Wie bekannt, versucht einer der „Stars“ des Nürnberger Prozesses, der „Thronfolger“ des Führers, Rudolf Heß, sich als unzurechnungsfähig auszugeben. Dafür hat er sich nicht auf Größenwahn verlegt (zu spät), nicht auf simple Geistesschwäche (zu peinlich), sondern auf Gedächtnisverlust; Amnesie scheint ihm die Krankheit der Saison zu sein. Als man Heß einen Film zeigte – eine faschistische Parade in Nürnberg –, erkannte der Stellvertreter des Führers sich selbst nicht wieder. Experten haben ihn sorgfältig untersucht, und das ist das Ergebnis, zu dem die bedeutendsten Psychiater gekommen sind: „Wir nehmen an, dass das Verhalten des Angeklagten von ihm zum ersten Mal zum Schutz angewandt wurde unter den Bedingungen, in die er in England geriet, dieses Verhalten ist jetzt teilweise zur Gewohnheit geworden und wird so lange anhalten, wie er sich in Gefahr befindet, bestraft zu werden.“

Die Experten weisen darauf hin, dass Heß zum ersten Mal „das Gedächtnis verlor“, als er von der Katastrophe der deutschen Armee bei Stalingrad erfuhr. Solange die Deutschen die Welt eroberten, konnte sich Heß an seine Titel und auch an seine Einkünfte gut erinnern. Er erinnerte sich erst dann daran, dass man sich auch an nichts erinnern könnte, als die Faschisten ihren Meister gefunden hatten. Dann wurde es ihm langweilig, den Kranken zu spielen, und er „wurde wieder gesund“. Er „wurde wieder krank“, als die Rote Armee in Deutschland eindrang. Nachdem er von den Kämpfen in Ostpreußen gehört hatte, beschloss Heß, ein für alle Mal alles zu vergessen.

Er ist nicht allein mit diesem Wunsch: Von Ribbentrop erklärte kürzlich, er habe, da er ein überaus nervöses Wesen sei, Brom eingenommen und sein Gedächtnis verloren. Als Heß Ribbentrops Erklärung hörte, konnte er nicht an sich halten, er lachte los: Der Plagiator amüsierte ihn.

Ich spreche darüber nicht, weil mich die Ausflüchte des einen oder anderen Missetäters interessieren würden. Die Gedächtnislosigkeit von Heß und die Halbgedächtnislosigkeit von Ribbentrop stellen sich mir als zutiefst symbolisch dar: Der zerschlagene Faschismus verweist auf Gedächtnisverlust. Wenn Sie einen ganz gewöhnlichen Missetäter, der Hütten in Belorussland verbrannt und Kinder getötet hat, fragen, was er in den Jahren des Krieges getan hat, wird er begeistert antworten: „Ich habe Kartoffeln gepflanzt“ oder: „Ich habe Gänse gezüchtet“. Ein im zerschlagenen Nürnberg zufällig heil gebliebener Rüstungsbetrieb stellt jetzt Souvenir-Zigarettenetuis mit der Aufschrift „Zur Erinnerung an den Nürnberger Prozess“ her, und natürlich kann sich der Direktor nicht daran erinnern, dass der Betrieb noch vor kurzem Panzer produziert hat …

Die angeblichen Kranken hoffen wahrscheinlich, dass nicht nur die Verbrecher, sondern auch die Opfer an Gedächtnisverlust erkranken: Viel würden Heß und Ribbentrop dafür geben, wenn die Völker die schrecklichen Jahre vergäßen. Aber die Völker erinnern sich an alles, und Seite für Seite wird in Nürnberg die Geschichte der Niedertracht, der Grausamkeit und der Bosheit aufgeschlagen.

Worin besteht die Bedeutung des Nürnberger Prozesses? Es gibt Gerichtsverfahren, die durch ihre Verworrenheit, den Wettstreit der Parteien, die Schwäche der Beweise oder die Persönlichkeit der Angeklagten fesseln. Aber die ganze Menschheit hat ihr Urteil über den Faschismus lange vor dem Nürnberger Prozess gesprochen. Und dieser Prozess ist auch nur deshalb möglich geworden, weil die Völker, die über die Untaten der Faschisten empört sind, geschworen haben, das Böse zu vernichten. Wir hören die Chronik des Bösen, die wir auswendig kennen – nicht mit Tinte ist sie geschrieben, sondern mit Blut: mit dem Blut unserer Nächsten. Wir hören ein Buch, dessen Inhalt uns bekannt ist.

