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Ilja Ehrenburg: „Die Moral der Geschichte“

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges blieb Ilja Ehrenburg ein gefragter Schriftsteller. Als Beobachter der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse berichtete er weiterhin für verschiedene Zeitungen. Der Artikel „Die Moral der Geschichte“ wurde erstmal im Dezember 1945 in der Zeitung „Is­wes­ti­ja“ veröffentlicht.

Wie be­kannt, ver­sucht einer der „Stars“ des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses, der „Thron­fol­ger“ des Füh­rers, Ru­dolf Heß, sich als un­zu­rech­nungs­fä­hig aus­zu­ge­ben. Dafür hat er sich nicht auf Grö­ßen­wahn ver­legt (zu spät), nicht auf sim­ple Geis­tes­schwä­che (zu pein­lich), son­dern auf Ge­dächt­nis­ver­lust; Amne­sie scheint ihm die Krank­heit der Sai­son zu sein. Als man Heß einen Film zeig­te – eine fa­schis­ti­sche Pa­ra­de in Nürn­berg –, er­kann­te der Stell­ver­tre­ter des Füh­rers sich selbst nicht wie­der. Ex­per­ten haben ihn sorg­fäl­tig un­ter­sucht, und das ist das Er­geb­nis, zu dem die be­deu­tends­ten Psych­ia­ter ge­kom­men sind: „Wir neh­men an, dass das Ver­hal­ten des An­ge­klag­ten von ihm zum ers­ten Mal zum Schutz an­ge­wandt wurde unter den Be­din­gun­gen, in die er in Eng­land ge­riet, die­ses Ver­hal­ten ist jetzt teil­wei­se zur Ge­wohn­heit ge­wor­den und wird so lange an­hal­ten, wie er sich in Ge­fahr be­fin­det, be­straft zu wer­den.“

Die Ex­per­ten wei­sen dar­auf hin, dass Heß zum ers­ten Mal „das Ge­dächt­nis ver­lor“, als er von der Ka­ta­stro­phe der deut­schen Armee bei Sta­lin­grad er­fuhr. So­lan­ge die Deut­schen die Welt er­ober­ten, konn­te sich Heß an seine Titel und auch an seine Ein­künf­te gut er­in­nern. Er er­in­ner­te sich erst dann daran, dass man sich auch an nichts er­in­nern könn­te, als die Fa­schis­ten ihren Meis­ter ge­fun­den hat­ten. Dann wurde es ihm lang­wei­lig, den Kran­ken zu spie­len, und er „wurde wie­der ge­sund“. Er „wurde wie­der krank“, als die Rote Armee in Deutsch­land ein­drang. Nach­dem er von den Kämp­fen in Ost­preu­ßen ge­hört hatte, be­schloss Heß, ein für alle Mal alles zu ver­ges­sen.

Er ist nicht al­lein mit die­sem Wunsch: Von Rib­ben­trop er­klär­te kürz­lich, er habe, da er ein über­aus ner­vö­ses Wesen sei, Brom ein­ge­nom­men und sein Ge­dächt­nis ver­lo­ren. Als Heß Rib­ben­trops Er­klä­rung hörte, konn­te er nicht an sich hal­ten, er lach­te los: Der Pla­gia­tor amü­sier­te ihn.

Ich spre­che dar­über nicht, weil mich die Aus­flüch­te des einen oder an­de­ren Mis­se­tä­ters in­ter­es­sie­ren wür­den. Die Ge­dächt­nis­lo­sig­keit von Heß und die Halb­ge­dächt­nis­lo­sig­keit von Rib­ben­trop stel­len sich mir als zu­tiefst sym­bo­lisch dar: Der zer­schla­ge­ne Fa­schis­mus ver­weist auf Ge­dächt­nis­ver­lust. Wenn Sie einen ganz ge­wöhn­li­chen Mis­se­tä­ter, der Hüt­ten in Bel­o­russ­land ver­brannt und Kin­der ge­tö­tet hat, fra­gen, was er in den Jah­ren des Krie­ges getan hat, wird er be­geis­tert ant­wor­ten: „Ich habe Kar­tof­feln ge­pflanzt“ oder: „Ich habe Gänse ge­züch­tet“. Ein im zer­schla­ge­nen Nürn­berg zu­fäl­lig heil ge­blie­be­ner Rüs­tungs­be­trieb stellt jetzt Sou­ve­nir-​Zi­ga­ret­ten­etuis mit der Auf­schrift „Zur Er­in­ne­rung an den Nürn­ber­ger Pro­zess“ her, und na­tür­lich kann sich der Di­rek­tor nicht daran er­in­nern, dass der Be­trieb noch vor kur­zem Pan­zer pro­du­ziert hat …

Die an­geb­li­chen Kran­ken hof­fen wahr­schein­lich, dass nicht nur die Ver­bre­cher, son­dern auch die Opfer an Ge­dächt­nis­ver­lust er­kran­ken: Viel wür­den Heß und Rib­ben­trop dafür geben, wenn die Völ­ker die schreck­li­chen Jahre ver­gä­ßen. Aber die Völ­ker er­in­nern sich an alles, und Seite für Seite wird in Nürn­berg die Ge­schich­te der Nie­der­tracht, der Grau­sam­keit und der Bos­heit auf­ge­schla­gen.

Worin be­steht die Be­deu­tung des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses? Es gibt Ge­richts­ver­fah­ren, die durch ihre Ver­wor­ren­heit, den Wett­streit der Par­tei­en, die Schwä­che der Be­wei­se oder die Per­sön­lich­keit der An­ge­klag­ten fes­seln. Aber die ganze Mensch­heit hat ihr Ur­teil über den Fa­schis­mus lange vor dem Nürn­ber­ger Pro­zess ge­spro­chen. Und die­ser Pro­zess ist auch nur des­halb mög­lich ge­wor­den, weil die Völ­ker, die über die Un­ta­ten der Fa­schis­ten em­pört sind, ge­schwo­ren haben, das Böse zu ver­nich­ten. Wir hören die Chro­nik des Bösen, die wir aus­wen­dig ken­nen – nicht mit Tinte ist sie ge­schrie­ben, son­dern mit Blut: mit dem Blut un­se­rer Nächs­ten. Wir hören ein Buch, des­sen In­halt uns be­kannt ist.

Was die Per­sön­lich­kei­ten der An­ge­klag­ten be­trifft, was kann man über sie sagen? Wir haben klei­ne Mis­se­tä­ter vor uns, die größ­te Un­ta­ten be­gan­gen haben. Jeder von ihnen ist see­lisch und geis­tig so nichts­wür­dig, dass man sich beim Blick auf die An­ge­klag­ten­bank fragt: Haben wirk­lich diese ge­häs­si­gen und fei­gen Miss­ge­bur­ten Eu­ro­pa in Rui­nen ge­legt, dut­zen­de von Mil­lio­nen Men­schen ins Ver­der­ben ge­stürzt?

Aber wenn für das Schaf­fen Genie nötig ist, für das Zer­stö­ren ist es nicht er­for­der­lich: Pusch­kin töten konn­te auch ein De­ge­ne­rier­ter, Tol­stois Bü­cher ver­bren­nen konn­te auch ein Wil­der. Die Men­schen, über die in Nürn­berg zu Ge­richt ge­ses­sen wird, ragen geis­tig und mo­ra­lisch nicht über die Zehn­tau­sen­de ih­res­glei­chen hin­aus, von den ge­wöhn­li­chen Fa­schis­ten un­ter­schei­den sie sich nur durch ihre noch grö­ße­re Hab­gier, durch noch mehr Grau­sam­keit, durch die Kon­zen­tra­ti­on bösen Wil­lens.

Auf der An­ge­klag­ten­bank sit­zen nicht nur zwei Hand­voll blut­rüns­ti­ger Gangs­ter, auf der An­ge­klag­ten­bank sitzt der Fa­schis­mus, seine wöl­fi­sche Ideo­lo­gie, seine Heim­tü­cke, seine Amo­ra­li­tät, seine Hoch­nä­sig­keit und seine Nichts­wür­dig­keit. Wenn Men­schen aus allen Län­dern der Welt im zer­stör­ten Nürn­berg zu­sam­men­ge­kom­men sind, dann nicht nur, um der ex­em­pla­ri­schen Be­stra­fung von zwan­zig Ver­bre­chern bei­zu­woh­nen, son­dern auch, um, indem sie vor den Völ­kern eine blu­ti­ge Schrift­rol­le aus­brei­ten – die über­zeit­li­che Ge­schich­te einer noch nie da­ge­we­se­nen Untat – , die Kin­der vor der Wie­der­kehr der Pest zu ret­ten. Wir schau­en auf die Rui­nen und träu­men von den Städ­ten der Zu­kunft. Wir sehen die Mas­ken der Kin­der­mör­der und wir den­ken an Wie­gen.

Ich weiß nicht, warum sich die Hit­ler­leu­te sei­ner­zeit Nürn­berg aus­ge­sucht haben: Hier ver­an­stal­te­ten sie ihre Par­tei­ta­ge, hier mar­schier­ten die Ma­schi­nen mit ihren Ma­schi­nen­ge­weh­ren, die dann die Gär­ten Eu­ro­pas zer­tram­pel­ten. Die einen sagen, dass Nürn­berg eine Stadt der Al­ter­tü­mer war, und die Fa­schis­ten woll­ten ihre Taten wenn schon nicht mit der Mal­kunst des Füh­rers, so doch mit der Ge­schich­te ver­gan­ge­ner Er­obe­run­gen ver­bin­den. An­de­re be­haup­ten, dass Nürn­berg ein­fach ein Ei­sen­bahn­kno­ten­punkt mit einer or­dent­li­chen Zahl von Ho­tels war. Ich füge hinzu, dass Nürn­berg vor Zei­ten für seine Hen­ker be­rühmt war. Es gab in die­ser Stadt ein Mu­se­um für mit­tel­al­ter­li­che Fol­te­run­gen. Viel­leicht hat die­ses die Auf­merk­sam­keit der Bar­ba­ren des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts an­ge­zo­gen?

Indem die Ver­ein­ten Na­tio­nen Nürn­berg, ge­nau­er ge­sagt, das, was ein­mal Nürn­berg war, für den In­ter­na­tio­na­len Mi­li­tär­ge­richts­hof aus­wähl­ten, ent­schie­den sie sich, über die Mis­se­tä­ter in der Stadt Ge­richt zu hal­ten, wo ihre Miss­eta­ten vor­be­rei­tet wor­den waren. Gö­ring be­müht sich, sorg­los zu wir­ken, wie je­mand, der nicht ver­steht, warum man ihn be­lei­digt hat. Er hat Re­por­tern er­klärt, dass er „nur den Deut­schen ge­gen­über ver­ant­wort­lich ist“. Nun denn, möge Gö­ring auf die Rui­nen Nürn­bergs schau­en und ver­su­chen, sich zu er­in­nern, ob nicht er es war, der den Deut­schen ver­spro­chen hat, dass auch nicht eine feind­li­che Bombe auf deut­sche Städ­te fal­len würde. Möge er eben­so wie seine Kol­le­gen sich an die Worte des Füh­rers er­in­nern: „Nur der Deut­sche wird künf­tig ein Ge­wehr tra­gen, nicht der Russe, nicht der Pole und nicht der Tsche­che.“ Vor dem Ge­bäu­de des Ge­richts­ho­fes ste­hen mit Ge­weh­ren rus­si­sche Gar­dis­ten. Und was tut das „Her­ren­volk“ in­mit­ten der Rui­nen Nürn­bergs? Es ser­viert Kaf­fee, putzt Stie­fel und weißt die Wände des Ge­richts­ho­fes (das ist leich­ter, als sich selbst vor den Augen der Welt weiß­zu­wa­schen).

Ich würde nicht sagen, dass die An­ge­klag­ten über­mä­ßig nie­der­ge­schla­gen sind. Die At­mo­sphä­re im Ge­richt be­ru­higt sie: Sie sind ja ihre „Ge­rich­te“ ge­wohnt, wo nicht Ju­ris­ten, son­dern Fol­ter­knech­te mit den Ver­damm­ten ge­re­det haben.

Mor­gens vor Be­ginn der Ver­hand­lung un­ter­hal­ten sich die An­ge­klag­ten leb­haft mit­ein­an­der, Gö­ring be­müht sich, Dö­nitz zu er­hei­tern, Ro­sen­berg berät sich mit Frank, Papen be­lehrt Bal­dur von Schirach. In die­sen Mo­men­ten scheint es ihnen, als sei nichts pas­siert, als hät­ten sie sich im Vor­zim­mer des Füh­rers ver­sam­melt und dis­ku­tier­ten, wel­ches Land sie ab­schlach­ten woll­ten. Dann über­mannt sie der Schre­cken: Ihnen win­ken ja keine Tro­phä­en und keine Orden, son­dern zwei Pfäh­le mit einem Quer­bal­ken. Und so­fort al­tert Rib­ben­trop um zwan­zig Jahre, kratzt Strei­cher sich ner­vös und Ro­sen­berg fällt der Un­ter­kie­fer her­un­ter. Sie leben bis zum ani­ma­li­schen Ent­set­zen im Fie­ber il­lu­so­ri­scher Hoff­nun­gen auf Ret­tung. Kei­ner von ihnen denkt an das deut­sche Volk und keine ehe­ma­li­gen Titel ver­de­cken eines: Vor uns ste­hen Gangs­ter, die auf fri­scher Tat er­tappt wur­den, Gangs­ter, die zwölf Jahre lang Staats­män­ner ge­spielt haben. Jeder von ihnen ver­sucht, wie der sim­ple „Fritz“, den man ge­fan­gen­ge­nom­men hat, alles auf den Füh­rer ab­zu­wäl­zen. Kei­tel, einer der Grund­pfei­ler des drit­ten Rei­ches, tut so, als sei er ein ge­wöhn­li­cher Sol­dat – er habe nur Be­feh­le aus­ge­führt, und von Rib­ben­trop schwört, dass die Di­plo­ma­ten Hit­lers nicht für die Sol­da­ten Hit­lers ver­ant­wort­lich seien.

