des­mi­nis­ter oder sogar Bun­des­kanz­ler. Die noch nicht weit ent­fern­te Ver­gan­gen­heit in­ter­es­sier­te die west­deut­sche Be­völ­ke­rung – wenn über­haupt – nur abs­trakt, so­lan­ge die Ver­bre­cher nicht in der ei­ge­nen Fa­mi­lie oder im ei­ge­nen Freun­des­kreis zu fin­den waren.
Auch in Ost­deutsch­land war die Be­wäl­ti­gung der Ver­bre­chen der Nazis nicht ein­fach. Auch in der spä­te­ren DDR konn­ten Rassis­mus und Frem­den­feind­lich­keit of­fen­bar nicht aus den Köp­fen der Men­schen ver­bannt wer­den. Kurz nach der „Wie­der­ver­ei­ni­gung“ brann­ten in vie­len ost­deut­schen Städ­ten Flücht­lings­hei­me, wur­den Geflüchtete ver­folgt und an­ge­grif­fen. Ho­yers­wer­da, Mölln, So­lin­gen und nicht zu­letzt Ros­tock/Lich­ten­ha­gen wur­den zu Syn­ony­men für das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land in Eu­ro­pa und der Welt.

Die neuen alten Nazis
Be­reits in den 1960ern grün­de­te sich in der Bun­des­re­pu­blik die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), die bis in die Ge­gen­wart eine der wich­tigs­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen der neo­fa­schis­ti­schen Szene in der Bundesrepublik spielt. 2012 wurde die rech­tsra­di­ka­le Par­tei zum zwei­ten Mal in Folge in den Schwe­ri­ner Land­tag ge­wählt. Meck­len­burg-​Vor­pom­mern ist damit ein wich­ti­ges Zen­trum der neofaschistischen Rechten. In MV agie­ren so­ge­nann­te „Frei­en Ka­me­rad­schaf­ten“ und die NPD eng zu­sam­men, ge­ra­de in Vor­pom­mern brei­ten sich rech­te Ein­stel­lun­gen in einem ra­san­ten Tempo aus. In man­chen Ort­schaf­ten konn­ten Nazis wie­der eine ge­sell­schaft­li­che He­ge­mo­nie auf­bau­en. Auch rech­te Auf­mär­sche ge­hö­ren in vie­len Tei­len MV’s zum All­tag.
Zu­neh­mend wird der 8. Mai als „Tag der Be­frei­ung“ in Frage ge­stellt. Ge­zielt ver­su­chen Nazis die Ver­bre­chen der Wehr­macht, der SS, der Ge­sta­po und an­de­rer Mord­trupps zu re­la­ti­vie­ren und den Vor­marsch der Roten Armee in Meck­len­burg und Vor­pom­mern zu stig­ma­ti­sie­ren.

Aktiv wer­den gegen Nazis und an­de­re Ras­sis­t_in­nen! Nazis in Dem­min blo­ckie­ren!
Ras­sis­ti­sche Hetze und Ge­schichts­ver­fäl­schung darf nicht un­wi­der­spro­chen blei­ben. Der in­dus­tri­ell ge­plan­te und durch­ge­führ­te Mas­sen­mord an den eu­ro­päi­schen Jüd*in­nen darf ge­nau­so wenig ver­ges­sen wer­den, wie die Gräuln und das un­end­li­che Leid des Krie­ges, die es ohne die deut­schen Welt­machts­plä­ne – nicht nur Hit­lers – nicht ge­ge­ben hätte.
Am 8. Mai wol­len zum zehnten Mal in Folge hun­der­te Nazis durch die Pee­ne­stadt Dem­min mar­schie­ren, um die Ge­schich­te zu ver­dre­hen. Längst hat sich die­ser Auf­marsch fest im Ter­min­ka­len­der der Na­zi­sze­ne Meck­len­burg-​Vor­pom­merns eta­bliert. Las­sen wir sie nicht un­ge­stört ihren Ge­schichts­re­vi­sio­nis­mus ver­brei­ten! Ver­schie­de­ne Bünd­nis­se und In­itia­ti­ven wer­den auch in die­sem Jahr bun­ten Pro­test und Wi­der­stand gegen den Spuck der Nazis or­ga­ni­sie­ren.

8. Mai: Tag der Befreiung! Nazis in Demmin blockieren!
Keinen Fußbreit den Faschist*innen!

Achtet auf Ankündigungen und bleibt informiert! Nutzt dazu auch diese Kanäle:
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Rostock: Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945

Vor 71 Jahren, am 27.01.1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit. Zwischen 1940 und 1945 ermordeten die Nationalsozialist*innen allein in den Gaskammern von Ausschwitz zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen, andere wurden exekutiert, starben an Hunger und Krankheiten oder wurden für grausame Experimente missbraucht. Insgesamt starben über 6 Millionen Menschen durch den industriellen Massenmord der Nazis.

Um 10 Uhr findet am Mahnmal für die Opfer des Faschismus am Steintor ein stilles Gedenken der VVN-BdA Rostock mit Kranzniederlegung statt.

Um 18 Uhr wird es darüber hinaus eine Kundgebung des Bündnisses Rostock Nazifrei am Doberaner Platz geben.

Wir laden alle Rostocker*innen dazu ein, mit uns an diesem Tag kurz inne zu halten und der Opfer zu gedenken. Dafür werden wir Teelichter mitbringen und diese anzünden, um an diesem Tag auf dem Doberaner Platz ein Zeichen zu setzen, dass wir bewusst mit der deutschen Vergangenheit umgehen und die Opfer niemals vergessen werden. Wir bitten euch kleine Glasgefäße mitzubringen, damit wir die Teelichter windfest zur Geltung bringen können.