Was die Persönlichkeiten der Angeklagten betrifft, was kann man über sie sagen? Wir haben kleine Missetäter vor uns, die größte Untaten begangen haben. Jeder von ihnen ist seelisch und geistig so nichtswürdig, dass man sich beim Blick auf die Angeklagtenbank fragt: Haben wirklich diese gehässigen und feigen Missgeburten Europa in Ruinen gelegt, dutzende von Millionen Menschen ins Verderben gestürzt?

Aber wenn für das Schaffen Genie nötig ist, für das Zerstören ist es nicht erforderlich: Puschkin töten konnte auch ein Degenerierter, Tolstois Bücher verbrennen konnte auch ein Wilder. Die Menschen, über die in Nürnberg zu Gericht gesessen wird, ragen geistig und moralisch nicht über die Zehntausende ihresgleichen hinaus, von den gewöhnlichen Faschisten unterscheiden sie sich nur durch ihre noch größere Habgier, durch noch mehr Grausamkeit, durch die Konzentration bösen Willens.

Auf der Angeklagtenbank sitzen nicht nur zwei Handvoll blutrünstiger Gangster, auf der Angeklagtenbank sitzt der Faschismus, seine wölfische Ideologie, seine Heimtücke, seine Amoralität, seine Hochnäsigkeit und seine Nichtswürdigkeit. Wenn Menschen aus allen Ländern der Welt im zerstörten Nürnberg zusammengekommen sind, dann nicht nur, um der exemplarischen Bestrafung von zwanzig Verbrechern beizuwohnen, sondern auch, um, indem sie vor den Völkern eine blutige Schriftrolle ausbreiten – die überzeitliche Geschichte einer noch nie dagewesenen Untat – , die Kinder vor der Wiederkehr der Pest zu retten. Wir schauen auf die Ruinen und träumen von den Städten der Zukunft. Wir sehen die Masken der Kindermörder und wir denken an Wiegen.

Ich weiß nicht, warum sich die Hitlerleute seinerzeit Nürnberg ausgesucht haben: Hier veranstalteten sie ihre Parteitage, hier marschierten die Maschinen mit ihren Maschinengewehren, die dann die Gärten Europas zertrampelten. Die einen sagen, dass Nürnberg eine Stadt der Altertümer war, und die Faschisten wollten ihre Taten wenn schon nicht mit der Malkunst des Führers, so doch mit der Geschichte vergangener Eroberungen verbinden. Andere behaupten, dass Nürnberg einfach ein Eisenbahnknotenpunkt mit einer ordentlichen Zahl von Hotels war. Ich füge hinzu, dass Nürnberg vor Zeiten für seine Henker berühmt war. Es gab in dieser Stadt ein Museum für mittelalterliche Folterungen. Vielleicht hat dieses die Aufmerksamkeit der Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts angezogen?

Indem die Vereinten Nationen Nürnberg, genauer gesagt, das, was einmal Nürnberg war, für den Internationalen Militärgerichtshof auswählten, entschieden sie sich, über die Missetäter in der Stadt Gericht zu halten, wo ihre Missetaten vorbereitet worden waren. Göring bemüht sich, sorglos zu wirken, wie jemand, der nicht versteht, warum man ihn beleidigt hat. Er hat Reportern erklärt, dass er „nur den Deutschen gegenüber verantwortlich ist“. Nun denn, möge Göring auf die Ruinen Nürnbergs schauen und versuchen, sich zu erinnern, ob nicht er es war, der den Deutschen versprochen hat, dass auch nicht eine feindliche Bombe auf deutsche Städte fallen würde. Möge er ebenso wie seine Kollegen sich an die Worte des Führers erinnern: „Nur der Deutsche wird künftig ein Gewehr tragen, nicht der Russe, nicht der Pole und nicht der Tscheche.“ Vor dem Gebäude des Gerichtshofes stehen mit Gewehren russische Gardisten. Und was tut das „Herrenvolk“ inmitten der Ruinen Nürnbergs? Es serviert Kaffee, putzt Stiefel und weißt die Wände des Gerichtshofes (das ist leichter, als sich selbst vor den Augen der Welt weißzuwaschen).