Ich habe sie auf der An­ge­klag­ten­bank ge­se­hen! An diese Stun­de habe ich ge­dacht vor Rshew, vor dem bren­nen­den Brjansk, in Kiew vor Babi Jar, in Minsk und in Wilno. Ich sehe sie an und ich er­in­ne­re mich an ihre Taten – die Stra­ßen von Paris, durch die die Sol­da­ten Kei­tels gin­gen, un­se­re jun­gen Mäd­chen, die von Sau­ckel ge­schun­den wur­den, das Leid Po­lens – dort tobte Frank – , die Asche Bel­o­russ­lands und der Ukrai­ne – dort wü­te­te Ro­sen­berg. Sind es nur acht Rich­ter, die sie rich­ten? Nein. In dem Saal in Nürn­berg sind meine Brü­der, meine Schwes­tern, die durch Hun­ger zu Tode ge­quäl­ten Ge­fan­ge­nen, die Kin­der, die in Gas­wa­gen er­stickt wor­den sind, die Schat­ten von Ma­jda­n­ek, Ausch­witz und Treblin­ka und das Blut der Gei­seln, die Asche der rus­si­schen Städ­te, die schwar­ze Wunde Le­nin­grads. Es rich­tet die Mensch­heit, und es rich­tet jeder.

Im Ge­richts­saal hängt ein Re­li­ef: Adam und Eva. Viel­leicht haben die klei­nen deut­schen Lang­fin­ger, die man sei­ner­zeit in die­sem Saal ver­ur­teil­te, an den Sün­den­fall ge­dacht. Diese Scheu­sa­le da­ge­gen haben eine sol­che Er­in­ne­rung nicht nötig: Sie wis­sen gut, was sie getan haben – sie hat nie­mand ver­führt, sie selbst haben Mil­lio­nen ihrer Lands­leu­te ver­führt. Als Gö­ring ge­fragt wurde, wel­ches Amt er im drit­ten Reich in­ne­ge­habt habe, fing er an, an den Fin­gern seine Titel auf­zu­zäh­len, und lä­chel­te spöt­tisch, als er zehn zu­sam­men­hat­te: „Reicht!“ Er hatte nicht ver­ges­sen, zu er­wäh­nen, dass er „Reichs­forst­meis­ter“ war. Dafür hatte er den Trust „Her­mann Gö­ring“ ver­schwie­gen.

Mit die­sem di­cken Hof­nar­ren sind alle Ver­bre­chen des Fa­schis­mus ver­bun­den – von der In­brand­set­zung des Reichs­ta­ges bis zur In­brand­set­zung Eu­ro­pas. Als Gö­ring die min­der­jäh­ri­gen Fa­schis­ten­an­wär­ter trai­nier­te, sagte er: „Alle Ver­ant­wor­tung nehme ich auf mich.“ Jetzt dürs­tet er nur nach Einem: der Ver­ant­wor­tung zu ent­kom­men. Er ge­denkt wenn auch nicht die Welt, so we­nigs­tens die Jour­na­lis­ten mit sei­ner Lie­bens­wür­dig­keit in Er­stau­nen zu ver­set­zen, er wirft mit Lä­cheln und Seuf­zern um sich, wie er frü­her Spreng­bom­ben auf fried­li­che Städ­te ge­wor­fen hat. Er kaut sanft­mü­tig har­tes Brot. Viel­leicht haben wir ver­ges­sen, wie ge­schäf­tig er die Tsche­cho­slo­wa­kei ge­fres­sen hat? Hat nicht er den Hun­ger in den von den Deut­schen an sich ge­ris­se­nen Län­dern or­ga­ni­siert? Hat nicht er Eu­ro­pa Essen, Klei­dung und Schu­he weg­ge­nom­men? Noch in der Vor­kriegs­zeit nann­te er einen sei­ner Ar­ti­kel „Die Kunst an­zu­grei­fen“. Jetzt schickt er sei­nem Ver­tei­di­ger am lau­fen­den Band auf­ge­reg­te Zet­tel­chen: Er stu­diert eine neue Kunst – er ver­tei­digt nicht Ger­ma­ni­en, son­dern sich selbst, den di­cken Her­mann. Er, der Autor der be­rühm­ten „Grü­nen Mappe“, woll­te Russ­land in eine deut­sche Ko­lo­nie ver­wan­deln. Jetzt schaut er auf­merk­sam auf die Schul­ter­stü­cke der so­wje­ti­schen Of­fi­zie­re. Die­ser An­füh­rer der fa­schis­ti­schen Hor­den ist noch dazu ein ganz ba­na­ler klei­ner Dieb. 1940, als die Deut­schen ge­ra­de erst be­gan­nen, Eu­ro­pa aus­zu­neh­men, prahl­te Gö­ring schon vor Ro­sen­berg: „Ich habe die größ­te Samm­lung von Ma­le­rei und Plas­tik.“ Er zün­de­te Städ­te an, aber brach­te Bil­der in sei­nem Haus zu­sam­men, er häng­te junge Mäd­chen auf, aber sam­mel­te Sta­tu­en von Nym­phen. Trotz des Ge­fäng­nis­le­bens ist er fett: ein Blut­egel, der sich mit Blut voll­ge­fres­sen hat, und man wird kei­nen Strick für ihn vor­be­rei­ten müs­sen, son­dern ein so­li­des Schiffstau.

Heß, der so oft die Ner­ven ver­liert, wurde von den Fa­schis­ten „das Ge­wis­sen der Na­zi­par­tei“ ge­nannt. Als könn­ten Ge­wis­sen­lo­se ein Ge­wis­sen haben! Wäh­rend der Ver­hand­lun­gen liest Heß Po­li­zei­ro­ma­ne: Er er­in­nert sich viel zu gut an alles, die­ser Er­in­ne­rungs­lo­se, und will sich mit Er­zäh­lun­gen über frem­de Ver­bre­chen von sei­nen ei­ge­nen ab­len­ken. Wenn er auf die so­wje­ti­sche Fahne neben der eng­li­schen blickt, denkt er si­cher­lich an eine Mai­n­acht und sei­nen Sprung nach Schott­land. Er ge­dach­te, rus­si­schen Wodka zu trin­ken und eng­li­sche Zi­ga­ret­ten zu rau­chen. Statt­des­sen hat man ihn nach Nürn­berg ge­schleppt. Was bleibt ihm übrig, als Ru­dolf den Er­in­ne­rungs­lo­sen zu spie­len?

Der ehe­ma­li­ge Feld­mar­schall Kei­tel ist ein ty­pi­scher Kom­miss­hengst: qua­dra­ti­sches Ge­sicht, qua­dra­ti­sche Ma­nie­ren. Er hat sei­nem Füh­rer treu ge­dient und die deut­schen Ge­ne­rä­le, die in Hit­lers La­kai­enstu­be saßen, nann­ten den Feld­mar­schall „La­kei­tel“. Aber er war kein ein­fa­cher Lakai, er braucht sich nicht arm zu stel­len: Er hat Un­schul­di­ge nicht be­fehls­ge­mäß, son­dern in­spi­ra­ti­ons­ge­mäß ver­nich­tet. Er hat den Plan des hin­ter­häl­ti­gen Über­falls auf die So­wjet­uni­on aus­ge­ar­bei­tet: den „Plan Bar­ba­ros­sa“. Es lohnt sich an­zu­mer­ken, dass die fa­schis­ti­schen Rä­dels­füh­rer als Gangs­ter, die sie waren, die blu­ti­gen Taten, die sie vor­be­rei­te­ten, in Gau­ner­spra­che be­nann­ten. Wenn der Ein­fall in Russ­land der „Plan Bar­ba­ros­sa“ war, war die An­eig­nung Ös­ter­reichs der „Plan Otto“, die An­eig­nung Po­lens die „Sache Himm­ler“ und der unter Mit­hil­fe von Ge­ne­ral Fran­co vor­be­rei­te­te Über­fall auf Gi­bral­tar wurde als „Un­ter­neh­men Felix“ be­zeich­net. Kei­tel be­fahl, „Pe­ters­burg vom An­ge­sicht der Erde zu til­gen“. Er führ­te die Brand­mar­kung der so­wje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein. Er sprach: „Im Osten gilt ein Men­schen­le­ben nichts.“ Sein Leben schätzt er je­doch hoch: Der Mör­der von Mil­lio­nen will sich an die Erde klam­mern, aber die Erde weicht unter ihm aus­ein­an­der.

Ge­ne­ral Jodl steht Kei­tel nur wenig nach. Er hat eben­falls ge­sagt, dass Russ­land mit Feuer und Blei be­frie­det wer­den müsse. Jetzt gähnt er ner­vös und ver­steckt sich hin­ter dem brei­ten Rü­cken Kei­tels. Man wird auch ihn be­mer­ken. Vor sie­ben Jah­ren be­gann Jodl in Nürn­berg sei­nen Auf­stieg: Hier ar­bei­te­te er den Plan für die An­eig­nung der Tsche­cho­slo­wa­kei aus. Möge er auch in Nürn­berg enden.

Joa­chim von Rib­ben­trop hat alle fei­nen Schli­che der Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen. Als Hand­lungs­rei­sen­der äh­nel­te er einem Gau­ner, als Di­plo­mat äh­nel­te er einem Hand­lungs­rei­sen­den: Er war immer zu spät beim Sich­be­wusst­wer­den sei­ner Lage. Jetzt nimmt er die nahe Zu­kunft vor­weg: Noch ist er nur An­ge­klag­ter, aber schon äh­nelt er einem Ge­henk­ten. Zeit­wei­se be­lebt er sich al­ler­dings, will sich als Di­plo­ma­ten aus­ge­ben. Das ist naiv: Wir haben einen Gangs­ter vor uns. Wäh­rend er die An­eig­nung Ös­ter­reichs, der Tsche­cho­slo­wa­kei, Po­lens vor­be­rei­te­te, ver­barg er unter der Di­plo­ma­ten­uni­form auch einen Nach­schlüs­sel. Auf ihn gehen die aus­rei­chend of­fe­nen Worte zu­rück „Ge­trei­de und Roh­stof­fe Russ­lands wer­den ganz das Rich­ti­ge für uns sein“ … Er wird sich für die­ses Ge­trei­de ver­ant­wor­ten: Auf ihn zei­gen mit den Fin­gern Mil­lio­nen von Zeu­gen – Müt­ter, die ihre Söhne ver­lo­ren haben, Wit­wen, Wai­sen, ganz Russ­land.

Al­fred Ro­sen­berg galt bei den Fa­schis­ten als der „Spe­zia­list für rus­si­sche An­ge­le­gen­hei­ten“. Das ist der Theo­re­ti­ker des Rau­bes, der Phi­lo­soph der Plün­de­rung. Er, ein Dieb von in der Ge­schich­te noch nie da­ge­we­se­nem Aus­maß, hat phi­lo­so­phiert: „In zwan­zig oder in hun­dert Jah­ren wer­den die Rus­sen selbst ver­ste­hen, dass Russ­land Le­bens­raum für Deutsch­land wer­den muss­te.“ Er raub­te so­wohl en gros als auch en détail. Er trans­por­tier­te Wei­zen aus Russ­land ab, ver­ach­te­te aber auch Klei­nig­kei­ten nicht – so küm­mer­te er sich zum Bei­spiel darum, dass den Juden „eine oder zwei Stun­den vor der Ope­ra­ti­on“ (so nann­ten die Fa­schis­ten die Mas­sen­hin­rich­tun­gen) die Gold­zäh­ne her­aus­ge­ris­sen wur­den. Das ist ein Ri­va­le Gö­rings: Er ver­göt­tert eben­falls Kunst­wer­ke. Er hatte ein gan­zes Die­bes­un­ter­neh­men ge­grün­det, den „Ein­satz­stab* Ro­sen­berg“ – er trans­por­tier­te aus den an­ge­eig­ne­ten Län­dern Bü­cher, Ge­mäl­de, Sta­tu­en ab.