Sülstorf bei Wöbbelin: Einweihung der Gedenkstätte Sülstorf nach Neugestaltung

Zur Einweihung der Gedenkstätte Sülstorf luden Landrat und Vereinsvorsitzender Rolf Christiansen sowie Horst Busse, Bürgermeister der Gemeinde, am 15. November 2015 nach Sülstorf ein.

Von Ramona Ramsenthaler

Im Beisein vieler Gäste wurde die Gedenkstätte übergeben. Der Landrat erinnerte in seiner Ansprache auch an die Opfer des Terroranschlags in Paris. Die Anwesenden legten eine Schweigeminute ein.


Bild: Die neugestaltete Gedenkstätte in Sülstorf.

Verein fasste 2014 Beschluss zur Neugestaltung
Bereits 2014 hatten die Mitglieder des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e. V. einstimmig beschlossen, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Wöbbelin die Gedenkorte und Ehrenfriedhöfe neu zu gestalten. Es wurde der Beschluss gefasst, sich an der Gestaltung des Gedenkplatzes ehemaliges Lagergelände des KZ Wöbbelin zu orientieren und die Künstlerin Dörte Michaelis beauftragt, an allen Gedenkorten als verbindendes Element Podeste aus Klinkern zu schaffen, mit Informationstafeln zu versehen sowie Stelen aus Stahl mit historischen Fotos in die Anlagen einzubinden.
Neben der finanziellen Förderung durch die Stiftung der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin hatten die Bürgermeister der Gemeinden Wöbbelin und Sülstorf sowie der Städte Ludwigslust und Hagenow Eigenmittel für die Maßnahmen zugesagt. Zur inhaltlichen Beratung wurde eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e. V., seines Beirates, der Geschäftsstelle und des Fördervereins sowie der Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, gebildet.

Neugestaltung der Gedenkstätte Sülstorf 2015
Zu Beginn des Jahres 2015 erfolgten für die Gedenkstätte Sülstorf erste Planungen auf ehrenamtlicher Basis durch die Schweriner Firma Landschaftsarchitektur Proske. Bei dieser Gedenkstätte stand die gärtnerische Neugestaltung des Friedhofes bzw. der KZ- Gedenkstätte im Vordergrund, weil die Koniferen bzw. der gesamte Bewuchs so hoch waren, dass man vom Bahnhof aus den Gedenkstein von 1951 und die gesamte Gedenkanlage nicht mehr sehen konnte.

Dank an ehrenamtliches Engagement
Bürgermeister Horst Busse und die Gemeindevertretung Sülstorf beeindruckte in den folgenden Wochen und Monaten die großartige ehrenamtliche Unterstützung vieler Firmen und auch Schüler/innen.
Der Dank gilt insbesondere den Firmen Landschaftsarchitektur Proske, Agp Lübesse, Erdbau Sülte, Otto Dörner mit Niederlassung in Holthusen, Kommunikationsanlagenbau Edgar Drossel sowie den Stralendorfer und Rastower Lehrerinnen und Schülerinnen und Schülern für die ehrenamtliche Unterstützung bei der Neugestaltung der Gedenkstätte sowie den Gemeindearbeitern aus Sülstorf und auch der Künstlerin Dörte Michaelis.

Eine Informationsstele aus Edelstahl mit einem historischen Foto und ein Klinkerpodest mit Tafel informieren über die Geschichte der Gedenkstätte. Die Grablage wurde schlicht gestaltet und der Gedenkstein von 1951 ist nun weithin sichtbar.

Hintergrund: Der KZ-Zug von Sülstorf, Räumungstransport aus dem KZ Helmstedt-Beendorf
Auf dem Nebengleis des Bahnhofes Sülstorf stand vom 13. bis zum 15. April 1945 ein Zug mit fast 4.500 männlichen und weiblichen Häftlingen. Es war der Räumungstransport aus dem KZ Helmstedt-Beendorf, einem Außenlager des KZ Neuengamme. Die Männer kamen am 15. April in das KZ-Außenlager Wöbbelin, die Frauen wurden mit dem Zug bis zum 21. April 1945 weiter in die Außenlager Hamburg-Sasel und Hamburg-Eidelstedt deportiert.
Mehr als 300 Häftlinge dieses Transportes vieler Nationen und Konfessionen kamen in den drei Tagen in Sülstorf aufgrund von Mangelernährung und Misshandlungen ums Leben.
Nach der Entdeckung und Öffnung mehrerer Massengräber 1947 erfolgte die Umbettung von 53 weiblichen Opfern in Einzelgräber. Der Ehrenfriedhof wurde 1951 zu einer Gedenkstätte umgestaltet. Die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg ließ den Gedenkstein aus Granit setzen.

Greifswald: Gedenkveranstaltung „Licht ins Dunkel – Kein Vergessen“ am 09.11.15

Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Reichspogromnacht in Greifswald

Das Bündnis Greifswald für Alle lädt am Montag, 09.11.15, zu einem Gedenkgang entlang der Stolpersteine durch die Innenstadt ein. Treffpunkt ist um 18 Uhr der Rubenow-Platz. Dann geht es mit würdigenden Worten an einigen Standorten der Stolpersteine vorbei zum Marktplatz.