Ich würde nicht sagen, dass die Angeklagten übermäßig niedergeschlagen sind. Die Atmosphäre im Gericht beruhigt sie: Sie sind ja ihre „Gerichte“ gewohnt, wo nicht Juristen, sondern Folterknechte mit den Verdammten geredet haben.

Morgens vor Beginn der Verhandlung unterhalten sich die Angeklagten lebhaft miteinander, Göring bemüht sich, Dönitz zu erheitern, Rosenberg berät sich mit Frank, Papen belehrt Baldur von Schirach. In diesen Momenten scheint es ihnen, als sei nichts passiert, als hätten sie sich im Vorzimmer des Führers versammelt und diskutierten, welches Land sie abschlachten wollten. Dann übermannt sie der Schrecken: Ihnen winken ja keine Trophäen und keine Orden, sondern zwei Pfähle mit einem Querbalken. Und sofort altert Ribbentrop um zwanzig Jahre, kratzt Streicher sich nervös und Rosenberg fällt der Unterkiefer herunter. Sie leben bis zum animalischen Entsetzen im Fieber illusorischer Hoffnungen auf Rettung. Keiner von ihnen denkt an das deutsche Volk und keine ehemaligen Titel verdecken eines: Vor uns stehen Gangster, die auf frischer Tat ertappt wurden, Gangster, die zwölf Jahre lang Staatsmänner gespielt haben. Jeder von ihnen versucht, wie der simple „Fritz“, den man gefangengenommen hat, alles auf den Führer abzuwälzen. Keitel, einer der Grundpfeiler des dritten Reiches, tut so, als sei er ein gewöhnlicher Soldat – er habe nur Befehle ausgeführt, und von Ribbentrop schwört, dass die Diplomaten Hitlers nicht für die Soldaten Hitlers verantwortlich seien.

Ich habe sie auf der Angeklagtenbank gesehen! An diese Stunde habe ich gedacht vor Rshew, vor dem brennenden Brjansk, in Kiew vor Babi Jar, in Minsk und in Wilno. Ich sehe sie an und ich erinnere mich an ihre Taten – die Straßen von Paris, durch die die Soldaten Keitels gingen, unsere jungen Mädchen, die von Sauckel geschunden wurden, das Leid Polens – dort tobte Frank – , die Asche Belorusslands und der Ukraine – dort wütete Rosenberg. Sind es nur acht Richter, die sie richten? Nein. In dem Saal in Nürnberg sind meine Brüder, meine Schwestern, die durch Hunger zu Tode gequälten Gefangenen, die Kinder, die in Gaswagen erstickt worden sind, die Schatten von Majdanek, Auschwitz und Treblinka und das Blut der Geiseln, die Asche der russischen Städte, die schwarze Wunde Leningrads. Es richtet die Menschheit, und es richtet jeder.

Im Gerichtssaal hängt ein Relief: Adam und Eva. Vielleicht haben die kleinen deutschen Langfinger, die man seinerzeit in diesem Saal verurteilte, an den Sündenfall gedacht. Diese Scheusale dagegen haben eine solche Erinnerung nicht nötig: Sie wissen gut, was sie getan haben – sie hat niemand verführt, sie selbst haben Millionen ihrer Landsleute verführt. Als Göring gefragt wurde, welches Amt er im dritten Reich innegehabt habe, fing er an, an den Fingern seine Titel aufzuzählen, und lächelte spöttisch, als er zehn zusammenhatte: „Reicht!“ Er hatte nicht vergessen, zu erwähnen, dass er „Reichsforstmeister“ war. Dafür hatte er den Trust „Hermann Göring“ verschwiegen.