Man kann die Ga­le­rie der „Äs­the­ten“ fort­set­zen: Der Hen­ker Po­lens, Hans Frank, ein kahl­köp­fi­ges und wi­der­wär­ti­ges Männ­chen, hat sei­ner­seits ein Bild Leonar­do da Vin­cis ge­klaut. Er sagt: „Es fällt mir schwer, zu sagen, wie viel die­ses Bild kos­tet – ich bin kein Ken­ner, und die Prei­se für sol­che Sä­chel­chen wech­seln ja auch, aber das ist ein Sä­chel­chen, das etwas wert ist …“ Frank hat die be­rühm­ten „To­des­la­ger“ or­ga­ni­siert, er hat Mil­lio­nen Polen und Juden ver­nich­tet. Er hat einen be­geis­ter­ten Re­chen­schafts­be­richt über die Ver­nich­tung des War­schau­er Ghet­tos ver­fasst, hat mit­ge­teilt, dass er die Ka­na­li­sa­ti­ons­roh­re, in denen sich die ver­steck­ten, die sich ge­ret­tet hat­ten, mit Was­ser flu­te­te. Er ver­gaß nicht den Ge­winn: Er zähl­te, wie viele Paar Hosen er nach der Ver­nich­tung des Ghet­tos be­kom­men hatte, und fügte hinzu: „Aus den Rui­nen kann man Me­tall­schrott her­aus­zie­hen.“ Na­tür­lich wälzt er jetzt alles auf Himm­ler ab: Sehen Sie, er hat nicht hin­ge­rich­tet, son­dern nur von der Erde unter die Erde „um­ge­sie­delt“. Er ist be­schei­den: „Ich war nur ein Ver­wal­tungs­zwerg.“ Die­ser Zwerg hat am Tag zehn­tau­sen­de Men­schen ver­schlun­gen. Bei den Ver­hand­lun­gen trägt er eine große Rauch­glas­bril­le, und nur ein­mal habe ich seine Augen ge­se­hen: die Augen eines Mar­ders in der Falle.

Ju­li­us Strei­cher äh­nelt einer alten Kröte. Er hat Mil­lio­nen von Juden aus allen eu­ro­päi­schen Län­dern auf dem Ge­wis­sen. Er hebt die Schul­tern: Barm­her­zi­ger, hat er etwa ge­tö­tet! Er woll­te nur die Juden nach Pa­läs­ti­na um­sie­deln. Aber man hat ihn nicht ver­stan­den … Ich bin ein An­hän­ger Herzls und Zio­nist! Es ist schwer, sich eine düm­me­re Lüge aus­zu­den­ken, und es ist schwer, sich eine ge­mei­ne­re Vi­sa­ge vor­zu­stel­len. Ich möch­te diese Kröte gern ver­ges­sen, wenn man sie, wie Frank, wie die üb­ri­gen Mis­se­tä­ter, in die Erde „um­ge­sie­delt“ hat.

Da ist das stumpf­sin­ni­ge Bürsch­chen Bal­dur von Schirach, ta­lent­lo­ser Ver­se­schmied und Or­ga­ni­sa­tor der „Hit­ler­ju­gend“. Stier­hals, gla­sier­te Augen. Er hat noch vor Kur­zem ge­sagt: „Wir sind alle sterb­lich, nur Hit­ler ist un­sterb­lich.“ Jetzt ist er an­de­rer Mei­nung: Er will leben. Er hat die Pläne des Füh­rers „Ideen eines Halb­got­tes“ ge­nannt, jetzt sagt er: „Die Ideen des Füh­rers waren manch­mal idio­tisch.“

Da ist der alte Münch­ner Hilfs­po­li­zist Wil­helm Frick mit den Fischau­gen. Er war Mi­nis­ter des In­nern und bis 1943 war selbst Himm­ler ihm un­ter­ge­ord­net. Da der Hen­ker Hol­lands – Seyß-​In­quart, Spe­zia­list für Gei­seln. Da der Haupt­skla­ven­händ­ler, der rot­haa­ri­ge Sau­ckel. Da der Hen­ker der Tsche­cho­slo­wa­kei, von Neu­rath. Hit­ler hatte ihm ge­sagt: „Sie sind ein mo­der­ner Mensch, das heißt, ein kalt­blü­ti­ger, und wer­den mit den Tsche­chen fer­tig wer­den.“ Nun gut, von Neu­rath be­gann, die Tsche­chen kalt­blü­tig zu er­mor­den.

Sie alle waren „mo­dern“ – ohne mit der Wim­per zu zu­cken, er­stick­ten sie Kin­der. Nur ist ihre Zeit um, eine schreck­li­che Zeit. 1937 sagte Gö­ring, die Deut­schen wür­den „nach Plan“ kämp­fen und das An­sich­rei­ßen frem­der Län­der bis zum Jahr 1945 ab­schlie­ßen. Er hat sich nicht im Datum ge­irrt; er hat sich im Re­sul­tat ge­irrt: Nicht um­sonst hat die Rote Armee vier grim­mi­ge Jahre ge­kämpft – sie hat den deut­schen Plan ge­än­dert und im Jahr 1945 hat man die Über­men­schen beim Kra­gen ge­nom­men. Da sit­zen sie auf der An­ge­klag­ten­bank.

Du spürst den hei­ßen Atem der Ge­schich­te. Man wird die Ver­bre­cher hän­gen: Das ver­langt das Ge­wis­sen. Aber man wird nicht nur die Fa­schis­ten ver­ur­tei­len – man wird den Fa­schis­mus ver­ur­tei­len. Man wird die ver­ur­tei­len, die ihn ge­zeugt haben, und die, die ihn wie­der auf­er­ste­hen las­sen wol­len – seine Vor­läu­fer und seine Erben. Die Völ­ker haben zu viel Leid er­lebt, sie las­sen kein Auge von Nürn­berg. Hier sind die alte Mon­te­ne­gri­ne­rin, deren Kin­der die Deut­schen ver­brannt haben, und die Freun­de von Ga­bri­el Péri und die Frau aus Ma­ri­u­pol, die mir er­zähl­te, dass ihre klei­ne Toch­ter wein­te, als die Deut­schen sie aus­zo­gen: „Es ist kalt, Onkel, ich will nicht baden“, und der „Onkel“ be­grub sie bei le­ben­di­gem Leibe, hier ist auch die Witwe eines rus­si­schen Sol­da­ten, hier sind auch die Kin­der aus Li­di­ce, hier sind alle, hier sind alle meine Nächs­ten, alle Freun­de, die Men­schen, die ein Herz haben, und sie alle sagen: „Nehmt die Fa­schis­ten von der Erde weg! Nehmt aus den See­len, aus den Köp­fen die Mi­as­men des Fa­schis­mus. Es sol­len Ähren sein und Kin­der und Städ­te und Ge­dich­te und es soll Leben sein! Tod dem Tod!“
NÜRN­BERG, 30. No­vem­ber 1945

*im Ori­gi­nal deutsch – Anm. d. Übers.

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals in „Is­wes­ti­ja“, 1. De­zember 1945]

Ilja Ehrenburg: „Es reicht!“

„Es reicht“ ist der letzte im Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Artikel Ehrenburgs. Nur wenige Wochen vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands erschien er in der „Prawda“ (zu dt. „Wahrheit“), dem bekanntesten sowjetischen Tagesblatt dieser Zeit.

Ge­fal­len ist das un­ein­nehm­ba­re Kö­nigs­berg, ge­fal­len zwölf Stun­den nach den Be­teue­run­gen des Ber­li­ner Ra­di­os, dass die Rus­sen nie in Kö­nigs­berg sein wür­den. Die Feder des Chro­nis­ten bleibt hin­ter der Ge­schich­te zu­rück. Die Rote Armee steht im Zen­trum von Wien. Die ver­bün­de­ten Trup­pen sind bis Bre­men und Braun­schweig vor­ge­rückt. Die Frit­ze, die in Hol­land ste­cken ge­blie­ben sind, wer­den dort nicht mehr her­aus­kom­men. Auch aus dem Ruhr­ge­biet wer­den die Frit­ze nicht mehr herauskommen.​Vor einer Woche haben die Deut­schen von der „Elb­gren­ze“ ge­spro­chen. Noch vor kur­zem hat Hit­ler daran ge­dacht, in Ös­ter­reich Schutz zu su­chen, jetzt schaut er vol­ler Ent­set­zen nach Süden. Es ist schwer auf­zu­zäh­len, was er ver­lo­ren hat: die Ost­see­küs­te von Til­sit bis Stet­tin, alle In­dustrie­ge­bie­te – Schle­si­en, das Saar­land, das Ruhr­ge­biet, die Korn­kam­mern Preu­ßens und Pom­merns, das un­er­mess­lich rei­che Frank­furt, Ba­dens Haupt­stadt Karls­ru­he, große Städ­te – Kas­sel, Köln, Mainz, Müns­ter, Würz­burg, Han­no­ver. Ame­ri­ka­ni­sche Pan­zer­sol­da­ten haben eine Ex­kur­si­on durch den ma­le­ri­schen Harz be­gon­nen. Bald wer­den sie den Bro­cken sehen, auf dem es der Über­lie­fe­rung nach Hexen gibt. Die­ser An­blick wird sie kaum ver­wun­dern: In den deut­schen Städ­ten haben sie ganz reale Hexen ge­se­hen. Eine an­de­re ame­ri­ka­ni­sche Ab­tei­lung ist bis zu der baye­ri­schen Stadt vor­ge­rückt, die ich schon mehr­mals in mei­nen Ar­ti­keln er­wähnt habe, be­zau­bert von ihrem me­lo­di­schen Namen – Schwein­furt (über­setzt „Furt für Schwei­ne“).

Es gibt Ago­ni­en, die vol­ler Größe sind. Deutsch­land geht jäm­mer­lich unter – kein Pa­thos, keine Würde. Den­ken wir an die üp­pi­gen Pa­ra­den, den Ber­li­ner „Sport­pa­last“, wo Adolf Hit­ler so oft ge­brüllt hat, dass er die Welt er­obern wird. Wo ist er jetzt? In wel­cher Ritze? Er hat Deutsch­land an den Ab­grund ge­führt und zieht es jetzt vor, sich nicht zu zei­gen. Seine Hel­fer sind nur um das eine be­sorgt: wie sie ihre Haut ret­ten kön­nen. Die Ame­ri­ka­ner haben die Gold­re­ser­ven Deutsch­lands ge­fun­den; die Ban­di­ten haben Reiß­aus ge­nom­men und sie im Stich ge­las­sen. Nun ja, die deut­schen Frau­en ver­lie­ren ihre ge­stoh­le­nen Pelze und Löf­fel und die Herr­scher des Deut­schen Rei­ches ver­lie­ren Ton­nen von Gold. Und alle lau­fen, alle ren­nen umher, alle tre­ten ein­an­der auf die Füße bei dem Ver­such, sich zur schwei­ze­ri­schen Gren­ze durch­zu­schla­gen. „Das Jahr 1918 wird sich nicht wie­der­ho­len“, hat Go­eb­bels hoch­mü­tig ver­kün­det; das war vor ein paar Mo­na­ten. Jetzt dür­fen die Deut­schen nicht ein­mal mehr davon träu­men, dass sich das Jahr 1918 wie­der­holt. Nein, das Jahr 1918 wird sich nicht wie­der­ho­len. Da­mals stan­den an der Spit­ze Deutsch­lands Po­li­ti­ker, wenn auch be­schränk­te, Ge­ne­rä­le, wenn auch ge­schla­ge­ne, Di­plo­ma­ten, wenn auch schwa­che. Jetzt ste­hen an der Spit­ze Deutsch­lands Gangs­ter, ein ge­müt­li­cher Freun­des­kreis von Kri­mi­nel­len. Und die pro­mi­nen­ten Ban­di­ten den­ken nicht an das Schick­sal des klei­nen Diebs­ge­sin­dels, das sie um­gibt, die Ban­di­ten sind nicht mit der Zu­kunft Deutsch­lands be­schäf­tigt, son­dern mit ge­fälsch­ten Päs­sen. Ihnen ist nicht nach Staats­ge­spräch und Staats­streich: Sie las­sen sich Bärte wach­sen und fär­ben ihre Haar­schöp­fe. Die aus­län­di­sche Pres­se hat ein gutes Jahr lang den Ter­mi­nus „be­din­gungs­lo­se Ka­pi­tu­la­ti­on“ dis­ku­tiert. Aber die Frage ist nicht, ob Deutsch­land ka­pi­tu­lie­ren will. Es ist nie­mand da zum Ka­pi­tu­lie­ren. Deutsch­land ist nicht da: Da ist eine ko­los­sal große Rotte, die aus­ein­an­der­läuft, wenn die Rede auf Ver­an­wor­tung kommt. Es ka­pi­tu­lie­ren Ge­ne­rä­le und Frit­ze, Bür­ger­meis­ter und stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­ter, es ka­pi­tu­lie­ren Re­gi­men­ter und Kom­pa­ni­en, Städ­te, Stra­ßen, Woh­nun­gen. In an­de­ren Kom­pa­ni­en, in den Nach­bar­häu­sern oder -​woh­nun­gen wie­der­um sträu­ben sich die Ban­di­ten noch und ver­ste­cken sich hin­ter dem Namen Deutsch­land. So ist es mit dem Ein­fall der kul­tur­lo­sen und blut­dürs­ti­gen Fa­schis­ten, die Welt un­ter­wer­fen zu wol­len, zu Ende ge­gan­gen.