Seit einigen Wochen bereiten uns altbekannte Nazis sowie Patrioten zusammen mit sogenannten “besorgten Bürgern” mit ihren Demonstrationen und Kundgebungen Sorgen.

Wir wollen mit unserem Gedenkgang am geschichtsträchtigen 9. November auch an dunkle Zeiten in Deutschland erinnern und gleichzeitig im Gedenken an den 9. November 1989 an lichte Tage anschließen. Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Asylsuchenden dürfen gerade in diesem Gedenken keinen Platz in Deutschland und in Greifswald haben.

Wenn sich der Ungeist wieder meldet, wollen und dürfen wir nicht wegschauen. Kerzen und Lampions sind bei unserem Rundgang als Zeichen für Erinnerung und Menschlichkeit erwünscht.

Waren: Vortrag & Diskussion „Faschismus und Zweiter Weltkrieg – Wen interessiert das noch?“ am 24.09.15 im Haus des Gastes

24.09.2015 | 18 Uhr 30 | Haus des Gastes in Waren

Ist die Geschichte Deutschlands in den Jahren zwischen 1933 und 1945 inzwischen nicht schon für mehrere Generationen der Nachgeborenen zu einem Lehrstoff geworden wie viele andere? Oder auch zu einem Gegenstand der Unterhaltung in Kinos und vor dem Fernseher wie andere Gegenstände und Themen auch? Wer fragt, ob uns diese Zeiten noch mehr zu sagen hätten als die bloße Erkenntnis, dass es sich im Frieden besser lebt als im Kriege? Es gibt Fragen, die jedoch für die Gegenwart nutzenbringend untersucht und durchacht werden können. Eine lautet: Wie kam es eigentlich, dass sich Millionen Deutsche Großväter und Urgroßmütter der heute Lebenden, zu Mittätern oder Helfern oder Instrumenten eines verbrecherischen Regimes machen ließen? Ist die Frage mit dem Fingerzeig auf Lügner und Betrüger abgetan? Mit diesen und anderen Fragen wird sich der Referent Prof. Dr. Kurt Pätzold in seinem Eingangsreferat beschäftigen. Anschließend wird es Gelegenheit zur Diskussion geben.

Eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern.

Pasewalk: Ausstellungseröffnung „Besiegte Menschheit“ am 21.09.15 im Oskar-Picht-Gymnasium

„Was ist das – das Feld der Ehre? Diese fluchwürdigen Phrasen, die Millionen das Leben kosten! Sie müssen endlich entlarvt werden.“*
*Leonhard Frank

In dieser Ausstellung der Friedensbibliothek der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg zum 1. Weltkrieg stehen Menschen mit ihren Schicksalen und Haltungen der jeweiligen Kriegsjahre im Mittelpunkt: Kriegsgegner und Deserteure kommen zu Wort und die Vorgeschichte des Krieges wird dokumentiert.

Die Eröffnung findet am 21.09. um 14 Uhr statt. Die Ausstellung kann dann bis zum 2. Oktober 2015 montags bis freitags zwischen 9 und 14 Uhr in der Europaschule Oskar-Picht-Gymnasium (Grünstraße 63 , 17309 Pasewalk) besichtigt werden.

Eine gemeinsame Ausstellung der Rosa-Luxemburg-Stiftung MV, mit dem Tacheles e.V. und dem Oskar-Picht-Gymnasium.

Aufruf zum Weltfriedenstag 2015 in Rostock

Der 1. September ist der Tag, der an den faschistischen deutschen Überfall auf Polen 1939 und damit die Auslösung des Zweiten Weltkriegs erinnert. In diesem Jahr, 70 Jahre nach 1945, denken wir auch an die Befreiung vom Faschismus, die diesen Krieg beendete. Frieden zu fordern, ist besonders an diesem Tag nötig. Denn die Lehren aus der Geschichte sind nicht gelernt.

„Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen!“ Mit diesen Worten wird Franz Josef Strauß (CSU) aus dem Jahr 1949 zitiert. Aber das war nur der Populismus einer Rede im Wahlkampf zum ersten Deutschen Bundestag. Bald erfolgte die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Heute ist Deutschland das viertgrößte Waffenexportland und schickt wieder Bewaffnete in die Welt: angeblich in Friedensmissionen oder zu Ausbildungszwecken, in Wirklichkeit zur Durchsetzung ökonomischer und strategischer Interessen.

Und wir sind auch nicht befreit: Aus den Ländern, bei deren Zerstörung die bundesdeutsche Außenpolitik geholfen und damit auch Kräften wie dem IS den Weg bereitet hat, in die deutsche Waffen gehen und in denen sich die Bundeswehr „engagiert“, kommen Flüchtlinge zu uns. Hier gibt es viele Menschen, die ihnen helfen wollen. Aber hier werden sie auch mit Steinen beworfen, ihre Heime werden angezündet, in einer hessischen Kleinstadt wurde eine geplante Flüchtlingsunterkunft mit Schlachtabfällen von Schweinen beschmiert, ausländerfeindliche Hetze wird verbreitet. Hier tobt sich eine Gesinnung aus, die man viel zu lange hat gewähren lassen. Hatte man den NSU noch als isoliertes Trio schönzureden versucht, kann man jetzt nicht mehr leugnen, was mit Pegida nach oben geschwappt ist: die Ideologie des Faschismus. Sie versucht, in alle Lebensbereiche einzudringen und auch die Friedensbewegung zu unterwandern.