Mit diesem dicken Hofnarren sind alle Verbrechen des Faschismus verbunden – von der Inbrandsetzung des Reichstages bis zur Inbrandsetzung Europas. Als Göring die minderjährigen Faschistenanwärter trainierte, sagte er: „Alle Verantwortung nehme ich auf mich.“ Jetzt dürstet er nur nach Einem: der Verantwortung zu entkommen. Er gedenkt wenn auch nicht die Welt, so wenigstens die Journalisten mit seiner Liebenswürdigkeit in Erstaunen zu versetzen, er wirft mit Lächeln und Seufzern um sich, wie er früher Sprengbomben auf friedliche Städte geworfen hat. Er kaut sanftmütig hartes Brot. Vielleicht haben wir vergessen, wie geschäftig er die Tschechoslowakei gefressen hat? Hat nicht er den Hunger in den von den Deutschen an sich gerissenen Ländern organisiert? Hat nicht er Europa Essen, Kleidung und Schuhe weggenommen? Noch in der Vorkriegszeit nannte er einen seiner Artikel „Die Kunst anzugreifen“. Jetzt schickt er seinem Verteidiger am laufenden Band aufgeregte Zettelchen: Er studiert eine neue Kunst – er verteidigt nicht Germanien, sondern sich selbst, den dicken Hermann. Er, der Autor der berühmten „Grünen Mappe“, wollte Russland in eine deutsche Kolonie verwandeln. Jetzt schaut er aufmerksam auf die Schulterstücke der sowjetischen Offiziere. Dieser Anführer der faschistischen Horden ist noch dazu ein ganz banaler kleiner Dieb. 1940, als die Deutschen gerade erst begannen, Europa auszunehmen, prahlte Göring schon vor Rosenberg: „Ich habe die größte Sammlung von Malerei und Plastik.“ Er zündete Städte an, aber brachte Bilder in seinem Haus zusammen, er hängte junge Mädchen auf, aber sammelte Statuen von Nymphen. Trotz des Gefängnislebens ist er fett: ein Blutegel, der sich mit Blut vollgefressen hat, und man wird keinen Strick für ihn vorbereiten müssen, sondern ein solides Schiffstau.

Heß, der so oft die Nerven verliert, wurde von den Faschisten „das Gewissen der Nazipartei“ genannt. Als könnten Gewissenlose ein Gewissen haben! Während der Verhandlungen liest Heß Polizeiromane: Er erinnert sich viel zu gut an alles, dieser Erinnerungslose, und will sich mit Erzählungen über fremde Verbrechen von seinen eigenen ablenken. Wenn er auf die sowjetische Fahne neben der englischen blickt, denkt er sicherlich an eine Mainacht und seinen Sprung nach Schottland. Er gedachte, russischen Wodka zu trinken und englische Zigaretten zu rauchen. Stattdessen hat man ihn nach Nürnberg geschleppt. Was bleibt ihm übrig, als Rudolf den Erinnerungslosen zu spielen?

Der ehemalige Feldmarschall Keitel ist ein typischer Kommisshengst: quadratisches Gesicht, quadratische Manieren. Er hat seinem Führer treu gedient und die deutschen Generäle, die in Hitlers Lakaienstube saßen, nannten den Feldmarschall „Lakeitel“. Aber er war kein einfacher Lakai, er braucht sich nicht arm zu stellen: Er hat Unschuldige nicht befehlsgemäß, sondern inspirationsgemäß vernichtet. Er hat den Plan des hinterhältigen Überfalls auf die Sowjetunion ausgearbeitet: den „Plan Barbarossa“. Es lohnt sich anzumerken, dass die faschistischen Rädelsführer als Gangster, die sie waren, die blutigen Taten, die sie vorbereiteten, in Gaunersprache benannten. Wenn der Einfall in Russland der „Plan Barbarossa“ war, war die Aneignung Österreichs der „Plan Otto“, die Aneignung Polens die „Sache Himmler“ und der unter Mithilfe von General Franco vorbereitete Überfall auf Gibraltar wurde als „Unternehmen Felix“ bezeichnet. Keitel befahl, „Petersburg vom Angesicht der Erde zu tilgen“. Er führte die Brandmarkung der sowjetischen Kriegsgefangenen ein. Er sprach: „Im Osten gilt ein Menschenleben nichts.“ Sein Leben schätzt er jedoch hoch: Der Mörder von Millionen will sich an die Erde klammern, aber die Erde weicht unter ihm auseinander.