Die „Deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung“ ver­si­chert ihren Le­sern (gibt es sie noch? Den Deut­schen ist schließ­lich jetzt nicht nach Zei­tun­gen), dass die deut­schen Sol­da­ten „fa­na­tisch so­wohl gegen die Bol­sche­wi­ken als auch gegen die Ame­ri­ka­ner kämp­fen“. Un­se­re Ver­bün­de­ten kön­nen über diese Worte la­chen: An einem Tag haben sie fast ohne Kämp­fe vier­zig­tau­send Deut­sche ge­fan­gen ge­nom­men. Die Kor­re­spon­den­ten er­zäh­len, dass die Ame­ri­ka­ner bei ihrem Vor­rü­cken nach Osten immer auf ein Hin­der­nis tref­fen: Mas­sen von Ge­fan­ge­nen, die alle Stra­ßen ver­stop­fen. Beim An­blick der Ame­ri­ka­ner be­ge­ben sich die Deut­schen wahr­haf­tig mit fa­na­ti­scher Hart­nä­ckig­keit in Ge­fan­gen­schaft. Die Ge­fan­ge­nen be­we­gen sich ohne Kon­voi, und die Pos­ten an den La­gern sind nicht dazu auf­ge­stellt, die Ge­fan­ge­nen beim Weg­lau­fen zu stö­ren, son­dern damit die sich er­ge­ben­den Frit­ze, die in die Lager drän­gen, ein­an­der nicht er­drü­cken. Ver­ges­sen sind so­wohl Gott Wotan als auch Nietz­sche als auch Adolf Hit­ler alias Schick­lgru­ber – die Über­men­schen mun­tern ein­an­der mit den Wor­ten auf: „Halt aus, Ka­me­rad, die Ame­ri­ka­ner sind nicht mehr weit …“.

Der aus­län­di­sche Leser wird fra­gen: Warum haben denn die Deut­schen mit einer sol­chen Hart­nä­ckig­keit ver­sucht, Küstrin zu hal­ten? Warum schla­gen sie sich ver­bis­sen in den Stra­ßen Wiens, um­ge­ben von der Feind­se­lig­keit der Wie­ner? Warum haben die Deut­schen ver­zwei­felt Kö­nigs­berg ver­tei­digt, das Hun­der­te Ki­lo­me­ter von der Front an der Oder ent­fernt ist? Um auf diese Fra­gen zu ant­wor­ten, muss man sich an die furcht­ba­ren Wun­den Russ­lands er­in­nern, von denen viele nichts wis­sen wol­len und die viele ver­ges­sen wol­len.

Am 1. April 1944 er­mor­de­ten die Deut­schen 86 Ein­woh­ner der fran­zö­si­schen Ge­mein­de Asque. Der deut­sche Of­fi­zier, der den Mord lei­te­te, er­klär­te, als man ihn nach den Grün­den für die Er­schie­ßung frag­te, er habe „irr­tüm­lich einen Be­fehl an­ge­wandt, der sich auf das ok­ku­pier­te so­wje­ti­sche Ter­ri­to­ri­um bezog“. Ich rede die Qua­len, die Frank­reich durch­ge­macht hat, nicht klein; ich liebe das fran­zö­si­sche Volk und ver­ste­he sein Leid. Aber mögen alle über die Worte die­ser Men­schen­fres­ser nach­den­ken. Ge­ne­ral de Gaul­le reis­te kürz­lich zu dem Asche­h­au­fen, der von dem Dorf Ora­dour übrig ge­blie­ben ist; die Deut­schen haben alle seine Ein­woh­ner ge­tö­tet. Von sol­chen Dör­fern gibt es in Frank­reich vier. Wie viele von sol­chen Dör­fern gibt es in Bel­o­russ­land?

Ich will an die Dör­fer des Le­nin­gra­der Ge­biets er­in­nern, wo die Deut­schen die Hüt­ten zu­sam­men mit den Men­schen ver­brannt haben. Ich will an die Stre­cke Gs­hatsk – Wilno er­in­nern: daran, wie sorg­fäl­tig, ak­ku­rat die Sol­da­ten der deut­schen Armee, nicht Ge­sta­po­leu­te, nicht ein­mal SS-​Leu­te, nein, ganz ge­wöhn­li­che Frit­ze, Orjol, Smo­lensk, Wi­tebsk, Pol­ta­wa, hun­der­te an­de­rer Städ­te nie­der­ge­brannt haben. Als die Deut­schen ei­ni­ge eng­li­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne er­mor­de­ten, schrie­ben die aus­län­di­schen Zei­tun­gen zu Recht von einer un­er­hör­ten Bar­ba­rei. Wie viele so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne haben die Deut­schen er­schos­sen, er­hängt, mit Hun­ger zu Tode ge­quält? Wenn die Welt ein Ge­wis­sen hat, muss die Welt Trau­er­klei­dung an­le­gen, wenn sie auf das Leid Bel­o­russ­lands sieht. Denn man trifft nur sel­ten einen Bel­o­rus­sen, des­sen Nächs­te die Deut­schen nicht er­mor­det haben. Und Le­nin­grad? Kann man mit Ge­las­sen­heit an die Tra­gö­die den­ken, die Le­nin­grad durch­lebt hat? Wer so etwas ver­gisst, ist kein Mensch, son­dern ein schä­bi­ges In­sekt.

Es gab Zei­ten, da er­schüt­ter­te die Not eines ein­zi­gen Be­lei­dig­ten das Ge­wis­sen der gan­zen Mensch­heit. So war es mit der Drey­fus-​Af­fä­re: Ein un­schul­di­ger Jude wurde zu Fes­tungs­haft ver­ur­teilt, und das brach­te die Welt auf, Emile Zola ent­rüs­te­te sich, Ana­to­le Fran­ce und Mir­beau und mit ihnen die bes­ten Köpfe ganz Eu­ro­pas. Die Hit­ler­leu­te haben bei uns nicht einen, son­dern Mil­lio­nen un­schul­di­ger Juden er­mor­det. Und es haben sich im Wes­ten Leute ge­fun­den, die un­se­re tro­cke­nen, be­schei­de­nen Be­rich­te der „Über­trei­bung“ be­zich­ti­gen. Ich hätte gern, dass diese aus­län­di­schen Be­sänf­ti­ger bis ans Ende ihrer Tage von den Kin­dern in un­se­ren Grä­ben träu­men, den noch halb Le­ben­di­gen mit ihren zer­stü­ckel­ten Kör­pern, die vor dem Tod nach ihren Müt­tern rufen.

Leid un­se­rer Hei­mat, Leid aller Wai­sen, unser Leid – du bist mit uns in die­sen Tagen der Siege, du fachst das Feuer der Un­ver­söhn­lich­keit an, du weckst das Ge­wis­sen der Schla­fen­den, du wirfst einen Schat­ten, den Schat­ten der ver­stüm­mel­ten Birke, den Schat­ten des Gal­gens, den Schat­ten der wei­nen­den Mut­ter auf den Früh­ling der Welt. Ich be­mü­he mich, mich zu­rück­zu­hal­ten, ich be­mü­he mich, so leise wie mög­lich, so streng wie mög­lich zu spre­chen, aber ich habe keine Worte. Keine Worte habe ich, um die Welt noch ein­mal daran zu er­in­nern, was die Deut­schen mit mei­nem Land ge­macht haben. Viel­leicht ist es bes­ser, nur die Namen zu wie­der­ho­len: Babi Jar, Trost­ja­nez, Kertsch, Pona­ry, Bels­hez. Viel­leicht ist es bes­ser, kühle Zah­len an­zu­füh­ren. In einem Trup­pen­ver­band wur­den 2103 Per­so­nen be­fragt. Hier die Sta­tis­tik des Blu­tes und der Trä­nen:

Ver­wand­te an den Fron­ten ge­fal­len – 1288.
Frau­en, Kin­der, Fa­mi­li­en­mit­glie­der er­schos­sen und er­hängt – 532.
Mit Ge­walt nach Deutsch­land ge­schickt – 393.
Ver­wand­te aus­ge­peitscht – 222.
Wirt­schaf­ten aus­ge­plün­dert und ver­nich­tet – 314.
Häu­ser nie­der­ge­brannt – 502.
Kühe, Pfer­de und Klein­vieh fort­ge­nom­men – 630.
Ver­wand­te als In­va­li­den von der Front zu­rück­ge­kehrt – 201.
Per­sön­lich auf dem ok­ku­pier­ten Ter­ri­to­ri­um aus­ge­peitscht wor­den – 161.
An den Fron­ten ver­wun­det – 1268.

Aber wenn die Zah­len ihre Macht über die Her­zen ver­lo­ren haben, fragt vier Pan­zer­sol­da­ten, warum sie es eilig haben, nach Ber­lin zu kom­men. Leut­nant Wdo­wit­schen­ko wird er­zäh­len, wie die Deut­schen im Dorf Pe­trow­ka seine Fo­to­gra­fie fan­den; sie fol­ter­ten die Schwes­ter des Leut­nants, Anja, mit glü­hend ge­mach­tem Eisen – „wo ist der rus­si­sche Of­fi­zier?“ – , dann ban­den sie die win­zi­ge Al­lot­sch­ka an zwei klei­ne Ei­chen­bäu­me und zer­ris­sen das Kind in zwei Teile, die Mut­ter muss­te zu­se­hen. Ser­geant Ze­lo­wal­ni­kow wird ant­wor­ten, dass die Deut­schen in Kras­no­dar sei­nen Vater, seine Mut­ter und seine Schwes­tern ver­gast haben. Alle Ver­wand­ten von Ser­geant Schand­ler wur­den von den Deut­schen in Welish ver­brannt. Die Fa­mi­lie von Haupt­feld­we­bel Smirnow kam wäh­rend der Ok­ku­pa­ti­on in Pusch­kin um. Das ist das Schick­sal von vier Pan­zer­sol­da­ten, die zu­sam­men kämp­fen. Von sol­chen gibt es Mil­lio­nen. Darum haben die Deut­schen sol­che Angst vor uns. Darum ist es leich­ter, ganze Städ­te in West­fa­len zu neh­men, als ein Dorf an der Oder. Darum schickt Hit­ler, ent­ge­gen allen Ar­gu­men­ten der Ver­nunft, seine letz­ten Di­vi­sio­nen nach Osten.

Im Wes­ten sagen die Deut­schen: „Nicht an­fas­sen“, sie spie­len so­zu­sa­gen nicht mehr mit. Sie waren ja nicht in Ame­ri­ka. Oh, selbst­ver­ständ­lich hat vor drei Jah­ren ein fre­cher Fritz in mei­ner Ge­gen­wart zu mei­nem ame­ri­ka­ni­schen Freund Le­land Stowe ge­sagt: „Wir kom­men auch nach Ame­ri­ka, ob­wohl das weit ist.“ Aber von Ab­sich­ten bren­nen keine Städ­te und ster­ben keine Kin­der. Diese un­ver­schäm­ten Deut­schen be­neh­men sich den Ame­ri­ka­nern ge­gen­über wie ir­gend­ein neu­tra­ler Staat. Eng­li­sche und ame­ri­ka­ni­sche Kor­re­spon­den­ten füh­ren dut­zen­de pit­to­res­ker Bei­spie­le an. Ich ver­wei­le vor allem bei einem nam­haf­ten Ex­em­plar: dem Erz­bi­schof von Müns­ter, Galen. Er weiß zwei­fel­los, dass in Ame­ri­ka der Füh­rer* der deut­schen Ka­tho­li­ken, Brü­ning, lebt, um­ge­ben von jeg­li­cher Für­sor­ge. Und der Erz­bi­schof be­eilt sich, zu ver­si­chern: „Ich bin auch gegen die Nazis.“ Dar­auf legt der Erz­bi­schof sein Pro­gramm dar: a) die Deut­schen sind gegen Aus­län­der; b) die Al­li­ier­ten müs­sen den Scha­den er­set­zen, der den Deut­schen durch die Bom­bar­de­ments zu­ge­fügt wurde; c) die So­wjet­uni­on ist ein Feind Deutsch­lands, und man darf die Rus­sen nicht nach Deutsch­land las­sen; d) wenn das oben Ste­hen­de er­füllt wird, dann „wird etwa in 65 Jah­ren in Eu­ro­pa Frie­den herr­schen“. Bleibt zu er­gän­zen, dass die ka­tho­li­schen Zei­tun­gen Ame­ri­kas und Eng­lands voll­auf be­frie­digt sind von dem Auf­bau­pro­gramm die­ses erz­geist­li­chen Men­schen­fres­sers. Gehen wir zu den Ge­mein­de­mit­glie­dern über, die sind auch nicht bes­ser.

Ein Kor­re­spon­dent des „Daily He­rald“ be­schreibt, wie sich in einem Städt­chen die Ein­woh­ner an die Al­li­ier­ten wand­ten „mit der Bitte, die ent­flo­he­nen rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein­zu­fan­gen zu hel­fen“. Alle eng­li­schen Zei­tun­gen mel­den, dass in Os­na­brück die Al­li­ier­ten einen hit­ler­schen Po­li­zis­ten auf sei­nem Pos­ten ge­las­sen hat­ten; die­ser Letz­te zün­de­te ein Haus an, in dem sich rus­si­sche Frau­en be­fan­den. Der Kor­re­spon­dent des „Daily He­rald“ schreibt, ein deut­scher Bauer habe ge­for­dert: „Die rus­si­schen Ar­bei­ter müs­sen blei­ben, sonst kann ich nicht mit den Früh­jahrs­ar­bei­ten be­gin­nen.“ Wobei der eng­li­sche Jour­na­list sich be­eilt, hin­zu­zu­fü­gen, dass er völ­lig ein­ver­stan­den ist mit den Ar­gu­men­ten die­ses Skla­ven­hal­ters. Er ist nicht al­lein: Die Mi­li­tär­be­hör­de hat ein Flug­blatt in fünf Spra­chen her­aus­ge­ge­ben, das die be­frei­ten Skla­ven ein­lädt, zu­rück auf die Güter zu ihren Skla­ven­hal­tern zu kom­men, „um die Feld­ar­bei­ten des Früh­lings durch­zu­füh­ren“.