Noch ist das aber die Minderheit. Es macht Mut, zu sehen, wie das Verständnis der meisten Menschen für die Lage der Flüchtlinge tagtäglich der offiziellen Politik Lehren erteilt. Viele von diesen Menschen werden sich auch die Frage gestellt haben, warum so viele Flüchtlinge kommen. Sie brauchen wir in der Friedensbewegung.

Daneben beschäftigen uns an diesem Tag weitere Themen: die NATO-Russland-Konfrontation an den Grenzen der EU und Chancen für eine friedliche Zukunft; der Einsatz gegen Atomwaffen und das Leben in einer Welt ohne die tägliche Bedrohung durch sie; Rostock als Marinestandort und Möglichkeiten der zivilen Nutzung von militärisch genutzten Flächen, Materialien und Arbeitsplätzen; der Werbefeldzug der Bundeswehr in Schulen und Sportvereinen; und andere mehr.

Kommt am Dienstag, dem 1. September, um 16 Uhr auf den Rostocker Universitätsplatz zu Informationsständen, Reden und Musik!

Unter den Rednern werden sein:
▪ Thomas Fröde, Geschäftsführer der Region Rostock-Schwerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)
▪ Prof. Dr. Wolfgang Methling, langjähriger Politiker der Partei DIE LINKE
▪ Vertreter der Friedensinitiative Bad Kleinen

Es spielen die Zartgesottenen Melodealer mit einem bissigen Liederprogramm gegen den Krieg.

Gegen die Flüchtlingspolitik der EU!
Gegen das Wiederaufkommen des Faschismus!
Gegen die tägliche Militarisierung!
Für eine friedliche, zivile und gerechte Welt!

Rostocker Friedensbündnis
Regionalgruppe Mittleres Mecklenburg der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK)

Rostock: Würdevolles Gedenken an 70. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

++ Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis am 5. August in Rostock +++ Rund 100 Teilnehmer*innen kamen zum Schwaanenteich und ließen Teelichter schwimmen +++ entschlossene Friedenspolitik in Abgrenzung Neurechter Querfrontstrategien nach wie vor notwendig +

Von Marko Neumann

Vergangene Woche fanden in vielen Städten und Orten Gedenkveranstaltungen anlässlich des 70. Jahrestags der Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki statt. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es würdige und gleichzeitig mahnende Veranstaltungen, so unter anderem in Rostock. Aufgerufen zu der Gedenkveranstaltung in der Hansestadt hatten das Rostocker Friedensbündnis gemeinsam mit der Regionalgruppe DFG-VK Mittleres Mecklenburg (Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen) und der Vereinigung IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung).


Bild: An der Straßen entlang des Schwaanenteiches machte ein erstes Transparent auf das Gedenken aufmerksam.

Am Abend des fünften Augusts versammelten sich etwa 100 Menschen am Schwaanenteich in der Nähe der Rostocker Kunsthalle. Gekommen waren Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Spektren: Junge und Ältere, Vertreter*innen verschiedener Verbände, Parteien, Initiativen und selbst einfache Bürger*innen, die sonst kaum zu solchen Veranstaltungen erscheinen, waren vor Ort.


Bild: Transparente und Plakate informierten Teilnehmer*innen und Passant*innen gleichermaßen über die Gefahren der Atomenergie und die Auswirkungen von Atombomben.


Bild: Der japanische Steingarten am Schwaanenteich in der Nähe der Kunsthalle in Rostock.

Unter anderem ein japanischer Steingarten am Schwaanenteich erinnert seit rund 25 Jahren an die Opfer der Atomangriffe im August 1945 und zeugt gleichzeitig von einer jahrelangen freundschaftlichen Beziehung zwischen der japanischen Stadt Kyoto und der Hansestadt Rostock.

An verschiedenen Stellen um den Schwannenteich wurde Plakate und Transparente aufgehangen, die sich auch dem Interesse von Passant*innen erfreuten.

Um 20 Uhr begann die Kundgebung mit einigen einleitenden Worten von Cornelia Mannewitz als Vertreterin des Rostocker Friedensbündnis‘. Es folgten unter anderem verlesene Zeitzeugenberichte und eine kurze Erzählung über die Geschichte der blockübergreifenden Antiatombewegung in den 1980er Jahren. Unterbrochen wurden die inhaltlich sehr starken Beiträge durch japanische Musik.


Bild: Während der Kundgebung am japanischen Garten.

Anschließend gingen die Teilnehmer*innen der Kundgebung an den Schwaanenteich, um dort mehrere hundert Teelichter in Erinnerung an die Toten und Verletzten der Bombenangriffe schwimmen zu lassen. Obwohl es vorbereitete Schiffchen gab, brachten auch viele Menschen eigene Kerzen mit. Der langsame Untergang der Sonne sorgte zusätzlich für eine würdige Atmosphäre, während die Lichter ins Wasser gelassen wurden.


Bild: Über 300 Kerzen wurden auf dem Schwaanenteich schwimmen gelassen, um an den Opfern der Atombombenangriffe zu gedenken.

Nachdem die Teelichter über den See schwammen richtete Frau Mannewitz erneut das Wort an die Anwesenden. Wieder rundete japanische Musik die weiteren Wortmeldungen ab. Schließlich wurde die Veranstaltung beendet und die Teilnehmer*innen gingen langsam auseinander. Wie so oft bei Veranstaltungen dieser Art nahmen auch hier viele Menschen die Gelegenheit nach dem Gedenken wahr, sich über ihre Gedanken sowohl zu den historischen Ereignisse vor 70 Jahren als auch über aktuelle politische Themen auszutauschen.