General Jodl steht Keitel nur wenig nach. Er hat ebenfalls gesagt, dass Russland mit Feuer und Blei befriedet werden müsse. Jetzt gähnt er nervös und versteckt sich hinter dem breiten Rücken Keitels. Man wird auch ihn bemerken. Vor sieben Jahren begann Jodl in Nürnberg seinen Aufstieg: Hier arbeitete er den Plan für die Aneignung der Tschechoslowakei aus. Möge er auch in Nürnberg enden.

Joachim von Ribbentrop hat alle feinen Schliche der Vergangenheit vergessen. Als Handlungsreisender ähnelte er einem Gauner, als Diplomat ähnelte er einem Handlungsreisenden: Er war immer zu spät beim Sichbewusstwerden seiner Lage. Jetzt nimmt er die nahe Zukunft vorweg: Noch ist er nur Angeklagter, aber schon ähnelt er einem Gehenkten. Zeitweise belebt er sich allerdings, will sich als Diplomaten ausgeben. Das ist naiv: Wir haben einen Gangster vor uns. Während er die Aneignung Österreichs, der Tschechoslowakei, Polens vorbereitete, verbarg er unter der Diplomatenuniform auch einen Nachschlüssel. Auf ihn gehen die ausreichend offenen Worte zurück „Getreide und Rohstoffe Russlands werden ganz das Richtige für uns sein“ … Er wird sich für dieses Getreide verantworten: Auf ihn zeigen mit den Fingern Millionen von Zeugen – Mütter, die ihre Söhne verloren haben, Witwen, Waisen, ganz Russland.

Alfred Rosenberg galt bei den Faschisten als der „Spezialist für russische Angelegenheiten“. Das ist der Theoretiker des Raubes, der Philosoph der Plünderung. Er, ein Dieb von in der Geschichte noch nie dagewesenem Ausmaß, hat philosophiert: „In zwanzig oder in hundert Jahren werden die Russen selbst verstehen, dass Russland Lebensraum für Deutschland werden musste.“ Er raubte sowohl en gros als auch en détail. Er transportierte Weizen aus Russland ab, verachtete aber auch Kleinigkeiten nicht – so kümmerte er sich zum Beispiel darum, dass den Juden „eine oder zwei Stunden vor der Operation“ (so nannten die Faschisten die Massenhinrichtungen) die Goldzähne herausgerissen wurden. Das ist ein Rivale Görings: Er vergöttert ebenfalls Kunstwerke. Er hatte ein ganzes Diebesunternehmen gegründet, den „Einsatzstab* Rosenberg“ – er transportierte aus den angeeigneten Ländern Bücher, Gemälde, Statuen ab.

Man kann die Galerie der „Ästheten“ fortsetzen: Der Henker Polens, Hans Frank, ein kahlköpfiges und widerwärtiges Männchen, hat seinerseits ein Bild Leonardo da Vincis geklaut. Er sagt: „Es fällt mir schwer, zu sagen, wie viel dieses Bild kostet – ich bin kein Kenner, und die Preise für solche Sächelchen wechseln ja auch, aber das ist ein Sächelchen, das etwas wert ist …“ Frank hat die berühmten „Todeslager“ organisiert, er hat Millionen Polen und Juden vernichtet. Er hat einen begeisterten Rechenschaftsbericht über die Vernichtung des Warschauer Ghettos verfasst, hat mitgeteilt, dass er die Kanalisationsrohre, in denen sich die versteckten, die sich gerettet hatten, mit Wasser flutete. Er vergaß nicht den Gewinn: Er zählte, wie viele Paar Hosen er nach der Vernichtung des Ghettos bekommen hatte, und fügte hinzu: „Aus den Ruinen kann man Metallschrott herausziehen.“ Natürlich wälzt er jetzt alles auf Himmler ab: Sehen Sie, er hat nicht hingerichtet, sondern nur von der Erde unter die Erde „umgesiedelt“. Er ist bescheiden: „Ich war nur ein Verwaltungszwerg.“ Dieser Zwerg hat am Tag zehntausende Menschen verschlungen. Bei den Verhandlungen trägt er eine große Rauchglasbrille, und nur einmal habe ich seine Augen gesehen: die Augen eines Marders in der Falle.