Warum sind die Deut­schen an der Oder nicht so wie die Deut­schen an der Weser? Weil nie­mand sich fol­gen­des Bild vor­stel­len kann: In einer von der Roten Armee ein­ge­nom­me­nen Stadt ver­brennt ein Hit­ler­po­li­zei­be­am­ter, den man auf sei­nem Pos­ten be­las­sen hat, Ame­ri­ka­ner, oder Deut­sche wen­den sich an die Rot­ar­mis­ten mit der Bitte, ihnen zu hel­fen, die ge­flo­he­nen eng­li­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen wie­der ein­zu­fan­gen, oder die Deut­schen wen­den sich an die Rus­sen mit der Bitte, ihnen noch ein-​zwei Mo­na­te die fran­zö­si­schen Skla­ven zu las­sen, oder Ilja Eh­ren­burg schreibt, dass es „not­wen­dig ist, die hol­län­di­schen Ar­bei­ter auf den deut­schen Gü­tern zu be­las­sen, auf dass die Land­wirt­schaft Pom­merns nicht er­schüt­tert werde“. Nein, Men­schen­fres­ser su­chen bei uns keine Le­bens­mit­tel­kar­ten auf Men­schen­fleisch, Skla­ven­hal­ter hof­fen nicht, von uns Skla­ven zu be­kom­men, Fa­schis­ten sehen im Osten keine Schirm­her­ren. Und darum haben wir Kö­nigs­berg nicht per Te­le­fon ge­nom­men. Und darum neh­men wir Wien nicht per Fo­to­ap­pa­rat.

Heute mel­den die Ver­bün­de­ten, dass ihre Pan­zer sich den Gren­zen Sach­sens nä­hern. An den Ost­gren­zen Sach­sens ste­hen Ab­tei­lun­gen der Roten Armee. Wir wis­sen, dass wir die deut­sche Ver­tei­di­gung durch­bre­chen müs­sen: Die Ban­di­ten wer­den sich weh­ren. Aber die Rote Armee hat sich daran ge­wöhnt, sich mit den Deut­schen mit Hilfe von Waf­fen zu un­ter­hal­ten: So wer­den wir das Ge­spräch mit ihnen auch be­en­den. Wir be­ste­hen auf un­se­rer Rolle nicht des­halb, weil wir ehr­süch­tig sind: Zu viel Blut ist an den Lor­bee­ren. Wir be­ste­hen auf un­se­rer Rolle des­halb, weil die Stun­de des Jüngs­ten Ge­rich­tes naht, und das Blut der Hel­den, das Ge­wis­sen So­wjet­russ­lands ruft: Be­deckt die scham­lo­se Blöße des Erz­bi­schofs von Müns­ter! Die Hit­ler­po­li­zis­ten setzt hin­ter Schloß und Rie­gel, ehe sie neue Un­ta­ten voll­brin­gen! Die Deut­schen, die „Rus­sen fan­gen“, bringt zur Ver­nunft, bevor es zu spät ist – bevor die Rus­sen an­ge­fan­gen haben, sie zu fan­gen! Die Skla­ven­hal­ter schickt zur Ar­beit, sol­len sie ihre fre­chen Rü­cken krüm­men! Strebt nach einem wirk­li­chen Frie­den, nicht in 65 Jah­ren, son­dern jetzt, und nicht nach einem von Mün­chen oder Müns­ter, son­dern nach einem ehr­li­chen, mensch­li­chen.

In un­se­rer Em­pö­rung sind alle Völ­ker mit uns, die den Stie­fel­ab­satz der deut­schen Er­obe­rer er­fah­ren haben – Polen und Ju­go­sla­wen, Tsche­cho­slo­wa­ken und Fran­zo­sen, Bel­gi­er und Nor­we­ger. Die einen hat­ten es bit­te­rer als die an­de­ren, aber alle hat­ten es bit­ter, und alle wol­len eines: Deutsch­land bän­di­gen. Mit uns sind die Sol­da­ten Ame­ri­kas und Groß­bri­tan­ni­ens, die jetzt die Grau­sam­keit und die Nie­der­tracht der Hit­ler­leu­te sehen. Ein Kor­re­spon­dent der As­so­cia­ted Press schreibt, dass die Sol­da­ten der 2. Pan­zer­di­vi­si­on, als sie ge­se­hen hat­ten, wie die Deut­schen die rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen und die jü­di­schen jun­gen Frau­en ge­quält hat­ten, sag­ten: „Das Schlimms­te, was wir mit den Deut­schen ma­chen kön­nen, wird noch viel zu gut für sie sein.“ Und in einem an­de­ren deut­schen Lager ver­sam­mel­te der ame­ri­ka­ni­sche Oberst die Deut­schen vor den Lei­chen der Men­schen aller Na­tio­na­li­tä­ten und sagte: „Dafür wer­den wir euch bis ans Ende un­se­rer Tage has­sen.“

Näher rückt der Tag, an dem wir un­se­re Freun­de tref­fen wer­den. Wir kom­men stolz und froh zu die­sem Tref­fen. Wir wer­den dem ame­ri­ka­ni­schen, dem eng­li­schen und dem fran­zö­si­schen Sol­da­ten fest die Hand drü­cken. Wir wer­den allen sagen: Genug. Die Deut­schen haben sich selbst Wer­wöl­fe ge­nannt. Aber die Treib­jagd wird echt sein. Die Freun­de des Erz­bi­schofs Galen, Lady Gibb, Do­ro­thy Thomp­son und an­de­re Schirm­her­ren die­ser Mör­der wer­den ge­be­ten, sich nicht zu be­un­ru­hi­gen. Wer­wöl­fe wird es nicht geben: Jetzt ist nicht das Jahr neun­zehn­hun­dert­acht­zehn, es reicht! Dies­mal wer­den sie sich nicht ver­wan­deln und nicht wie­der­keh­ren.

9. April 1945

* im Ori­gi­nal deutsch – Anm. d. Übers.

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals in „Praw­da“, 9. April 1945]

Ilja Ehrenburg: „Der 16. November 1943″

An dieser Stelle dokumentieren wir für euch einen weiteren Artikel Ilja Ehrenburgs.

Ich möch­te den Ame­ri­ka­nern er­zäh­len, was ich ge­se­hen habe. Ich bin vor kur­zem von der Front zu­rück­ge­kom­men und habe viel durch Ter­ri­to­ri­um fah­ren müs­sen, das von den Ein­dring­lin­gen be­freit wor­den ist. Ich suche Ver­glei­che, die meine Ein­drü­cke von der „Wüs­ten­zo­ne“ wie­der­ge­ben könn­ten, und finde keine.

Ich habe auch frü­her Zer­stö­run­gen sehen müs­sen, aber hier geht es um den Maß­stab. Man kann von mor­gens bis abends mit dem Auto fah­ren und nicht eine un­be­schä­digt ge­blie­be­ne Stadt sehen. Die Hit­ler­leu­te haben sich selbst über­trof­fen.

Vor mir liegt ein Brief des Un­ter­of­fi­ziers der 283. In­fan­te­rie­di­vi­si­on Karl Pe­ters.

Er schreibt an eine ge­wis­se Gerda Be­cker: „Ja, wenn wir eine Stadt auf­ge­ben, las­sen wir nur Rui­nen übrig. Rechts, links und hin­ten gehen Ex­plo­sio­nen hoch. Die Häu­ser wer­den dem Erd­bo­den gleich­ge­macht. Nur die Öfen fan­gen nicht Feuer, und das, was bleibt, äh­nelt einem Wald aus Stein. Rie­si­ge Blö­cke von Häu­sern zer­stie­ben bei einer guten Spren­gung. Gran­dio­se Brän­de ma­chen die Nacht zum Tag. Glaub mir, keine eng­li­schen Bom­ben kön­nen sol­che Zer­stö­run­gen schaf­fen. Wenn wir uns bis zur Gren­ze zu­rück­zie­hen müs­sen, wird den Rus­sen von der Wolga bis zu den Gren­zen Deutsch­lands keine ein­zi­ge Stadt, kein ein­zi­ges Dorf blei­ben. Ja, hier herrscht der to­ta­le Krieg in sei­ner höchs­ten, voll­ende­ten Form. Das, was hier vor sich geht, ist etwas noch nie Da­ge­we­se­nes in der Welt­ge­schich­te. Ich weiß, dass Ihr in der Hei­mat wegen der schwe­ren Luft­an­grif­fe schwe­re Au­gen­bli­cke durch­le­ben müsst. Aber glaub mir, es ist viel schlim­mer, wenn sich der Feind im ei­ge­nen Land be­fin­det. Die Zi­vil­be­völ­ke­rung hier hat kei­nen Aus­weg. Ohne Dach über dem Kopf müs­sen sie hun­gern und frie­ren. Wir gehen wie­der Feuer legen. Ich um­ar­me mein Küken. Dein Karl.“

Was kann man die­sem Brief noch hin­zu­fü­gen? Na­tür­lich, in Deutsch­land hat so ein Karl nie auch nur einen Zi­ga­ret­ten­stum­mel auf die Stra­ße ge­wor­fen, er hat Är­mel­scho­ner an­ge­zo­gen, um seine Ärmel nicht durch­zu­scheu­ern, er hat sich nicht nur gegen Feuer, son­dern sogar gegen Krebs ver­si­chert. Jetzt be­rauscht er sich an Ver­nich­tung. Er spielt den Nero. Er träumt nicht mehr vom „Le­bens­raum“. Nur eins ver­setzt ihn in Be­geis­te­rung: Tod zu hin­ter­las­sen.

Na­tür­lich ist es den Hit­ler­leu­ten nicht ge­lun­gen, alle Städ­te und Dör­fer zu ver­nich­ten. Manch­mal hat die Rote Armee die Fa­ckel­trä­ger über­holt. So sind Nes­hin und Sumy er­hal­ten ge­blie­ben. Auch in Kiew sind die Brand­stif­ter ge­flo­hen, kaum dass sie ihre Ar­beit be­gon­nen hat­ten. Viele Dör­fer sind des­halb un­zer­stört ge­blie­ben, weil sie fürch­te­ten, durch das Feuer ihren Rück­zug zu ver­ra­ten. Nicht das Ge­wis­sen hat sie zu­rück­ge­hal­ten – die Furcht. Aber sie haben mit allen Kräf­ten ver­sucht, das Ver­lo­re­ne auf­zu­ho­len. Gluchow, Kro­le­wez – das waren lie­bens­wer­te Pro­vinz­städt­chen, mit ge­müt­li­chen klei­nen Häu­sern, mit dem Grün ihrer Gär­ten, mit ab­ge­brö­ckel­ten Säu­len und ge­räu­mi­gen Vor­bau­ten. Die Hit­ler­leu­te schaff­ten es bei ihrem Rück­zug nicht, sie nie­der­zu­bren­nen. Einen oder zwei Tage da­nach kor­ri­gier­ten deut­sche Bom­ber den Feh­ler der Fa­ckel­trä­ger.

Ich bin an Dör­fern vor­bei­ge­fah­ren, die ge­ra­de nie­der­brann­ten. Es schien, als läge die Erde in den letz­ten Zu­ckun­gen; sie be­weg­te leise Holz­teil­chen, wie Fin­ger. Sie at­me­te eine tote Fie­ber­hit­ze. Und über­all sah ich das­sel­be Bild: Neben der war­men Asche wim­mel­ten Men­schen. In die­sen Häu­sern hat­ten die Men­schen ge­lebt, ge­ar­bei­tet, Hoch­zei­ten ge­fei­ert, Tote be­weint. In die­sen Häu­sern hat­ten alte knar­ren­de Bet­ten ge­stan­den, ab­ge­wetz­te Ti­sche, Tru­hen mit Hoch­zeits­klei­dern und mit den guten alten Sa­chen von frü­her. Alles das haben die Deut­schen ver­brannt, sie haben das Leben ver­brannt, und nun wär­men sich die Frau­en mit ihren Kin­dern in der eis­kal­ten Nacht an dem, was noch ges­tern ihr Haus ge­we­sen ist.

Schnee ist ge­fal­len. Er hat die Wun­den der Erde be­deckt. Aber für die Ob­dach­lo­sen ist es noch furcht­ba­rer in sol­chen Näch­ten. Die Pelz­ja­cken, war­men Tü­cher und Filz­stie­fel sind ja ver­brannt.

Und Karl Pe­ters freut sich: Er hat die Alten und Kin­der zur Fol­ter ver­dammt.