Ein herzlicher Dank geht an die Organisator*innen und an alle Teilnehmer*innen der Veranstaltung. Trotz des Endes des Kalten Krieges und der damit einhergehenden direkten Bedrohung zweier atomarer Superblöcke ist die Gefahr, die von Atomenergie und Kriegen ausgeht, nicht gebannt. Eine entschlossene Friedenspolitik bei deutlicher Abgrenzung von Neurechten Querfrontstrategien ist heute genauso nötig, wie während des historischen Kalten Krieges.

Eine längere Fotostrecke gibt es auf Facebook.

Rostock: Gedenkveranstaltung für Hiroshima und Nagasaki – Kerzen auf dem Schwanenteich am Abend des 5. August

2015 jähren sich die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zum 70. Mal. Aus diesem Anlass wird es eine Gedenkveranstaltung am Mittwoch, dem 5. August, am Schwanenteich in der Nähe der Kunsthalle geben. Zwischen 20 und 22 Uhr, etwa zu der Zeit Mitteleuropäischer Zeit, als am 6. August 1945 die Bombe auf Hiroshima fiel, wollen wir nach japanischer Tradition für die Opfer brennende Kerzen auf das Wasser setzen. Kurze Redebeiträge, Gedichte und Musik sollen die Aktion umrahmen.

Auch an anderen Orten in Deutschland werden an diesem Abend auf Flüssen, Seen und Teichen Lampions schwimmen. Wir haben noch dazu die Möglichkeit, unser Gedenken in der Nachbarschaft eines kleinen Zen-Gartens am Ufer des Schwanenteichs stattfinden zu lassen. Seine Anlage geht auf eine gemeinsame Freundschaftsinitiative der Städte Rostock und Kyoto Ende der 1980-er Jahre zurück.

Träger der Veranstaltung sind das Rostocker Friedensbündnis, IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung) und die Regionalgruppe DFG-VK Mittleres Mecklenburg (Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen). Merkt euch den Termin vor und kommt zahlreich!

Rostock: Veranstaltung „Südafrika und der Widerstand gegen die Apartheid“ am 11.06.15 im Peter-Weiss-Haus

Die Veranstaltung ist eine multimediale Präsentation mit anschließender Diskussion über die Geschichte und Gegenwart Südafrikas. Der Fokus liegt hierbei auf der Schwarzen Widerstandsbewegung gegen die Apartheid – die Rassentrennung Südafrikas, welche das Land gut ein Jahrhundert prägte und auch heute noch ein relevantes Thema ist. Mit einigen Videobeispielen, Bildern, Liedern und persönlichen Ergänzungen soll die Widerstandsbewegung Südafrikas vorgestellt und diskutiert werden.

Los geht’s am 11. Juni im Peter-Weiss-Haus ab 20 Uhr.

Kommt vorbei!

Rostock: Lesung „Meuten, Swings & Edelweisspiraten- Jugendopposition im NS“ am 15.05.15 im Café Median

Ob Swingjugend, Edelweißpiraten, Meuten, Fahrtenstenze in Hamburg, Köln, Leipzig, Berlin, München und anderswo – überall in Deutschland gründeten sich zwischen 1933 und 1945 Jugendgruppen, die sich dem NS-Regime verweigerten und stattdessen ihre eigenen Subkulturen pflegten. Mit eigenem Dresscode, eigenen Liedern und eigener Freizeitgestaltung, autonom und selbstbestimmt. Dafür scheute man auch nicht die direkte Konfrontation mit der Hitlerjugend und drängte stellenweise sogar deren Einfluss zurück, mit Flugblättern, Anti-Nazi-Graffitis, Überfällen auf HJ-Heime – nicht nur in Großstädten, sondern auch in der Provinz.

Erstmalig bietet ein Buch eine breite Übersicht über oppositionelles bzw. Widerstandsverhalten von Jugendlichen während der NS-Zeit. Der Fokus liegt dabei auf selbstbestimmten, informellen Gruppen, die sich aufgrund persönlicher Sympathien sowie kultureller Vorlieben für Musik und Kleidung zusammengeschlossen haben. Demgegenüber wird die Entwicklung der Hitlerjugend aufgezeigt und ihr Scheitern an der Aufgabe, die gesamte deutsche Jugend zu führen.

Amerikanische Swing-Musik ließ zudem Mitte der 1930er-Jahre die erste Jugendkultur der Moderne in Deutschland entstehen – eine Keimzelle für alle folgenden Subkulturen des 20. Jahrhunderts. Wie es zu dieser Entwicklung kam, erklärt dieses Buch.

Sascha Lange hat für „Meuten, Swings & Edelweißpiraten“ viele ehemalige subkulturelle Aktivistinnen und Aktivisten zu Interviews getroffen, Quellen und Archivmaterial ausgewertet und ein umfangreiches Bildarchiv angelegt. So ist das Buch Materialsammlung und Einführung in die ersten Jugendkulturen der Moderne zugleich, ein bildreiches Nachschlagewerk, das zeigt, wie und wo Jugendliche sich dem Zwang des Nationalsozialismus entzogen.

Wann und wo?
Die Lesung beginnt am 15.05.2015 ab 19 Uhr im Café Median.

Faschismus als Sprungbrett in die moderne Gesellschaft? – Zum Forschungsstand einer Debatte

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob und inwiefern faschistische Regime in Europa einen Anteil am Entstehen „moderner“ Gesellschaften hatten. Insbesondere das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutsche Reich werden im Zuge dieser Modernisierungsdebatte beleuchtet.