Julius Streicher ähnelt einer alten Kröte. Er hat Millionen von Juden aus allen europäischen Ländern auf dem Gewissen. Er hebt die Schultern: Barmherziger, hat er etwa getötet! Er wollte nur die Juden nach Palästina umsiedeln. Aber man hat ihn nicht verstanden … Ich bin ein Anhänger Herzls und Zionist! Es ist schwer, sich eine dümmere Lüge auszudenken, und es ist schwer, sich eine gemeinere Visage vorzustellen. Ich möchte diese Kröte gern vergessen, wenn man sie, wie Frank, wie die übrigen Missetäter, in die Erde „umgesiedelt“ hat.

Da ist das stumpfsinnige Bürschchen Baldur von Schirach, talentloser Verseschmied und Organisator der „Hitlerjugend“. Stierhals, glasierte Augen. Er hat noch vor Kurzem gesagt: „Wir sind alle sterblich, nur Hitler ist unsterblich.“ Jetzt ist er anderer Meinung: Er will leben. Er hat die Pläne des Führers „Ideen eines Halbgottes“ genannt, jetzt sagt er: „Die Ideen des Führers waren manchmal idiotisch.“

Da ist der alte Münchner Hilfspolizist Wilhelm Frick mit den Fischaugen. Er war Minister des Innern und bis 1943 war selbst Himmler ihm untergeordnet. Da der Henker Hollands – Seyß-Inquart, Spezialist für Geiseln. Da der Hauptsklavenhändler, der rothaarige Sauckel. Da der Henker der Tschechoslowakei, von Neurath. Hitler hatte ihm gesagt: „Sie sind ein moderner Mensch, das heißt, ein kaltblütiger, und werden mit den Tschechen fertig werden.“ Nun gut, von Neurath begann, die Tschechen kaltblütig zu ermorden.

Sie alle waren „modern“ – ohne mit der Wimper zu zucken, erstickten sie Kinder. Nur ist ihre Zeit um, eine schreckliche Zeit. 1937 sagte Göring, die Deutschen würden „nach Plan“ kämpfen und das Ansichreißen fremder Länder bis zum Jahr 1945 abschließen. Er hat sich nicht im Datum geirrt; er hat sich im Resultat geirrt: Nicht umsonst hat die Rote Armee vier grimmige Jahre gekämpft – sie hat den deutschen Plan geändert und im Jahr 1945 hat man die Übermenschen beim Kragen genommen. Da sitzen sie auf der Angeklagtenbank.

Du spürst den heißen Atem der Geschichte. Man wird die Verbrecher hängen: Das verlangt das Gewissen. Aber man wird nicht nur die Faschisten verurteilen – man wird den Faschismus verurteilen. Man wird die verurteilen, die ihn gezeugt haben, und die, die ihn wieder auferstehen lassen wollen – seine Vorläufer und seine Erben. Die Völker haben zu viel Leid erlebt, sie lassen kein Auge von Nürnberg. Hier sind die alte Montenegrinerin, deren Kinder die Deutschen verbrannt haben, und die Freunde von Gabriel Péri und die Frau aus Mariupol, die mir erzählte, dass ihre kleine Tochter weinte, als die Deutschen sie auszogen: „Es ist kalt, Onkel, ich will nicht baden“, und der „Onkel“ begrub sie bei lebendigem Leibe, hier ist auch die Witwe eines russischen Soldaten, hier sind auch die Kinder aus Lidice, hier sind alle, hier sind alle meine Nächsten, alle Freunde, die Menschen, die ein Herz haben, und sie alle sagen: „Nehmt die Faschisten von der Erde weg! Nehmt aus den Seelen, aus den Köpfen die Miasmen des Faschismus. Es sollen Ähren sein und Kinder und Städte und Gedichte und es soll Leben sein! Tod dem Tod!“

NÜRNBERG, 30. November 1945

*im Original deutsch – Anm. d. Übers.

Übersetzung aus dem Russischen: C. Mannewitz
[erstmals in „Iswestija“, 1. Dezember 1945]




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