Um­sonst ver­su­chen die Hit­ler­leu­te in den Zei­tun­gen, die mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung der „Wüs­ten­zo­ne“ dar­zu­le­gen. Die nie­der­ge­brann­ten Dör­fer haben die rus­si­schen Pan­zer, die von Lgow bis Shi­to­mir durch­ge­fah­ren sind, nicht zum Ste­hen ge­bracht. Die Rote Armee hat sich daran ge­wöhnt, in Wäl­dern zu über­nach­ten: Dort ist es ru­hi­ger – man ist keine Ziel­schei­be für die feind­li­chen Flie­ger. Die rus­si­schen Sol­da­ten sind warm ge­klei­det. Sie wer­den sich ohne Häu­ser be­hel­fen. Um­kom­men wer­den alte Frau­en und Kin­der.

Darin be­steht das ganze Pa­thos Hit­ler­deutsch­lands: Schutz­lo­se zu quä­len.

Die Uka­ri­ne war für ihre Äpfel be­rühmt. Ich habe zer­schla­ge­ne und zer­säg­te Obst­gär­ten ge­se­hen. Mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung? Was für ein dum­mer Witz! In einem Dorf hun­dert Ap­fel­bäu­me ab­hol­zen – das soll die Rote Armee auf­hal­ten?

Ich habe tau­sen­de Milch­kü­he ge­se­hen, die von den Deut­schen er­schos­sen wur­den. Eine Kuh ist die Stüt­ze der Bau­ern­fa­mi­lie. Wenn eine Kuh da ist, heißt das, die Kin­der sind satt. Die Deut­schen konn­ten das Vieh nicht weg­trei­ben: Es war keine Zeit. MP-​Schüt­zen er­schos­sen die Kühe. Er­in­nern wir uns, wie sich nach dem Ver­sail­ler Frie­den die Deut­schen ent­rüs­te­ten: Man hatte ihnen die Kühe weg­ge­nom­men und damit die deut­schen Kin­der der Milch be­raubt. Jetzt töten die Deut­schen Kühe. Einen schreck­li­chen Ein­druck ma­chen diese er­schos­se­nen Her­den, diese rot­brau­nen ge­fleck­ten Kühe mit ihren auf­ge­platz­ten Bäu­chen. Kann das Töten von Kühen, Scha­fen, Schwei­nen etwa die Rote Armee auf­hal­ten? Eine Kuh ist doch kein Tank­wa­gen mit Treib­stoff. Aber Kühe – das ist Milch für die Kin­der. „Tod den rus­si­schen Kin­dern!“ schreit Karl Pe­ters.

In Tscher­ni­gow gab es Kir­chen aus dem elf­ten Jahr­hun­dert. Über uns sagt man in Ame­ri­ka oft: „ein jun­ges Land“. Aber wir haben eine lange Ge­schich­te hin­ter uns. In den Städ­ten der alten Rus blüh­te eine Kul­tur, die eine Erbin von Hel­las war. Die wun­der­vol­len Kir­chen von Tscher­ni­gow hatte die Zeit ver­schont: Neun Jahr­hun­der­te hat­ten sie ge­stan­den. Die Hit­ler­leu­te haben sie in neun Mi­nu­ten ver­brannt.

Bei ihrem Rück­zug töten die Deut­schen Men­schen. Darin liegt eben­falls keine „mi­li­tä­ri­sche Be­deu­tung“: Sie töten Frau­en, Halb­wüch­si­ge, Alte. Frü­her haben sie die Be­völ­ke­rung fort­ge­trie­ben. Jetzt sind sie in Eile, und es ist auch zu nahe an Deutsch­land – es gibt kei­nen Ort, wohin man die Leute trei­ben könn­te. Zu all dem Blut, das sie frü­her schon ver­gos­sen haben, kommt neues hinzu. Rie­si­ge Ge­bie­te sind leer ge­wor­den wie der Wald im Herbst. Die Hit­ler­leu­te haben alle Juden ge­tö­tet. Sie haben die Alten ge­tö­tet. Sie haben Säug­lin­ge ge­nom­men und sie mit dem Kopf an einen Baum oder einen Pfos­ten ge­schla­gen. Sie haben noch Le­ben­di­ge ver­scharrt. In Pirja­tin hat mir der Ukrai­ner Tsche­purt­schen­ko er­zählt, wie er ge­zwun­gen wurde, ein Grab zu­zu­schüt­ten. Aus die­sem Grab erhob sich der Fah­rer Ru­der­man mit Augen, die mit Blut ge­füllt waren, und schrie: „Schlag mich zu Ende tot!“ Ich habe das Recht zu sagen, dass die Deut­schen an die­sem Tag nicht nur Ru­der­man, son­dern auch Tsche­purt­schen­ko ge­tö­tet haben. In der gan­zen von den Deut­schen ge­säu­ber­ten Ukrai­ne sind nicht mehr als hun­dert Juden üb­rig­ge­blie­ben, die sich in den Wäl­dern ver­steckt hat­ten. Das ist Völ­ker­mord. Die Hit­ler­leu­te haben alle Zi­geu­ner ge­tö­tet. Sie haben Rus­sen, Bel­o­rus­sen, Ukrai­ner ge­tö­tet. Sie haben ganze Dör­fer ge­tö­tet.

Von der tsche­chi­schen Ge­mein­de Li­di­ce hat die ganze Welt ge­spro­chen. Dabei haben wir hun­der­te und aber­hun­der­te sol­cher Li­di­ces.

Und zu guter Letzt töten die Fa­schis­ten bei ihrem Abzug alle, die ihnen unter die Augen kom­men. Die Bau­ern flie­hen in die Wäl­der und ret­ten sich da­durch.

Wenn die Hit­ler­leu­te ein wenig Zeit haben, spren­gen und brand­schat­zen sie wäh­le­risch. Sie las­sen alte Häus­chen ste­hen. Sie ver­bren­nen Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Mu­se­en, neue, gute Ge­bäu­de. Es war schwer, das zu bauen. Die Men­schen ver­zich­te­ten dafür auf vie­les, sie glaub­ten: „Wir bauen das, und dann be­ginnt ein glück­li­ches Leben.“ Jeden Stein spar­ten sie sich so­zu­sa­gen vom Munde ab. Wer würde nicht ver­ste­hen, was auf dem Dorf die erste Ge­burts­kli­nik und die erste Schu­le be­deu­ten? Und nun liegt das alles vor mir – Scher­ben, Schutt, Asche. Und Karl Pe­ters schreit: „Der to­ta­le Krieg in sei­ner höchs­ten, voll­ende­ten Form!“

„Viel­leicht ist das Pro­pa­gan­da?“ wird der miss­traui­sche Leser wohl fra­gen, und das Wort „Pro­pa­gan­da“ wird er so aus­spre­chen, wie man „Re­kla­me“ sagt. Aber für was für eine Ware mache ich Re­kla­me? Ich spre­che von mensch­li­chem Leid. Ich kann nicht ruhig schla­fen nach die­ser Reise, ich sehe Asche, kran­ke Schat­ten und das Nichts. Ich höre, wie er­zählt wird: „Und als sie zu­ge­schüt­tet waren, be­weg­te sich die Erde noch …“

Mein Sol­da­ten­man­tel riecht ganz nach Rauch, und die­ser Ge­ruch ver­folgt mich wie eine Hal­lu­zi­na­ti­on.

Ich habe die scham­lo­sen Er­ör­te­run­gen eines deut­schen Jour­na­lis­ten ge­le­sen. Er ver­si­chert, dass „die Rus­sen im Jahr 1941 bei ihrem Rück­zug auch Ge­bäu­de ver­nich­tet haben“. Ja, ich er­in­ne­re mich an Bau­ern, die auf der Flucht vor den Deut­schen Häu­ser nie­der­brann­ten. Das waren ihre Häu­ser. Nie­mals hat die Rote Armee beim Rück­zug Städ­te oder Dör­fer ver­nich­tet. Aber wenn die Rus­sen ihre ei­ge­nen Fa­bri­ken spreng­ten oder ihre ei­ge­nen Häu­ser nie­der­brann­ten, war das ihr hei­li­ges Recht. Karl Pe­ters brennt frem­de Häu­ser in einem frem­den Land nie­der und freut sich noch dazu: Die rus­si­schen Kin­der haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Es gibt Men­schen, die den­ken, dass sich die­ser Greu­el­ta­ten nur Ein­zel­ne oder ein paar Hun­dert schul­dig ma­chen. Ich würde gern auch so den­ken: Es ist ru­he­vol­ler, sich den vol­len Glau­ben an den Men­schen zu er­hal­ten. Lei­der ist das aber nicht so: Der Ver­bre­chen, die ich ge­se­hen habe, ma­chen sich Hun­dert­tau­sen­de und Mil­lio­nen schul­dig.

Die Hit­ler­sol­da­ten er­fül­len ihre Ver­nich­tungs­be­feh­le nicht nur sorg­fäl­tig, sie sind mit dem Her­zen dabei, sie legen In­itia­ti­ve hin­ein, Phan­ta­sie, Lei­den­schaft. Nicht we­ni­ge Über­läu­fer, mit denen ich Ge­le­gen­heit hatte, mich zu un­ter­hal­ten, sagen: „Der Krieg ist ver­lo­ren“, oder „Ich will leben“ oder „Ich habe Fa­mi­lie“. Sie spre­chen nicht von ihrer Em­pö­rung über diese Bes­tia­li­tä­ten. Sie den­ken nicht an die frem­den Fa­mi­li­en auf ihren Brand­stät­ten. Die Furcht hat sie von Hit­ler weg­ge­führt, nicht das Ge­wis­sen. Das sind nicht die Ge­rech­ten, um de­rent­wil­len der Herr Sodom und Go­mor­rha ver­schont hat, das sind ein­fach Feig­lin­ge.

Ich möch­te den­ken, dass sich für die Fa­ckel­trä­ger keine sen­ti­men­ta­len Ver­tei­di­ger fin­den wer­den, dass man die Schul­di­gen auf die An­kla­ge­bank set­zen wird, dass die Mil­lio­nen Sol­da­ten, die Eu­ro­pa in die „Wüs­ten­zo­ne“ ver­wan­delt haben, zehn Jahre lang Stei­ne klop­fen und Holz fäl­len wer­den. Viel­leicht wer­den sie die Städ­te wie­der­er­rich­ten. Aber sie wer­den die Toten nicht wie­der auf­er­we­cken kön­nen. Und sie wer­den in mei­nem Her­zen das frü­he­re Ver­trau­en in den Men­schen nicht wie­der auf­er­we­cken kön­nen. Ich habe die Erde nach den Hit­ler­leu­ten ge­se­hen, und ich kann das nicht ver­ges­sen.

16. No­vem­ber 1943

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals im Sam­mel­band „Le­to­pis mus­hest­wa“, Mos­kau 1974, S. 299]

Zwei Fliegen, eine Klappe und ein Hufeisen

Am 3. April beriet der Ortsbeirat des Rostocker Stadtteils Dierkow über einen Antrag zweier Bürgerschaftsfraktionen zur Umbenennung des Neudierkower Wegs in Mehmet-Turgut-Weg. Ende April soll dann der Hauptausschuss der Hansestadt darüber entscheiden. Doch der Plan ist umstritten und bisweilen machen Lokalpolitiker in diesem Kontext vor allem mit haarsträubenden Aussagen von sich reden.

Mehmet Turgut wurde am 25. Februar 2004 in einem Imbiss in Dierkow von den Neonazis des „Nationalsozialistischen Untergrund” ermordet. Die kleine Straße, in der sich der Imbiss befand, ist heute nahezu verwaist, eine Auswirkung des Stadtrückbaus mit welchem Viertel wie Dierkow oder das benachbarte Toitenwinkel konfrontiert sind. Der Neudierkower Weg soll nun in Mehmet-Turgut-Weg umbenannt werden, so forderten es linke Gruppen bereits im Rahmen einer Gedenkkundgebung im Februar. Vermummte und bewaffnete Neonazis, allen voran der NPD-Kader Michael Fischer, hatten versucht die Kundgebung anzugreifen, ergriffen allerdings eiligst die Flucht. LokalpolitikerInnen, deren Teilnahmebereitschaft an der Kundgebung eher zu wünschen übrig ließ, übernahmen schnell die Forderung nach der Umbenennung der Straße, so schlugen am 20. März auch Dr. Sybille Bachmann (Rostocker Bund) und Eva-Maria Kröger (Linke) stellvertretend für ihre jeweiligen Fraktionen den Ortsbeiräten Toitenwinkel und Dierkow Ost/Dierkow West die Umbenennung als einen „Akt dauerhafter Mahnung und Ausdruck der Solidarität mit der Familie Turgut“ vor.

Gedenkpolitische Verwirrungen

Die Ortsbeiratsvorsitzenden der angrenzenden Stadtteile sehen eine Umbenennung kritisch und führen hierfür in der Ostseezeitung zweifelhafte Argumente ins Feld. So lässt sich die Vorsitzende aus Toitenwinkel, Anke Knitter (SPD) mit folgenden Worten zitieren: „Eine Umbenennung der Straße bringt nichts. In zwei Jahren hat man doch vergessen, wer Mehmet Turgut war”. Dass dies nicht geschieht, dafür werden die antifaschistischen und antirassistischen Kreise in Rostock schon sorgen, sollte die Stadt ihrer Verantwortung nicht nachkommen wollen, möchte man meinen. Aber es geht weiter, denn Frau Knitter favorisiert einen Gedenkstein oder eine Tafel, welche die Hintergründe der Mordtat erläutert: „An die Opfer dieser perfiden Morde muss erinnert werden. Eine kleine Unterschrift an einem Straßenschild reicht da nicht aus” . Warum das eine das andere ausschließt, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Zwei Fliegen mit einer Klappe?