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Unterschiedliche Vertreter_innen der Wissenschaft interpretieren den Faschismus als gewaltsamen Versuch einer beschleunigten Modernisierung oder gegensätzlich als Revolte gegen die Moderne, die an dieser Stelle aufgezeigt und teilweise bewertet werden sollen.

Borkenau & Dahrendorf: Faschismus als Schub in die moderne Gesellschaft?

Der Modernisierungsansatz geht auf Franz Borkenau zurück, der bereits 1933 von der verspäteten und überhasteten Entwicklung des Kapitalismus in Italien und Deutschland ausgehend den Faschismus als eine Art von Entwicklungsdiktatur interpretierte. Faschismus ist für ihn eine immanente Notwendigkeit des industriellen Systems, um vorhandene „Störungen“ zum Aufbau eines „modernen“ Staates zu beseitigen und das Funktionieren des Staatsapparates sowie des industriellen Fortschritts zu garantieren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befasste sich Ralf Dahrendorf mit der Thematik und baute die Theorie aus. Der Nationalsozialismus habe laut Dahrendorf „die in den Verwerfungen des kaiserlichen Deutschlands verlorengegangene, durch die Wirrnisse der Weimarer Republik aufgehaltene soziale Revolution vollzogen“. Ihr Kern sei „der brutale Bruch mit der Tradition und Stoß in die Modernität“, und Hitler habe die dazu notwendige „Transformation der deutschen Gesellschaft“ bewirkt.

Beide sehen also die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die durch faschistische Regime erwirkt wurden, einen deutlichen Entwicklungsschub für die künftigen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Modernisierungsansätze versuchen den Nachweis zu führen, dass die in Deutschland nicht erfolgte bürgerliche Revolution unbewusst von den Nazis durch die Zerstörung feudaler und traditionaler, die Entfaltung der Demokratie in der Weimarer Republik behindernder Strukturen, herbeigeführt wurde. Dies gilt den Modernisierungstheoretikern als Voraussetzung für die stabile Demokratie der Bundesrepblick nach 1949. Die Anschlussfähigkeit des Dritten Reiches an die bürgerliche Demokratie – die allgemein als „die moderne Gesellschaft“ angesehen wird – sah Dahrendorf 1949 darin, dass die traditionellen Hindernisse in der deutschen Sozialstruktur nach dem Ersten Weltkrieg, welche das Scheitern der Weimarer Republik vorprogrammierten, von den Nazis beseitigt worden war.

Umberto Eco, Henry A. Turner und co.: Technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Rückstand

Die Theorie der Modernisierung durch faschistische Regimes stehen jedoch starke Argumente und Thesen entgegen, die sich nicht ignorieren lassen. Zwei der bekanntesten Kritiker_innen der Modernisierungstheorie nach Dahlendorf sind Umberto Eco und Henry Ashby Turner. So schreibt Eco:

„Sowohl Faschisten als auch Nazis huldigten dem technologischen Fortschritt, während traditionalistische Denker diesen für gewöhnlich als Negation von traditionellen geistigen Werten ablehnen. Jedoch selbst wenn der Nazismus stolz auf seine industriellen Errungenschaften war, war dessen Lob der Moderne nur die Oberfläche einer Ideologie, die auf „Blut und Boden“ basierte.“

Als Essenz des Faschismus sieht Turner sogar „eine Revolte gegen die moderne Industriegesellschaft und den Versuch, eine ferne mythische Vergangenheit zurückzuerobern.“ Um ihre fortschrittsfeindlichen Ziele verfolgen zu können, hätten Nazis zwangsläufig eine industrielle Kriegsmaschinerie aufbauen müssen, jedoch hätten sie alles andere als eine Modernisierung der deutschen Gesellschaft beabsichtigt. Jeffrey Herf konstatiert schließlich, der Nationalsozialismus habe Modernisierungsprozess in Deutschland angehalten und nicht gefördert.

Tatsächlich sind die empirischen Befunde, die gegen eine Modernisierungstendenz des Dritten Reiches sprechen, ernüchternd. Beispielsweise setzt die Liberalisierung der Familienstruktur erst in der Bundesrepublik ein. Bei der Elitenrekrutierung wurden ebenfalls moderne Kriterien erst nach 1945 wieder relevant. Auch spricht das empirische Material dagegen, dass sich die Chancengleichheit zwischen Männern im Dritten Reich vergrößerte.

Jens Albert stellte fest, dass „erst die Zerstörung des nationalsozialistischen Regimes, die darauf folgende Teilung Deutschlands, die die Sozialstruktur der BRD in die Kultur-, Wirtschafts-, und Verteidigungsgemeinschaft des Westens […] die Grundlagen für eine erfolgreiche Modernisierung des Landes“ schufen, „die einen radikalen Kontinuitätsbruch mit der deutschen Vergangenheit darstellt“.

Aus diesem Ansatz ergibt sich Frage: Ist der Faschismus eine von außen auf die deutsche Geschichte einwirkende Kraft oder ist er ein Resultat der deutschen Geschichte?

Wolfgang Schieder: Kriterien für modernisierungstheoretische Fragestellungen

Die eigentliche Frage muss lauten, wie der Nationalsozialismus in den Gang der Moderne einzuordnen ist. Und dies kann nicht intentionalistisch bestimmt werden. „Modernisierung“ ist theoretisch gesehen nicht von politischen Entscheidungsprozessen abhängig. Sie vollzieht sich nicht wegen, sondern vielmehr trotz dieser.