Der Ortsbeiratsvorsitzende von Dierkow, Martin Lau (CDU), scheint demgegenüber einen anderen, nicht weniger zweifelhaften gedenkpolitischen Weg beschreiten zu wollen. Er greift hierzu auf einen in Rostock seit langem virulenten Streit um eine ganz andere Straße zurück: die Ilja-Ehrenburg-Straße. Zwar kamen diese Umbenennungswünsche in jüngerer Vergangenheit zumeist noch aus der gleichen Ecke: Zuletzt hatte im Juli 2011 David Petereit, Bürgerschaftsabgeordneter der NPD in Rostock, einen Antrag eingebracht, der die Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße in Toitenwinkel forderte. Anfang des Jahres wurde diese Forderung jedoch von der Jungen Union (JU) erhört. Zeitgleich mit einem tendenziösen NDR-Bericht über Ilja Ehrenburg, forderte nun auch die JU (mal wieder) die Umbenennung.

Der Ortsbeiratsvorsitzende Lau (CDU) möchte lieber die Ilja-Ehrenburg-Straße mit einem neuen Namen ausstatten, dem Mehmet Turguts. „Bevor man sich diese Straße [den Neudierkower Weg] vornimmt, sollte zuerst die Ilja-Ehrenburg-Straße umbenannt werden. Ein Tausch gegen den Namen Mehmet Turgut wäre aus historischer Sicht sinnvoll.” Worin diese Sinnhaftigkeit bestehen soll, verrät er freilich nicht. Also „Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen” dachte sich Lau, der erste stellvertretende Kreisvorsitzende der Jungen Union in Rostock, da wohl.

Selbst aus Sicht der JU dürfte es allerdings schwer werden zu begründen, warum es sinnvoll sein soll, eine nach einem von der NS-Propaganda verfolgten Schriftsteller und Journalisten, Kommunisten und Juden benannte Straße, zum Gedenken an einen von Neonazis in jüngster Zeit Ermordeten umzubenennen. So zieht sich Lau auch darauf zurück, Mehmet Turgut lediglich als „Gewaltopfer” zu bezeichnen. Die JU – allen voran Martin Lau – versucht so scheinbar das Gedenken an Mehmet Turgut zu instrumentalisieren, um die ihr unliebsame Ilja-Ehrenburg-Straße loszuwerden. Die Bezeichnung Turguts als „Gewaltopfer” passt dabei hervorragend in ein extremismustheoretisches[3] Denkmuster, als dessen Fans man die Mitglieder der JU wohl mit Fug und Recht bezeichnen darf. Dabei wird jedoch rechte Gewalt verharmlost und in diesem Falle sogar noch der Versuch unternommen sie gegen einen erklärten Nazigegner auszuspielen.

Übernommen von www.kombinat-fortschritt.com nach einer CC Lizenz.

Ilja Ehrenburg: „Die Stunde ist gekommen“

Ilja Ehrenburg ist einer der bekanntesten Kriegsberichterstatter der Sowjetunion aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“. Hier eine Übersetzung des Ehrenburg Artikel „Die Stunde ist gekommen“.

Der große Filmschauspieler Charlie Chaplin spielt in seinem letzten Film Hitler: Deutschlands Diktator wird als glückloser Geisteskranker, böser Verrückter dargestellt. Vor kurzem wurde dieser Film in London gezeigt. Der faschistische Diktator auf der Leinwand war lächerlich. In der Wirklichkeit ist er lächerlich und fürchterlich: Dieser Mensch, der von Größenwahn besessen ist, der die einfachen Freuden des Lebens entbehrt, hat beschlossen, die Geschichte zurückzudrehen, er hat das Volk Deutschlands in vorgeschichtliche Nacht zurückgeworfen.

Gegen uns marschiert eine Horde zeitgenössischer Wilder. Ich erinnere mich, wie eine Deutsche mir erzählte: „Meinen Mann haben sie im Konzentrationslager Dachau bis aufs Blut geschlagen. Und zu mir sagten sie: Bringen Sie Wäsche. Sie sorgten sich um die Hygiene.“ In Paris haben sie „Ordnung“ geschaffen. Busse und Bahnen hat man dort durch menschliche Zugkraft ersetzt – an den Bahnhöfen stehen Franzosen mit Handwagen. Die französischen Polizisten richten die Rikschakulis aus wie Autos. Ich war dabei, wie ein Arbeitsloser einen Schritt aus der Reihe heraustrat. Zu ihm trat ein Faschist und schlug ihm mit einem Revolver auf den Kopf. Der Franzose fiel hin, der Faschist zuckte mit keiner Wimper: Er war stolz auf seine Mission. Versuchen Sie ihm zu erklären, dass Frankreich seine eigene Kultur hatte, dass es nicht darum geht, wie die Rikschakulis ausgerichtet sind, sondern darum, warum die Franzosen unter der deutschen Okkupation Rikschakulis geworden sind – er wird es nicht begreifen. Er ist stolz darauf, dass er nicht denkt. Seine Sache ist es, auf den Kopf zu schlagen.

Sowie diese Wilden in Paris eingefallen waren, stellten sie die „Liste Otto“ auf – eine Liste der französischen Bücher, die zu vernichten waren. Darauf standen französische und aus anderen Sprachen übersetzte Romane, Klassiker, Gedichte … Sie haben sich Brandbomben ausgedacht. Ich habe gesehen, wie diese Bomben funktionieren. In Tours haben sie die Bibliothek mit Manuskripten von Balzac verbrannt. Das altehrwürdige Rouen mit seinen Museen und wunderbaren Altertümern haben sie verbrannt. Erbärmliche Barbaren!

Ich habe gesehen, wie sie Frankreich ausgeplündert haben: Sie kamen dürr hin und wurden vor unseren Augen fett. Als sie in Paris einmarschierten, freuten sie sich nicht – sie hatten anderes zu tun – , sie marschierten und aßen, aßen, aßen. Sie druckten Falschgeld – „Besatzungs“mark, die in Deutschland nicht gelten, gaben sie an ihre Soldaten aus und „kauften“ innerhalb von zwei Wochen alles auf. Die Offiziersburschen schufteten sich ab – sie schleppten Kisten, Truhen, Säcke mit allem möglichen Gut, das die Offiziere geraubt hatten. Das reiche Frankreich hat sich in eine Wüste verwandelt.

Ich bin durch Belgien, durch Holland gefahren – derselbe Anblick – Ruinen und hungrige, obdachlose Menschen. Hier sind Nomaden durchgezogen. Ihre Ökonomie ist einfach. Sie nehmen die gesamte Milch weg. Dann keulen die Bauern der geknechteten Länder das Vieh. Sie requirieren alle Eier. Die Bauern vernichten die Hühner. Sie nehmen alles Getreide mit. Und die Bauern säen nicht mehr.

Sie haben Fabrikausrüstungen und Türklinken, Bilder aus den Museen und Damenstrümpfe mitgenommen … Ich habe Eisenbahnzüge mit ihren „Trophäen“ gesehen, sie fuhren von Paris nach Berlin. Sie waren vollgestopft mit gestohlenem fremdem Gut.

Die faschistischen Räuber rauben nicht nur – sie quälen, sie töten; das ist eine boshafte Horde. Sie wissen, wie man einen Menschen erniedrigt. Die Muttersprache, in der der Mensch zum ersten Mal Worte der Zärtlichkeit hört, die Sprache der Mutter, ist eine große Freude. Die Faschisten verfolgen die Sprachen der geknechteten Völker. Sie ersetzen alte Namen durch deutsche. In den Pariser Theatern bringen sie deutsche Schauspieler heraus. In den holländischen Schulen lehren sie die Kinder Deutsch, die holländische Sprache ist ihrer Meinung nach eine „Mundart“. Vor kurzem wurden zweiundachtzigtausend tschechische Lehrer zu Feldarbeiten geschickt: Wozu soll den Kindern die niedrigstehende tschechische Sprache beigebracht werden? Sollen sie lieber in der Erde graben – die Sieger lieben Kartoffeln …

Sie beleidigen plump, auf faschistische Art: – Da hast du meinen Stiefel ..! Die Franzosen nennen sie „negerähnlich“. In Warschau haben sie ein Kino eingerichtet, in das Polen der Eintritt verboten ist, – sehen Sie, den Mördern gefällt der Geruch der Polen nicht!.. Sie haben das Denkmal für Adam Mickiewicz abgerissen.

In einer norwegischen Stadt haben sie die Nansenstraße in Göringstraße umbenannt.

Sie haben Millionen Menschen zu Sklaven gemacht. In Holland ist für die Weigerung, für die Deutschen zu arbeiten, die Todesstrafe eingeführt worden. Holländer und Belgier werden mit Gewalt zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt. Wie Häftlinge arbeiten zwei Millionen Franzosen – das sind „Kriegsgefangene“. Über die Polen hat Goebbels verächtlich gesagt: „Eine übermäßig fruchtbare Rasse! Auch wenn man hunderttausend tötet, ändert sich nichts …“

Sie töten methodisch, akkurat, Tag für Tag. Zwei Belgier, den jungen Lefebvre und Fräulein Gouni – hinrichten: Sie haben verdächtige Leute versteckt. Hier, der Franzose Ducan – hinrichten: Er hat englisches Radio gehört. Und hier, der Pole Streszewski – hinrichten: Er hat dem Herrn Oberleutnant nicht den Weg freigemacht. Sie wüten in Bergen und in Belgrad – von einem Meer bis zum anderen.

In einer schwedischen Zeitung ist eine Korrespondenz aus Gdynia gedruckt worden. Das ist eine bescheidene, nüchterne Geschichte. Die Gestapo in Gdynia befindet sich in der Göringstraße. Die Faschisten beklagen sich – sie haben den Schlaf verloren.

In die Gestapo werden Polen gebracht, die nur deswegen verhaftet worden sind, weil sie polnisch gesprochen haben. Man foltert die Polen wissenschaftlich, zivilisiert. Und die unzivilisierten Polen schreien. Und das hindert die faschistischen Beamten, ihre Ruhe zu genießen.

Im hohen Norden, auf den Lofoten, haben die Faschisten achtundsechzig Fischer gefoltert – sie wollten wissen, wer den Engländern während ihrer Landung geholfen hatte. Ich war auf den Lofoten. Dort leben starke, mutige Menschen. Sie sind Sturm, Ozean, Tod gewöhnt. Aber noch nie zuvor haben sie es mit Faschisten zu tun gehabt. Von den achtundsechzig sind neunundzwanzig an irgendeiner geheimnisvollen Epidemie gestorben.

Millionen von Menschen der verschiedensten Völker, die von den Faschisten zur Verzweiflung getrieben worden sind, schauen voller Hass auf die Henker. Der Kampf im faschistischen Hinterland beginnt. Noch ist es ruhig auf den Straßen von Paris, aber die Sieger sind aufmerksam geworden. Sie haben Angst, die Arbeiterviertel zu betreten. Sie sitzen in den teuren Cafés und trinken unter dem Schutz der Posten die letzten Flaschen Champagner aus. Am elften November warfen Pariser Studenten einen faschistischen Offizier, der einer Französin zu nahe gekommen war, aus einem Fenster im dritten Stock. Das war ein Signal. Seit diesem Tag verschwinden von Zeit zu Zeit immer wieder Offiziere und Soldaten der deutschen Armee. In Polen schreiben die deutschen Zeitungen jeden Tag über das „Banditenunwesen“.

In Rotterdam haben die Deutschen Kinder mit Knüppeln verprügelt, die Blumen an die Gräber der Opfer der Bombardierungen vom vergangenen Jahr brachten. In Moravská Ostrava haben Faschisten einem Mädchen mit einem Rasiermesser das Gesicht zerschnitten – sie hatten ein Band mit den tschechischen Nationalfarben bei ihr gefunden. Es fällt mir schwer, mich an diese niederträchtigen Taten erinnern zu müssen.

Die Faschisten hatten es bisher mit schutzlosen Opfern zu tun. Die Holländer, Norweger und Dänen hatten keine Armee. An der Spitze Frankreichs standen die französischen Faschisten. Sie empfingen ihre Gleichgesinnten nicht mit Bomben, sondern mit Blumen. Das französische Volk verrieten sie: Sie gaben ihm nicht die Möglichkeit, sich zu verteidigen, aber dort, wo kleine Abteilungen Widerstand leisteten, blieben die Faschisten verwirrt stehen. So verteidigten zweihundert Offiziersschüler die kleine Stadt Saumur an der Loire – gegen den Willen der militärischen Führung: Zweihundert Halbwüchsige schlugen achtundvierzig Stunden lang die Angriffe einer deutschen Division zurück.

Sie haben vielleicht gedacht, dass das sowjetische Volk erschrecken wird? Vielleicht haben sie gedacht, dass sie unser Land überrumpeln werden, wie sie Jugoslawien überrumpelt haben, an dessen Spitze fast bis zu diesem schicksalhaften Tag faschistische Lakaien standen? Sie sind stolz auf den „Feldzug“ gegen Jugoslawien. Sie sagen nicht, dass die Jugoslawen keine Panzerabwehrkanonen hatten und dass die Geschütze dort von Ochsen gezogen wurden. Sie sind berauscht von der „Eroberung von Paris“. Sie haben verschwiegen, dass Paris ihnen von General Denz übergeben wurde.

Ich habe den Tag nicht vergessen, an dem ich auf den Straßen des freiheitsliebenden Paris das Stampfen der faschistischen Horde hörte. In den Winternächten erschien mir London – seine Altertümer und Häuser haben die Bomben der Faschisten zerschunden. Dann ist, wie der legendäre Recke Janko, in ungleichem Kampf, das jugoslawische Volk verblutet. Schwere Tage …

Wir wollen für uns kein fremdes Land, wir kämpfen für unser Land, für unsere Freiheit, und der Anblick unseres Mutes wird die Herzen der von Hitler geknechteten Menschen mit Hoffnung füllen.

25. Juni 1941

Übersetzung aus dem Russischen: C. Mannewitz
[erstmals in „Trud“, 25. Juni 1941; erster Artikel IEs, der im Großen Vaterländischen Krieg gedruckt wurde; in vielen Ausgaben nachgedruckt; hier nach „Trud“]

Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock bleibt!

In Rostock steht die bundesweit einzige Ilja-Ehrenburg-Straße. Neofaschist_Innen und andere rechte Gruppen, wie die Junge Union, hetzen seit Jahren gegen den jüdischen Kriegsberichterstatter aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Forderung nach Umbenennung der Straße unterstreichen sie ihre antikommunistische und antisemitische Einstellung.
Aus diesem Anlass haben wir gemeinsam mit der Initiative Ilja Ehrenburg im Zusammenhang um den Namens-Streit einen Aufkleber drucken lassen, den ihr euch ab sofort bei der IIE oder bei uns gegen eine Spende bestellen könnt.


Bild: Der Sticker „Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock bleibt!“

Nachgereicht: DIG-Hochschulgruppe verurteilt Kampagne gegen Ilja-Ehrenburg-Straße

Pressemitteilung der Rostocker Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft vom 3. März 2012

Die DIG-Hochschulgruppe hat mit Unverständnis die Ankündigung von Oberbürgermeister Roland Methling zur Kenntnis genommen, die „seit elf Jahren währende Diskussion um eine Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße“ wiederaufzugreifen. Durch diesen Vorstoß müssen sich all jene Kräfte ermutigt fühlen, die in den vergangenen Jahren auf die Tilgung eines der verbliebenen antifaschistischen Erinnerungsorte hinarbeiten. Die Bürgerschaft hatte im letzten Jahr mit der Ablehnung eines entsprechenden NPD-Antrages diesen Bestrebungen vorläufig Einhalt geboten.

Wir verurteilen aufs schärfste die verleumderischen Angriffe auf Ilja Ehrenburg, die – in Übernahme der NS-Propaganda – aus dem jüdischen Antifaschisten einen „Mordhetzer“ machen. Ehren­burgs „Hass-​Artikel“ rich­te­ten sich nicht gegen „das deut­sche Volk“ in sei­ner Ge­samt­heit, son­dern gegen die Hitlerwehrmacht, als diese die Sowjetunion – wie zuvor eine Reihe anderer europäischer Staaten – mit Krieg überzog. Somit zielt die infame Behauptung, Ehrenburgs Handeln zöge „nach heutigem Recht“ eine „strafrechtliche Verfolgung“ nach sich, unmittelbar darauf ab, jedwede propagandistische Aktivität zugunsten der Anti-Hitler-Koalition zu delegitimieren. In dieser Logik hätte sich auch jeder Franzose, der während der hitlerdeutschen Okkupation die Marseillaise sang, strafwürdig verhalten.

In der Perspektive der deutsch-israelischen Freundschaft sei hier daran erinnert, dass die Ehrung der jüdisch-sowjetischen Veteranen der Roten Armee und namentlich Ilja Ehrenburgs Teil der Gedenkkultur der israelischen Republik ist. Ilja Eh­ren­burg gebührt das Verdienst, zu­sam­men mit Was­si­li Gross­man das Schwarz­buch über den Ge­no­zid an den so­wje­ti­schen Juden geschaffen zu haben, eine sys­te­ma­ti­sche Do­ku­men­ta­ti­on über die plan­mä­ßi­ge Er­mor­dung jü­di­scher So­wjet­bür­ger durch die Hit­ler­fa­schis­ten.

Es wird auch unvergessen bleiben, dass Ehrenburg sich Stalin mit großem Mut verweigerte, als dieser die sowjetischen Juden mit einer „antizionistischen“ Kampagne überzog.

Unsere Hochschulgruppe wird sich allen Versuchen einer revanchistisch motivierten Umdeutung des publizistischen Wirkens Ilja Ehrenburgs entgegenstellen. Wir solidarisieren uns mit Bestrebungen wie denen der Initiative Ilja Ehrenburg, solchen Kampagnen durch historische Aufklärungsarbeit argumentativ zu begegnen. Von den zuständigen Körperschaften und Behörden erwarten wir, dass sie auch die erneute Umbenennungskampagne Makulatur werden lassen.

Geschrieben von: Daniel Leon Schikora

Zur Biographie Ilja Ehrenburgs

In Rostock steht die bundesweit einzige Ilja-Ehrenburg-Straße. Doch seit Kurzem schreien Neonazis und der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling gleichermaßen wieder nach einer Umbenennung der nach einem sowjetischen Kriegsberichterstatter benannten Straße. Doch wer war Ilja Ehrenburg wirklich? Wir geben euch einen kurzen Einblick über das Leben und Werk Ilja Ehrenburgs.

Ilja Ehrenburg wurde am 7. Januar 1891 als Sohn eines jüdischen Ingenieurs in Kiew geboren. 1895 zog seine Familie nach Moskau. Während der russischen Revolution von 1905 begann Ehrenburgs politisches Engagement. Nur wenige Jahre später wurde er von der zaristischen Geheimpolizei „Ochrana“ verhaftet und immigrierte 1908 nach Paris, noch bevor er seine Schulausbildung abschließen konnte. Er beendete diese Zeit seines Lebens nicht.
In seiner Exilzeit begann Ehrenburg Gedichte zu schreiben und brachte bereits 1910 sein erstes Gedichtband heraus. 1909 lernte er die Medizinstudentin Jekaterina Schmidt kennen. Die beiden lebten in Paris zusammen und bekamen im März 1911 eine Tochter, Ehrenburgs einziges Kind, Irina. Bereits 1913 trennte sich das Paar wieder und Irina blieb bei Jekatarina.
Während des Ersten Weltkrieges meldete sich Ehrenburg freiwillig in Frankreich, wurde aber wegen seiner russischen Herkunft als untauglich eingestuft. 1915 begann er als Kriegskorrespondent zu arbeiten und berichtete unter anderem aus dem umkämpften Verdun. Seine Berichte erlangten schnell Berühmtheit, nicht zuletzt weil er über die Unmenschlichkeit dieses bis dahin größten Krieges der Menschheitsgeschichte berichtete.
Während der Februarrevolution kehrte Ilja Ehrenburg, wie viele Exilrussen, nach Russland zurück und berichtete unablässig in Zeitungen und Flugschriften über die verzwickte Situation in Russland. Besonders die anhaltende Gewalt während des Bürgerkrieges schockierte ihn. Die Zeit des „Kriegs-Kommunismus“ erlebte Ehrenburg in großer Armut. Die nächsten Jahre zog Ehrenburg in verschiedenen europäischen Städten.
Der aufsteigende Nationalsozialismus in Deutschland besorgte Ehrenburg zutiefst und er begann mehr und mehr für seine sowjetische Heimat Partei zu ergreifen. Kritik an der allgemeinen sowjetischen Richtung unterließ er ab jetzt.
Während des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs ging Ehrenburg wieder einmal als Kriegsberichterstatter nach Spanien. Die Bekanntmachung des Hitler-Stalin Paktes war für Ehrenburg ein schwerer Schlag, wochenlang nahm er kaum Nahrung zu sich und Freunde und Bekannte befürchteten, dass er sich umbringen würde. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde Ilja Ehrenburg in die Redaktion der sowjetischen Armeezeitung „Roter Stern“ berufen. Schnell erlangten seine Artikel in der Roten Armee und bei den Armeen der Alliierten einmal mehr große Beliebtheit, jedoch bekam Ehrenburg zunehmend Probleme mit der sowjetischen Kriegszensur. Berichte über die systematische Ermordung sowjetischer Juden wurden oft nicht veröffentlicht. Das „Schwarzbuch“, eine Chronik über den Genozid an den sowjetischen Juden, wurde in der Sowjetunion nie veröffentlicht. Es ist dennoch eines der ersten Zeugnisse über das Ausmaß der Shoa. Nach seinem letzten Kriegsartikel „Es reicht!“ wurde kein Bericht Ehrenburgs über den Zweiten Weltkrieg weiter veröffentlicht.
1954 veröffentlichte Ehrenburg seinen letzten Roman „Tauwetter“ und setzte sich in ihm wieder verstärkt mit der sowjetischen Gesellschaft auseinander, dem Thema, dass er Anfang der dreißiger Jahre zu Gunsten des Kampfes gegen den Hitler-Faschimus, aufgegeben hatte. Noch während Ehrenburg an einem weiteren Roman schrieb, starb er 31. August 1966 in Moskau.

Nachgereicht: Beitrag zur Ilja-Ehrenburg-Straße im NDR-Kulturjournal vom 27. Februar 2011

Offener Brief der Ilja-Ehrenburg-Initiative in Rostock an die Stadt Rostock und ihren Oberbürgermeister

Wir dokumentieren an dieser Stelle den offenen Brief des Ilja-Ehrenburg Initiative in Rostock an die Stadt Rostock und den Oberbürgermeister Roland Methling, anlässlich der erneuten Umbenennungsversuche der bundesweit letzten Ilja-Ehrenburg-Straße:

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Pressesprecher der Hansestadt Rostock kündigte in einem Beitrag des NDR-Kulturjournals vom 27. Februar 2012 an, der Oberbürgermeister wolle die Diskussion um den Namen der Ilja-Ehrenburg-Straße aufgreifen, einen Umbenennungsprozess auf den Weg bringen und dazu in den nächsten Tagen und Wochen das Gespräch mit den Vertretern der Kommunalpolitik suchen.

Wir fragen den Oberbürgermeister nachdrücklich, aus welchem Grund er die Diskussion aufgreifen will. Wir ersuchen ihn, mit allem Verantwortungsgefühl zu prüfen, worum es sich bei den als Grund vom Pressesprecher der Stadt genannten >jüngsten Erkenntnissen< zu Ilja Ehrenburg tatsächlich handelt.

Wir erinnern den Oberbürgermeister und die Abgeordneten der Bürgerschaft

- an unseren Offenen Brief >Ilja-Ehrenburg-Straße muss ihren Namen behalten!< vom 8. Mai 2007, der nach einer ähnlichen Ankündigung des Oberbürgermeisters, die Straße umbenennen zu wollen, entstand

- an die unterstützenden Reaktionen aus Politik und Gesellschaft, die das Oberbürgermeisterbüro und uns daraufhin erreichten

- an unsere Veranstaltungsreihe über Leben und Werk Ilja Ehrenburgs zusammen mit verschiedenen Partnern 2007-2008 in Rostock

- an die Ausstellung >Ilja Ehrenburg und die Deutschen< des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, die wir 2009 in Rostock zeigen konnten, und ihr Begleitprogramm

- an unsere Podiumsdiskussion über die Ilja-Ehrenburg-Straße am 4. Juni 2009 mit Kommunalpolitikern, von denen auch heute noch viele in der Stadtpolitik tätig sind

- an die zwei Anträge der NPD-Abgeordneten in der Rostocker Bürgerschaft auf Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße im Jahr 2011.

Wir rufen die Verantwortlichen der Stadt auf, die politische Signalwirkung einer Eskalation der Diskussion um den Namen einer nach einem weltberühmten Schriftsteller, Antifaschisten und Juden benannten Straße im zwanzigsten Jahr nach den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen und nach dem Bekanntwerden der Tatsache, dass auch in Rostock vom so genannten >Nationalsozialistischen Untergrund< ein Mord verübt wurde, bundesweit und international für Rostock zu bedenken.

Wir bitten unsere Adressaten, uns zu gestatten, in den nächsten Tagen und Wochen in dieser Angelegenheit mit weiteren Informationen an sie heranzutreten. Wir laden sie und alle Einwohner der Hansestadt Rostock ein, mit uns in den Dialog zu treten. Die Ilja-Ehrenburg-Straße trägt den Namen einer großen historischen Persönlichkeit. Wir arbeiten für die Erhaltung dieses Namens und dafür, dass die Stadt diesen Namen nicht nur nicht tilgt, sondern sich für ihn einsetzt und ihn verteidigt. Allen, die zur Person Ilja Ehrenburgs und zu den Einzelheiten der Kontroverse um den Straßennamen mehr wissen möchten, geben wir gern Auskunft. Wer unser Anliegen teilt, ist zur Mitarbeit in unserer Initiative herzlich willkommen.

Hochachtungsvoll
Initiative Ilja Ehrenburg
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Initiative Ilja Ehrenburg
c/o Rostocker Friedensbündnis
Postfach 10 82 40
18012 Rostock

rostocker-friedensbuendnis[ä]web.de
www.rostocker-friedensbuendnis.de/initiative-ilja-ehrenburg




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