Für die modernisierungstheoretische Bewertung der Zeit des Dritten Reiches ist darüber hinaus entscheidend, was sich in sozialpolitischer Hinsicht tatsächlich verändert hat. Dabei sind dreierlei Dinge zu berücksichtigen. Zum einen lassen sich modernisierungstheoretische Fragestellungen nur über Langzeituntersuchungen beantworten. Die Epoche des Dritten Reiches ist für sich genommen zu kurz, um über gesellschaftliche Veränderungsprozesse Auskunft geben zu können.

Zum anderen geht man von falschen Voraussetzungen aus, wenn man „Modernisierung“ als einen linearen Prozess ansieht, der irgendwann zum Ziel kommt. Anstatt immer nur die Fortschrittsfrage zu stellen, ist es viel sinnvoller, den Faschismus als ein Krisenprodukt der Moderne zu verstehen. Letztens schließlich liegt auf der Hand, dass Modernisierungsprozesse nur in historischer Vergleiche mit anderen Gesellschaften untersucht werden können. Die sozialwissenschaftliche Theorie ist hier durchweg wertend verfahren. Versuche einer objektiven analytischen Herangehensweise fehlen oft völlig. Die westlich-bürgerlichen Demokratien galten lange als das Maß aller Dinge. Weiter wurde oft behauptet, dass sie eine global gültige Schablone lieferten, an dem sich alle anderen Gesellschaften orientieren sollten. Beides ist längst fragwürdig geworden, das heißt aber nicht, dass damit die ganze Modernisierungstheorie in Gänze falsch wäre.

Faschismus: Modernisierung oder Ausdruck einer Krise?

Nun wird immer wider behauptet, dass der Faschismus ungeachtet seiner eigenen Zielstellung wider Willen doch „modern“ gewesen sei. Und selbstverständlich war der Faschismus Teil der „Moderne“ – was sollte er im 20. Jahrhundert auch anderes sein?! Die bloße Einordnung in einen zeitlichen Rahmen reicht aber nicht aus, um von einer Moderne im Sinne einer fortschrittlichen Gesellschaft zu sprechen.

Italien und Deutschland gelten als sogenannte „verspätete Nationen“, die Prozesse der „nationalen Identitätsfindung“, der „politischen Verfassungsfindung“ und des „wirtschaftlichen Strukturwandels“ setzten in diesen beiden Ländern später ein, als anderswo. In dieser Dreifach-Krise kann der Ursprung des Faschismus gesucht werden. Er war die politische Antwort auf eine nicht zu bewältigende Modernisierungskrise. Er ist daher auch nicht unter dem Aspekt der Modernisierung, sondern unter dem einer Modernisierungskrise zu diskutieren.

Oft wird auf alle möglichen Entwicklungen verwiesen, welche sich in Italien und Deutschland in faschistischer bzw. nationalsozialistischer Zeit trotz allem vollzogen hätten. Solchen Ansichten kann nur schwer gefolgt werden, da es nahezu unmöglich ist, festzustellen, was sich ohne, gegen oder mit dem Faschismus entwickelt hat bzw. hätte. Selbst wenn es gewisse Teilmodernisierungen gegeben hat, muss doch immer die Frage gestellt werden, ob nicht ein ungleich größerer Modernisierungsschub möglich gewesen wäre, wenn man nicht den faschistischen Weg gegangen wäre.

Das scheinbar Moderne am Faschismus ist sein politischer Stil: die Ausnutzung der Technik und der Medien, vom Auto und Flugzeug bis zum Rundfunk. Der scheinbar moderne Habitus des Faschismus beider Gestalt führt deshalb nicht an dem Urteil vorbei, dass beide in ihren Ländern das „Projekt der Moderne“ auf verhängnisvolle Weise gestört haben.

Konzentrationslager in Mecklenburg-Vorpommern

Kaum eine andere Institution steht symbolisch und tatsächlich so deutlich für den menschenverachtenden Terror der Nazis, wie das engmaschige Netz aus Konzentrations- und Vernichtungslager.

Von Marko Neumann

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es mehrere solcher Lager, von denen einige nur wenige Monate vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches errichtet wurden. Zwar wurden erst im späteren Verlauf des Krieges Außenlager auf dem Gebiet des heutigen MV errichtet, ihre Bilanz ist dadurch aber nicht weniger schrecklich.


Bild: Die KZ-Gedenkstätte in Barth in Mecklenburg-Vorpommern.

Von „Wilden-“ zu „Konzentrationslager“
Nachdem die sogenannten „Wilden Lager“, die bereits kurz nach der Machtübertragung an die Nazis im ganzen Land errichtet worden waren, wieder geschlossen werden sollten, wurde die Errichtung der sogenannten Konzentrationslager beschlossen. Am 20. März 1933 hatte Heinrich Himmler, Reichsführer SS und damals kommissarischer Münchner Polizeipräsident, die Errichtung eines KZ für politische Gegner des Nationalsozialismus angekündigt. Auf dem Gelände einer ehemaligen Pulverfabrik bei Dachau sollte das erste dieser neuen Lager entstehen und schon einen Tag nach Himmlers Dekret trafen die ersten „Schutzhäftlinge“ ein. Damit legte Himmler den Grundstein für ein Imperium des Schreckens. Im Juni 1933 wurde Theodor Eicke, ein Nationalsozialist der ersten Stunde und mittlerweile ranghoher SS-Offizier, zum Kommandant des KZ Dachau ernannt. Er entwickelte das typische Lagerregiment, die äußere Organisation mit Wachtürmen, unter elektronischer Hochspannung stehenden Zäunen und die Richtlinien der Verwaltung, die schließlich in allen Konzentrationslagern bis zum Ende des Dritten Reiches Geltung hatten.

Außenlager auf dem Gebiet des heutigen MV
Zwar sind für das heutige Territorium Mecklenburg-Vorpommerns keine Stammlager bekannt, dennoch gab es eine Vielzahl von Außenlagerstandorte, die dem KZ Ravensbrück oder dem KZ Neuengamme unterstellt waren. Sie belegen die große Spannbreite der Arbeits- und Existenzbedingungen für die Häftlinge in den Lagern. Sie reichen vom kleinen Außenkommando mit „Bibelforschern“ in einem Forschungsinstitut in Sassnitz bis zum Außenlager für die Heinkel Flugzeugwerke in Barth mit einer extrem hohen Sterberate. Einige Lager erhielten am Ende des Krieges die Funktion eines Auffanglagers für zahlreiche Standorte. Die Überbelegung der Lager mit gleichzeitig ausbleibender Verpflegung und medizinischer Betreuung ließ die Sterbezahlen in die Höhe schnellen. Beispiele dafür sind die Außenlagerstandorte Wöbbelin und Neustadt-Glewe.
Für das KZ Ravensbrück konnten bisher die Existenz von 43 Außenlagern zwischen 1942 und 1945 nachgewiesen werden. Davon befanden sich vierzehn Standorte auf dem heutigen Gebiet MV’s.
Von den insgesamt 87 Außenlagern des KZ’s Neuengamme befanden sich auf dem heutigen Territorium von Mecklenburg-Vorpommern vier. Die nur temporär eingesetzten Häftlingsgruppen auf dem Darß 1941 gehören zu den ersten Außenkommandos von Neuengamme. Zwei der Außenlager in Westmecklenburg, Boizenburg und Wöbbelin, sind sehr gut untersucht und markiert.

KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter_innen
1942 wendete sich das Krieggeschehen allmälig. Arbeitskräfte wurden zunehmend knapp im Deutschen Reich, weil immer mehr Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Schon früh wurden Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in den unterschiedlichsten Agrar- und Industriebereichen eingesetzt. Dennoch reichten die Arbeitskräfte nicht aus und es wurde fieberhaft nach weiteren Lösungen für die Engpässe gesucht. Eine mögliche Lösung war schnell gefunden. Nach der Übernahme der Inspektion der Konzentrationslager als Amtsgruppe D in das neu gebildete SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) beschrieb der Chef des WVHA Oswald Pohl den beabsichtigten Funktionswandel des KZ-Systems in einem Brief an Heinrich Himmler vom 30.04.1942 folgender Maßen:

„Der Krieg hat eine sichtbare Strukturveränderung der Konzentrationslager gebracht und ihre Aufgabe hinsichtlich des Häftlingseinsatzes grundlegend geändert. Die Verwahrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein steht nicht mehr im Vordergrund. Das Schwergewicht hat sich nach der wirtschaftlichen Seite hin verlagert.“

Nach einem mehrere Monate andauernden Ringen zwischen SS, Industrie, Wehrmachtsbehörden und Rüstungsministerium einigte man sich im September 1942, KZ-Häftlinge zukünftig an die Rüstungsindustrie zu vermieten. Auf Grundlage des gerade genannten Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Fritz Saukel, 50.000 zivile Arbeitskräfte aus den besetzten Gebiete heranzuschaffen, scheiterten die Pläne Pohls die jüdischen Häftlinge als Arbeitskräfte einzusetzen. Die verbliebenen jüdischen Häftlinge wurden Ende 1942 aus den Konzentrationslager im Reich in die Vernichtungslager deportiert.

Auch Lager in Mecklenburg und Vorpommern als Teil des Holocausts begreifen
Für viele der bereits stark geschwächten jüdischen Häftlinge aus dem Osten verwandelten sich einige Lager in Sterbelager. Damit sind diese Außenlagerstandorte auch Schauplätze des Völkermords an den Juden Europas, der Sinti und Roma sowie anderer Opfergruppen.
Die Häftlinge in diesen Lagern waren völlig rechtlos, der Willkür und Brutalität der SS ausgesetzt, mussten Zwangsarbeit leisten und lebten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen mit einer völlig unzureichenden Versorgung an Nahrung und Medikamenten. Die Todesbedrohung war allgegenwärtig.
Am Kriegsende wurden die meisten dieser Lager aufgelöst, die Häftlinge auf Transporte in andere Lager wie Malochw, Neustadt-Glewe und Wöbbelin geschafft. Das führte zu einer unbeschreiblichen Überfüllung der noch bestehenden Lager, die Todeszahlen explodierten bis zur Befreiung durch die alliierten Truppen förmlich. Das Geschehen auf den Todesmärschen der KZ-Häftlinge von Sachsenhausen und Ravensbrück in Richtung Nordwesten sowie auf den Häftlingsschiffen in der Lübecker Bucht stellen das letzte Kapitel des faschistischen Terrors auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns dar. Mehrere tausend Menschen starben auch hier an der menschenverachtenden Behandlung durch die Aufseher_innen, der fehlenden Verpflegung und medizinischen Versorgung und in den letzten Wochen des Bestehen des Dritten Reiches während den Todesmärschen aus den bereits befreiten Lagern.




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